Ganz dünnes Eis – die Fortsetzung


Achtung, jetzt kommt’s dicke. Ein ganz persönlicher Langzeit-Erfahrungsbericht über meinen eigenen Weg, bewusster zu essen. Ohne Anklage an irgendwen, der anders lebt und isst. Das ist FÜR MICH der ideale Weg, das fühlt sich FÜR MICH gut und richtig und gesund an. Das ist es sicher nicht für jede/n. Ich will niemandem an die Wampe legen, mir auf diesem Weg zu folgen. Ich will nur zeigen, daß es eine Menge mehr gibt als Frauenzeitschriften-Diäten, Wunderpillen, Kalorienzählen oder gar Operationen. Und daß Gewohnheiten tatsächlich überwunden werden können.

guertel

So, ich habe also abgenommen. In eineinhalb Jahren ungefähr zehn, zwölf Kilo, vielleicht ein bißchen mehr, die Zahlen interessieren mich nicht. Ich passe wieder in Klamotten von vor zehn Jahren (allein, die Mode hat sich geändert… so ein Mist).
Das ganze in zwei Etappen. In der ersten mit viel Disziplin und Verzicht, in der zweiten mit Infragestellen meiner Eßgewohnheiten: will ich das essen aus Gewohnheit oder habe ich da Appetit drauf?

Die ersten fünf Kilo dauerten ein paar Monate und erforderten Disziplin – die ich vielleicht auch nur aufbringen konnte, weil ich mir selbst bereits einmal bewiesen hatte, daß ich sie tatsächlich habe: während der Schwangerschaftsdiabetes mit Risiko. Da hatte ich, die ich so gerne essen kann und nie eine Diät länger als einen Tag durchgehalten hätte, es bereits über Wochen geschafft, meine Ernährung stark umzustellen. Aber damals waren ja viele Lebensmittel (Kohlenhydrate – Zucker, Getreide, Reis, Mehl, Nudeln, Kartoffeln…) komplett tabu, das finde ich vergleichsweise viel härter als nur ein paar Stunden täglich auf etwas zu verzichten. Ich ließ also die ersten Monate „einfach nur” abends die Kohlehydrate weg. Aber eben nicht ganz so einfach, wenn die Kinder sich hauptsächlich von Nudeln ernähren. Und Abendbrot ist halt auch nix ohne Brot…

Irgendwann hatte ich darauf keine Lust mehr und ich suchte einen anderen Weg abzunehmen. Wie bereits jpr unter den ersten Teil schrieb, ist der Trick ja einfach: „am Ende zählt nur eins: mehr verbrauchen als man nachfüllt.” Also entweder weniger Kalorien oder mehr Bewegung. Mein persönlicher Weg zu weniger Kalorien und damit der Figur, die mir besser passt als die alte, führte über das im Internet gefundene Prinzip des intermittierenden Fastens zu der einfachen Lösung: ich esse weniger, weil ich nicht mehr den ganzen Tag esse. Ich lasse Frühstück und Mittagessen weg und esse und trinke dafür abends alles, worauf ich Lust habe.
Und es klingt gelogen, aber ich habe erstens tatsächlich mehr Appetit als Hunger und zweitens meine ich alles, wenn ich alles schreibe. Süßkram, Schweinebraten, Nudeln, Chips, Bier. Erstaunlicherweise habe ich aber meist vor allem Lust auf Gemüse (und Bier, immerhin. Da wäre ich mir sonst wirklich suspekt.). Und seit ich in diesem anderen Rhythmus lebe und esse, geniesse ich das Essen viel mehr.

Übrigens ist seit Beginn dieses Experiments* mittlerweile ein volles Jahr vergangen. Ich bin also quasi schon langzeitüberzeugt davon, daß es mir sehr gut geht mit meinem neuen Essverhalten – das genaugenommen eigentlich genau dem entspricht, wie ich mich schon immer hätte ernähren sollen, mein Körper hat das eigentlich laut genug gebrüllt. Nur ich Doofie habe mich eisern an die Regeln gehalten, die einem ständig eingetrichtert werden: Frühstücken wie ein König, Mittagessen wie ein Edelmann, abends wie ein Bettler. Lieber fünfmal klein als dreimal groß essen. Immer schön nachstopfen, regelmässig, bloß nicht auf den Appetit hören. Am Arsch!
Denn eigentlich hatte ich morgens noch nie Appetit oder Hunger. Ich habe mir Müsli oder Brote routinemässig reingeschoben, „weil der Körper das doch braucht für den Tag”. Genossen habe ich diese Mahlzeit nicht wirklich. Und weil mein Körper daran gewöhnt war, forderte er dann auch mittags etwas – was mich meist dazu brachte, schnellschnell irgendwas (meist Ungesundes) zuzuführen. Nur Geschwindigkeit, kein Genuss. Abends aber, da hatte ich schon immer Appetit. Und das Essen und Trinken genossen. Aber dabei einfach über all die Jahre permanent mehr gegessen als mein Körper brauchte.
Erstaunlicherweise hat die Umstellung ziemlich einfach geklappt. Im Grunde war das „nur” ein Kopfding: ich fragte mich beim Öffnen des Kühlschranks einfach: „Gewohnheit oder Hunger?”. Und habe über ein paar Wochen gemerkt, wieviel meines Essverhaltens Gewohnheit war und wieviel tatsächlich Versorgung meines Körpers. Das, was ich zu Beginn für mittägliches Magenknurren gehalten hatte, nehme ich jetzt als den beim intermittierenden Fasten „Stoffwechselphase” genannten Zeitraum wahr. Denn es ist tatsächlich kein Hunger – ich hatte es nur immer damit verwechselt. Jetzt trinke ich dann etwas und vermisse das nachmittägliche Schlafbedürfnis durch Freßkoma kein Stückchen.

Und wie sieht das jetzt konkret aus? Ich trinke morgens meinen Kaffee mit Milch (sehnse: ich bin trotzdem nicht päpstlicher als der Papst), während der Rest der Familie frühstückt. Mittagessen fällt für mich aus, am Wochenende gibt es aber natürlich für die anderen etwas (unter der Woche essen die Kinder im Kindergarten). Nachmittags habe ich manchmal Lust auf ein Stück Kuchen, Obst oder Eis – und esse das dann natürlich auch. Und abends gibt es meist für alle warm. Da habe ich dann richtig Freude dran.
Erstaunlicherweise bin ich tatsächlich tagsüber satt, ich unterdrücke keinen Hunger (wenn das so wäre, würde ich ja einfach etwas essen, mein Geist ist auch nicht Herkules). Und abends reicht mir eine wesentlich kleinere Portion als früher. Früher habe ich gegessen, soviel da war, heute kann ich nur soviel essen, wie ich gut schaffe (und nasche dann noch ein paar Gabeln mehr, weil’s halt schmeckt). Tagsüber geniesse ich das Nicht-Essen sogar sehr, denn ich habe viel mehr Zeit! Ich muss nicht mehr schnell beim Bäcker vorbei, weil „ich doch was im Magen brauche”, muss nicht zum Dönermann, weil doch alle mittags… Ich muss einfach nicht mehr konstant nachschaufeln wie ein Dampflokführer und das empfinde ich als sehr befreiend.

Und bevor jetzt jemand „ungesund! unterversorgt!” krakeelt: das glaube ich nicht. Schließlich habe ich in einem halben Jahr ein paar Kilo verloren, dann aber dieses Ergebnis seit Monaten nur noch gehalten. Das scheint also der Körper zu sein, in den ich gehöre, weniger will er nicht (wir reden hier übrigens von einem BMI von 22 und Kleidergröße 38-42, je nach Hersteller – kein Gerippealarm!). Dabei hätte er durchaus noch jede Menge Reserven zum Davon-Zehren. Vor allem am Bauch. Dann ist das wohl so. Und die nächste, die fragt, „wann es denn wieder soweit ist”, der antworte ich: „Keine Ahnung. Ich bin jetzt schon im fünfundzwanzigsten Jahr.”

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* Das Experiment ist kein Experiment mehr. Es ist mein Alltag, aber keine Religion. Wenn ich tagsüber Bock auf irgendwas zu essen habe, dann esse ich das auch. Kommt aber selten vor.
Problematisch finde ich eher: es fällt mir bisweilen schwer zu akzeptieren, daß meine Familie stoffwechselmässig anders tickt als ich. Ich bereite meinen Kindern Frühstück und Mittagessen und zig Snacks zwischendurch zu, aber es nervt mich kolossal, daß sich deren Tag nur von Essen zu Essen hangelt, während ich soviel anderes tun könnte, als ihres zu machen (altes Thema Unzufriedenheit: man sollte sich buddhistisch in die jeweilige Tätigkeit versenken anstatt daran zu denken, was man lieber stattdessen täte. Liest sich leicht, tut sich schwer.).
Wenn ich eines Tages wieder anders essen will, werde ich das auch tun. Und wenn ich dann wieder größere Klamotten brauche, so what? Eine Kiste Elefantenzelte lagert im Dachboden. Und dann kann ich mir auch z.B. über Kleiderkreisel wieder meine Lieblingssachen in größer kaufen (dort habe ich in letzter Zeit manches lang aus der Kollektion gekommene Herzteil nochmal in kleiner geholt. Großartige Sache!). Ist letztendlich doch alles nur eine Äußerlichkeit. Und ab jetzt hier wieder Kinderkram, Biertesten und Kalauer. Amen.


4 Näschen reingesteckt bei “Ganz dünnes Eis – die Fortsetzung”

  1. Claudia sagt:

    Wow…ich sitze hier grade völlig baff und realisiere das meine zusätzlichen Kilos nicht vom kinder kriegen sondern vom Kinder haben kommen.
    so wie du es beschreibst habe ich vor den Kindern nämlich gegessen und war trotz Vorliebe für richtig schön viel Butter und fett immer gertenschlank. Früher habe ich tagsüber einfach vergessen zu essen und dann abends richtig reingehauen. Heute besteht mein tag auch größtenteils aus dem zubereiten und verspeisen der über den Tag verteilten regelmäßigen Mahlzeiten der Brut.
    ich versuche die speckschwarten auch grade los zu werden und quäle mich mit Verzicht…gut das ich das jetzt wohl nicht mehr brauche. DANKEEEE E!!

    • stilhäschen sagt:

      Ähnlich baff war ich auch nach den ersten Tagen: das tut ja gar nicht weh! Das hat ja mit Verzichten nix zu tun, wenn man was weglässt, was man eh nur halbherzig tat (oder einfach vergessen konnte)!
      Jetzt muss man natürlich dazu sagen, daß da jede/r anders tickt, abends essen klingt natürlich ungesünder als wenn jemand morgens reinhaut und dann abends kurztritt. Muß man auch erstmal rausfinden, welche Mahlzeiten man wirklich braucht.
      Jedenfalls finde ich diese Steinzeit-Theorie (den ganzen Tag rennen und jagen und abends dann das fette Beute-Steak) vollkommen logisch, da sie meinem persönlichen Essverhalten entspricht.
      Viel Erfolg beim Weiterernähren!

      PS: Nach Ihrer Kennenlerngeschichte gefragt, erzählten Freunde von uns: „Wir haben uns kennengelernt und dann festgestellt, daß wir viele Gemeinsamkeiten haben. Wir ernähren uns zum Beispiel beide sehr gern.” Sowas ist wichtig!

      • Rob sagt:

        Das erinnert mich daran, dass ich unmittelbar nach dem Auszug aus dem Elternhaus das Frühstücken eingestellt hatte. Nicht als bewusste Entscheidung, das kam einfach so.

        Wenn ich wie der zitierte König frühstücke, fühle ich mich drei Stunden lang wie eine gestopfte Gans, um anschließend sofort quälenden Hunger zu haben. Das mag ich nicht.

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