a day in the life a hard day’s night – aus dem Leben einer Mutter


[Wann beginnt der Tag? Der Rakete Bilderbücher behaupten: mit Sonnenaufgang. Lüge. Der Mutter Tag beginnt bereits am Abend zuvor: früh im Bett > der Tag hat Chancen. Gesundheitlich angeschlagen / Alkoholgenuss / spät im Bett > ein Halbhoch den Automatismen.
Wissenschaftlich korrekt beginnen wir für diese Momentaufnahme mal um Mitternacht. Wenn es wirklich gut lief, hatte ich vielleicht schon zwei Stunden Schlaf (ja, 22:00 Uhr. Ich würde ja auch gerne länger die Zeit geniessen, in der beide Kinder schlafen, alleine: mit welcher Energie?).]

00:05 Uhr: Ich wache zum ersten Mal auf, vom Schnarchen des Möhrchenprinzen. Ich remple und motze ein wenig, jemand grunzt, dann ist Ruhe. Herrlich. Ich brauche schätzungsweise zwanzig Minuten, bis ich wieder eingeschlafen bin.

01:35 Uhr: Risiko weint, der Lautstärke nach schon länger. Ich stehe auf, gehe ins Kinderzimmer und stecke ihm den Schnuller wieder rein. Ruhe. Ich tappe zurück und liege noch ein halbes Stündchen wach.

02:33 Uhr: Risiko weint. Rüber, Schnuller, zurück. Sofortiger Tiefschlaf.

03:40 Uhr: Risiko weint. Ich remple den Mann an: „Dein Sohn.”, von der anderen Betthälfte kommt Grunzen. Risiko weint lauter. Ich raunze lauter. Der Mann grunzt lauter. „Verdammt noch mal, ich war schon zweimal!”, brülle ich und halte mir die Ohren zu. Ein paar Minuten, einige Tritte und etliche Dezibel später wankt der Mann hinüber, wankt zurück, Ruhe. Dann: Schnarchen. Ich liege wach.

04:05 Uhr: Risiko weint. Macht nix, kann ja eh nicht schlafen. Rüber, Schnuller, zurück. Risiko weint. Rüber, Schnuller, in der Küche Milch gemacht. Risiko weint lauter. Ich gebe ihm die Milch (obwohl er eigentlich schon längst nachts keine mehr braucht, aber mir ist nicht nach Diskussionen) und danke jenem höheren Wesen, das wir verehren für Raktes guten Schlaf. Ein zweites waches Kind würde eindeutig meine Fähigkeiten überschreiten. Risiko will die Milch nicht. Risiko will auch seinen Schnuller nicht. Ich rede ihm gut zu. Das will er auch nicht. Ich brauche einige Minuten, bis mir einfällt, daß die Milch zwei Grad zu kühl sein könnte, gehe in die Küche und mache sie wärmer. Risiko brüllt sich die Lungen frei. Gegenüber gehen die ersten Lichter an.

04:25 Uhr: Risiko inhaliert die Milch, als hätte er wochenlang nichts getrunken. Ich kauere am Boden neben seinem Bett, weil ich nicht möchte, daß eine evtl. vorzeitig losgelassene Flasche ihre Milch in die Matratze suppt. Ich warte, bis er endlich fertig ist. Da entdecke ich im Bettchen eine halbleere Flasche, die ihm wohl der Möhrchenprinz gegeben haben muß. (Am nächsten Tag erfahre ich: um 1 Uhr. Da muß ich dann wohl mal kurz geschlafen haben.) Ich unterdrücke den Instinkt, das Bett sofort abzuziehen, um den Matratzenschaden gering zu halten. Risiko ist fertig, grunzt, dreht sich herum, Tiefschlaf. Ich gehe ins Bett. Ruhe. Wachliegen.

05:00 Uhr: Ein Kratzen unterm Fußboden lässt mich aus dem Halbschlaf (ja, doch…) hochschrecken: die Maus ist wieder da. Das Geräusch ist nicht zu lokalisieren, aber ziemlich sicher unter dem Boden. Oder? Ich lausche. Denke über andere Wege nach, als sie der Kammerjäger bereits eingeschlagen hat. Will dem Vieh das Feld nicht überlassen. Denke an grausige Waffen und üble Gifte. Nehme mir vor, die Rakete nie mehr „Mäuschen” zu nennen.
Immer, wenn ich doch wegdämmere, beginnt das Geräusch wieder. Immerhin ist es offensichtlich nur eine. Ich wünsche mir, der Mann würde schnarchen, damit ich die Maus nicht mehr höre.

06:10 Uhr: Ich höre Risiko fröhlich brabeln und dann Rakete sagen: „Wir dürfen noch nicht aufstehen, Risiko, es ist noch Nacht, sagt meine Uhr.” Ich preise die Spielzeugindustrie und gelobe, nie mehr über den hohen Batterieverbrauch des bekloppten Nachtlichtes zu lästern (wozu braucht Mrs. Zehnstundenschlaf ein Nachtlicht!?). Ich würde gerne noch ein Stündchen schlafen, aber es geht nicht. Ich höre meinen Kindern zu und muß lächeln. Stimmt nicht, ich würde gerne lächeln. Mir fehlt die Kraft.

07:00 Uhr: Vermutlich bin ich vor fünf Minuten doch weggesackt. Jetzt poltert Rakete ins Zimmer, „Das Licht ist aus! Der Tag beginnt!” krakeelend (Danke, Spielzeugindustrie…). Ich schrecke schreiend aus dem allertiefsten Tiefschlaf hoch, das Herz klopft bis zum Hals. Offensichtlich auch der Rakete, die mit dieser Reaktion nicht gerechnet hat. Halb schreit sie panisch, halb heult sie hysterisch. Hinter ihr wankt gerade Risiko ins Bild, erschreckt sich fürchterlich, stolpert und schlägt mit der Stirn gegen den Türstock. Der Lärm wird infernalisch. Als mir meine Beine wieder gehorchen, sprinte ich zu meinen Kindern, um sie beide zu trösten. Mit nackten Beinen knie ich auf dem kalten Fußboden, während mir in jedes Ohr ein Kind schreit. Ich verfluche den Erfinder des Wortes Familienglück.

07:05 Uhr: Des Möhrchenprinzen Wecker klingelt. Er schlägt kurz um sich, dann die Augen auf und wünscht einen guten Morgen. Seine ehrliche, ausgeschlafene gute Laune ist meine erste Kriegserklärung an den kommenden Tag.

[Wird fortgesetzt, war ja nicht mal ein Dritteltag bis jetzt. Schalten Sie auch nächstes Mal wieder ein, wenn Sie die Mutter schimpfen hören: „Rakete, jetzt geh’ endlich Händewaschen!” – „Aber warum, ich habe mir doch heute gar nicht im Po gepult!?”]


13 Näschen reingesteckt bei “a day in the life a hard day’s night – aus dem Leben einer Mutter”

  1. stilhäschen sagt:

    (Aus einer anderen Nacht, statt 5:00 Uhr einzusetzen:

    Ich wache auf, weil Rakete volle Dröhnung ruft „…aber das Pipi muss doch unten raus!”. Fast bin ich schon rübergerannt, da fällt mir auf: danach kam nix mehr. Kein Rascheln, kein Aufstehen und schon gar kein „Maaaaamaaaa!”. Ich lausche. Nichts. Tja, dann war das wohl ein Traum. Ich bin hellwach. Meine Kinder und der Mann schlafen tief und fest.)

  2. jpr sagt:

    Ich sage ja immer „morgen ist immer erst nach dem Aufstehen”, hielt das dann kurz fuer gar nicht so sehr der Situation angemessen, muss aber bei laengerem Nachdenken sagen, dass es den Nagel vielleicht doch viel besser auf den Kopf trifft, als ich erst meinte. (Ausserdem erklaert es das muede Gefuehl: wenn nach jedem Aufstehen ein Tag vorbei ist, geht Ihr Jahr ja viel schneller. So viele Tage auf einmal – das muss ja anstrengend sein).

  3. Sylvie sagt:

    You made my day! Meine Nacht war ähnlich glorreich und endete außerdem noch mit einer Windelexplosion der allerschönsten Sorte. Aber deine großartige Beschreibung vor allem der 7:00 Situation hat mich heute zum ersten Mal so richtig zum Lachen gebracht – vielleicht ein kleiner Trost?

    Ich fürchte nur, ich kann meine Abenteuer im Bereich Kind/Wickeltisch/Badezimmer-Grundreinigung nicht so schön schildern, sonst würde ich mich gerne revanchieren. Durchhalten!

    • stilhäschen sagt:

      Wenn’s wenigstens für einen Lacher taugt, hat’s doch wenigstens irgeneinen Sinn – freut mich also auch.
      Welch Trost, daß auch anderer Leute Leben oft ein Griff in die Kacke ist – vor allem, daß es irgendwann vorbei ist (und die nächste Phase nervt…). So lange also auch retour das Mütter-Mantra: Durchhalten!

  4. Modeste sagt:

    Ungelogen, gerade, als ich Ihr Posting las und dachte, das höre sich jetzt aber wirklich nicht so lustig an, brüllte der F. aus dem Nichts sirenengleich los und verlangte Milch. Inzwischen ist nach Aushändigung des Fläschchens wieder Ruhe im Schlafzimmer, das wir uns nach wie vor mit dem 13 Monate alten Zuckermonster teilen. Keine Ahnung, wie ich den jemals in sein Zimmer bekommen soll.

    • stilhäschen sagt:

      Gut ist ja wenigstens, wenn man gleich weiß, was das Monster will. Da hilft Noch-Wach-Sein immens. Und später dann, daß das Kind es sagen kann.
      (Unsere zwei zogen erfolgreich mit ca. einem halben Jahr aus dem Elternzimmer aus; bei beiden hatte ich das Gefühl, daß ihr Schlaf in Ruhe tiefer wurde. Gilt aber natürlich nicht allgemein. Und der nächtliche Elternweg wird natürlich unbequemer.)

    • Wolfram sagt:

      Irgendwann geht der von selbst, weil nur Babys bei Mama schlafen.
      Oder machen Sie’s wie wir, wir sind umgezogen, und im neuen Haus hat das goldlockige Mädchen ein großes Bett gekriegt. Ein richtig großes, 190*90! Seitdem hat sie nie wieder im Elternbett geschlafen. Das währt 10 Monate jetzt.

      • stilhäschen sagt:

        Toitoitoi! Hier gibt es immer wieder Phasen, in denen Rakete nachts vor unserem Bett steht und horrorfilmgleich stumm guckt, bis ich aufwache. Wenn ich sie dann frage, was sie hier macht, antwortet sie ehrlich „weiß ich auch nicht” und der Einfachheit halber darf sie dann zu uns. Dazwischen waren aber auch viele elternschlafzimmerabstinente Monate…

  5. evakarel sagt:

    zugegeben, ich habe gerade TRÄNEN gelacht (vor allem beim Nachsatz), doch mein Mitleid verfolgt dich auf Schritt und Tritt. Solche Scheißnächte aber auch! Ist das immer so bei euch?!?
    Ich glaub, ich würde für ein paar Monate auf die elterliche Zweisamkeit pfeifen und in Riskios Zimmer übersiedeln, damit’s reicht, ihm im Halbschlaf den Schnuller reinzustecken.

    • stilhaeschen sagt:

      Zum Glück nicht immer. Da würde ich meines Lebens ja wirklcih nicht mehr froh! Aber zur Zeit sind solche Nächte wieder häufig – vermutlich irgendeine Ich-lerne-gerade-irgendwas-Phase. Die Ich-kann-mir-den-Schnuller-selber-reinstecken-Phase kommt dann vermutlich mit 13 (vorher möchte ich bitte noch den Erfinder des Leuchtschnullers für den Nobelpreis vorschlagen!). Oder kann da ein Osteopath vorher schon was machen?:-)
      Matratze neben dem Kinderbett wird hier nur in Krankheits-Not-Nächten praktiziert – davon kriege ich mittlerweile Rückenschmerzen. Frühe Mutterschaft hätte echt was für sich gehabt…

  6. <°((( ~~< sagt:

    … ein wenig ab vom zentralen Hauptthema dieser Elegie… na, trotzdem, damit nicht noch Hoffnung aufkeimt, merke:
    Mäuse kommen nie alleine. Nie.

    • stilhaeschen sagt:

      Ja, sowas fürchten wir auch. Die sind vermutlich auch nur eingezogen, um mir die Harmlosig- und Übersichtlichkeit zweier Kinder vor Augen zu halten. Ich hab’s kapiert. Ihr könnt wieder ausziehen, Ihr Viecher.

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