denkbar ungünstig: als Perfektionistin* Mutter werden


Ich bin halt so.

Könnte ich sagen. Ich bin so eine, die will manche Sachen komplett haben. Es ist nicht so, daß es mich beruhigt, wenn ich alle Graziela-Preiser-Stoffe seit 1974 (natürlich die originalen!) zuschnittbereit im Regal liegen habe. Es beUNRUHIGT MICH NUR MASSLOS, WENN NICHT, VERDAMMTE KACKAXT NOCHMAL!!!111!!!

Neee, das war jetzt ein erfundenes Beispiel. DAS ist mir tatsächlich nicht mal sooo wichtig. (Wer zwischen den Zeilen lesen kann, kann zwischen den Zeilen lesen).

Aber leider stimmt es: ich werde unruhig, wenn manche Dinge nicht komplett sind. Sockenpaare nach dem Waschen zum Beispiel (ein Grund, warum ich lange aus Prinzip verschiedene Socken trug). Die Kiste mit den guten, teuren Buntstiften. Die Tupper-Schüsseln und die Deckel dazu. You name it. War schon immer so. Ich wache mitten in der Nacht auf und frage mich: „Habe ich letzte Woche bei der Grillparty nicht das Salatbesteck vergessen wieder mitzunehmen?” – und zack, bin ich wach und würde am liebsten hinfahren und die Gastgeber rausklingeln.
Das allein ist ja schon scheiße genug und macht das Leben unnötig schwer. Bestimmt gibt es dafür ein schickes Fremdwort (Komplettomane?) und selbsternannte Coaches, die sich von ihren Beratungsentgelten goldene Pommesgabeln kaufen, aber jeden zwölften Cent an ein Projekt für vom Klimawandel betroffene Inuit-Kinder spenden. Egal. Ich persönlich find’s für mich halt einfach scheiße.

Aber jetzt krieg dazu noch Kinder…

(Symbolbild. Stellen Sie sich weitere Symbolbilder vor: einzelne – wenn überhaupt – Kinderhandschuhe. Garderobenhaken ohne Mützen und/oder Schal. Fertige Puzzles mit je einem Loch. Mehr Playmobil. Schlimmer: LEGO! GESELLSCHAFTSSPIELE, MIT WÜRFELN UND KARTEN UND FIGUREN – BZW. EBEN OHNE!!!11! ICH ECHAUFFIERE MICH!!!)

Es ist ein harter Job, aber eine muß ihn ja machen. Ich bin halt so.

Könnte ich sagen. Nach sieben Jahren krankhaftem Schlamperkisten-Durchwühlen und Memory-Mindmapping („wo hast du die Mütze/den Fahrradhelm/das Sandspielzeug/das Lieblingsbuch zuletzt gesehen?”) frage ich mich aber langsam doch: warum eigentlich? Und vor allem: bloß weil ich so bin, muss ich denn auch so bleiben? Mein Leben wäre einfacher, müsste ich mir nicht täglich meinen Mund fusselig fragen nach vergessenen Sachen. Vermutlich wären auch meine Kinder mental gesünder ohne diese ermüdenden Fragespielchen und mitternächtliche Kinderzimmer-Durchsuchungen.
(Einzelne Rest-Teile ansehen müssen ist das eine. Sie zwanghaft aufheben zu müssen das andere. Denn das allerschlimmste ist ja: das fehlende Teil irgendwann finden und dann habe ich den ganzen ganzen Rest einfach schon weggeworfen. Waaah!)
Ach, wie gerne wäre ich cool und zuckte nur mit den Schultern, wenn wieder etwas fehlte. Ach was, am liebsten würde ich das gar nicht bemerken.

* Und hier komme ich in einem grooooßen Bogen zur Überschrift, die schlimmer klingt, als es ist. Perfektionismus relativ. Daß ich deswegen andere Sachen schlicht nicht machen kann, dürfte klar sein. Ich kann zum Beispiel Schmutz und Dreck übersehen, daß es eine Freude ist. Da bin ich sogar über-perfekt drin. Ich kann so unglaublich gut nicht-bügeln, dreckige-Töpfe-stapeln, Balkon-vermüllen, Pflanzen-vertrocknen, staubsaugen-vergessen… aber wehe, die Hose von einem Schlafanzug fehlt!
Warum also stört mich das eine null, während mich das andere nächtelang wach hält?

Vermutlich ist es einfach eine Art Kopfyoga oder autogenes Training. Das nächste Mal, wenn ich bemerke, daß die Brotbox/der Regenschirm/das lebenswichtige Dinosaurierbuch fehlt, erinnere ich mich einfach an Frozen und schmettere Elsas Lied. Auf Englisch, denn das erklärt alles viel besser: frei bin ich erst, wenn ich ordentlich geletted gone habe.
Kinder, verschmeißt euren Kram, wo ihr nur könnt. Mama ist endlich frei.


3 Näschen reingesteckt bei “denkbar ungünstig: als Perfektionistin* Mutter werden”

  1. jpr sagt:

    So hat denke ich einfach jeder seine eigene Form von OCD (ist dsa dsa Fremdwort, dass Sie suchten?).
    Auch hier sind bestimmte Dinge egal, aber wehe der Geschirrspueler im Buero ist schon wieder nicht auf die optimale Art eingeraeumt – unter halb aus- und richtig wieder einraeumen geht da gar nix. Oder bestimmte Dinge in richtigen symmetrischen Anordnungen anordnen (oder halt seinen Kram beisammen haben).

    Vielleicht gleich ein Versuch der Evolution Menschen gegeneinander auszuspielen? ;)

  2. Nach etwas Googeln sieht das mit den Stoffen nach einer größeren Aufgabe aus. Insgesamt hört sich die Beschreibung deines Wirkens nach einer Entropieallergie an :-)
    http://scienceblogs.de/arte-fakten/2009/11/30/der-zweite-hauptsatz-der-thermodynamik/
    Aber das dürfte nichts sein, über das du dir Gedanken machen müsstest. Es ist nur dein Kopf, der hier probiert, die andere Waagschale mit Anti-Entropie zu befüllen …
    Let it go! ;-)

  3. I feel you. Ich hab am Wochenende eine gute Handvoll Puzzles einfach weggeschmissen. Denen fehlten je 1-2 Teile. Die sind ja wahrscheinlich nicht weit (Feststellung meiner Oma: „Das Haus verliert nichts!”). Aber die Vorstellung, noch auf unbestimmte Zeit unvollständige Puzzles in chaotischen Kisten zu lagern, hat mich zutiefst deprimiert.

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