technischer Rückstand: gefühlt fast schon uneinholbar


Ich war mal, technisch gesehen, Early Adopter. Ich hab’ schon im letzten Jahrtausend ins Internet geschrieben, dieses Blog gibt es seit über acht Jahren. Noch vor den meisten meiner Bekannten und Freunde hatte ich Walkman, Discman, Handy, Autoradio mit Freisprecheinrichtung, iPod, Tablet, das damals kleinste Smartphone der Welt…
Ich bin da nicht stolz drauf, aber so war das mal.

Tablet- und Telefonkauf sind drei Jahre her, seitdem bin ich technisch stehengeblieben. Die technische Entwicklung seither dauerte gefühlte 20 Jahre – um mich rum steuern alle ihre Rolläden per iPhone, vergleichen Preise im Laden, navigieren ihre Füße per Satellit.

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Mein Handy hat zwar schon Touchscreen und kann ins Internet, aber ich telefoniere nur damit. Ich habe keine mobile Datenflat und vermisse sie kein Stück. Ich habe keine Apps. Dafür habe ich mir sagen lassen, eine Woche Akkulaufzeit sei eigentlich nicht möglich. Für ein Telefon? Ich bitte Euch!
Mein Rechner ist von 2008 und tut alles, was er soll. Das Internet fasziniert mich immer noch, aber ich bin froh, daß es mich nur zuhause zum Stöbern verführt. Auch noch unterwegs diese Möglichkeit zu haben, wäre mir schlicht zu viel.
(Ach, natürlich, ich bin noch für einen weiteren Lacher gut: der Rechner läuft mit, Achtung! Windows98XP.)
Mein Tablet nutze ich fürs Surfen auf dem Sofa und um mal über die Mediathek den Tatort nachzusehen. Apps gibt es dafür nicht, das Betriebssystem gibt es nicht mehr. Ich weiß nicht mal, was ich dadurch verpassen soll.
Ich habe einen iPod der zweiten Generation und bin abgesehen vom Akku damit hochzufrieden. Dass ich nahezu monatlich iTunes aktualisieren soll, nervt mich aber mehr als das wöchentliche Laden.
(Den nehme ich für abendliche Hörspiele. Musik höre ich von CD – oder Kassette/Vinyl. Tatsache. Ich hab’ mir noch nie ein MP3 gekauft.)
Ich kann Kartenlesen und habe im Auto (ohne Klimaanlage, ja.) einen dicken Atlas und einen Stadtplan. Ich hatte noch nie einen Navi unterm Finger.
Auf meinem Nachttisch liegen echte Bücher. Die kann ich verleihen oder liegenlassen, ich kann Eselsohren reinmachen und Seiten rausreissen, wenn ich möchte. (Oder, ehrlich: der Möhrchenprinz kann damit das fehlende Bein vom Bett – nicht fragen! – ersetzen.)
Auf unserem Fernseher kann man zwar kaum mehr Fußball sehen (offensichtlich kann er HD-Signale nicht verarbeiten – kleine Zahlen sind auch mit Fernglas unlesbar) und beim Tatort fehlt meist die halbe Handlung (weil als Mitteilungen auf Telefonen für alle anderen zu lesen), aber in Hefeteigmachen ist er unschlagbar.

Nein, auch wenn das anders klingen mag: ich bin nicht mal stolz auf meinen technischen Anachronismus. Ich fühle mich damit niemandem überlegen, ich will hier nicht ins Manufactum-Horn stoßen.
Es ist tatsächlich so: ich BRAUCHE den ganzen Kram nicht. Und ich will nichts wegwerfen, was noch einwandfrei funktioniert.
Ich will meine Zeit analog verbringen statt dauernd technische Updates zu fahren. Will meine Fingerspitzen lieber über Papier, Haut, Stoff gleiten lassen statt über Gorillaglas. Will die Farben der Welt in echt sehen statt auf einem Display.

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Da ist kein Stolz. Da ist eher ein bißchen Angst: ich fürchte, ich sollte langsam wieder auf den Technik-Zug aufspringen. Oder eigentlich eher schnell. Denn irgendwann ist er abgefahren und ich steh’ da wie der Ochs vorm Berg.
Ich bin jetzt schon überfordert mit der Bedienung der Musikanlage (Smartphone über Bluetooth, natürlich) in des Möhrchenprinzen Auto. Will keinen neuen Herd, weil es keinen mehr mit Drehknöpfen gibt. Habe keine Ahnung, über welche Apps sich die Kindergartenkinder unterhalten. Ich komme mir manchmal so unfaßbar alt vor.
Hab’ ich „bißchen Angst” geschrieben? Wenn ich’s mir so überlege, ist das doch eher Panik. Davor, selbst zu werden wie meine Mutter und eines (gar nicht mehr fernen) Tages auf meine Brut angewiesen zu sein, um zu überleben.

Gleich morgen also kauf’ ich mir ein Smartphone und einen Flachbildfernseher, ein Auto mit Klimaanlage, Navi und Bluetooth, einen neuen Laptop und ein Tablet und einen E-Reader. Daß die Wirtschaft mir nicht schon längst einen Schlägertrupp geschickt hat, so lange wie ich ihr all das schon schulde!

Nur das Tattoo und die Putzfrau, das heb’ ich mir noch ein bißchen auf. Ein bißchen Anachronismus will ich mir doch erhalten.


17 Näschen reingesteckt bei “technischer Rückstand: gefühlt fast schon uneinholbar”

  1. Claudia sagt:

    doch doch es gibt noch Herde mit Drehknöpfen, keine Angst…zumindest kochen wirst du als alte Mutti noch können ;P

  2. jpr sagt:

    Wichtig finde ich ja die Grundeinstellung, weder auf das eine, noch das andere „stolz” zu sein, denn beide Haltungen wuerden – meiner Meinung nach – einen Teil der Realitaet negieren.

    Niemand muss ueberall und immer Internet haben und das neuste Hyper-Geraet, das ehrlicherweise sowieso am meisten dem Shareholder-Value der Firma nutzt, die es produzieren laesst. Andererseits kann man nicht ignorieren, dass das Digitale die Gesellschaft durchdringt – das wird nicht weggehen, auch wenn man die Augen zuhaelt und Lalala singt.

    Nur das mit dem XP, das verdient einen Hinweis: Ein Betriebssystem, das nun 13 Jahre alt ist und keine Pflege mehr bekommt: das ist keine gute Idee. Das alte Auto ersetzt man ja auch irgendwann mal.

    //PS. Und: super-Idee mit dem Hefeteig. Aber dafuer extra einen Fernseher kaufen…?

    • stilhäschen sagt:

      Jaja, das XP. Ist so nicht das Gelbe vom Ei, aber es widerstrebt mir sehr, etwas Funktionierendes wegzuwerfen, weil mich jemand dazu zwingen will. Machen wir uns nix vor, auf diesen alten Knochen spielt niemand mehr Vista oder 8.
      Und Dein Vergleich mit den Auto hinkt: ICH ersetze kein Auto, solange es fährt. Und zur Markenwerkstatt bin ich eh noch nie gegangen. Dann eben eine freie und XP bis die Festplatte aufgibt.

      PS: Vielleicht wird ja demnächst doch mal unsere Hefeteigheizung ersetzt (nur wg. Tatort und Fußball, versteht sich). Zu verschenken…

      • jpr sagt:

        Um dem Holzbein vom Vergleich ein wenig Stuetzung zukommen zu lassen: ein Auto fuer das es keine Teile mehr gibt und das nicht mehr repariert wird – tauschst Du das auch nicht aus, auch wenn Du noch Benzin dafuer kaufen kannst?

        PS: Nee, mein Hefeteig geht an der Heizung prima, merci. ;)

        • stilhäschen sagt:

          Was kümmern mich keine Teile, solange ich sie nicht brauche? Will sagen: ich lass das Auto laufen, solange es das tut. Und wenn dann ein unersetzliches Teil die Biege macht, seh’ ich weiter.
          Mir blutet einfach das Herz beim Wegwerfen von Funktionierendem. Dazu die Wirtschaft, die mir immer neue Bedürfnisse einzureden versucht – ich finde das schwer, da einen vernünftigen Mittelweg zu gehen.
          Interessanterweise macht gerade ein großer Technikhändler genau die passende Kampagne: mutwillig zerstören, um einen Grund für Neukonsum zu haben. Ich seh die Ironie leider nicht.

          • Rob sagt:

            Noch nicht einmal Neuwagenverkäufer, die ja einen Grund dazu hätten, haben mir jemals damit gedroht, dass Ersatzteile nicht mehr verfügbar sein könnten. Wer alte Autos behält, kennt meistens jemanden, der sich darum kümmert, sofern das nicht selbst erledigt wird. Je älter ein Automodell ist, desto mehr Exemplare davon fahren nicht mehr. Das Angebot an Teilen wird also größer.

            Konsumboykott kann ich da nicht erkennen. Im Gegenteil, es wird Geld in Arbeit investiert anstatt in neue Austauschteile. Mein Autoreparierer hat sich ein altes Haus gekauft, der kann Geld gut brauchen.

            Nebenbei bin ich mit tablets, notebooks, Telefonen und Fernsehern überversorgt; die fallen mir regelmäßig zu, wenn jemand neues eingerichtet haben will und mich bittet, das bisherige aus seinem Gesichtskreis zu entfernen.

  3. Rufus sagt:

    Nichts kaufen – hörst Du? Macht lieber in Eurer Region Urlaub – das stärkt die Wirtschaft ;)

    • stilhäschen sagt:

      Oh, danke, das machen wir sooft es geht. Und halten uns auch sonst gerne an Ludwig Erhard: „Das Geld muß in die Wirtschaft” – die nächste ist gerade mal über die Straße…

      • Rob sagt:

        Das ist sehr gut. Noch besser – falls ich das neulich richtig gelesen habe – finde ich, dass die Kinder früh an das Rumhängen in Wirtschaften gewöhnt werden.

        • stilhäschen sagt:

          Das hast Du richtig gelesen. Und wenn es irgendwann doch zu spät ist für die Brut, nehmen wir sie per Babyphon mit. Das ist der Vorteil davon, im Kneipenviertel zu wohnen…

  4. Hey du!
    Ja, genau du!
    Pssst!
    Nen neuen Akku für den i-Pott gibt’s beim R€ichelt für nur 7,10€ – und die Anleitung zum Wechseln bei iFixIt.

    Und n Navi ist mitunter schon was feines, wollte ich nur gesagt haben. Vor allem zum Beispiel für Landeier wie mich, die mal in die große Stadt müssen. Da ist man so fasziniert von all den Dingen und den mehrspurigen Straßen, dass man zum Karten lesen garantiert keine Zeit hat.

    Danke für den Artikel! Konsumboykott ist vollkommen okay, solange man’s nicht übertreibt (und auf Teufel-komm-raus nochmal n Röhrenfernseher kauft, wenn der alte abraucht).

    • stilhäschen sagt:

      Stimmt, danke für den Tip! Als ich nach der Anleitung suchte, gab es sie noch nicht online, ehrlich!
      Allein, so eine Reparatur traue ich mir dann doch nicht zu. Elektronik und Löten und all das ist mir zu futzelig. Vielleicht frag’ ich da mal wen, der sich damit auskennt…

  5. Jan sagt:

    Gruß von der modernen Welt der „Internet der Dinge”. Seitdem alle meine Geräte miteinander kommunizieren, haben sie kaum noch Zeit für mich. Die HiFi Anlage diskutiert die Musikbibliothek auf dem Server und blockiert jegliche Musikkommunikation des Küchenradios. Beim Versuch Laptop und Pad miteinander bekannt zu machen, macht der Laptop auf „dicke Hose” und pumpt den Speicher des armen Pads bis an den Rand auf… Der Rest meiner Daten liegt in der Cloud „unterwegs und im Urlaub ideal”. Mein Camper hat eigenen WLAN Router und bei zwei Schluck LTE Flatrat -danach gibt es schließlich eine Zeitreise in die 56Modem Zeit- kann man alle 3Stunden einen „Weekly Flatrat Pass” ordern… Haus IT ist ein fulltime Job. IT-Facility Manager ( Haus-IT-Meister) ein Beruf mit Zukunft…

  6. jc penny sagt:

    LA reference sur le sujet, personnellement, j en veux encore merci bien.
    jc penny http://www.jcdresspenny.com

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