Archiv vom 4.8.2016

Total normal. Oder?

4.8.2016

Ich hatte es schon mehrfach erwähnt: wir wohnen nicht in einem Einfamilienhaus im Speckgürtel, wir wohnen zentrumsnah in einem Viertel, das als Multikulti gilt, als Künstler- und neuerdings auch Hipster-Stadtteil. Das linke Stadtteilzentrum spricht seit Jahren von Gentrifizierung, tatsächlich wuchsen in den letzten Jahren ein paar überteuerte Edelstadthäuser aus dem siffigen Boden.
Der Rest aber sieht aus wie Berlin-Mitte in den Neunzigern: Altbauten, Graffittis, Eckkneipen, internationale Spezialitäten und Szeneläden. Wir leben hier schon länger als der aktuelle Boom und wir leben hier gerne. Wir leben in der Wohnung, in der vorher des Möhrchenprinzen Oma ihr Leben verbrachte. Und bisher hatten wir keinen Zweifel, daß wir hier hergehören. Bisher.

Bisher dachte ich auch, wir wären total normal. Durchschnitt. Mama, Papa, zwei Kinder. Wunschkinder. Zwei Jobs, das Geld reicht fürs Leben und zwei, drei Wochen Urlaub (Autofahrt, einfache Ferienwohnung) im Jahr. Der Kinderkram ist meist Secondhand. Was wir wirklich brauchen, können wir auch finanzieren, aber z.B. ein Mittelklasseneuwagen oder sechs Wochen Thailand (was halt so für andere normal ist…) wären nicht so ohne weiteres drin.
Mit unseren Kindern gehen wir raus (Spielplatz, fahrrad-, rollschulfahren…) oder basteln und spielen mit Ihnen (wenn sie sich nicht gerade alleine beschäftigen). Ab und zu gibt’s Sandmännchen oder Die Sendung mit der Maus im Fernsehen. Wir beantworten Fragen, erklären die Welt, lesen Bücher vor und jeden Abend eine Gute-Nacht-Geschichte.
Ich finde, so sollte NORMAL sein. Nicht weil alle sein sollten wie wir, sondern weil ich fest daran glaube, daß Kinder so die beste Möglichkeit haben, zu denkenden und fühlenden Menschen zu werden. Zu einem tragenden Teil der Gesellschaft.

Mindestens unsere finanzielle Situation ist in unserem Stadtteil leider nicht normal. Und das Verständnis von Erziehung offensichtlich auch nicht… (erschwerend kommt hinzu, daß dann auch noch viele Kinder nicht ausreichend Deutsch können – trotz umfassender Sprachförderung in den örtlichen Kindergärten. Offensichtlich werden diese häufig nicht einmal regelmässig besucht, wie die Erfahrungen der Grundschullehrerinnen belegen…)

Das wurde mir im letzten Jahr – Raketes erstem Grundschuljahr – schmerzhaft klar: Wir sind nicht normal. Wir sind nicht Durchschnitt. Wir sind Aussenseiter. Und damit komme ich nicht recht klar.

(Klar gibt es in unserem Umfeld auch Familien, die so ticken wie wir, die ähnliche Werte haben. Das wissen wir. Einige davon kennen wir ja. Ich nenne diese Familien jetzt einfach mal Fww (Familien wie wir). Die haben z.T. auch „Migrationshintergrund”, sprechen aber (auch) deutsch. Aber die meisten davon kennen wir aus dem Kindergarten, der da sehr homogen zusammengesetzt ist. In der Schule gehen die zahlenmässig unter.)

Rakete geht nach der Schule in einen Hort, in dem von 50 Kindern bisher 3 aus „Familien wie uns” kommen. Sie fühlt sich wohl dort, ich habe ein gutes Gefühl bei dem dort arbeitenden Team, manche Kinder sind in meinen Augen krass (aggressiv, laut, unsozial), aber was sollen wir da tun? Die Alternative ist einen Job aufgeben… solange Rakete dort also gerne hingeht, lassen wir alles wie es ist (und denken, wir können sie ja eh nicht ewig beschützen vor der Welt).

Und dann kommt so ein Gespräch beim Abendessen:

Risiko: „Wir sind im Kindergarten eine echte Wehtu-Gruppe. Dauernd tut sich einer weh.”
Rakete: „Nee, der Hort ist eine echte Wehtu-Gruppe. Da tun sich alle gegenseitig weh.”
Ich: „Dir auch?”
Rakete: „Nee, nur die Jungs. Halt, stimmt nicht, auch Mädchen hauen. Aber ich mach da nicht mit. Aber stell Dir vor, wenn ich so mache”, sie hebt die Hand, „dann rennen manche gleich weg! Obwohl ich ja gar nicht schlagen will, sondern zum Beispiel so…” Sie macht mit dem Arm eine Windmühle. Ihr Blick ist ratlos. Sie versteht das nicht.
Ich versuche zu erklären: „Weißt Du, vielleicht gibt es Kinder in Deinem Hort, für die ist eine erhobene Hand das Zeichen, daß sie gleich geschlagen werden. Es gibt nämlich zum Beispiel auch Eltern, die ihre Kinder schlagen…” Ich fürchte, Sie zu erschrecken. Kann sie sich das vorstellen?
Ich erwarte Unglauben, aber vollkommen cool antwortet sie: „Weiß ich. Zum Beispiel die Mama von der Shayleen aus der dritten Klasse. Da hat die Shayleen mal einen Fünfer gehabt, da haben die im Hort ihren Papa angerufen, daß der sie abholt, damit die Mama sie nicht wieder haut.”

Ich bin schockierter als ich sie erwartet hatte. Wenn das für Rakete schon normal ist, was bekommt sie sonst so mit? Und redet sie mit uns darüber deswegen nicht, weil es für sie eben normal ist? Da isses wieder, das Wort: NORMAL.

„Rakete, das finde ich aber ganz schön schlimm! Du weißt, daß Shayleens Mama das nicht darf, oder? Und daß wir das nie machen werden!”

Sie nickt. „Dafür haben wir halt keine Playstation.”

Und ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll.


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