Archiv vom 16.6.2009

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16.6.2009

Unlängst bin ich ja umgezogen, ein ordentliches Drama hab’ ich wieder draus gemacht, Millionen Kisten so lange leer vor mir hergeschoben bis schließlich die Zeit mit dem Recyclinghof drohte, aber ums Drücken geht es gar nicht, es geht ja immer nur ums Trotzdemschaffen.

Jedenfalls stand ich dann irgendwann vorm Bücherregal und packte ein und blätterte ein bißchen und packte dann doch weiter und ab und zu warf ich weg sortierte ein wenig (in „wichtig”, „nicht gar so wichtig” und „trotzdem”)  und irgendwann fiel mir auf: hey, das ist ja fast nur noch Fachliteratur, hatte ich nicht auch mal Romane? Auf Anhieb fielen mir einige Titel ein, die ich sicher einst besaß, die sich aber nicht im Regal fanden, kein einziger. Daß ich sie weggeworfen, verkauft oder alle auf einmal verliehen haben könnte, war unmöglich, ich bin Behalter durch und durch, so etwas passiert mir nicht.
Die Liste der fehlenden Bücher in meinem Kopf wurde lang und länger, es wuchs ein beinahe körperliches Bedürfnis, jetzt! sofort! zu wissen, wo die Worte lagen, die mich geprägt hatten, damals, als ich auf dem Papier schon erwachsen war, aber sonst noch gar nichts. Ich wollte jetzt! sofort! wieder die Biografie von Rio Reiser lesen, den Bericht einer Revolution von einem, der da zufällig reingerutscht war; wollte in Selim Özdogans Sätzen verreisen wie damals in der Hängematte auf dem WG-Küchenbalkon; wollte mit Kemal Kayankaya durch Frankfurt streifen und wollte sogar nochmal die ganzen Popliteraten durchblättern, nur um zu merken, daß ich tatsächlich gereift bin mittlerweile, daß ich mich nicht mehr gar so blenden lasse von Namen und Ranglisten. Sondern einfach so kaum mehr lese, Schande über mich.
Sie waren also weg, all die Bücher, um einige reute es mich ordentlich, aber zu machen war ja nichts. Nur: weiterpacken.

Der letzte Akt des großen Umzugstheaters war das Räumen des Kellers. So viel war das gar nicht: ein paar Fahrradteile, einige Möbelstückchen, eine Menge unbezeichnetes Papier, ein paar Pappkartons – das war alles direkt beim Einzug vor fünf Jahren in das Abteil gestellt und seitdem nicht mehr angerührt worden. Und vorher waren die Kartons auch schon ein Jahr in verschiedenen Garagen gestanden, mitsamt ihrem Inhalt: Schulunterlagen, schlimme Klamotten, die Kiste mit den Pumuckl-Schallplatten – und ganz im Eck stand die mit den ganzen Büchern. Sie hatte einmal Feuchtigkeit abbekommen, aber viel Platz hatten die Seiten nicht fürs Welligwerden, zu eng waren sie in die Bananenkiste gesteckt. Da also war sie, meine Vergangenheit als Leseratte, sechs Jahre verschollen und kein bißchen vermisst.

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Für sieben Tage Urlaub sollten sieben Bücher reichen, dachte ich mir und die Auswahl fiel schwer. Geschafft hab’ ich dann nichtmal das erste, aber viel frische Luft haben die leicht modrigen Seiten abbekommen.

Gruppenbild mit Plörre

2001 war Marc Fischers „Eine Art Idol” erschienen, damals hatte ich es in einem Rutsch verschlungen und die Worte sind noch heute eine wahre Freude, an mangelnder Spannung liegt es nicht, daß es oft liegenblieb – aber Anziehungskraft haben auch Essen und Trinken und Atmen und Leben, und das nicht zu knapp.
Die Sprache ist groß und die Idee brillant (und gar nicht so undenkbar, wie es zuerst klingt: ein „Schattenstaat”, eine große, unsichtbare Revolution, eine schleichende Bewegung, die die Welt verändern will), ich weiß nicht mehr, wie es ausging, aber ich weiß noch, wie ich auf einen Nachfolger fieberte, und auch im Klappentext wird Douglas Coupland zitiert mit „Dieser Autor wird uns in Zukunft noch eine Menge Geschichten erzählen.”

Eine schnelle Suche im Internet ergibt: es wurde noch genau eine (jedenfalls als Buch), „Jäger”, ich erinnere mich an gebanntes Wörterverschlingen. Dieses (Taschen!-) Buch wird heute gebraucht ab 70€ gehandelt und ich weiß, ich hatte es einst.

Nur wo, verdammt?


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