Archiv vom 16.7.2009

Blick zurück nach vorn

16.7.2009

Ich war wohl um die dreizehn und ich habe es gehasst. Alles war doof uncool und ich mittendrin, die Königin derer, die immer knapp am Dazugehören vorbeischlidderten.
Die Lässigen waren in den Klassen über mir, sie trugen zerfetzte Jeans und Springerstiefel („12-Loch, drunter ist für Babies!”), rote Schnürsenkel und SLIME-T-Shirts. Und sie ließen sich von Mama lieber um die Ecke als vorm Schultor aus dem Mercedes rauslassen. Klar, daß einer von Ihnen der Traum meiner schlaflosen Nächte war – nur wie rankommen? Wie ansprechen?

Schmeicheln geht immer. Laß jemanden den Wissenden rauskehren können und du bist auf dem besten Weg. Ich also nahm all meinen Mut zusammen und fragte ihn, halb ein bißchen aus Kalkül und den Rest aus echter Unwissenheit: „Du-hu, sag mal, was heißt denn eigentlich dieses umkringelte A, das ihr überall hineddingt?”„Na, Anarchie!” – „Und was ist das, bitte?”

Und dann erklärte er mir bereitwillig, wofür er und seine struppigen Freunde so einstehen: „Anarchie ist, wenn jeder alles darf. Wenn es keine Gesetze gibt. Und keine Polizei, die sie durchsetzt.” Soweit klang das ja in meinen Ohren immer noch ganz schön klasse. Und der letzte Satz irritierte mich kaum, denn mal ehrlich: nicht viel wünschte ich mir sehnlicher. „Wenn ich dir und jedem anderen Mädchen einfach an den Arsch greifen kann und niemand kann mir was tun dafür.”

Also begann auch ich irgendwann, meine Jeans zu zerreissen, meine Haare zu verfilzen, aus Prinzip verschiedene Socken zu tragen – was man halt als behütete Jugendliche so macht, um anzuecken. Ich ließ mir von meinem neuen Idol Kassetten mit mäßig witzigem Funpunk überspielen und hütete sie wie Schätze (Kennt jemand noch die Abstürzenden Brieftauben? Mein Beileid.), aber bei alldem war ich gemäßigt as hell, und niemals prangte as eingekringelte A auf meinem abgewrackten Armeerucksack. Ging ja schließlich nicht mehr raus und warum hätte ich eigentlich Mädchen an den Hintern greifen sollen?

Schalala

Daran habe ich mich erinnert, als sich vor ein paar Tagen in meinem Viertel bei einem Straßenfest schwarz und zerrissen gekleidete Jugendliche mitten auf einer (verdammt winzigen) Straßenkreuzung niederliessen, „reclaim the streets” auf den Teer sprühten und sich irre rebellisch vorkamen dabei. Ich erinnerte mich, daß ich auch mal so war und ich ging vorbei, froh, aus dem Alter rauszusein und aus dem permanenten Protest, und vermutlich auch mit einer Art von Mitleid im Blick.

Später brannte dann ein Feuer auf der Straße, Polizei kam, es gellten „fuck the police”-Rufe und es flogen Bierkrüge und ich stand oben am Fenster, und diese Art Mitleid wurde zu einer Art Scham und zur Erkenntnis:
Heute bin ich froh um eine Polizei, die kommt, wenn es zu wild wird und heute würde ich sie sogar selbst rufen. Ich habe die Seiten gewechselt und ich hab’ es nicht gemerkt. Nicht gemerkt, weil es sich richtig anfühlt. Genauso richtig wie vor Urzeiten der mickrige Protest schien war.
Für die da unten bin ich jetzt eine von denen, die ich selbst einmal verachtet habe für ihr angepaßtes Leben, für ihre Langeweile, für ihren kleinen Kosmos. Aber ich fühle mich so gar nicht eintönig dabei, so gar nicht schal, so gar nicht arm.

Ein bißchen Angst macht das schon. Kann ich bitte einfach auf diesem Level stehenbleiben? Oder es wenigstens merken, bevor ich mir fürs Auf-die-Straße-Gucken ein Kissen auf die Fensterbank lege? Das wäre toll. Danke.

[Ach ja: der Arschgrabscher ist heute übrigens verheiratet und wohnt im Villenviertel. Bleiben offensichtlich viele nicht bei den Überzeugungen ihrer Jugend.]


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