Grüsse aus dem Urlaub anderen Leben

19.6.2017
18:05 Uhr

„Und dann fliege ich für 10 Tage nach Estland. Ja, da ist wieder Schule. Ach so! Nö, ICH fliege, heisst: allein!” Irgendwie konnten sich das viele nicht vorstellen, denen ich davon erzählt habe. Deshalb der Beweis – quasi vorab (bevor sie danach enttäuscht feststellen, dass das kein sauguter Vorwand war für eine Schönheits-OP):

 links: Kunst aus/mit Eisbär, rechts: Kurhaus mit Eisbar.

Ich geniesse es unheimlich, einfach als Touristin unterwegs zu sein – und nicht wie sonst als reisende Mutter. Wenn hier eine aufs Klo muss oder Hunger/Durst/kaputte Füße hat – dann bin ich das selbst. Das ist so großartig! Zur Nachahmung empfohlen. Auch Estland. Die Exotik liegt so nah.

PS: mein erster Blogeintrag per Telefon. Krasse Technik.

PPS: Entweder sind das da vorne am Spielplatz auch Deutsche, oder es heisst auch auf estnisch (wo nix annähernd ähnlich wie in anderen Sprachen heisst!) MAMA. Selten konnte es mir egaler sein. Yeah!


Motivsuche

29.5.2017
10:36 Uhr

Am Wochenende war im Viertel Hofflohmarkt. Wie immer machen wir mit, schleppen Krempel aus dem Keller hoch und hoffen, es wäre nachmittags weniger zum Runterschleppen.
Diesmal wollten die Kinder ihren eigenen Verkaufsstand. Am Vorabend sortierte Risiko Spielzeugautos aus, die er verkaufen wollte. Stolz saß er mit der Kasse auf dem Schoß auf der Decke und wartete auf Kundschaft.
Da einige der Sachen wenigstens noch einen kleinen Wert haben und mittlerweile Händler schon Kinderflohmärkte abklappern, um z.B. Playmobil, Rahmenpuzzle und bestimmte Bücher billig ein- und saftig zu verkaufen, hatte ich die Kids gebeten, mich bei den Preisverhandlungen kurz einzuschalten.

Der Andrang war überschaubar, das Geschäft lief schleppend. Irgendwann kam Risiko doch an, mit einem Gelenkstadtbus, was der koste? „1,50€”, sagte ich, er düste wieder ab. Er kam noch mit zwei anderen Stücken, dann war Pause. Schließlich kam er und fragte, ob er den Bus auch verschenken dürfe. „Na klar!”, sagte ich.

Als nächstes kam ein Junge zu mir, etwa 7 Jahre alt, nicht die aktuellsten Klamotten an, Maschinenhaarschnitt, dunklerer Teint, den Bus in der Hand. „Der Junge sagt, er schenkt mir den. Ist das okay?”, fragte er vorsichtig. Ich lachte ihn an. „Klar ist das okay!” Ungläubig sah er mich an. Langsam schlich ihn ein Lächeln an. Er drehte sich um, rannte zu Risiko, umarmte ihn und rief „Danke, Junge!”. Risiko wusste nicht, wie ihm geschah, schlug aber doch bei angebotener High Five und Ghettofaust ein. Der Junge verließ selig mit dem Bus im Arm den Hof. Ich verdrückte ein Tränchen.

Abends nahm ich Risiko auf den Schoß und sagte ihm, wie toll ich es finde, daß er den Bus einfach verschenkt hatte. Daß der Junge wohl selten etwas geschenkt bekäme und sich sehr gefreut hatte. Daß ich stolz auf meinen großzügigen Sohn bin.
„Ach Mama, weißt Du… eigentlich hatte ich bloß keine Lust, ihm noch die Preise von den anderen zwölfundfünfzig Sachen zu sagen.” Spricht’s und düst davon.

Tja, der Zweck heiligt dann wohl die Mittel. Frag nicht nach Motiven, die gute Tat zählt.


Meine Schwäche: Stärken

19.5.2017
18:48 Uhr

Mein fünfjähriger Sohn sitzt morgens verzweifelt vor seinem Schrank: ich habe gesagt, daß es morgens noch zu kalt ist für kurze Hosen. Seine Schwester trägt bei diesem Wetter Leggins unterm Rock und zieht sie mittags aus.
Ich verstehe seinen Neid, schlage ihm dieselbe Lösung mit kurzer Hose drüber vor, google dazu Bilder von Fußballern mit Leggings unter der Short, er seufzt enttäuscht: „Mama, das ist schon eine gute Idee, aber die Jungs im Kindergarten lachen mich aus.”

Lalala, mein Kind, Du darfst alles was Du willst, solange das niemandem wehtut. Tideldum, mein Schatz, das kannst Du allen sagen. Tralala, mach was du willst und kümmere dich nicht darum, was Paul oder Marc oder Trevor sagen. Lalala.

Rakete geht in die zweite Klasse und manchmal erwähnt sie beim Abendessen irgendeine Situation aus Schule oder Hort – wer wen geärgert hat und wie gemein sie das fand. Ich bin heilfroh, daß sie sich selbst scheinbar gut raushalten kann (kann sie doch, oder?), aber ich wünschte, sie und ihre Klasse hätten andere Probleme. „Lenas Vater hat ihr heute so viel Pausebrot mitgegeben, daß wir es nichtmal zu viert geschafft haben”, sowas in der Art. Hallelujah, was würde ich für ein Loblied singen! Stattdessen bleiben Kinder ohne Pausenbrot und Hausaufgaben die Regel und die Sozialpädagogin, die u.a. wegen eines gemobbten Kindes eingeschaltet wurde, sagt: „Die Klasse ist schwierig, es gibt einige ‚Problemfälle’. Daran können Sie nichts ändern. Aber Sie können Ihre Kinder stärken.”

Lalala, mein Kind, du machst das alles super. Stärk, stärk, stärk! Du hältst dich raus und ärgerst andere nicht. Brumsebim, mein Schatz, was bin ich stolz auf dich. Ich verstehe, tideldum, wie doof du andere findest, die sich nicht an die Regeln halten. Lalala, bitte halt du dich trotzdem weiter dran, auch wenn’s dir scheint, als wärst du die einzige.

Es ist Freitagabend, Rakete wünscht sich „eeeeendlich mal wieder!” Nagellack. Ich hole das Sortiment und das Mikroskop (Scherz.) und lege los. Risiko sitzt dabei und möchte auch. Er sucht sich eine Farbe aus (rot) und noch beim Lackieren sagt er: „Am Sonntagabend machen wir das aber wieder ab. Im Kindergarten will ich das nicht tragen, da sagen die Jungs wieder was. Die Mädchen finden’s aber toll.”

Lalala, mein Kind, hör doch nicht auf die anderen bei so einem Quark. Geschmi-, Geschmo-, Geschmack ist ein Persönlichkeitsrecht. Frag Torben doch mal, warum er Glitzer nicht mag – das ist ja wohl nicht normal, holladio.

Rakete sortiert T-Shirts aus, die sie nicht mehr tragen will. Einige gefallen ihr zwar, aber „die anderen sagen, die sind für Jungs” und sie hat keine Lust auf Diskussion. Andere fallen durch, weil „Sina sagt, Streifen machen dick”.

Lalala, mein Kind, ich finde dich wunderschön, schon immer. Tideldum, wir werden dich immer liebhaben, egal was du anstellen wirst oder wie du aussiehst. Selbst wenn du dick wärst – was du nicht bist, zefixnocheins und auch mit 5 Kilo mehr noch lange nicht wärst – würde das nichts an deiner Schönheit ändern. Stärk, stärk, stärk: wichtig ist bei Menschen nicht das Außen, sondern das Innen. Brumsebim, Nettsein ist wertvoller als Schönsein.

Ach, was stärke ich meine Kinder. Tagein, tagaus. Neben all den anderen „Kleinigkeiten” wie Versorgung, Klamotten, Erziehung singe ich ständig dasselbe Lied, tralala. Ich höre ihnen zu, erkläre Ihnen die Welt und dass nicht immer alles nach Plan läuft. Dass man manche Dinge aushalten muss, dass das wichtigste ist: fair sein, niemandem wehtun. Und DU BIST RICHTIG WIE DU BIST. TIDELDUM, ZEFIX NOCH MAL!
Und eigentlich wäre das ja gar nicht weiter schlimm. Ist eben mein Job als Elter. Brötchen verdienen, Brote schmieren, Klamotten besorgen, putzen, meckern, waschen – und stärken.

Wenn ich so darüber nachdenke, fällt mir aber auf: es nervt mich unendlich! Und nerven tut diesmal nicht einmal das ewig gleiche Lied (obwohl gerade das ewig gleiche Lied nerven sollte, aber das ist ja eines der Eltern-Paradoxa: das ewiggleiche Lied ist ja eigentlich das, woran man sich am besten gewöhnt hat seit dem Moment, in dem Kinder ins Leben traten, aber hallo), nein, es nervt, dass Stärken das einzige ist, was ich wirklich tun kann. An den Umständen nämlich kann ich nichts ändern. Sicher, ich kann das Genderding mit den Kindergärtnerinnen besprechen (um zu hören „Kinder sind halt so, das ist Psychologie”). Ich kann wegen des Klassenklimas wöchentlich zu Lehrerin oder Rektorin marschieren. Ich kann versuchen, anderen Kindern auf dem Spielplatz zu erklären, dass Kinder Kinder sind und es keine Spiele/Klamotten/Frisuren für Mädchen oder Jungs gibt. (Und ich weiß, daß das auch Kinder von Müttern machen, die das ganz genauso sehen wie ich! Jungs, die letztes Jahr noch selbst Nagellack liebten! Und ich höre das ewiggleiche Lied „Kinder sind halt so, das ist Psychologie…”)
All das kann ich – ich will das aber nicht, verkackte Axt nochmal! Ich will, dass ich das nicht zum Thema machen muss, weil es einfach gar kein Thema sein sollte. Ich will nicht, daß mir am Ende des Tages immer nur das Stärken bleibt.

Denn ganz ehrlich: das ganze Kinder-Stärken frisst ganz schön Kraft. Und wer stärkt eigentlich mich?
Ich hoffe sehr, daß die beiden Dosen erstmal reichen übers Wochenende. Zschhhhh!


alles Egos außer wir

29.4.2017
08:45 Uhr

Gestern abend stand ich mit dem Fahrrad ganz vorne an einer roten Ampel und wartete auf grün. Neben mir stand ein Auto. Dann kam eine Fahrradfahrerin von hinten, quetschte sich zwischen dem Auto und mir durch und stellte sich genau vor mich, um dort ebenfalls auf grün zu warten.
Ich war zu perplex, sie zu fragen: „Warum, zur Hölle? Warum glauben Sie, das Recht zu haben, sich vor mich zu stellen?” (Und sie war nicht etwa mit einem sportlicheren Rad unterwegs, was wenigstens noch erklärt hätte, daß sie meinte, sich vor mein Omarad quetschen zu müssen.)

Mir persönlich kommt es so vor, als werden solche Situationen immer häufiger:

- Autofahrer, die (gerne plötzlich und ohne zu blinken) in zweiter Reihe anhalten, um „nur mal schnell” etwas zu erledigen. Daß das den Verkehrsfluß behindert oder (z.B. wenn das auf der Gegenfahrbahn auch jemand tut) sogar lahmlegt, ist ihnen egal. Oder nicht einmal bewußt? „Ich bin doch gleich wieder weg!” sagen sie bestenfalls, wenn man sie darauf anspricht (eher jedoch wird man angepöbelt). Als ob das etwas ändern würde! Auch wenn man nur 5 Minuten ein Arschloch ist, war man ein Arschloch.
Manche Autofahrer potenzieren ihre Idiotie noch, indem sie in zweiter Reihe vor einem Parkplatz halten, statt kurz hineinzumanövrieren und alles wäre in Butter. Gleiche Kategorie: Männer auf Frauenparkplätzen, Kinderlose auf Familienparkplätzen, Gesunde auf Behindertenparkplätzen, ein Auto auf zwei Parkplätzen…

- Fahrradfahrer, die trotz vorhandener Fahrradwege eine komplette Autospur im Berufsverkehr brauchen

- Vordrängler an Kassen („aber ich hab’ doch nur fünf Sachen!”) und Ständen – oder, noch dreister, an der „Diskretionszone” in Apotheken oder Banken. Bei freundlichem Hinweis könnte man sich ja entschuldigen und anstellen; diese aber pampen einfach los oder ignorieren einen.

- Autofahrer, die mit Absicht auf der Abbiegespur an einer Stauung vorbeifahren, um sich ganz vorne wieder einzufädeln

Mir fielen noch einige dieser Standardsituationen ein, die mich immer wieder aufs Neue sprachlos machen.
Egal ob als Verkehrsteilnehmer oder in anderen Alltagssituationen, eines haben all diese Leute gemein: sie verhalten sich als wären sie alleine auf der Welt – oder wichtiger als andere. Sie glauben, für sie gälten Sonderregeln. „Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg’ auch keinem andern zu”, das allereinfachste Gesetz des Zusammenlebens – sie scheinen es nie gehört zu haben. Ich kapiere einfach nicht, warum das in ihrer Erziehung offenbar nicht vorkam und auch danach nie gedämmert hat.

Warum nimmt dieser Egoismus, diese Ignoranz gegenüber den anderen so zu? Oder bilde ich mir das nur ein? Was kann man da machen (jenseits von Lamentieren und freundlichem Fragen nach den Beweggründen – nützt ja beides nichts)?

Klar kann man sagen „lass die Deppen doch Deppen sein, geh weiter und mach’s selber besser”. Aber ich sehe hier einen Zusammenhang zu z.B. Schlagzeilen über blinde Gewalt gegen Unbekannte. Wer sich nicht um seine Mitmenschen schert, schert sich nicht um seine Mitmenschen.

Ich habe zwei Kinder, denen ich versuche u.a. Rücksicht beizubringen. Mehr Menschen möchte ich gar nicht erziehen. Aber langsam gehen mir die Erklärungen aus, wenn sie fragen „warum hält der/die sich nicht an die Regeln?”
Ich habe nur eine große Hoffnnung: wenn die Egoisten keine Kinder kriegen, hört das alles auch wieder auf.


Kleinigkeiten

5.4.2017
16:13 Uhr

Vor ein paar Wochen, Faschingstreiben in der Stadt, die Kinder spielen beim Spielmobil, ich sitze auf einer großen Treppe am Rand des Platzes, wie abgemacht. Irgendwann kommt eine fremde Frau mit meinem weinenden Sohn an der Hand auf mich zu. Sie lacht lauthals: „Ich habe ihn gefragt, wie seine Mama aussieht. Er sagte, sie hat heute eine große schwarze Sonnenbrille auf.”
Daß ich gleichzeitig aussah wie der Depp Hase vom Dienst, hatte Risiko wohl vergessen. Oder es fällt ihm schon nicht mehr auf.

*************************************************************************************************

Und dann war da noch die Glasscherbe, in die Risiko letztens zuhause getreten war. Er zeigte sie mir, ich hatte ein instantschlechtes Gewissen (schlecht gesaugt!), ich ließ mir den Fuß zeigen, zog den Socken aus, konnte nichts finden.
Als der Kleine im Bett war, sah ich die Blutflecken in der gesamten Wohnung. Nach dem Putzen zog ich die Socken aus der Wäsche: einer hatte ein ziemlich großes Loch in der Sohle und war drumherum sehr blutig. Tsunamiesk begrub mich das schlechte Gewissen unter sich: was bin ich für eine schlechte Mutter, die so eine Wunde übersieht?!
Einige Zeit später fiel mir zu meiner Entlastung wenigstens ein: der Kerl hatte mir den falschen Fuß gezeigt.

*************************************************************************************************

Und dann hat noch die alte Plastikspiralenbindemaschine, die ich dereinst einmal bei einer Firmenauflösung mitgenommen hatte, endlich ihre Bestimmung gefunden: Jetzt können die Kinder beim Spielen draußen professionell auf die Spielstraße (in der wir wohnen) hinweisen.
Jedenfalls, wenn einer anhält…


denkbar ungünstig: als Perfektionistin* Mutter werden

16.2.2017
20:33 Uhr

Ich bin halt so.

Könnte ich sagen. Ich bin so eine, die will manche Sachen komplett haben. Es ist nicht so, daß es mich beruhigt, wenn ich alle Graziela-Preiser-Stoffe seit 1974 (natürlich die originalen!) zuschnittbereit im Regal liegen habe. Es beUNRUHIGT MICH NUR MASSLOS, WENN NICHT, VERDAMMTE KACKAXT NOCHMAL!!!111!!!

Neee, das war jetzt ein erfundenes Beispiel. DAS ist mir tatsächlich nicht mal sooo wichtig. (Wer zwischen den Zeilen lesen kann, kann zwischen den Zeilen lesen).

Aber leider stimmt es: ich werde unruhig, wenn manche Dinge nicht komplett sind. Sockenpaare nach dem Waschen zum Beispiel (ein Grund, warum ich lange aus Prinzip verschiedene Socken trug). Die Kiste mit den guten, teuren Buntstiften. Die Tupper-Schüsseln und die Deckel dazu. You name it. War schon immer so. Ich wache mitten in der Nacht auf und frage mich: „Habe ich letzte Woche bei der Grillparty nicht das Salatbesteck vergessen wieder mitzunehmen?” – und zack, bin ich wach und würde am liebsten hinfahren und die Gastgeber rausklingeln.
Das allein ist ja schon scheiße genug und macht das Leben unnötig schwer. Bestimmt gibt es dafür ein schickes Fremdwort (Komplettomane?) und selbsternannte Coaches, die sich von ihren Beratungsentgelten goldene Pommesgabeln kaufen, aber jeden zwölften Cent an ein Projekt für vom Klimawandel betroffene Inuit-Kinder spenden. Egal. Ich persönlich find’s für mich halt einfach scheiße.

Aber jetzt krieg dazu noch Kinder…

(Symbolbild. Stellen Sie sich weitere Symbolbilder vor: einzelne – wenn überhaupt – Kinderhandschuhe. Garderobenhaken ohne Mützen und/oder Schal. Fertige Puzzles mit je einem Loch. Mehr Playmobil. Schlimmer: LEGO! GESELLSCHAFTSSPIELE, MIT WÜRFELN UND KARTEN UND FIGUREN – BZW. EBEN OHNE!!!11! ICH ECHAUFFIERE MICH!!!)

Es ist ein harter Job, aber eine muß ihn ja machen. Ich bin halt so.

Könnte ich sagen. Nach sieben Jahren krankhaftem Schlamperkisten-Durchwühlen und Memory-Mindmapping („wo hast du die Mütze/den Fahrradhelm/das Sandspielzeug/das Lieblingsbuch zuletzt gesehen?”) frage ich mich aber langsam doch: warum eigentlich? Und vor allem: bloß weil ich so bin, muss ich denn auch so bleiben? Mein Leben wäre einfacher, müsste ich mir nicht täglich meinen Mund fusselig fragen nach vergessenen Sachen. Vermutlich wären auch meine Kinder mental gesünder ohne diese ermüdenden Fragespielchen und mitternächtliche Kinderzimmer-Durchsuchungen.
(Einzelne Rest-Teile ansehen müssen ist das eine. Sie zwanghaft aufheben zu müssen das andere. Denn das allerschlimmste ist ja: das fehlende Teil irgendwann finden und dann habe ich den ganzen ganzen Rest einfach schon weggeworfen. Waaah!)
Ach, wie gerne wäre ich cool und zuckte nur mit den Schultern, wenn wieder etwas fehlte. Ach was, am liebsten würde ich das gar nicht bemerken.

* Und hier komme ich in einem grooooßen Bogen zur Überschrift, die schlimmer klingt, als es ist. Perfektionismus relativ. Daß ich deswegen andere Sachen schlicht nicht machen kann, dürfte klar sein. Ich kann zum Beispiel Schmutz und Dreck übersehen, daß es eine Freude ist. Da bin ich sogar über-perfekt drin. Ich kann so unglaublich gut nicht-bügeln, dreckige-Töpfe-stapeln, Balkon-vermüllen, Pflanzen-vertrocknen, staubsaugen-vergessen… aber wehe, die Hose von einem Schlafanzug fehlt!
Warum also stört mich das eine null, während mich das andere nächtelang wach hält?

Vermutlich ist es einfach eine Art Kopfyoga oder autogenes Training. Das nächste Mal, wenn ich bemerke, daß die Brotbox/der Regenschirm/das lebenswichtige Dinosaurierbuch fehlt, erinnere ich mich einfach an Frozen und schmettere Elsas Lied. Auf Englisch, denn das erklärt alles viel besser: frei bin ich erst, wenn ich ordentlich geletted gone habe.
Kinder, verschmeißt euren Kram, wo ihr nur könnt. Mama ist endlich frei.


Fünferfetzen

4.2.2017
11:02 Uhr

Risiko ist jetzt fünf und natürlich stolz wie Bolle. Es gab eine Party und jede Menge Geschenke – Playmobil, Lego, Kartenspiele. Glücklich lag er abends im Bett und ließ den Tag Revue passieren. „Und, was war das schönste Geschenk?” Wie aus der Pistole geschossen kam: „Der Tesafilm!”.
Es ist nicht unser erstes Kind, das mit einem eigenen Tischspender und ein paar Rollen Vorrat so glücklich ist. Wenn Sie also ein Geschenk für ein Kind in diesem Alter brauchen, denken Sie an diesen Tip.

Ach, und: Sollten Sie demnächst einen kleinen Jungen mit einem Tritthocker in der Hand alleine auf der Straße sehen: könnte sein, daß er nur alleine einkaufen gehen möchte. Den Hocker braucht er halt, um danach wieder zuhause klingeln zu können.


Wieviel Arbeit ist der Elternalltag?

2.2.2017
18:04 Uhr

Vermutlich die echte Grippe hat mich zehn Tage komplett ausfallen lassen – ich lag fiebrig im Bett, wollte nix essen, meine Konzentration war komplett damit erschöpft, die schmerzstillenden Medikamente rechtzeitig zu nehmen. Ich habe jetzt auch keine große Pflege gebraucht, ich war einfach irgendwie nicht da. Zehn volle Tage.

In diesen zehn Tagen war mein Mann quasi alleinerziehend*, hat alles ohne mich gemacht (und ja, selbstverständlich selbstverständlich!): Kinder wecken, rechtzeitig in Schule schicken/Kindergarten bringen, Kinder wieder in Empfang nehmen, Essen machen, ins Bett bringen. Dazu noch jedes Kind einmal zum Turnen bringen/schicken, eine Musikstunde, und als Bonus war noch ein Kindergeburtstag abzufeiern (für den ich aber schon alles vorbereitet hatte). Beide Kinder sind übrigens von 8-16 Uhr „fremdbetreut” – man sollte also meinen, die Familienzeit ist schon weitestgehend minimiert…

Normalerweise teilen wir diese Aufgaben (irgendwie, jedenfalls bleibt normalerweise nicht alles an einem hängen). Und der Mann ist wirklich kein Jammerer, er schafft meist locker mehr als ich, bevor er sich etwas anmerken lässt. Das nur zum Unterstreichen dieser Aussage auf meine Frage, wie er diese Woche so fand:
„Das kann man schon alles alleine schaffen. Man kann halt nicht voll arbeiten. Und darf ausser der Küche nix aufräumen wollen.”

Dieser Satz beruhigt mich auf eine bestimmte Weise sehr. Ich glaube nämlich meist, ich müsse nebenher viel mehr schaffen, müsste eine noch bessere Mutter sein, müsste geduldiger sein und die Wohnung sauberer, vom Job fange ich gar nicht erst an. Dieser Satz meines Mannes zeigt mir: dieses Elternleben, der pure Alltag, ist verdammt viel Arbeit. Auch zu zweit. Und, hell yeah, er zeigt auch: mein Mann erkennt das, auch an. Dafür müsste ich ihn schon hochleben lassen, wenn ich mir da andere Beziehungen so ansehe.

*Am Schluß kommt trotzdem keine Lösung. Nur die Erkenntnis: zu zweit ist das viel eher machbar. Mein allergrößter Respekt für echte Alleinerziehende!


Last-Minute-Kostüm für Faule

15.1.2017
16:22 Uhr

Aus der Reihe „Au weia, schon wieder Fasching/Halloween/Verkleidungsgeburtstag?!” (weitere Folgen hier oder hier) heute: Supermännchen.

Man nehme:
1 Strumpfhose
1 Unterhose für drüber (der Bagger drauf stört gar nicht, sagt Supermännchen)
1 Umhang (hier aus einem alten Fakeseidenschal)
1 T-Shirt mit Logo (hier: Schlafanzugoberteil), notfalls eines aufkleben/aufmalen/hinzaubern
Rote Socken machen es noch echter – nicht im Bild.

Zurücklehnen. Fertig.

(Rote STOPPERSocken. Sonst Pflaster bereithalten – der Umhang muss ja fliegen.)


alt bleibt alt, da helfen keine neuen Jahre

3.1.2017
15:51 Uhr

Zwei Anhalter Anfang Zwanzig mitgenommen. Wir haben sie gewarnt: bei uns laufen aber Kinderhörspiele! Die Kälte liess sie dennoch einsteigen. Sie haben die Drohung nicht als solche erkannt.

Kurzer Smalltalk, woher, wohin, früher war mehr Anhalterei… gemerkt: woher sollen die das wissen? Dann meine Anekdote von früher (als ich mit 30 – DREISSIG! vor über 10 Jahren!- mal einen amerikanischen Anhalter mitnahm, der mich allen Ernstes fragte „have you been hitchhiking when you were YOUNG?”) und daß man sich übrigens immer jung fühlen kann, kam nicht an.
Immerhin versuchten sie Ihren Kopf aus der Schlinge zu ziehen: ihre Nachbarn seien ja noch älter als wir, und die trampten oft, im Urlaub. Danke, Jungs!
Aber eines müssten sie ja sagen: man lerne wirklich viele verschiedene Leute kennen beim Trampen – aber jemand mit Kindern habe sie ja noch nie mitgenommen. Das sei wirklich eine Premiere! Interessant: sie schoben es auf Angst, die alle Eltern ja grundsätzlich hätten. Wir auf den fehlenden Platz – denn eher wenige Familien haben ja noch eine zweite Rückbank. (Über diese Frage könnte man bei Gelegenheit mal ein bißchen nachdenken: haben alle Eltern Angst? – merken!)
Dann verstummte das Gespräch, laute Autobahn, zu langer Weg für viele Worte. Vermutlich war auch „Bibi und Tina” eine Premiere für die beiden.

Höflich verabschiedeten sie sich von allen, als wir sie an einem Rastplatz wieder rausliessen. Ich hoffe sehr, wir haben sie nicht zu arg geschockt und sie halten uns als strange Anekdote in Erinnerung. Eines Tages vielleicht haben sie selbst Kinder und dann wissen sie: man kann mal cool gewesen sein. Aber Bibi kommt trotzdem.


%d Bloggern gefällt das: