La vie en tulipe (Teil I)

Liebes Stilhäschen,

du weißt ja, ich glaube immer noch nicht, dass ich zum blogschreiben tauge, und wenn ich erstmal etwas nicht glaube, dann ist es schwer mich vom Gegenteil zu überzeugen.
Allerdings habe ich auch nie geglaubt ich würde mich mal in eine Blumenverkäuferin verlieben und ihr Pralinen kaufen.
Aber manchmal überrascht man sich.
Ich hatte doch dieses Jahr schon wieder Geburtstag und hatte überraschend gute Laune. Normalerweise bin ich ja nicht so ein Geburtstagsfreund.
Sich für etwas feiern lassen, an dem man selber den denkbar geringsten Anteil trägt, finde ich ja nun doch etwas absurd.
Das ist genau wie Silvester, kalendarisch verordnete gute Laune, so gar nicht meine Angelegenheit, man soll die Feste feiern wie sie fallen, und nicht wie sie im Kalender stehen.
Wie dem auch sei, dieses Jahr war das alles ein bisschen anders; es schien die Sonne, ich war ausgeschlafen, hatte eine bemerkenswerte 10km-Zeit durch das hiesige Naherholungsgebiet gezaubert, die ganzen gutmeinenden Menschen hielten sich zurück und gingen mir mit ihren Aufmerksamkeiten nur sehr begrenzt auf die Nerven.
Kurzum, es war ein guter Tag, ich konnte keinen übermäßigen Haarausfall feststellen und so weiter.
Ich fand den Tag sogar so gut, dass ich zweimal in diesem kleinen Blumengeschäft in der Innenstadt vorbeischaute, erst um meiner Mutter einen Strauß zu kaufen, denn wenn jemand an diesem Tage Blumen verdient hatte dann ja wohl sie (im übrigen habe ich die beste Mutter, die man sich nur vorstellen kann, welche andere Mutter würde ihrem Sohn schon zum Geburtstag eine Dauerkarte für die kommende Saison des ortsansässigen Fußballbundesligisten schenken????? Ist sie nicht großartig…!!!).
Bei diesem ersten Besuch im Blumenladen fiel mir aus den Augenwinkeln schon diese nette junge Frau hinter dem Tresen auf, mit dieser etwas zu großen gelben Daunenjacke, den irgendwie abstrakt blondierten Haaren und diesen wunderbar kontrastreichen dunklen Augenbrauen. Schön lebendig war sie, die passte in meinen Tag, und sie war so freundlich zu den zwei schon leicht angetrunken Geschäftsleuten, die wohl zur Messe in der Stadt waren und Rosen im Dutzend kauften.
Vermutlich für die Hostessen, die wahrscheinlich in irgendeinem Restaurant in der Nähe saßen, und in ihren kurzen Kostümchen so taten, als würden sie sich wirklich über die tollen Abschlüsse freuen, so als würden ihnen die Firma auch etwas bedeuten.
Während mir die Patronin des Ladens den Strauß für meine Mutter einwickelte, schaute ich noch mal kurz hinüber und dachte „süß“.
Dabei sage ich „süß“ in diesem Zusammenhang nur sehr widerwillig. Männer die den Begriff „süß“ für ein plausibles Attribut halten, um damit über Frauen zu reden, machen bestimmt auch Spoiler an ihr Auto, oder sind ganz groß darin zu Valentinstag rote Kuschelherzen zu verschenken, oder Parfum von Douglas.
Trotzdem dachte ich auch mal „süß“, aber eben nicht „süßer Arsch“ oder so was, sondern eher in die Richtung „süß wie die Sonne, oder ein Klecks Honig auf der Eiscreme…“
Um mehr zu denken reichte die Zeit auch gar nicht, ich musste ja weiter und den Strauß auf meinem Fahrrad heile durch den Wochenendverkehr bringen.
Wenige Stunden später dann, meine Mutter hatte mich versorgt mit Torte, vielen guten Wünschen und dankenswerterweise nur wenigen Ratschlägen, war ich wieder auf dem Rückweg und immer noch bester Dinge, am Abend wollte S. in ihren Geburtstag reinfeiern.
Sie sollte 30 werden und nahm sich das sehr zu Herzen, das ich dachte, das wenigste was ich tun könnte, wäre ihr einen Mutmachenden Strauß Blumen mitzubringen.
Ein Schelm, der Böses dabei denkt.
Aber wen wundert es, dass ich wieder in diesen einen Blumenladen in der Innenstadt fuhr, wenn schon zwei Mal an einem Tag Blumen, dann doch bitte mit Honig. Na ja, die Wahrheit ist ganz unromantisch die, dass es der einzige Blumenladen war, von dem ich mir sicher war, dass er noch geöffnet hatte…
Egal, dieses Mal bediente Sie mich. Und noch bevor ich etwas sagen konnte, hatte Sie mich erkannt.
„Oh, stimmte vorhin etwas mit den Blumen nicht?“ Holla, trotz der heiteren Geschäftsmänner hatte sie mich wahrgenommen, also ich will das nicht überbewerten, aber man sollte die Tatsachen auch nicht unter den Teppich kehren. Erkannt ist erkannt. Punkt!
Ich schilderte ihr die Sachlage und die Umstände und bat um einen angemessen Strauß Blumen für S., „meine Freundin wird 30, und sie nimmt sich das sehr zu Herzen, ich hätte gerne etwas das sie aufbaut, also eine Freundin, nicht meine Freundin, könnte ja für die Blumenauswahl ein nicht ganz unerheblicher Unterschied sein“, sagte ich und kam mir bemerkenswert eloquent vor, dabei hatte ich noch nicht mal einen Tropfen getrunken. Benmerkenswert, aber wie gesagt, das war ein echt guter Tag.
Die Blumenfrau schaute mich an und lachte, sie lachte mich nicht aus, sie lachte mich auch nicht an, sie lachte mitten in mich rein.
Wir kamen schnell ins Gespräch, übers Älterwerden (ich hielt an den richtigen Stellen meine Schnauze, wirklich ein bemerkenswerter Tag..), über gestohlene Fahrräder, über dies und das, während sie mir den Strauß für S. zusammenbastelte, was wie ich fand ganz schön lange dauerte, dachte mir aber nichts dabei, sondern freute mich über die Zeit, die es mir erlaubte auf ihre geschickten Hände zu achten.
Ich mag Frauen mit geschickten Händen, und ich meine das jetzt nicht so oder so, du weißt was für ein manueller Legastheniker ich bin, und wenn eine Frau mir da etwas voraus hat, ist es eben noch ein Puzzleteilchen mehr, für das ich sie bewundern kann, ich schaue mir das gerne an.
Und sie basteltete, fuchtelte, stutzte und zupfte daß es eine wahre Freude war, ohne daß das Gespräch auch nur im Geringsten ins Stocken kam, ich erwähnte kurz, dass ich auch Geburtstag habe heute und nutzte die Gelegenheit meinen Unmut darüber zu äußern.
Sie gratulierte mir trotzdem, band und machte weiter, steckte noch ein paar Blumen hinzu, eröffnete ein neues Thema.
Wir lachten uns an, redeten als würden wir uns schon ewig kennen, gemeinhin flirteten wir vermutlich, aber wir siezten uns, so Jakob-und-Adele-mäßig, so ganz zuckersüß, ein bisschen Distanz als ganz loses Versprechen, so gar nicht plump kumpelig, sondern besonders.
Im Nachhinein geradezu rührend.
Irgendwann war der Strauß dann doch fertig, sie drehte sich ein bisschen fort, wickelte ihn in Papier und nahm noch fix eine gelbe Tulpe, wobei ich glauben möchte, dass sie erst eine andere genommen hatte, die ihr nicht zu gefallen schien, die ihr nicht angemessen genug erschien, aber sicher bin ich mir da nicht, wickelte sie auch schnell ein und reichte mir beides über den Tresen.
„Der Strauß für ihre Freundin und die Tulpe für sie. Zum Geburtstag.“
In meinem Gesicht entflammt ein Lächeln, wahrscheinlich schief und etwas verlegen, mir ist das immer unangenehm so überraschend die positive Seite dieser Welt gezeigt zu bekommen.
Vermutlich war ich sogar etwas fassungslos, und wohlmöglich hörte man das sogar in meiner Stimme.
„Danke, das ist nett. Super, ich freue mich, wirklich. Ist auch die Erste heute.“
„Und dann eine Tulpe, sogar eine französische…“
Ich machte hoffentlich nur in Gedanken dicke Backen, von Blumen verstehe ich nichts, holländisch ist Kreisklasse, schon klar, aber sonst…
Ich nahm die Blumen und versuchte souverän zu wirken, da sagte sie:
„Ich hoffe Sie können französisch.“
Häschen!!!! Du kennst mich gut genug, um zu wissen, dass ich zwar mittlerweile fast Mitte 30 bin, aber mein Geist noch pubertär genug ist, um nicht durch so was aus der Fassung gebracht zu werden, dass frau so was nicht zu mir sagen darf, ohne dass ich direkt unter meinen Füßen die Welt auftut und in meinem kleinen Kopf ein Gemisch aus Pornografie und Romantik explodiert.
Und dann noch die Art und Weise wie sie es gesagt hat, nicht so provozierend, oder plakativ unschuldig, sondern viel mehr so, wie ich mir vorstelle, seinerzeit Romy Schneider in einer Talk Show vor laufender Kamera zu diesem damals sehr bekannten Bankräuber und Medienstar gesagt hat „Ich finde sie interessant, sehr interessant“: Daß sie ihm dabei noch die Hand auf den Arm legte und tief in die Augen blickte, ließen den Skandal nicht kleiner werden.
Zum Glück für mich war da dieser Tresen zwischen uns und ich hatte den Arm voller Blumen und nicht ihre Hand darauf.
Trotzdem, ich rang so unauffällig es eben ging nach Luft, zensierte das erste halbe Dutzend Antworten, das ich im Kopf hatte, schaute sie nur gerade an und versuchte meinem Gesicht einen Ausdruck gemischt aus Jungenhaftigkeit und Verwegenheit zu verleihen.
Keine Ahnung ob das geklappt hat, ich hatte keinen Spiegel dabei, ich hoffe aber ich habe mir nicht über die Lippen geleckt.
Ich hoffte meine Verzweiflung mit Mut getarnt zu haben, meinen Blick an ihren Augen und sagte „ein bisschen“.
Ein Wunder, dass überhaupt ein Wort aus meiner Kehle kam, es blieb ein bemerkenswerter Tag.
Auf dem Nachhauseweg war ich verliebt.
Eigentlich war ich auch immer noch verliebt als ich zu S. kam.
Und als ich am nächsten Morgen mit mittelschwerem Kater erwachte, war ich eigentlich auch immer noch verliebt.
Sogar am Montag noch, als ich wieder zur Arbeit musste, und Dienstag immer noch.
Zum Glück war am Dienstag dann Katharina wieder da.
Katharina hat ihr Büro neben meinem, und wenn sie nicht schon ein Kind hätte, mit einem Künstler verheiratet wäre, nicht immer so schrecklich gute Laune hätte und nicht soviel erfolgreicher wäre als ich, dann hätte ich mich wohl schon längst in Katharina verliebt.
Aber ich kenne meine Grenzen und wir verstehen uns sehr gut. So gut, dass ich ihr direkt erzählte, was da am Wochenende passiert war. Sie mag meine Geschichten und schüttelt nie verständnislos den Kopf, zumindest nicht wenn ich es sehen kann.
Sie fragte nach allen Einzelheiten und sagte schließlich, „ das klingt ernst, was hast du vor?“

6 comments

  1. stilhäschen

    Lieber Wochenwagner,

    ach, ich freu’ mich, daß Du wieder schreibst. Und verliebt bist. Das ist man ja viel zu selten, die Welt wäre wohl sonst eine bessere.
    Aber so sehr ich geschmunzelt (geschmunzelt!?! Faßt man es? Färbt das ab?) habe über „Jacob-und-Adele-mäßig” – so alt bist Du dann ja doch noch nicht. Ich würde sagen es gibt Hoffnung.
    Und hoffentlich Nachschlag. Nicht in die Magengrube. Ich drücke die Daumen!

    Dein gespanntes
    Häschen

  2. stilhäschen

    Lieber SugarRay, liebe zoeee, ich glaube das ist der Stoff, aus dem Wagners Motivation ist. Ich freu mich ja auch arg, daß er wieder da ist. Hoffentlich diesmal länger. Und länger. Und länger.
    Man will ja schließlich wissen, wie’s weitergeht.

  3. wochenwagner

    Also, ich fand den Cliffhanger ja beinahe erbärmlich gewollt… Umso mehr bedanke ich mich für die wohlwollenden Kommentare, obwohl Stilhaeschen ja gleich auf ihrere Schleimspur auszurutschen droht, ist ja gut Hase, ich schreibs ja weiter….
    zoee schmeichelt mir und SLBanister hat erkannt, dass ich früher die falschen Freunde hatte, man kann sich den alten Einflüssen nur schwer entziehen..aber auch Danke. Ganz nebenbei frage ich mich bei poetry slam noch, wer da eigentlich wen schlägt, die Poesie den Dichter, oder der Dichter die Poesie….??

    Ach Hase, ich kann mich auch mit dem neuen Paßwort nicht einloggen… Ich bin ratlos! Und mein Online Pokerprogramm kriege ich auch nicht mehr gestartet… Ich ahne schwere Ausnahmefehler!!!
    Bin übers Wochenende aber erstmal außer Haus, vielleicht kriegen wir mich ja Sonntagabend Tatort-verträglich wieder eingeloggt, muß ja weitergehen…
    Bis dahin, schönes Wochenende
    WW

  4. Ping: stilhaeschen » Blog Archive » La Vie En Tulipe (Teil II)

Kommentar verfassen

Sie können die folgenden HTML-Codes verwenden:
<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>