Archiv vom 18.11.2011

Übrigens: alles ist immer ganz anders.

18.11.2011

(gewidmet allen frischgebackenen Eltern)

Die Rakete wurde vor zwei Monaten zwei. Und jetzt rufen wir alle zusammen: „wie die Zeit vergeht!”.

Ja, das tut sie, und ja, bei jedem Anblick eines Neugeborenen sind wir uns sicher: so klein war unsere nieeee.
Gerade kann sie unheimlich niedlich sein (wenn sie morgens im Bett auf die Frage „was machen wir heute?” begeistert antwortet: „essen!”), aber, und jetzt ist’s vorbei mit dem Harmoniegeschwalle und dem Muttersein-Idyll: sie kann einen auch in den Wahnsinn treiben. Wenn man Einkäufe in den dritten Stock schleppt und sie sich weigert, selbst hochzulaufen, obwohl sie das längst locker kann. Wenn sie abendessen will, die Nudeln aber noch kochen müssen. Wenn Zähneputzen angesagt ist. Und bei zig Gelegenheiten mehr.

Nein, es ist nicht immer Sonnenschein, beileibe nicht. Natürlich haben wir das auch nicht erwartet, ganz bekloppt ist man ja auch nicht. Aber ein paar Dinge sind in echt einfach schlimmer als als Vorstellung und müssen jetzt doch mal raus. Solange sie noch warm sind, quasi – denn spätestens in ein paar Jahren werde ich doch wieder alles verklären und auf einmal war alles superprima. Gegen das Vergessen also!

Da ist zum Beispiel die Sache mit der Krippe. Seit sie ein Jahr alt ist, wird unsere Rakete viermal die Woche dort „fremdbetreut”, und genauso sagen das viele andere Muttis anklagend, deren Lebensentwürfe anderes vorsehen.
Ich überspringe jetzt mal das Thema „Krippenplatz finden”, das ist ein Kapitel für sich und schwieriger als im Kopfstand mit Skistiefeln an den Händen rohe Eier zu schälen (und ob das ab 2013 tatsächlich kein Thema mehr ist, wage ich zu bezweifeln, aber hallo). Wir haben das geschafft und tatsächlich gedacht, das wäre das schlimmste gewesen, ab jetzt alles easy. Man ahnt: Pustekuchen! Mir persönlich hat erstmal das Getrenntsein vom Kind schier das Herz zerissen – damit hätte ich nie gerechnet, habe ich mich doch sogar gefreut aufs Wieder-Arbeiten, auf Zeit ohne Klötzchen am Bein. Aber Mutterhormone können gnadenlos sein, ich habe eigentlich zwei Wochen nur am Schreibtisch geheult. Ich! Dabei wusste ich doch genau, daß die Kleine sich in der Krippe pudelwohl fühlte, daß ich ihr zuhause nicht im Ansatz so viel Abwechslung und Anregung bieten könnte und, ganz ehrlich: auch gar nicht mehr wollte. (Kurzer Exkurs: So ein Neugeborenes ist schon auch eine Aufgabe, aber es muß einen nicht vollzeit beschäftigen. Da sind immer ein paar Stunden, in denen es schläft oder zufrieden ist, vom Boden aus zuzusehen, was die Großen machen. Um den ersten Geburtstag herum bzw. die ersten Schritte – bei uns mit etwa zehn Monaten – wurde das deutlich anders: dann ist nix mehr mit Putzen/Kochen/Schreiben/Lesen, dann will das Kind beschäftigt sein. Oder wenigstens beobachtet bei seinen Kletter- und Erkundungstouren. Da ist Vollzeitbetreuung angesagt, jedenfalls war’s so bei uns. Und da hat mir am Ende des Tages schon gerne mal ein persönliches Erfolgserlebnis gefehlt.)

Aber Hormone sind nicht das einzige Problem… mitnichten nämlich kann man auf einmal planen, wann man arbeitet, auch wenn das Kind zu festen Zeiten betreut wird. Uns zum Beispiel hat das erste halbe Jahr mit Krippenkind ein ordentliches Stück Gesundheit gekostet. Zu guten Zeiten triefte mal nur eine Nase, zu schlechten Zeiten lagen wir alle drei flach. Es gab, ungelogen, in diesem halben Jahr keine einzige Woche, in der alle gesund gewesen wären! Die Kleine hat das noch am besten weggesteckt, sie konnte meist mit rotziger Nase in die Kita, um dort die nächsten Bazillen einzufangen und uns zuzustecken. Meist war einer der großen mächtig krank. Viel war da nicht mit geregelter Arbeit…

Ja sicher, immerhin haben wir einen Krippenplatz, und gottseidank ist die Rakete gesund, das alles könnte man also reinen Gewissens Jammern auf hohem Niveau nennen, aber so ist das ja gar nicht gemeint. Es ist halt nur alles so viel anders als ohne Kind! Wie oben schon erwähnt: ich schreibe das auf, um mich dran zu erinnern.
Und nächstes Jahr dann, wenn da noch ein Kind mehr ist, das Aufmerksamkeit braucht („Rakete! Playmobil raus aus dem Toaster!”) und den Lebensorganisationsaufwand verquadrupelt, dann lese ich das mal und lache kurz. Um anschließend zu heulen und nicht dazuzukommen, die neue Situation mal kurz niederzuschreiben, vermutlich. Noch 90mal durchschlafen stündlich nur zum Pinkeln aufstehen. Drei Monate Entspannung.


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