Wendetasche Hildegard


Meine Oma wurde 1919 geboren und mit 15 Jahren in eine Schneiderlehre geschickt. Im Krieg hat sie geheiratet und dann 5 Kinder bekommen und großgezogen. Die wenigsten Klamotten wurden gekauft. Sie saß noch mit 90 Jahren an ihrer alten Singer-Nähmaschine und nähte mit Fußantrieb Puppenkleidchen und Kissen. Eines davon halte ich trotz schlechter Stoffqualität sehr in Ehren: man sieht noch die Kugelschreiberstriche, wo sie mit den Herdflächendeckeln Kreise zum Ausschneiden markierte. Sie selbst sah die Markierungen leider nicht mehr gut genug, um sie beim Nähen verschwinden zu lassen…

Eines Tages kam ich spontan wegen eines Staus auf der Autobahn mit einer fremden jungen Frau bei ihr vorbei. Wir waren beide wohl Anfang Zwanzig, ich hatte sie mit der Mitfahrzentrale mitgenommen und ein Stau in Höhe des Wohnorts meiner Oma machte einen Zwischenstop erforderlich. Meine Oma tischte Kuchen und Kaffee auf und die andere Studentin wollte höflich sein, suchte ein Gesprächsthema und machte meiner Oma ein Kompliment für die aussergewöhnliche Einkaufstasche, die an einem Stuhl hing.

Jetzt blühte meine Oma auf: die Über-80jährige nahm die kastige Tasche aus schwarzem Cord, aus deren inneren es knallbunt blitzte, und schmetterte in breitestem Unterfränkisch eine kabarettreife Geschichte aus dem Kittelschürzenärmel.

Hochdeutsch ging die ungefähr so: „Ach Mädels, Ihr seid ja noch jung. Aber kommt Ihr erstmal in mein Alter! Da sieht die Welt ganz anders aus. In meinem Alter muss man ja fast täglich auf den Friedhof, alle sterben sie weg, die man kannte, da muss ich natürlich zur Beerdigung. Und wenn man wie ich so weit zum Friedhof hat, dann überlegt man schon zweimal, ob man extra dafür in den Ort geht oder das nicht gleich mit dem Einkauf verbindet. Und manchmal muss ich sogar auf zwei Beerdigungen am Tag! Da geh ich dazwischen einfach zur Bärbel und nehm’ die Wurst dann auf dem Rückweg mit.
Aber natürlich kann ich nicht mit einer bunten Einkaufstasche auf den Friedhof, wie sieht das denn aus! Deswegen hab ich mir die Tasche hier genäht, die ist bunt”, geschickt wendet sie die Tasche und auf einmal ist es ein Pariser Rüschenmodell mit wildestem Blumenmuster, „damit kann ich gut einkaufen gehen. Und vorm Friedhof ist eine Bank, da setz’ ich mich vor und nach der Beerdigung hin und packe aus, wende und packe wieder ein. Weil mit einer schwarzen Einkaufstasche – da seh’ ich ja aus wie eine alte Frau.”
Wir waren beide fast sprachlos vor Begeisterung. Was für eine großartige Geschichte zu einer wunderbaren Idee! Meine Oma hatte, weil sie zu eitel für eine schwarze und zu pietätvoll für eine bunte war, die Wendetasche erfunden!

Ich denke oft an diesen Nachmittag zurück, wenn ich abends an meiner Nähmaschine sitze und Entspannung finde im Stoffgefummel.
Ich habe in den letzten Jahren soviele Stoffe gesammelt, die müssen wieder unter die Leute. Selbst habe ich mittlerweile genügend Taschen für alle Gelegenheiten und auch die Bekannten sind versorgt. Jetzt will ich doch einmal sehen, ob noch wer welche haben möchte.

Schnitt, Muster und Farben haben kaum etwas mit der Tasche meiner Oma gemeinsam. Aber wenden kann man sie. Und deswegen heißt meine Tasche Hildegard. Da passen locker ein paar Flaschen Sekt rein. Auf Dich, Omi!


Auch kurz das Näschen reingesteckt:

Sollte Dein Kommentar nicht an den Spamschutz-Türstehern vorbeikommen, obwohl Du nicht für Deinen Viagrashop geworben oder Nacktbilder Deiner Oma angepriesen hast: bitte kurz per Mail (info[ät]stilhaeschen[punkt]de) melden, dann fisch' ich ihn gern von Hand raus. Danke.
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