„Das ist doch kein Beinbruch – das ist nur Grundschule.” Gedanken zur Einschulung, Teil 2: unsere Möglichkeiten.


Rakete kommt also im September in die Grundschule. Sagt der Brief auf dem Küchentisch, und der Schularzt wird sicher dasselbe sagen, wenn er sie denn irgendwann vor September untersucht haben wird. Wir Eltern sagen das sowieso.

Wir Eltern sagen auch: och komm, mach mal normal. Nix Montessori, nix Waldorf, nix Jenaplan, erstens aus Prinzip (wir sind auch mit staatlichen Schulen anständige Menschen geworden), zweitens wegen der dort befürchteten Eltern und drittens ist das alles zum Glück eh viel zu weit weg, um überhaupt in die nähere (!) Auswahl zu kommen. In unserer Welt wollen Kinder nach der Schule einander zum Spielen besuchen kommen und in unserer Welt ist der Schulweg, jedenfalls in der Grundschule, zu Fuß.
Bleiben, in nahezu gleicher Laufnähe: die städtische Sprengelschule, die städtische Sprengelschule für den Sprengel eine Straße weiter und eine kirchliche Gesamtschule mit integrierter Grundschule. Erstere und letztere haben wir uns zum jeweiligen Informationstag angesehen.

Die kirchliche Gesamtschule hat auf mich einen hervorragenden Eindruck gemacht – ein tolles Schulklima (durch verschiedene uns bekannte dort untergebrachte Kinder bestätigt), ein modernes Konzept (erste und zweite Klasse werden gemeinsam unterrichtet), engagierte LehrerInnen und das alles in nicht den modernsten, aber sauberen und großzügigen Räumen, voller pädagogischer Materialien. Eine anregende Lernumgebung. Nicht verwunderlich: die Schule hat einen sehr guten, vielleicht ein wenig elitären Ruf. Die Kindernamen auf der Dienstetafel hatte ich alle schon einmal gehört, gut drei Viertel davon hätte ich auch selbst vergeben. Bei der Anmeldung sollte Rakete ein Bild malen und ihren Namen dazu schreiben. Keine Frage, ob sie das schon kann (kann sie).

Engagiert wirkten die LehrerInnen unserer Sprengelschule ganz sicher auch, vielleicht sind sie es sogar noch mehr. Das weiß man ja immer erst hinterher. Aber im Eingang der – wunderschönen alten (man könnte „Emil und die Detektive” darin drehen) – Schule sitzt ein Sicherheitsmann. Äh?! Die Schule beherbergt auch ein Förderzentrum (früher: „Sonderschule”), der Platz ist beengt (aber hoch! Altbau!) und das Mobiliar weit über seinem Zenit. Man ist stolz auf einen Computerraum, aber die übrigen Materialien wirken armselig.
Die Tränen kamen mir, als der Rektor erzählt, die Schule bekommt von Sternstunden täglich für jede Klasse einen großen Frühstückskorb – „weil viele Kinder zuhause kein Frühstück bekommen”.
Die Lehrerinnen baten uns Eltern, mit den Kindern bis zum Schulanfang zu üben: aufpassen, wenn die Lehrerin redet. Nicht reinreden. Warten, bis man dran ist. „Den Namen schreiben braucht keiner können (s.o.: an der anderen Schule wurde das vorausgesetzt, schon ein halbes Jahr vor der Einschulung!), aber bitte sorgen Sie dafür, daß Ihr Kind seinen Namen kennt. Den, der in den Papieren steht.” Das sei kein Witz – immer wieder gebe es Kinder, die zuhause anders genannt werden und auf den offiziellen Namen nicht hören. „Das macht halt alles ein wenig schwierig…” An der Wand hingen die Namen der Kinder aus diesem Klassenzimmer. Zwei von 24 hätte ich fehlerfrei schreiben können.
Ach, und: „Bitte sorgen Sie dafür, daß Ihr Kind regelmässig in den Kindergarten geht. Und in den Deutsch-Förderkurs.” Sinngemäss kam danach: „Es reicht, wenn pro Klasse fünf Kinder kein Deutsch sprechen”.
Die Lehrerinnen gaben noch Tips zum Schulranzen und zur Schultüte (voll mit Gummibärchen ist zu schwer! Z.B. ein kleines Spiel/Malbuch/Spielzeug füllt und ist leicht… und die Spitze kann man mit Zeitungspapier füllen!) und baten uns Eltern zum Abschluss noch, bitte dringend zu beachten: „Bildschirmzeit pro Tag maximal 30 Minuten!”.
Da begann ein Vater, der mir bis dahin eigentlich noch recht sympathisch war, zu diskutieren: „Äh, Moment, eine halbe Stunde, das ist doch unrealistisch, das wissen Sie doch selbst! Nach einer halben Stunde ist doch gerade mal eine Folge Sponge Bob rum, da kriegt doch niemand sein Kind vom Fernseher weg!” Die Lehrerinnen argumentierten mit Synapsenbildung, Lerntheorien, Motorik und beharrten auf ihrer Forderung. Der Vater blieb bei seiner Meinung, meinte dann aber versöhnlich „Ach, aber in den 30 Minuten ist dann ja bestimmt nicht der Computer mit drin. Da gibt es ja schöne Vorschulprogramme, da mache ich selbst gerne mit.” Die Lehrerinnen setzten wieder an, ich entschuldigte mich und ging. Ich wäre sonst geplatzt.

Ganz unabhängig von den zu erwartenden Eltern (die an der kirchlichen Schule sicher nicht weniger unglaubliche Geschichten hergäben) haben wir auf der Basis aller Eindrücke versucht, zu entscheiden, welcher der beiden Schulen die bessere für unsere Rakete sei.
Die kirchliche wäre quasi die Fortführung von Raketes Kindergarten: Familien, die halbwegs ähnlich ticken wie wir; Förderung individueller Talente; das Konzept mit der 1/2-Klasse käme Rakete sehr entgegen. Ganz davon abgesehen kennt Rakete dort schon einige Kinder bereits aus dem Kindergarten.
In der Sprengelschule dagegen müsste Rakete sich nicht nur an die neue Situation „Schule” gewöhnen, sondern auch einen ganz anderen Wind. Und das allein, denn ihre Kindergartenfreunde gehen entweder an diverse private Schulen oder die andere Sprengelschule, für die wir 50m falsch wohnen.

Unsere Entscheidung ist klar, aber leider liegt sie nicht bei uns. Die kirchliche Schule hat mehr Anmeldungen als Plätze. Die werden angeblich verlost.

Ich mache es kurz: Rakete ist nicht gelost worden. Insgeheim befürchte ich, daß ich es beim Anmeldegespräch versaut habe, aber jetzt ist ohnehin nichts mehr zu machen. Ganz ehrlich: ich komme mir vor wie eine Versagerin, weil ich es nicht geschafft habe, meinem Kind die für es bessere Alternative zu ermöglichen.

Diese Woche war die offizielle Anmeldung in der Sprengelschule. Mehr dazu das nächste Mal. Kein Witz am Ende.


10 Näschen reingesteckt bei “„Das ist doch kein Beinbruch – das ist nur Grundschule.” Gedanken zur Einschulung, Teil 2: unsere Möglichkeiten.”

  1. betty sagt:

    jetzt habe ich gerade nina hagens RANGEHN im kopf und meine eigentlich DRANBLEIBEN. wir hatten ähnliches zwei mal. kind 1 hat es dann auf die konfessionelle geschafft, mit anrufen, termin beim rektor und wieder anrufen – hat das kind einen nachrückerplatz bekommen. weil ja immer jemand abspringt. (ich bin zwar nicht so glücklich mit der schule, es ist alles ein wenig wie vor 40 jahren, und die eltern sind auch nicht soo mein typ, aber alles behütet und der kerl wird nicht vermöbelt/abgezogen/sonstwas oder ist ein totaler aussenseiter. ER ist glücklich, ja)

    • stilhäschen sagt:

      Liebe Betty, vielen Dank für Deine Aufmunterung. Ich weiß, ich sollte hartnäckiger sein, aber ich bin die Kämpferei um alles (Krippe, Kindergarten, Hort, Schule…) so leid – und wir haben es nun einmal nicht einmal auf die Warteliste (die gibt es bereits…) geschafft, ich mag nicht mehr. In vier Jahren bin ich vielleicht wieder fitter, dann wird Rakete ja von der Sprengelschule wieder ausgespuckt…

  2. dominique sagt:

    die ganze miesere um die staatlichen schulen rührt ja auch daher, dass alle familien, die es sich irgendwie leisten können/ wollen, ihre kinder auf privatschulen schicken. dann bleiben für die „normalen schulen” hart gesagt nur noch die unterschichtkinder, die harz4kinder, die kinder deren eltern es wurscht ist (die machen dann alle zusammen die „90% asi-kinder”) und eben die kinder, die keinen anderen platz bekommen haben (das sind dann die „10% deutschen kinder” , wenn ich mal meinen hausmeister zitieren darf, dessen meinung ich eigentlich nicht weitergeben will, weil sie mich so sehr ärgert und die aber vielleicht den grund veranschaulicht wieso so viele (deutsche?) eltern angst haben ihr kind würde untergehen oder zum aussenseiter werden).

    wenn ich aus dem fenster schaue sehe ich den pausenhof von unserer staatlichen grundschule und kann jeden tag die pausenhofschlägereien beobachten. (keine sorge, am ende wird immer der vermöbelt, der den streit angezettelt hat, die kids haben sinn für gerechtigkeit und selten bleibt mal einer liegen)

    ich habe trotzdem vor, mein kind dorthin zu schicken. er ist zwar erst 1 jahr alt und ich habe leicht reden, es ist ja noch so lange hin, aber ich denke es wird ja nicht besser mit dem schulniveau wenn alle halbwegs guten elternhäuser ihre kinder woandershin schicken.

    jedenfalls lebst du mir jetzt, wenn vielleicht auch ungewollt, mein ideal vor und ich finde das super. danke dafür.

    • stilhäschen sagt:

      Liebe Dominique, danke für Deinen Kommentar. Das Ende rührt mich sehr.
      Ja, ungefähr so ähnlich kommt mir das Verhältnis an unserer Schule auch vor und ich werde das alles noch ausführlicher schreiben. Ich sagte das im Freundeskreis nahezu wörtlich genau so, habe aber mittlerweile einen Fehler darin erkannt: die Nationalität spielt keine Rolle dabei. Es ist eher eine Gruppe von Eltern, der wir uns zugehörig fühlen (und von der ich bislang glaubte, das sei doch Durchschnitt und total normal) – Eltern, die sich um ihre Kinder und um die Gesellschaft kümmern. Die über ihren Tellerrand sehen und Werte haben und diese leben möchten.
      Und mein zweiter großer Denkfehler war, zu glauben, wir seien normal. Einsehen zu müssen, daß wir als deutlich in der Unterzahl das nicht sein können, tut gerade sehr, sehr weh.

      • noribori sagt:

        Eben, auch unter den Eltern mit Migrationshintergrund gibt es ja etliche, die es lieber sähen, dass ihr Kind in einer Umgebung lernt und aufwächst, die nicht jede Grundregel des Zusammenlebens ganz von vorne sich erarbeiten muss. Das Kind auf eine solche Schule zu schicken um das Schulniveau zu heben? Nein, wirklich nicht, das sind Illusionen.

        Ich nehme es auch meinen ehemaligen Nachbarn nicht übel, dass sie ein Jahr nach Geburt der Tochter aus der Nürnberger Südstadt weg und raus in den Speckgürtel gezogen sind, damit ihr Kind in einer besseren Umgebung aufwächst. Mit ihrer Reihenhausumgebung sind sie nur halbwegs glücklich geworden, umgeben von Hubschraubereltern, die sich gegenseitig zu übertrumpfen versuchen. Und über die Grundschule dort und deren unfähige Lehrerin habe ich mir genug anhören müssen. Mittlerweile besucht das Töchterchen ein Gymnasium in der Innenstadt und muss täglich lange Schulwege zurücklegen. Und die Eltern würden auch lieber wieder in der Stadt wohnen. Illusionen vom besseren Leben findet man überall.

        Was ich oben herauslese: Rakete kann mit Kindern aus beiden Schulen Freundschaften schließen. Die einen kennt sie vom Unterricht, die anderen vom Kindergarten oder vom Freundeskreis der Eltern. Möglicherweise ist die Sprengelschule der falsche Ort für sie, möglicherweise aber auch nicht. Nicht ihr habt das zu verantworten, sondern ein Losverfahren. Auch nicht schlechter als das doofe Vornamen-Orakel. Rakete kann euch nicht vorwerfen, dass ihr sie absichtlich dorthin geschickt habt, falls es Probleme gibt. Sie wird Eltern haben, die hinter ihr stehen. Lehrer, die ihr vertrauen. Freunde, die ihr beistehen. So, what?

        • stilhäschen sagt:

          Danke, noribori, für Deine weisen Worte. In der Tat, die Entscheidung lag nicht bei uns und jetzt machen wir halt das beste draus.
          Daß ein Umzug das Problem lösen (bzw. in eine andere Richtung lenken) würde, haben wir auch schon überlegt. Aber nicht ernsthaft. Für uns Erwachsene wäre das Wohnen im Vorort ein Opfer, das zu bringen wir (noch?) nicht bereit sind. In vier (bzw. sieben, Risiko ist ja auch noch da…) Jahren werden die Weichen neu gestellt – allerdings bin ich mir nicht sicher, ob an einer Schule wie unserer Sprengelschule tatsächlich jedes Kind die gleichen Chancen auf höhere Schule hat wie im Speckgürtel…

  3. Kirchliche Schulen werden ja auch leicht überbewertet:
    http://www.indiskretionehrensache.de/wp-content/uploads/mauritzschule-sonnenfinsternis.jpg

    Danke, Stilhäschen, für’s Bloggen und Betty und Dominique fürs Mitlesen lassen bei euren Kommentaren.

  4. Shhhhh sagt:

    Ich fühle da mit, bei uns dauert es noch zwei Jahre aber etwas ähnliches schwant mir hier auch: die Kategorie zwei in Gehweite und die andere ein klein zu weit weg.

  5. melursus sagt:

    Kopf Hoch und durchhalten
    eventuell bewerben Sie sich mit Rakete für die zweite Klasse des Löhe. Dann häte Risiko als geschwisterkind schon einen extrapunkt.
    Sonst müssen Sie das Ziel 2,0 im Übetrittszeugnis selbst ansteuern. Nach Ihren Worten ist das Klassenziel die Mehrheit der Klasse einfach durchbringen. Gymmi ist was für Randgruppen.
    Wie Nori schon sagte, die Eltern mit MiHiGru wollen in der Regel für ihre kinder auch das Beste.

    An Shhhhh gesellschaftliches Engagement zeigen, oder kirchliches … zwei Jahre

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