1 | 2009

und wenn wir uns mitten im Leben meinen…

30.1.2009

Der Tod ist groß.
Wir sind die Seinen, lachenden Munds.
Wenn wir uns mitten im Leben meinen,
wagt er zu weinen, mitten in uns.
(Rainer Maria Rilke, Kühlschrankmagnetendichter.)

Ich hab’ ihn nie persönlich kennengelernt, aber Wörter haben wir getauscht und Sätze und bestimmt hin und wieder ein Gefühl. Ich hätt’ ihn gern mal besucht da unten, hätt’ Bier mitgebracht und den guten Schnaps vom Markt und wir wären ohne Dach durch seine Heimat gebraust mit Rainer von Vielen in der Anlage, laut und mit ordentlich Wind im Haar.

Und jetzt ist so ein Moment, wo es keine hohle Phrase ist, wo man, was man eh schon weiß, begreift, als hätte es sich einfach in einen hineingesetzt:
Nichts mehr aufschieben, um Himmels Willen nichts aufschieben!

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Ab jetzt wissen wir, wo die Wolken herkommen: Edi raucht wieder.
Laß es Dir schmecken, alter Gauner. Und danke für alles.


ja freilich, social network.

27.1.2009

Solange sowas bei diesem Web 2.0 rauskommt, hab’ ich wenig Angst vorm großen Bruder.

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[Geht’s noch? Und was soll das „B”? Barschlecken? Könnt ihr haben.]

Mulmig wäre mir erst bei Angeboten wie „Selbsthilfegruppe krankhaftes Kalauern” oder „Wo der Spax aufhört – Befestigungstechnikseminar mit Steinzeitwerkzeug und Sekundenkleber”. Bis dahin: alles easy, liebes Internet.


Erinnerungen einer Servicekraft (Teil 4 von x): jetzt aber. Fast.

14.1.2009

Es ist gar nicht so, daß ich es spannend machen will, ehrlich, die Geschichten werden immer von selbst so lang, ich kann da gar nichts für. Und auch dieses Mal kann ich nicht direkt dort anknüpfen, wo ich das letzte Mal aufgehört habe, meine Erinnerung ein einziger Filz, alles miteinander verwalkt, da kann man keine Faser mal eben so rausziehen, immer kommt ein ganzer Wust mit.

Jedenfalls: ich war ja auch vor Enzo schon mal in der Gastronomie, in einem der moderneren fränkischen Lokale, wie sie seit ein paar Jahren hip und hipper werden, wo man die gutbürgerliche Küche rehabilitiert, wo es Schweiners und Schäufele und Klöß gibt, aber eben auch einen Salat dazu, den man essen kann, der nicht aus monatelang in Essig eingelegtem Wurzelgemüse besteht, das beim Servieren immer noch schwimmt. Das Lokal lag sehr zentral und hatte einen idyllischen großen Biergarten direkt auf der Stadtmauer, die Gäste waren mehrheitlich Touristen, aber ein paar einheimische Stammgäste zog das Schäufele immer wieder an, und das sagt einiges über dessen Qualität.
Dort also hatte ich ein paar Sommer Biere und Teller geschleppt, und als mein Aufbruch gen Norden anstand, da wollte ich noch schnell das Schäufelerezept bergen und mitnehmen, damit in der Fremde wenigstens der Ofen nach Heimat roch.
An meinem letzten Tag dann, das Mittagsgeschäft war vorbei, bis zum Abend noch ein bißchen hin, und die Küchenmannschaft saß entspannt im Garten, das Besteck war sortiert und die Tische gedeckt, da setzte ich mich neben Manfred, den gemütlichen dicken Koch und fragte ihn: „Sag mal, ich geh’ doch weg, da krieg’ ich bestimmt Heimweh, da brauch’ ich dringend das Rezept von dir. Wie macht man bitte Schäufele?”
So kannte ich Manfred nicht. Statt mir gönnerhaft ein bißchen von der großen weiten Küche zu erklären, wurde er rot, sprang auf, brüllte mich an „richtig rum, verdammt nochmal!”, daß es mir den Pony aus dem Gesicht blies und stapfte wutentbrannt davon.
Vollkommen baff und eingeschüchtert fragte ich die anderen am Tisch, was an meiner Frage falsch gewesen sei. „Eigentlich nichts. Nur heute war der vollkommen falsche Tag. Er dachte wohl, du willst ihn verarschen. Weil doch heute morgen die neue Küchenhilfe da war, erster Tag, und die sollte die Schäufele vorbereiten und in die große Backform packen. Naja, und sie dachte, sie wäre besonders schlau und brächte ein paar mehr darin unter, indem sie die (gerne trapezförmigen, Anm. d. s.) Stücke abwechselnd mit der Schwarte nach oben und nach unten schlichtete. Tja, das war’s dann mit dem Probearbeiten.”
Das also war das unmenschliche Gebrüll aus der Küche gewesen, und ich hatte gedacht es hätte sich einer verbrüht. Mit der Schwarte nach unten! Damit die auch ja nicht knusprig wird, eine Todsünde ist das natürlich, und eine unsägliche, unverzeihliche Dummheit sowieso. Verständlich, daß Manfred darüber kein Wort mehr verlieren wollte, es hätte ihn wahrscheinlich zerrissen vor Wut, und so erklärte mir einer der anderen Köche, worauf ich zu achten hätte.

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Originalzettel mit Rezeptfragmenten, Tinte auf Papier, 1998, i.B.d.K.

Enzo war gespannt, das merkte man daran, daß er ganz zu rauchen vergaß, seine Kippe lag auf der Kante des Gasherds und die Asche wurde lang und länger. Ich packte das Fleisch aus, sechs Riesentrümmer halbierte Schweineschulter mit Schwarte. „Das ist die Oberseite”, erklärte ich vorsichtshalber und begann sie mit einem scharfen Messer rautenförmig einzuschneiden. Das ist einer der Momente, wo man für gutes, scharfes Werkzeug tatsächlich jeden Preis zahlen würde.
Dann viertelte ich ein paar Zwiebeln und röstete sie in der Bratenform dunkelbraun (das gibt der Soße die Farbe), gab grobe Stücke Karotten, Lauch und Sellerie dazu, goß mit Wasser und dunklem Bier auf („ein, zwei Daumenbreiten hoch”, hatte der Koch gesagt und seine Daumen hochgehalten, so groß und dick wie Kölschgläser) und stellte die Fleischstücke darauf, die ich vorher in einer Mischung aus Salz, Pfeffer und gemahlenem Kümmel gewälzt hatte. Schwarte nach oben, klar.
„Unde etzte?”, fragte Enzo, und gleichzeitig durchbrach Jesus die Schwingtür mit einem Bündel Bons in der Hand: „Gäste! Vier Tische! Chäss-chän, iss brauch dich etz, raus mittir!”
Ich legte die Schürze ab, wusch mir die Hände, sagte Enzo, daß die Form zwei Stunden bevor wir essen wollen würden in den Ofen müsse, bei 180 Grad, er solle mir dann bescheid geben, und wegen des Klößbrotes käme ich eine Stunde später wieder, dann nahm ich mir ein frisches Brot vom Regal über der Spülmaschine und verschwand in den Gastraum.


Lokaler Kulturtip

12.1.2009

Ich weigere mich immer noch, „Tip” mit zwei P zu schreiben, und dabei habe ich gleich ein bißchen Angst, daß damit auch bald das Herumtragen von Hündchen mit Mäntelchen durch die Karstadt-Feinkostabteilung und Geschimpfe über die viel zu kleine Rente einhergehen.

Und damit zu etwas ganz anderem: „Nürnberg, naja” denkt sich wahrscheinlich gern der Berliner/Hamburger/Kölner und der Schickimickimünchner sowieso, nur die Japaner zücken enthemmt und -zückt ihre Fotoapparate und träumen von Freitod von der Burgmauer, inklusive Runterrollen bis vors Rathaus, am Schönen Brunnen das Leben aushauchen, auf Kopfsteinpflaster, ach, das alte Europa. Und die Lebkuchen.

Mag schon sein, daß Metropole anders geht, aber hier schätze ich sehr, daß die schlimmsten Hardcorekreativindividualistensülzer bereits nach Berlin geflohen sind und den nicht ganz so schlimmen kann man ausweichen. Es gibt sogar Momente, da geht mir das Herz auf, da nenne ich das hier großkotzig Heimat, so sehr berührt mich die motzende Marktfrau oder der Clubfan, der einem Fürther Auto „Fahr ner hamm zu deim Greuderweibla!” hinterherruft.
Es gibt hier nämlich Lichtblicke, nur findet man die nicht sofort. Die Comedy Lounge ist so einer, eine monatliche Veranstaltung, bei der der fantastische Matthias Egersdörfer ein, zwei, drei andere einlädt, mit ihm von der Bühne zu kaspern. Das können lokale Nachwuchsliedermacher sein oder Kabarettisten, die von weit her anreisen, manchmal zünden da Feuerwerke und manchmal merkt man, daß auch Lustigsein ein Handwerk ist, das mancher noch ein bißchen lernen muß. Und im allerbesten Fall spielen sich der Egers und seine Gäste da über ihre Nummern hinaus Bälle zu, daß man denkt: am End’ haben die da noch selber Freude dran.
So einer mit ordentlich Bällen in der Hose ist Götz Frittrang, geistiger Zwilling vom Egersdörfer, die haben sich schon ein paar Mal gegenseitig durch und über so einen Abend geschaukelt, als die Comedy Lounge noch in einer Kellerkneipe und nicht auf einem stählernen Wagen in einer Schlosserei stattfand. Man glaubt gar nicht, daß der vom Bodensee kommen will, man möchte ihm glatt den goldenen Ehrenfranken verleihen, so wie der fleischeslustig herumpoltern kann.

Naja, morgen, am Dienstag, den 13. Januar jedenfalls stehen die beiden wieder zusammen auf der Bühne dem Wagen bei Meister Robrock. Da könnte sich auch eine weitere Anreise nach Nürnberg lohnen.  Wenn man ein, zwei Kisten Bier mit nachhause nimmt, sowieso.


Notiz an mich

10.1.2009

Die Leistung eines Staubsaugers verbessert sich um ca. 8000 Megakilleroléoléfickfuckoversamplingkilowatt, wenn man ihm einen neuen Beutel spendiert. 

[Immer wieder eine Riesenoffenbarung. Alle drei Jahre wieder.]


Kristallklarheit

9.1.2009

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Weißt du, eigentlich gefällt es mir hier ganz gut.

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Und das ist untertrieben. Ich will hier gar nicht weg.

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Da können die Fenster noch so beschlagen, vereisen, verdrecken.

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Denn alles hat sein Gutes: man spart sich die Vorhänge.

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Kuck, es taut. Na gut. Anziehen, Kaffee, Aufbruch.

Noch fünf Minuten.


Erinnerungen einer Servicekraft (Teil 3 von x): das große Auspacken

8.1.2009

Der letzte Teil ist lange her, aber ach. Ich könnte jetzt schreiben daß ich viel zu beschäftigt war, um endlich zum Garpunkt zu kommen oder zu abgelenkt oder zu kaltfüßig, aber die Wahrheit: wieder ach. Eine faule Sau bin ich manchmal eben, und das ist nicht nur nicht gelogen, sondern auch fast so etwas wie eine Überleitung.

Zeit sollte man nämlich haben, das ist ein Grundgesetz und gilt für alles. Fürs Wolkenzählen, für die Familienplanung und fürs Kochen sowieso. Und für ein Schäufele gleich dreimal und erst recht dann, wenn man es für Enzo kocht, denn der schaute streng und strenger zu, wie ich meine Einkäufe auspackte. „Waaasse dasse? Teige für Klösse? Fertige? Nichte deine Ernste.” Ich verwechselte sein Entsetzen noch mit einem Scherz und erklärte ihm, daß ich dafür den Segen meiner Oma habe, die hatte ich extra angerufen wegen des Rezeptes. Sie hatte eine halbe Stunde über die letzten Todesfälle im Dorf referiert und über Kartoffelreiben und über das richtige Verhältnis von rohen zu gekochten Kartoffeln und über Knödelhilfe, die sei unabdingbar und außerdem schon wieder teurer geworden und ich hatte bereits arge Angst gehabt, in meiner neuen Heimat so etwas nicht einmal hoffnungslos überteuert, sondern schlicht gar nicht zu finden, da hatte sie geschlossen: „Aber ach, Kind, du kannst auch einfach Kloßteig nehmen, das merkt keiner. Das hat nichtmal der Onkel Hans gemerkt, damals, 73, bei der Hochzeit von Gerti und Rolf, und das will was heißen. Mußt halt aufpassen, daß genug Bier im Haus ist. Und vergiß bloß das Klößbrot nicht! Ich muß jetzt los, zum Friedhof, in einer halben Stunde ist die Alberts Margarete dran, die kennst du doch noch, die hatte immer die schönen Geranien. Naja, irgendwann ist alles verblüht, denk dran. Und ans Klößbrot!”

[An dieser Stelle muß ich einfach noch etwas einschieben, das gar nichts weiter mit dem Schäufele zu tun hat, dafür aber mit meiner Oma. Die kann nämlich eine verdammt coole Sau sein, und damit paßt das doch wieder hierher.
Meine Oma war Schneiderin, auf einer Singer-Maschine mit Tretmechanismus hat sie die Garderobe ihrer Kinder genäht, später die der Enkel und Urenkel und ich besitze ein Sofakissen von ihr, auf dem hin und wieder die Kugelschreibermarkierungen für die Nähte herausspitzen, denn irgendwann ließen die Augen nach und die Gicht fraß die Finger, aber aufgehört mit dem Nähen hat sie deshalb nicht.
Sie ging arg auf die Achtzig zu, als mir bei einem Besuch einmal eine Einkaufstasche ins Auge fiel, für die jede hippe Berlinerin gemordet hätte: in schlichtem Schnitt, aus schwarzem Cord, zwischen dem das bunt geblümte Innenfutter herausblitzte. Ich bekundete mein Gefallen, in der vagen Hoffnung, die Tasche geschenkt zu bekommen, das hatte oft geklappt, aber diesmal nicht, diesmal baute sie sich auf und voller Stolz erklärte sie, weshalb sie diese Tasche genäht hatte und nicht hergeben könne: „Weißt du, wenn du erstmal in mein Alter kommst, da gehst du nicht mehr dreimal am Tag in den Ort. Da legst du die Sachen zusammen. Und: wenn du in mein Alter kommst, da sterben dir die Bekannten weg, fast täglich ist eine Beerdigung auf dem Friedhof von einem, den man kennt. Und manchmal sogar zwei! Und dazwischen ist dann eine Stunde, was soll ich da machen? Da geh’ ich zur Enzinger und kauf ein bissel was ein, was ich so brauch’. Und dann geh’ ich wieder zum Friedhof. Aber wie sieht das denn aus, wenn man da am Grab steht, alle in schwarz und du mit einer knallbunten Tasche? Da setz’ ich mich immer vorm Friedhof auf die Bank und dreh’ die Tasche um. Und danach wieder.”
Daß man mit der bunten Tasche nicht auf den Friedhof will,  gebongt – aber mit der schwarzen zu den dunklen Klamotten nicht im Ort gesehen werden wollen, das und deren Lösung ist eine Art der Eitelkeit, die mir höchsten Respekt abverlangt. Eines Tages wird diese Tasche mir gehören, und Leute: ich erzähl’ die Geschichte dann jedem, der sich neben mich auf die Friedhofsbank setzt. Versprochen.]

Guten Gewissens also hatte ich den Kloßteig gekauft, auch wenn er aus Thüringen kam, aber fränkischer wäre erst recht zuviel verlangt gewesen und wenn es um zusammenwachsen geht, muß man da schon aus beiden Richtungen dran arbeiten, fand ich. Zumal es tatsächlich keine Knödelhilfe gab. Daß ich beim Blaukraut ebenso lax zum Fertigprodukt griff, verdankte ich ebenfalls dem eingeschränkten Sortiment, im Umkreis von drei Supermärkten war kein Kohlkopf zu erstehen und mit einem aus dem Zusammenhang gerissenen „das merkt keiner, nur genug Bier!” im Kopf kauft sich’s dann doch recht einfach ein.

Enzo dagegen war auch durch die zwei Taschen voller Bierflaschen nicht zu beruhigen. „Rotekohl aussem Glasse! Icke bitte dicke!” rief er, stapfte in den Keller, kam mit einem Kopf unterm Arm zurück und sah mich entsetzt: „Enzo, ganz ehrlich, ich weiß gar nicht, wie man Blaukraut macht. Das dauert doch ewig und meine Oma sagt…”
„Nixe gegen deine Oma, aber dasse macke ick und die Klöße auck!” Ich muß die Augenbrauen hochgezogen haben, da zischte mir die bengalische Küchenhilfe zu: „Er hat in Schwaben gelernt. Aber erinner’ ihn nicht dran, sonst gibt’s wieder wochenlang nur Wild.” Ich sah wieder zu Enzo, der stand da, grinsend, die Arme in die Seiten gestemmt, kampfeslustig, und ich wußte: wenn ich ihn ließe, hätte er gewonnen, 2 zu 1, Beilagen gegen Fleisch, das konnte ich nicht auf mir sitzen lassen.
„Okay, Enzo. Du machst das Blaukraut, aber mit Äpfeln und Nelken! Und meinetwegen den Kloßteig. Aber danach übernehme ich. Am Ende machst Du das Klößbrot nicht rösch genug.” In dem Moment war mir gar nicht bewußt, was das für eine Frechheit dem Chef gegenüber war, aber Enzo antwortete „Inne Ordnunge. Wasse iste Klößbrote?!” und ich hatte gewonnen.

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