it’s all about Namensgebung (heute keine Vornamenstirade!)


Informierte Eltern wissen: Erziehung ist eine Wissenschaft. Beweisbar, messbar, vollkommen objektiv. Und alle sind sich immer einig. Gerade ist man sich einig: Strafen gehen gar nicht. Belohnungen auch nicht, sind sie doch nichts anderes als negierte Strafen. Argumentation ist das Zauberwort! Erklären Sie Ihrem Kind, warum es das eine tun und das andere lassen möge. Kinder verstehen alles, es ist nur eine Frage der Zeit. Die muss man sich halt nehmen als Eltern, meine Güte, das hat man doch vorher gewusst! (Dass Strafen/Belohnungen des Teufels sind, das könnte ich jetzt mit allerhand Links untermauern. Ich habe aber keine Lust drauf! Gehen Sie doch einfach in ein beliebiges Internetforum – für Eltern, Juristen, Mieter, egal – und eröffnen einen Thread a la „Ich habe meine Tochter auf die stille Treppe geschickt, wir wohnen in einem Mietshaus und die blinde Katze der 90jährigen Nachbarin ist drübergestolpert. Muss jetzt wirklich ich den Tierarzt zahlen oder kann ich das an den Erzeuger weiterleiten?”. Spätestens die dritte Antwort wird irgendwas mit Jugendamt sein, ich gehe jede Wette ein. Wenn das Internet jedoch für Sie Neuland ist, gehen Sie doch einfach mal auf den Spielplatz bei den neugebauten Townhouses im örtlichen Boom-Stadtteil, setzen sich in der Nähe eines Bugaboo-Treffens auf eine Bank und spitzen Sie die Ohren. Da sitzen nämlich die Erziehungsprofis gerne, zwischen Toddlers’ English- und Musikzwerge-Kurs. In jedem Fall erfahren Sie: Strafen und Belohnen ist sowas von out, demnächst singt Heino davon.)

Auch meine Kinder verstehen sicher irgendwann alles – allein meine Geduld reicht mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr 15 Jahre. Vielleicht erkläre ich es auch zu kompliziert oder spreche undeutlich oder bin einfach pädagogisch ein Totalversager, jedenfalls habe ich bei vielen Punkten aufgegeben. Statt Rakete im Supermarkt in der Nähe der Wursttheke Vorträge über die Inhaltsstoffe industriell hergestellter Gelbwurst (und der Notwendigkeit von Brot zu Wurst) zu halten, raune ich ihr nur ein „wenn Du nicht wieder bettelst, kauf’ ich genug Wurst für drei Tage zum Abendbrot” zu. Und das abendliche Zähneputzen ist seit der direkten Kopplung an die Gute-Nacht-Geschichte wesentlich entspannter. Das ist nichts anderes als Belohnung und Strafe, höre ich Sie schnappatmen? Pah! Ich nenne das economic Erziehing. Ich bereite meine Kinder nur auf die Wirklichkeit vor: Leider wohnen wir nicht allein auf einer Südseeinsel, bei uns herrscht Marktwirtschaft, alles geht um Angebot und Nachfrage. Ich verhandle mit meinen Kindern und setze einen Preis fest für eine Leistung, sie können das Angebot annehmen oder ablehnen, wieviel freiheitlicher kann Erziehung sein? Sie müssen halt die Konsequenz tragen, und die wird vorher vereinbart. Statt ihre Hirne mit Argumentationen zuzuballern, biete ich zwei Möglichkeiten an und die Kinder machen ihre persönliche Kosten-Nutzen-Analyse.
Jetzt noch schnell das ganze auf 200 Seiten aufblasen, einen Verlag finden und ich bin die neue Heldin der Spielplatzbänke. Mehr Zeit als früher habe ich ja schon fürs Schreiben, jetzt wo das Argumentieren wegfällt.


12 Näschen reingesteckt bei “it’s all about Namensgebung (heute keine Vornamenstirade!)”

  1. Claudia sagt:

    DANKE!!!
    Ich fand ja schon diese Diskussion um Strafe und Konsequenz so bescheuert. Eine Konsequenz bleibt aus Kindersicht eine Strafe, auch wenn man es Konsequenz nennt.
    Danke übrigens auch für das Wort „Bugaboo-Treffen” :-D

    • stilhäschen sagt:

      Ähhh, stehe ich auf dem Schlauch? Nichts anderes als eine Kindersicht-Strafe anders nennen propagiere ich doch… aber ich nehme natürlich jeden Dank gerne an. Sehr gerne!

      • Claudia sagt:

        Ich hätte wohl dazuschreiben sollen, das ich dir zustimme und mich auch über diesen „nicht bestrafen”- Unsinn aufrege. :-)

  2. alasKAgirl sagt:

    Echt jetzt? Die einhellige Meinung ist, dass man seinen Kindern nicht beibringt, dass Handlungen Konsequenzen haben? Wer bei uns mit Absicht seinen Trinkbecher auskippt, kriegt solange nur noch Wasser, bis der Blödsinn aufhört. Nicht als Strafe, sondern weil ich keine Lust habe klebrige Saftschorle aufzuputzen. Und wer mit Freude Gläser zerschmettert, kriegt eben nur noch Plastikbecher. Ist das jetzt auch schon „verboten”?

    • stilhäschen sagt:

      Bisweilen scheint mir das die vorherrschende Meinung zu sein, ja. Vielleicht ist das aber auch selektive Wahrnehmung (ich WILL mich halt aufregen, mein Kreislauf braucht das)… aber natürlich kenne ich auch viele Eltern, die drauf pfeifen, was angeblich „verboten” ist.
      Hier übrigens doch ein Link: Jesper Juul kennt sich aus.

  3. Susanne sagt:

    Wie macht man das heutzutage in der Blogosphäre?

    .

    Mehr ist dazu nicht zu sagen. Außer: Jubel! Applaus!

    Ich verzichte ebenfalls nicht auf meine geliebten Deals und Lob. Und auch nicht auf Gemecker. Zur Hölle. Ich bin nur ein Mensch und keine Geduldsmaschine!

  4. Liz sagt:

    Mein Kind ist zwar noch im Bauch, aber ich bin da ganz bei Euch, wie man so sagt. Irgendwie habe ich kein Interesse daran, meinem Kind jeden Pups zu verargumentieren. Grundsätzliches, ja gern.

    Aber ausgekippte Trinkbecher oder Supermarktterror an Ort und Stelle auszudiskutieren, nein danke. Wahrscheinlich macht mich das jetzt schon zur schlechten Mutter (genau wie die Tatsache, dass ich kürzlich vegetarisches Sushi gegessen habe, was meinem Kollegen einen hysterischen Schrei entlockt hat, weil: Die Roher-Fisch-Messer werden ja auch fürs vegetarische benutzt. Stimmt wohl, aber war mir nicht im Sinn, werde zukünftig drauf achten.)

    Hm. Der werdende Vater wird komischerweise nicht mit so viel ungebetenem Rat zugeballert. Ein Schelm, der Böses dabei denkt.

    • stilhäschen sagt:

      Hey, Glückwunsch! Ja, ungebetene Ratschläge gehen jetzt sicher viele an Deine Adresse. Kenn’ ich gut (mein „liebster” war ja der Kerl, der mich entsetzt vom Wienerle-Essen abhalten wollte – sind da doch die Teile des Tiers drin, die bei der Schlachtung am meisten Adrenalin abbekommen, das wisse man doch!) und weiß ich auch nix gegen. Sorry.
      Aber einen hab’ ich doch: Du wirst in irgendwens Augen immer eine schlechte Mutter sein – also scher’ dich nicht drum, was die anderen sagen. Und lies keine Ratgeber…

  5. gastarbeiter sagt:

    Die Alternative fuer die Supermarktkasse (vom Hoerensagen, aus erster Hand): Kind wirft sich im Supermarkt an der Kasse schreiend wegen Suessigkeiten auf den Boden. Vater tut das gleiche. Kind hoert sofort auf und bittet den Papi auch aufzuhoeren. Geht wohl nur ab einem gewissen Alter (der Kinder) und kann zu leichten Kollateralschaeden in der Reputation des Vaters fuehren. Aber der Kollege meinte er haette nie wieder Probleme an der Kasse gehabt. Ob das jetzt unter anschaulich erklaeren oder strafen faellt … das liegt in den Augen des Betrachters.

    • stilhaeschen sagt:

      Oh wie schön, mal wieder von Dir zu hören! Tolle Kollegenreaktion, wird sich gemerkt. Und wie man’s nennt, ist ja wurst. Namen sind Schall und Rauch.

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