Erinnerungen einer Servicekraft (Teil 3 von x): das große Auspacken


Der letzte Teil ist lange her, aber ach. Ich könnte jetzt schreiben daß ich viel zu beschäftigt war, um endlich zum Garpunkt zu kommen oder zu abgelenkt oder zu kaltfüßig, aber die Wahrheit: wieder ach. Eine faule Sau bin ich manchmal eben, und das ist nicht nur nicht gelogen, sondern auch fast so etwas wie eine Überleitung.

Zeit sollte man nämlich haben, das ist ein Grundgesetz und gilt für alles. Fürs Wolkenzählen, für die Familienplanung und fürs Kochen sowieso. Und für ein Schäufele gleich dreimal und erst recht dann, wenn man es für Enzo kocht, denn der schaute streng und strenger zu, wie ich meine Einkäufe auspackte. „Waaasse dasse? Teige für Klösse? Fertige? Nichte deine Ernste.” Ich verwechselte sein Entsetzen noch mit einem Scherz und erklärte ihm, daß ich dafür den Segen meiner Oma habe, die hatte ich extra angerufen wegen des Rezeptes. Sie hatte eine halbe Stunde über die letzten Todesfälle im Dorf referiert und über Kartoffelreiben und über das richtige Verhältnis von rohen zu gekochten Kartoffeln und über Knödelhilfe, die sei unabdingbar und außerdem schon wieder teurer geworden und ich hatte bereits arge Angst gehabt, in meiner neuen Heimat so etwas nicht einmal hoffnungslos überteuert, sondern schlicht gar nicht zu finden, da hatte sie geschlossen: „Aber ach, Kind, du kannst auch einfach Kloßteig nehmen, das merkt keiner. Das hat nichtmal der Onkel Hans gemerkt, damals, 73, bei der Hochzeit von Gerti und Rolf, und das will was heißen. Mußt halt aufpassen, daß genug Bier im Haus ist. Und vergiß bloß das Klößbrot nicht! Ich muß jetzt los, zum Friedhof, in einer halben Stunde ist die Alberts Margarete dran, die kennst du doch noch, die hatte immer die schönen Geranien. Naja, irgendwann ist alles verblüht, denk dran. Und ans Klößbrot!”

[An dieser Stelle muß ich einfach noch etwas einschieben, das gar nichts weiter mit dem Schäufele zu tun hat, dafür aber mit meiner Oma. Die kann nämlich eine verdammt coole Sau sein, und damit paßt das doch wieder hierher.
Meine Oma war Schneiderin, auf einer Singer-Maschine mit Tretmechanismus hat sie die Garderobe ihrer Kinder genäht, später die der Enkel und Urenkel und ich besitze ein Sofakissen von ihr, auf dem hin und wieder die Kugelschreibermarkierungen für die Nähte herausspitzen, denn irgendwann ließen die Augen nach und die Gicht fraß die Finger, aber aufgehört mit dem Nähen hat sie deshalb nicht.
Sie ging arg auf die Achtzig zu, als mir bei einem Besuch einmal eine Einkaufstasche ins Auge fiel, für die jede hippe Berlinerin gemordet hätte: in schlichtem Schnitt, aus schwarzem Cord, zwischen dem das bunt geblümte Innenfutter herausblitzte. Ich bekundete mein Gefallen, in der vagen Hoffnung, die Tasche geschenkt zu bekommen, das hatte oft geklappt, aber diesmal nicht, diesmal baute sie sich auf und voller Stolz erklärte sie, weshalb sie diese Tasche genäht hatte und nicht hergeben könne: „Weißt du, wenn du erstmal in mein Alter kommst, da gehst du nicht mehr dreimal am Tag in den Ort. Da legst du die Sachen zusammen. Und: wenn du in mein Alter kommst, da sterben dir die Bekannten weg, fast täglich ist eine Beerdigung auf dem Friedhof von einem, den man kennt. Und manchmal sogar zwei! Und dazwischen ist dann eine Stunde, was soll ich da machen? Da geh’ ich zur Enzinger und kauf ein bissel was ein, was ich so brauch’. Und dann geh’ ich wieder zum Friedhof. Aber wie sieht das denn aus, wenn man da am Grab steht, alle in schwarz und du mit einer knallbunten Tasche? Da setz’ ich mich immer vorm Friedhof auf die Bank und dreh’ die Tasche um. Und danach wieder.”
Daß man mit der bunten Tasche nicht auf den Friedhof will,  gebongt – aber mit der schwarzen zu den dunklen Klamotten nicht im Ort gesehen werden wollen, das und deren Lösung ist eine Art der Eitelkeit, die mir höchsten Respekt abverlangt. Eines Tages wird diese Tasche mir gehören, und Leute: ich erzähl’ die Geschichte dann jedem, der sich neben mich auf die Friedhofsbank setzt. Versprochen.]

Guten Gewissens also hatte ich den Kloßteig gekauft, auch wenn er aus Thüringen kam, aber fränkischer wäre erst recht zuviel verlangt gewesen und wenn es um zusammenwachsen geht, muß man da schon aus beiden Richtungen dran arbeiten, fand ich. Zumal es tatsächlich keine Knödelhilfe gab. Daß ich beim Blaukraut ebenso lax zum Fertigprodukt griff, verdankte ich ebenfalls dem eingeschränkten Sortiment, im Umkreis von drei Supermärkten war kein Kohlkopf zu erstehen und mit einem aus dem Zusammenhang gerissenen „das merkt keiner, nur genug Bier!” im Kopf kauft sich’s dann doch recht einfach ein.

Enzo dagegen war auch durch die zwei Taschen voller Bierflaschen nicht zu beruhigen. „Rotekohl aussem Glasse! Icke bitte dicke!” rief er, stapfte in den Keller, kam mit einem Kopf unterm Arm zurück und sah mich entsetzt: „Enzo, ganz ehrlich, ich weiß gar nicht, wie man Blaukraut macht. Das dauert doch ewig und meine Oma sagt…”
„Nixe gegen deine Oma, aber dasse macke ick und die Klöße auck!” Ich muß die Augenbrauen hochgezogen haben, da zischte mir die bengalische Küchenhilfe zu: „Er hat in Schwaben gelernt. Aber erinner’ ihn nicht dran, sonst gibt’s wieder wochenlang nur Wild.” Ich sah wieder zu Enzo, der stand da, grinsend, die Arme in die Seiten gestemmt, kampfeslustig, und ich wußte: wenn ich ihn ließe, hätte er gewonnen, 2 zu 1, Beilagen gegen Fleisch, das konnte ich nicht auf mir sitzen lassen.
„Okay, Enzo. Du machst das Blaukraut, aber mit Äpfeln und Nelken! Und meinetwegen den Kloßteig. Aber danach übernehme ich. Am Ende machst Du das Klößbrot nicht rösch genug.” In dem Moment war mir gar nicht bewußt, was das für eine Frechheit dem Chef gegenüber war, aber Enzo antwortete „Inne Ordnunge. Wasse iste Klößbrote?!” und ich hatte gewonnen.

kloessbrot.jpg


4 Näschen reingesteckt bei “Erinnerungen einer Servicekraft (Teil 3 von x): das große Auspacken”

  1. katha sagt:

    Wieso geht das nicht weiter? Da kann doch jetzt nicht Schluss sein! Was war dann? Ist Enzo tot und du musstest die Tasche umdrehen? Man wusste es nicht. Verwirrt: Katha.

  2. stilhäschen sagt:

    Tja, Katha, das nennt man wohl Beefhanger. Oder so.
    Ich hoffe ja selber, daß der nächste Teil schneller kommt.

  3. Rufus sagt:

    Ach was, eine faule Sau ist doch jeder von uns Mal – gut, dass ich Dich doch noch abonniert habe und nicht zu faul zum Lesen war … :)

  4. […] ich kann da gar nichts für. Und auch dieses Mal kann ich nicht direkt dort anknüpfen, wo ich das letzte Mal aufgehört habe, meine Erinnerung ein einziger Filz, alles miteinander verwalkt, da kann man keine […]

Auch kurz das Näschen reingesteckt:

Sollte Dein Kommentar nicht an den beiden Türstehern Akismet und SpamKarma vorbeikommen, obwohl Du nicht für Deinen Viagrashop geworben oder Nacktbilder Deiner Oma angepriesen hast: bitte kurz per Mail (info[ät]stilhaeschen[punkt]de) melden, dann fisch' ich ihn gern von Hand raus. Danke.