Ich habe erstmal Kinder. Und dann erst eine Tochter und einen Sohn.


Ich war wohl so sechs Jahre alt, als mir ein elementarer Unterschied zwischen Mädchen und Jungen klarwurde. Und ich war sehr froh, ein Mädchen und damit in meinen Augen extrem privilegiert zu sein: Ich kann mir morgens aussuchen, ob ich eine Hose oder einen Rock anziehe! Jungs haben gar keine Wahl!
Jaja, sicher, die Schotten und überhaupt. Aber so generell und allgemein gibt es doch so etwas wie einen gesellschaftlichen Konsens, und an den muß sich keine/r halten, aber er prägt halt extrem das Bild, das wir von der Welt bekommen. Und jaja, sicher, ich wurde älter, und das mit dem privilegiert sehe ich mittlerweile anders.

Ich hatte es hier schon mal mit dem Thema Klamotten für Kinder*, und aktuell beschwert sich das Nuf über die Schwierigkeit, in ihren (und meinen und vieler anderer Mütter) Augen schöne Kinderklamotten zu finden. Zu Recht! Es ist nicht einfach, Klamotten zu kaufen, die Jungs wie Mädchen tragen können ohne schräg angesehen zu werden. Gefühlt war das in meiner Jugend noch nicht so schwer, da die meisten Klamotten (abgesehen von Röcken und Kleidern natürlich) noch nicht so eindeutig für eins der beiden Geschlechter gemacht waren.

Aber warum sind heute die Mehrheit der Klamotten gegendert? Ich persönlich glaube:
1. Die Industrie verdient mehr dran. Wenn nur noch rechnerisch 50% der Klamotten an Geschwister weitergegeben werden können, muss öfter Neues gekauft werden.
2. Aber leider habe ich auch den Eindruck, daß das viele Eltern auch genau so wollen. Mädchen werden wie Püppchen ausstaffiert, es gibt Sandalen mit Absatz ab Größe 22, und überall passt noch ein rosa Rüschchen dran. Jungs haben gefälligst Bagger und Piraten zu lieben und dunkle Farbtöne. In meiner Wahrnehmung scheinen die, die das kaufen, meist Eltern zu sein, die solche Klischees auch selbst vorleben – jedenfalls optisch. Über deren Rollenverteilung in der Familie weiß ich natürlich nichts, befürchte aber schlimmes.
3. Und dann wollen die Kinder natürlich das, was sie sehen in Ihrer kleinen Welt: Planes, Cars, Hello Kitty und alles, was die anderen Kinder in Kindergarten und Schule so haben.
Und da beißt sich die Katze in den Schwanz. Schwer zu durchbrechen.

Mindestens zweimal im Jahr stehe ich vor den Kleiderschränken meiner beiden Kinder und sortiere Neues aus unserem Vorrat (ich kaufe bei Kinderbasaren gezielt Sachen ein, die mir gefallen, ohne große Rücksicht auf Größen; und dann bekommen wir dankenswerterweise immer mal wieder einen Karton von Verwandten mit größeren Kindern. Was dann noch fehlt, muß gezielt gekauft werden.) ein und zu klein gewordenes aus. Klingt einfach, aber ich verzweifle dabei schier: was der Rakete nicht passt, kann nicht direkt in Risikos Fundus wandern; mal ist zuviel rosa dran, mal zuviele Rüschen. Und natürlich die Röcke und Kleider… so gehen reine Mädchensachen direkt an ein Mädchen aus dem Freundeskreis, was nach Risiko noch heil ist, geht an Mädchen oder Jungs. Rakete ist jetzt fast fünf; der prozentuale Anteil dessen, was nicht an Risiko geht, steigt rasant. (Und das liegt m.E. einerseits an den reinen Mädchenkisten, die wir selbst bekommen, aber auch daran, daß mit steigendem Alter immer mehr Gegendertes auf dem Markt ist. Ich habe Angst vor Größe 140+, wo ich kaum noch die Schaufenster von H&M und Orion unterscheiden kann…)

Aus reinem wissenschaftlichen (haha) Interesse habe ich heute mal unsere Schmutzwäsche der letzten Tage sortiert (zugegeben, nicht ganz repräsentativ; der Mann hat noch einiges gebunkert) und komme zu dem Schluß: vielleicht geht es auch um’s Vorleben. Jedenfalls finde ich, daß sich die Haufen nicht auf den ersten Blick groß unterscheiden bzw. auf den allerersten Blick zuzuordnen sind. Und solange wir Eltern alle Farben tragen, lassen sich unsere Kinder auch nicht festlegen – hoffe ich.

Das sind die Klamotten der Kinder. V.l.n.r.(bei Mouseover deutlicher): reine Mädchensachen (Nachthemd, Rock, Kleid) – Sachen, die ich Risiko evtl. weitergebe (Unterhosen – wenn er sie tragen will, Leggings – wenn er sie als lange Unterhosen braucht) – Sachen, die Risiko sicher bekommt – und ganz rechts Risikos Sachen (Davon rechts einige, die ich für ihn neu besorgt habe, weil sie mir gefielen und/oder von Rakete nicht genügend übrigblieb. Hätte ich Rakete aber alles auch angezogen. Man sieht auch: ein bißchen rosa ist kein Grund zum Aussortieren. Risiko liebt das rosa Schleifchen an der grauen Hose. Wär’ ja wohl auch noch schöner!)

Und das sind meine bzw. die des Möhrchenprinzen. Nicht sooo viel anders, wie ich finde.
stilhäschens_klamotten
möhrchenprinzens_klamotten

*Und hier, beim Fotosmachen, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Ich habe meine Klamotten, die des Möhrchenprinzen und die der Kinder jeweils zusammen fotografiert. Mutter-Vater-Kinder. So haben wir das im Kindergarten schon gespielt. In unserer Gesellschaft gibt es aber „Kinder” fast nicht mehr. Es gibt nur Mädchen und Jungen.
Nicht nur Klamotten, auch Spielzeug, Stifte, Schulranzen, Bastelkram, Fahrräder, Fahrradhelme, Schlitten, Bobbycars usw. gibt es selten geschlechtsneutral. Es gibt jetzt sogar Süßigkeiten und Säfte für Mädchen ODER Jungs! Früher wurde m.E. erst in der Pubertät der Unterschied thematisiert. Heute macht es unsere Konsumwelt ab Geburt.
Das soll nicht heissen, daß wir jetzt alle in grauen Säcken herumlaufen müssen. Aber ich wünsche mir mehr Nachdenken über zu frühe Geschlechterprägung. Ich, der Möhrchenprinz und viele andere tun das. Aber wie zur Hölle, bekommen wir die ganzen Püppchen- und Rabauken-Mütter und -Väter dazu?


7 Näschen reingesteckt bei “Ich habe erstmal Kinder. Und dann erst eine Tochter und einen Sohn.”

  1. jpr sagt:

    Ich fuerchte ja die Antwort auf Ihre letzte Frage ist die simple: wuesste jemand diese Antwort, waeren die Dinge nicht so, wie sie sind. So bleibt halt nur zu hoffen, dass alle Moden mal vergehen (um dann 25 Jahre spaeter untot und als ‚vintage’ wiederzukehren).

    • stilhäschen sagt:

      Au weia, Vintage-Fillypferdchen. Ich habe Angst. (Was ich übrigens nach Ansehen der ganzen 70er/80er Fotos, im Netz und in echt, gar nicht vermisse: das kratzige Gefühl beim Tragen der Polyacryl-Rollkragenpullis.)

  2. […] DasNuf Stilhäschen Cloudette KittyKoma FrischeBrise FrauNessy ???????? !function(d,s,id){var […]

  3. Robert sagt:

    Ich stimme dem Thema voll und ganz zu, auch wenn ich noch keine Kinder habe, sehe ich bei meinen beiden Neffen, wie schwer es ist, neutrale Kleidung zu bekommen.

    Aber du fällst mit einem Satz leider auch wieder in die traditionelle Rollenverteilung zurück.
    An einer Stelle schreibst du „In meiner Wahrnehmung scheinen die, die das kaufen, meist Eltern zu sein, die solche Klischees auch selbst vorleben”. Das heißt viele Eltern möchten leider für ihre Kinder Kleidung, die typisch Mädchen oder Junge ist, und die Industrie richtet sich danach.
    Vorher schreibst du aber „…in ihren (und meinen und vieler anderer Mütter) Augen schöne Kinderklamotten zu finden.”. Warum sollten denn nur Mütter ein Problem mit der Auswahl sehen, nicht auch die Väter? Wenn immer nur die Mutter die Kleidung aussucht und kauft leben wir den Kindern ebenso das Klischee vor, dass nur Frauen sich um das Aussehen und Shopping kümmern, Männern es dahingegen vollkommen egal sei. Sollten nicht lieber beide Elternteile gemeinsam, oder zumindest halbwegs abwechselnd mit den Kindern einkaufen gehen? Damit überwinden wir bei unseren Kindern Klischees, die so in uns (und dir) offensichtlich noch vorhanden sind…
    LG Robert

    • stilhäschen sagt:

      Erwischt! Vollkommen richtig, ich hätte „Eltern” statt „Mütter” schreiben müssen. Ist mir vermutlich wegen Muttiblogs im allgemeinen (ein Thema für sich, ja. Elternblogs!) und persönlichen Gesprächen v.a. mit Mitmüttern so rausgerutscht. Da versuch’ ich erst gar nicht, mich rauszuwinden, bin ich doch da ganz Deiner Meinung: alle Aufgaben für alle. Bloß weil sich das bei uns (aus verschiedenen Gründen, nicht der Chromosomen wegen) so ergeben hat, daß hauptsächlich ich mich um das Kleidungszeug kümmere, muß das noch lange nicht unumstösslich so sein, geschweige denn auch bei anderen Familien. Danke für den Hinweis!

      • Robert sagt:

        Gern!
        Es ist erstaunlich und erschreckend, wie tief dieses stereotype und geschlechtsbasierende Denken in unserem Unterbewusstsein ist… Man ist (ich bin) doch leider immer wieder überrascht, wenn man eine Frau bei einer typischen „Männertätigkeit” oder einen Mann bei einer typischen „Frauentätigkeit” sieht. Wie schnell denkt man sich dann „hätte ich jetzt nicht gedacht, dass der/die…”, ohne dass es einem wirklich bewusst ist. Es ist halt in unserem Denken (aus unserer Erfahrung heraus) typisch, dass die Mütter sich um vieles bei den Kindern und den Haushalt kümmert (ich komme aus dem Osten, wo die Mütter in den meisten Fällen voll gearbeitet haben, trotzdem kümmerten sie sich vorrangig um Haushalt und Kinder, das Argument Hausfrau greift hier also nicht, es ist wohl etwas viel traditionelleres).
        Wenn man anfängt, in seinem eigenen Denken und Handeln darauf zu achten, kann man die eigenen Stereotyp-Schubladen erkennen und daran arbeiten, sie abzuschaffen oder wenigstens nicht mehr so sehr zu nutzen. Dann geben wir diese hoffentlich nicht an unsere eigenen Kinder weiter…

  4. mincir du visage forum

    stilhäschen » Blog Archive » Ich habe erstmal Kinder. Und dann erst eine Tochter und einen Sohn.

Auch kurz das Näschen reingesteckt:

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