1 | 2011

Werbung zum Würgen.

29.1.2011

Is’ ja so’n Ding mit dem Ekel: macht erst Spaß, wenn’s auch andere schockt. Und weil ich die Fotosammlung von Raketes schönsten Windelfüllungen, ihren dicksten Popeln und den größten Ohrenschmalzkugeln noch nicht online stellen will – wer weiß, was da noch hübsches kommt – möchte ich heute wenigstens zwei Kampagnen mit meiner Leserschaft teilen, die mich echt zweifeln lassen an einem großen Teil der Menschheit.
Ich will da gar nicht nur gegen die Werber hetzen, die so einen Blödsinn verbrechen – genauso bekloppt sind ja die Entscheider, die so einen hanebüchenen Unfug durchwinken. Und am bescheuertsten ist ja wohl die breite Masse, die die Produkte solcher Hohlschädel auch noch kauft.

[Hier kommt eigentlich ein Foto der aufgeschlagenen Zeitung mit der Anzeige, aber technische Gründe hindern mich. Nehmen Sie stattdessen bitte erstmal mit diesem Bild vorlieb, wenn Sie starke Nerven haben. Daß in meiner Anzeige die Dame duschend unterm Wasserfall steht, stellen Sie sich einfach vor.]

Über dieses Produkt will ich mich jetzt gar nicht erst auslassen („Und die Ladydusche geb’ ich nicht mehr her”, lächelt die Dame im Webseiten-Showroom, ein Schelm, wer dabei denkt…), ich rege mich schon über die Anzeige so auf, daß der Leser sich getrost schon mal ein paar Sorgen machen kann um meine Pumpe.
„Ich liebe Wasser, weil es so ist, wie es ist.”, sagt Melanie Wininger. Die mußte ich jetzt erst googeln, aber das hat nichts zu sagen. Trotzdem: muß man eine kennen, die freiwillig Werbung macht mit einem Statement, das an Leere vermutlich nicht einmal von Verona Dingenskirchen zu überbieten ist? Das Internet spuckt noch mehr aus: ach, Barbara Becker ist das zweite Gesicht der Kampagne. Nach diversen Versuchen als „Designerin” (schon wieder könnte ich abzweigen und mich noch weiter aufregen über das Schindluder, das mit dem Begriff „Design” getrieben wird, gerne von
kreativitätsbefreiten Nagelstudiotrinen oder eben Promiblunzen, die mal eben ihren Namen auf Klamotten, Tapeten, Schmuck schreiben können) ist das konsequent: sie verdient halt weiter ihr Geld mit Scheiße. Hauptsache, der Copywriter redet schön um dieses Wort drumrum.
„Wasser ist mit nichts zu vergleichen. So frisch, so sanft und trotzdem kraftvoll. Wasser, das ist natürliche Reinheit. Erleben Sie das Prinzip Wasser mit Geberit Aqua Clean.” Oben der Kopf der Dame unterm Wasserfall, dann dieser Text, alles klar, es geht ums Duschen. Erst das kleine Foto eines WCs mit dem Claim „Geberit AquaClean – das WC, das Sie mit Wasser reinigt” lässt erkennen: Duschen ja, aber da, worüber man nicht spricht. Da erzählt also der Text, wie super Wasser ist. Jau, toll, das sehen wir ja alle so, da habt Ihr den Verbraucher ja voll da abgeholt, wo er steht. Prima!
Aber hey: Wasser ist übrigens auch verdammt kostbar. Womöglich gibt es in naher Zukunft schon Kriege drum. Und Ihr nehmt’s zum Arschabwaschen und zelebriert das auch noch, als sei das nicht Deppenluxus, sondern ganz normal. Ihr seid einfach nicht zu retten.

[Luftholen. Zwischendrin luftholen. Und wieder aus-]

Und das zweite? Da geht’s nicht direkt um Kaufen, höchstens ums Abkaufen. Wähler binden will die CSU da mit einem Spot (wer sich traut: Eimer bereitstellen, Link klicken, dann das derzeit zweite Video, das grüne, ansehen), bei dem die süßliche Stimminterpretation des Sängers noch das kleinste Übel ist. Klar, hihi, das ist voll lustig gemeint, ich weiß schon, aber das ist auch Mario Bart. Humor ist, wenn man trotzdem lacht? No way. Ich schlag’ mir jetzt noch ein paar Minuten den Kopf blutig an der Schreibtischkante. Und dann kotz’ ich in die Ladydusche.


Kabinettstückchen

22.1.2011

So ernst nahm noch nie ein Minister sein Ressort: Kristina Schröder ist schwanger. An sich ja schön und nicht unmutig, aber das wird die Dame nicht auf den Boden der deutschen Familienrealität bringen. Aufregen könnte ich mich, aber das hat ja Su Holder vom Fritz-Radio schon so schön gemacht (ihr Arbeitgeber fand ihren deutlich als Einzelmeinung gekennzeichneten offenen Brief leider untragbar, und so ist er nur noch auf verschiedenen Blogs, z.B. hier oder hier zu lesen).
Ich habe nichts hinzuzufügen. Außer vielleicht: wow, was ich mich auf die öffentliche Diskussion übers Stillen (bzw. was für eine Rabenmutter eine ist, die das nicht tut) freue. Da Frau Schröder wohl kaum ein halbes Jahr zuhause bleibt , und wohl noch kaumer das Baby mit in den Bundestag nimmt, ist ihr ein öffentliches Zerfetzen durch die vereinigten Gutmuttis der Republik gewiss. Da braucht’s gar kein Wasser in den Beinen. Viel Spaß!


Sentimentalkeramik

6.1.2011

Ich war noch sehr klein, vielleicht vier oder drei oder noch kleiner. Ich erinnere mich ja noch nicht mal genau – zum Beispiel wer da eigentlich zu meinen älteren Geschwistern kam, geschweige denn warum. Vielleicht hatte eines Geburtstag, jedenfalls ging es irgendwie um Geschenke und aus Höflichkeit (oder weil jemand wußte, wie unerträglich kleine Kinder nerven können, wenn sie vermeintlich benachteiligt werden) bekam ich auch eines. „Aber das wäre doch nicht nötig gewesen!”, meinte meine Mutter, aber das war natürlich Quatsch. Sehr nötig war das gewesen, so ein prima Geschenk für mich alleine, ein Geschenk, von dem zunächst nur Cellophanfolie zu sehen war, in Tausende Falten gelegt, zusammengehalten von ein paar Locken Geschenkband.
Aber ich ahnte ja bereits, daß die Überraschung süß sein würde, der kleine Aufkleber auf der Folie verriet es, ich kannte das Logo, vermutlich von Schokoweihnachtsmännern: „Gubor” stand drauf, und Gubor-Schokolade war auch drin (letzteres kann als gesichert gelten; das Logo auf der Folie könnte bei genauerem Nachdenken möglicherweise auch das einer örtlichen Konfiserie gewesen sein. Nein, ich finde es nicht schlimm, daß ich mich da jetzt nicht genau festlegen kann. Eher, daß ich mich überhaupt an so etwas noch erinnere, wohingegen, ach, vergessen wir’s.) , als die Folie endlich verloren hatte gegen meine gierigen kleinen Wurstfinger. Schokolade und Bonbons, gefüllt in eine Tasse mit Schäfchen.

Ein weißes und ein schwarzes Schaf und zwischen ihnen ein seiltanzendes Mäuschen; als ich zuhause auszog, fand ich sie wieder in einer Poltergeschirrkiste und nahm sie mit, von einer Wohnung in die nächste, von einer Stadt zur anderen.

Gut 30 Jahre nachdem ich sie geschenkt bekommen hatte, stand sie immernoch in meiner Küche, gespült im Schrank ganz vorne, und ich hatte ein paar Leute zu Besuch und ich kochte Kaffee und sagte einem jungen Mann, er könne ja schon mal die Tassen holen. Er öffnete den Schrank, juchzte, drückte die Schafe an sich und rief: „Das ist meine Tasse! Wie kommt die zu dir? Die ist aus meiner Kindheit!”
Jedes Mal, wenn er bei mir war, bestand er auf diese Tasse, notfalls spülte er sie schnell noch ab. Ich mochte den Gedanken, daß er sich bei mir zuhause fühlte, und die Tasse dafür auch immer mehr.

Heute stehen die Schafe in unserer gemeinsamen Küche und die Rakete bedenkt sie regelmäßig mit Tierlauten (oder was sie dafür hält). Mal sehen, ob die Tasse überhaupt vierzig wird.

[Und warum soviel Langeweil-Content zu Jahresbeginn? Weil: vielleicht besser als gar nix. Andere können Blogs übrigens ohne zu nerven*. Zum Beispiel freut sich da drüben Frau Liebe über Flohmarktfunde, und die Katzentasse ist aus derselben Serie, das traue ich mich wetten, die hatte nämlich meine Schwester gekriegt.
* Wieder andere nicht, da draußen gibt es Muttis, deren größte Sorge drei Kilo zuviel sind oder daß ein neugeborenes Mädchen unmöglich im hellblauen Schlafsack ihres Bruders schlafen kann. Aber darüber rege ich mich ein andermal auf. Irgendeinen Vorsatz braucht man ja. Frohes Neues übrigens!]


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