Max und Ali und der Kita-Platz


[Achtung, wirr in Wut hinuntergeschrieben, außerdem durchaus als Jammerei aufzufassen, alles kein Spaß.]

Kinder mit Migrationshintergrund werden vor Schuleintritt seltener fremdbetreut. Soso. Dabei hat sogar Frau Schröder schon erkannt: „Je früher Max und Ali miteinander im Sandkasten spielen, umso besser für die Integration und für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.”

Da bin ich sogar mal Ihrer Meinung, Frau Schröder. Jetzt aber möchte ich Ihnen erzählen, wie die Wirklichkeit bei uns zuhause aussieht:

Wir wohnen in einem „multikulturellen” Stadtviertel und das haben wir uns ja auch so ausgesucht. „Gostenhof ist bunt”, rühmt sich das Quartier, wir schätzen die kleinen Lebensmittelläden und die vielen Kneipen und Restaurants. (Wir schätzen nicht: den Vandalismus, die Hundescheiße und die Parkplatzsituation, v.a. wenn abends die Horden aus den „besseren Vierteln” einfallen zum Ausgehen und sich zu fein für die U-Bahn sind. Aber das ist ein anderes Kapitel.) Mit uns im Haus wohnen Griechen, Türken und Deutsche, das Zusammenleben läuft reibungslos, beim Sommerfest im Hof gibt’s Falaffel, Moussaka und Bratwürste. Multikulti-Bilderbuch.

Die Rakete wird im September 3 und braucht einen Kindergartenplatz. In unmittelbarer Laufnähe unserer Wohnung gibt es:
- 5 städtische Kindergärten
- 2 kirchliche Kindergärten (einen evangelischen, einen katholischen)
- 1 freien Kinderladen (teurer, mit Elternmitarbeit und natürlich gut alternativ angehaucht)
Macht zusammen 17 „Kindergartengruppen” á 25 Kinder, also rechnerisch 425 Kindergartenplätze. Das sollte reichen, möchte man meinen – kein Grund, auf den weiteren Umkreis auszuweichen. Ganz ehrlich: das Kind jeden Tag mit Auto oder U-Bahn durch die Stadt zu kutschieren, damit es dort mit Kindern spielt, die es außerhalb der Kita nur unter organisatorischen Schwierigkeiten treffen kann, das ist doch albern. Reicht, daß wir das für Raketes Krippe so machen müssen. Warum? Weil im Umkreis kein Krippenplatz ergatterbar war; es gibt nämlich hier nur zwei Krippen (jeweils eingruppig, also insgesamt: 24 Plätze). Bis zu den Dreijährigen also dürfte hier noch alles statistikkonform zugehen.

425 Kindergartenplätze geteilt durch drei Jahrgänge – rechnerisch also sollten im September 140 Plätze frei werden. Gegenüber den 12 Krippenplätzen je Jahrgang also ein bombastisches Angebot. Wofür soll man sich da entscheiden? Ein kurzer Blick aufs pädagogische Konzept der einzelnen Einrichtungen zeigt:
- Ein Kindergarten (der evangelische) legt v.a. Wert auf Erwerb vielseitiger, auch sozialer, Kompetenzen und bietet sehr viele unterschiedliche Beschäftigungen für die Kinder an. Ganz „normal” also, in meinen Augen.
- Der Kinderladen ist erwartungsgemäß „freigeistig”, alles ist Bio, er hat einen riesigen Garten. Dafür ist er teurer und die Eltern müssen mithelfen.
- alle anderen, also der katholische sowie alle städtischen Einrichtungen haben als pädagogisches Konzept „Sprachförderung und Integration” und sind wahre Multikulti-Oasen. Kinder aus unzähligen Nationen spielen hier miteinander – aber Deutsche bzw. deutschsprachige sind „pro Gruppe vielleicht ein, zwei” dabei, das sagten mir alle gefragten Kindergärtnerinnen. Und die Gruppen sind hier keine 25 Kinder stark, sondern wegen des erhöhten Förderbedarfs (schließlich gibt es Klagen der Grundschulen, viele Kinder könnten nicht richtig deutsch – also muß das der Kindergarten erledigen) um ein, zwei, fünf Kinder kleiner. Bei der Anmeldung wird nach Sprachförderbedarf, Behinderungen, erschwerten Lebensbedingungen, zerrütteten Familienverhältnissen gefragt: bei uns alles negativ, also rutschen wir nach ganz hinten auf die Warteliste.
Und hier, Frau Schröder, sagen Sie mir mal bitte: wenn im Kindergarten Ali und Sergej miteinander spielen, Max aber in ein anderes Viertel muß, um einen Kindergartenplatz zu kriegen, läuft da nicht etwas falsch? Integration und Förderung schön und gut (ich vermute ja stark, daß die Bevorzugung von zu fördernden Kindern Einfluß auf den Stellenschlüssel und die Bezuschussung hat…), aber wäre es nicht sinnvoller, wenn deutsche Kinder ihren Sandkastenkollegen sprachlich helfen würden anstelle von Spezial-Erziehern und Logopäden? Wenn die Zusammensetzung der Nationalitäten den Stadtteil wenigstens annähernd widerspiegeln würde (durch alle Altersgruppen ca. 42% Deutsche und 18% Deutsche mit Migrationshintergrund, möglicherweise ist das nicht 1:1 auf das Verhältnis unter Kindern herunterzubrechen, aber weniger als 10% deutsch(sprachig)e, das kann nicht sein) und nicht künstliche babylonische Sprachghettos geschaffen würden?
Zugegeben: ganz wohl fühle ich mich nicht bei dem Gedanken, daß meine Tochter eine von zweien – oder gar die einzige – mit deutscher Muttersprache in einer Gruppe sein soll (beim evangelischen Kindergarten z.B. beträgt der Anteil von Kindern „aus anderen Kulturen” 35%). Aber es sind hier nicht wir, die aussuchen, welche Einrichtung wohl die beste für unsere Rakete ist – wir müssen am Ende wohl froh sein, überhaupt irgendwo einen Platz zu bekommen.

Und nein, ich glaube nicht, daß viele deutsche Eltern wegen der gleichen Bedenken ihr Kind lieber woanders in den Kindergarten geben. Woher ich das wissen will? Ganz einfach: Wir haben die Rakete in allen oben genannten Kindergärten angemeldet. Bislang haben wir Absagen aller städtischen Kindergärten (deren pädagogischer Ansatz für die Rakete ohnehin nicht unpassender sein könnte… – die quatscht uns bereits jetzt die Ohren zu) sowie vom katholischen (s.o.). Durch die (vermutlich amtlich geforderte) Gewichtung der „Dringlichkeits-Argumente” (Sprachförderbedarf usw., s.o. ) haben Familien wie wir (übrigens, nur um das gleich zu entkräften: wir sind beide berufstätig und auf Kinderbetreuung angewiesen) schlicht und einfach keine Chance auf einen Platz in einem städtischen Kindergarten.

Im evangelischen hätte man sich bereits zwei Jahre vorher vormerken lassen müssen, wäre aber auch nicht zum Zuge gekommen, da Geschwisterkinder stets Vorrang haben. Wer da einmal ein Kind einen Fuß in der Tür hat, überlegt also bei der Familienplanung nicht lange… Trotzdem haben wir hier eine Zusage für Frühjahr 2013 (hieße: sie muß als einzige Dreijährige ein halbes Jahr länger in der Krippe mit sehr viel kleineren Kindern bleiben – denen sie ja auch einen Platz „wegnimmt”. Ganz abgesehen davon, daß die Krippe das dreifache des Kindergartens kostet…).

Als letztes – vor der Fahrerei in andere Stadtteile (wo die städtischen Einrichtungen natürlich bereits fertig vergeben haben) – bleibt die Hoffnung auf einen Platz im Kinderladen (privater Verein; dort wenigstens sind die Eingangsvorraussetzungen undogmatisch: hier zählt angeblich Elternengagement, Wohnortnähe und durchaus auch Sympathie…). Hier kamen zum Infoabend 30 Eltern, 6 Plätze gibt es, entschieden wird erst im April.

Seit Jahresbeginn renne ich von einem Kindergarten zum nächsten. Vom Krippenplatz für Risiko will ich gar nicht anfangen, haben wir hier doch immerhin den unschätzbaren Fuß-in-der-Tür-Vorteil von Raketes Krippe, auch wenn die tägliches Hin-und-Her-Fahren bedeutet.

Ich werde dann wohl mal Vollkornmehl und Rohrohrzucker kaufen und eine siebenstöckige Möhrentorte backen. Die bringe ich dann im Kinderladen vorbei. Wöchentlich, wenn es sein muß.


10 Näschen reingesteckt bei “Max und Ali und der Kita-Platz”

  1. Wolfram sagt:

    Was haben wir es gut in Frankreich: ab drei Jahren Schule, für alle, und aussuchen kann man sich die meist auch nicht…

    Viel Erfolg, und vielleicht wirds ja doch der evangelische Kindergarten? Wir haben damit über zwei Generationen gute Erfahrungen gemacht.

    • stilhäschen sagt:

      Wegen mir: gerne! Danke fürs Daumendrücken. (Hab’ ich’s erwähnt? Rakete und ich gehören ja sogar zum Verein. Nicht, daß das irgendwas an der Warteliste ändern würde…)

  2. Oliver sagt:

    Wir wohnen in einem großen Neubaugebiet in Frankfurt und Kindergärten gibt es eine Menge, es werden sogar noch neue gebaut. Aber unser kleiner Krieger wird erst im September 3 Jahre alt und daher hat er eben Pech gehabt. Wer zu spät kommt, bekommt erst ein Jahr später die Geschenke. Dabei wären wir froh, wenn er irgendwo einen bekäme, es müßte ja gar nicht der sein, der 50 Meter von uns entfernt liegt und in dem schon seine Schwester war. Das wäre zwar das Optimum für uns und aus Ökobilanzgründen und Zeitmanagement und so überhaupt. Aber das verlangen wir ja gar nicht. Aber doch irgendwo. Nee, der Jung ist eben zu spät geboren und muss jetzt ein Jahr warten. Er wäre dann zwar schon 4 Jahre alt und bräuchte eigentlich jetzt bereits dringend gleichaltrige Kinder um sich herum. Aber wo kämen wir denn dahin, wenn nicht die Kinder des ersten Halbjahres bevorzugt werden würden? Das Leben ist eben ungerecht und das müssen die Kleinen schon mal früh lernen. Oder zumindest die Eltern. Schließlich wußten schon Adam & Eve, dass auch auf dem Ponyhof ab und zu geschlachtet wird.

    Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

    • stilhäschen sagt:

      Ja, Oliver, das ist auch hier wohl eins der Minuskriterien: wenige Tage zu spät geboren, jedenfalls für den Kindergarten. Danke auch. Da fragt man sich schon, wem sowas nützt: im Zweifel den Verantwortlichen, die nachweisen müssen, es gebe genügend Plätze. Wie die benötigten gezählt werden, ist dann nämlich Auslegungssache und schwupps, passt die Hose. Plazten könnte man!

  3. timanfaya sagt:

    … den beitrag haben sie doch aus meinem kopf geklaut!

    es ist wirklich alles identisch. zwei arbeitende die darauf angewiesen sind, nur absagen – und die aussicht auf 2013. hintergund: bevorzugung von geschwisterkindern und dem umstand, dass das kind zwei wochen vor errechentem geburtstermin keinen bock mehr hatte. wäre er „pünktlich” gewesen, wäre er u3 [dieses jahr bevorzugt] und wäre „dabei” [u3 heißt ja nicht real u3, stichtag ist der 1.november …]. in unserer stadt [200.000 ew] fehlen dieses jahr laut zeitung etwa 200 plätze. na dann …

    • stilhäschen sagt:

      Das ist interessant – wäre er jünger, er wäre versorgt? Das ist hier ja andersherum: wäre sie nicht im September, sondern August geboren, gälte sie für die städtischen Einrichtungen mit gerade drei als „vierjährig” und bekäme eher einen Platz, damit sie vor der Schule überhaupt nochmal den Kindergarten sieht. Lustigerweise ist hier in Bayern Stichtag für die Einschulung der 30.September, d.h. sie wird auf jeden Fall 2015 eingeschult. Und hat dann, wie es nur Septemberkinder können, nur zwei Jahre Kindergarten gehabt. Super-Rechnung von der Stadt.

      Die allerdings nicht mehr aufgeht, da wir mittlerweile alle Hebel in Bewegung gesetzt haben und möglicherweise doch einen Platz ergattern konnten. Vor Vertragsunterschrift will ich aber noch nicht jubeln.

      Übrigens, was ich mittlerweile weiß:
      1. das Recht auf Kitaplatz ab 3 Jahren ist einklagbar – und zwar ab dem Monat, in dem das Kind 3 wird.
      2. Jedenfalls hier gibt es wohl die Möglichkeit, daß das städt. Jugendamt, wenn es selbst keinen Platz in Wohnnähe bereitstellen kann, einer beliebigen Einrichtung die „Härtefallerlaubnis” zur Überbelegung (incl. Förderung) erteilt. Kann ab ca. drei Monate vor Beginn des Kindergartenjahres in Angriff genommen werden.

      Und dann ist da ja noch – ebenfalls jedenfalls hier – die Sache mit den Mehrfachanmeldungen. Da sich alle überall anmelden müssen, um die Chancen zu erhöhen, werden überall wieder Plätze frei, nachdem die Erstgenommenen sich entschieden haben. Außerdem ziehen auch immer wieder Leute weg und so rückt man immer höher auf der Warteliste. Also, Timanfaya: einfach nicht der Zeitung glauben. Viel Glück noch!

  4. timanfaya sagt:

    seilschaften … ähm, netzwerke helfen auch weiter. gerücht über die mutter der freundin der patentante: in einem näher gelegenen kindergarten zieht angeblich eine familie weg. zeit zwischen erfahren des gerüchtes und auftreffen des expeditionskorps vor ort: 4 stunden. mission accomplished …

    [aber auch noch nicht unterschrieben]

    p.s.: das mit den mehrfachanmeldungen ist hier [nrw] natürlich ganz genau so. seeeeehr nervige angelegenheit. und wir hätten natürlich auch eingeklagt. der haken: du darfts nur 3 mal ablehnen. und erfahrungsgemäß werden natürlich dort die plätze frei, wo eh keiner hin will. es sei denn, der rabauke lernt vorher noch ’ne zweit- und drittsprache, damit er sich vor ort auch artikulieren kann.

  5. Kirsten sagt:

    Wie man’s dreht und wendet. In meiner Lokalzeitung wurde gerade die Forsa-Umfrage veröffentlicht, ob Kinder mit Migrationshintergrund zwangsweise in den Kindergarten geschickt werden sollten – 82% der Deutschen scheinen dafür zu sein.

    Ob jetzt Max oder Ali den Kita-Platz kriegt: Der, der ihn nicht kriegt, wird unglücklich.

    Und das tut mir für Dich leid, weil ich Deinen Blog mag. Aber andererseits tät es mir für Ali auch leid.

    Frau Schröder kann dafür vermutlich nichts, das dürfte eher im Handlungsbereich der Stadt Nürnberg liegen, welche Kinder bevorzugt werden. Frau Schröder würde man nur wünschen, dass sie sich um die Erhöhung der Anzahl der verfügbaren Kindergarten- und Krippenplätze kümmert – was Max, Ali und Sergej, und wohl auch Lena, Gülten und Gosia zugute käme – bin grad sowas von politsch korrekt!

    • stilhäschen sagt:

      Klar isses für jedes Kind bzw. dessen Eltern scheiße, keinen Platz zu kriegen, ob mit oder ohne Migrationshintergrund. Das Problem ist natürlich einfach die Knappheit der Plätze. Aber wie kann das überhaupt passieren, wo es den Rechtsanspruch ab 3 Jahren ja schon länger gibt?
      Was aber eben auch in meinen Augen ein Problem ist: die Ghettoisierung der Migrantenkinder in den Kindergärten unseren Umkreises. Und die hat nicht zuletzt mit den Aufnahmekriterien zu tun.
      Übrigens ist der Vertrag jetzt unterschrieben und die Rakete geht ab September zu den Evangelischen (die auch andere/keine Konfessionen nehmen und bei denen Multikulti schon auch Deutsche integriert). Halleluja!

  6. […] Spielplatz auch spielen kann und nicht nur um Hundescheiße hüpfen und Schimpfworte lernen? Die Suche nach einem Kindergartenplatz für Rakete ging gerade nochmal gut, aber mit der Schule wird der Stress von vorne losgehen, ach, ich will gar […]

Auch kurz das Näschen reingesteckt:

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