Eine kurze Anleitung fürs Fensterputzen. Hier, in diesem Blog. Von mir. Ohne Scheiß.

9.10.2014

„Nach sieben Jahren wird’s nicht mehr schlimmer” heißt es im Volksmund (bzw. in den Kommentaren hier), und bislang versuchen der Möhrchenprinz und ich in vielen Ecken der Wohnung, das zu beweisen.
Es gibt auch Dinge im Haushalt, die ich regelmäßig erledige, Wäsche zum Beispiel. Geht ja auch nicht anders. Aber Fensterputzen gehörte bislang zu den Bereichen, die wir beide bewusst und, bei aller Bescheidenheit, durchaus gekonnt komplett außer Acht gelassen haben. Bei mir war es nicht einmal so sehr der Aufwand (Eimer, Lappen, Putzmittel suchen! Wasser holen! Putzen, Wischen, Abziehen…), der mich störte – es war das Ergebnis, das in keinem Verhältnis dazu stand. Da mache ich mir schon mal die Mühe, und dann sehe ich nichts als Streifen, wenn die Sonne scheint. Auch der vermeintlich geniale Trick „innen senkrecht, aussen waagrecht abziehen” half nix. Genausowenig wie andere Reiniger mit noch mehr Werbeversprechen, Zeitungspapier zum Trocknen, Mutterns Super-Zwei-Seiten-Microfaser-Fensterpad-Geburtstagsgeschenk oder Omas gute Ratschläge (Essig! Kaffeesatz! Mit Zitrone abreiben!). Immer Streifen. Trotz all der Mühe. Da ist mir eine gleichmäßige Staubschicht doch viel lieber als jeden Sonnentag den Beweis meiner eigenen Unfähigkeit vor Augen geführt zu bekommen. Wenn ich eh keinen Unterschied sehe, kann ich auch gleich die Füße hochlegen statt zu putzen.

Nun begab es sich aber letztens, daß im Kindergartenmutterkreis irgendwer auf das Thema Putzen kam (ich nicht, ich rede lieber über Dinge, mit denen ich mich auskenne). Erstaunlicherweise sourcen das tatsächlich weit mehr Familien aus, als ich bisher annahm. Was mich natürlich beruhigt („siehste, die schaffen das auch nicht noch selber”), andererseits aber auch gewissermassen entsetzt: heißt das, selbst wir könnten in einem halbwegs sauberen Zuhause leben – es liegt nur mal wieder an mir unfähigem Ding, die ich mich immer noch nicht um eine Putzkraft gekümmert habe (und nebenher noch das Geld dafür mitverdiene)?
Dann aber erzählte eine Mutter von Ihrem tollen Putzequipment, mit dem sie so gern putzt, daß sie dafür keinen anderen zahlen möchte. Ich hörte zum ersten Mal von einer Marke, die ihren Kram nur auf privaten Verkaufsabenden verkauft („Putzparty” kenne ich ja nur im Sinne von „verputzen”), von Multifunktions- und Mikrofasertrockentüchern und ich gebe zu: das klang so gut, daß ich mich abends im Internet ein wenig schlau machte. Tatsächlich, in allen möglichen Foren schwören diverse Leute auf dieses oder jenes Tuch und es dauerte nur ein paar Megabyte, bis ich kurz davor stand, online mal eben den Gegenwert von fünf Kästen Bier für zwei Putzlappen auszugeben. Ich! Ich konnte mich dann doch gerade noch zügeln. Um am nächsten Tag im Discounter zufällig zwei Microfaser-Geschirrtrockentücher für 2,99€ zu finden.

Um es kurz zu machen: das Zeug ist eine Offenbarung!
fenster

Und weil ich so begeistert bin (und tatsächlich glaube, es könnte da draußen noch andere Unwissende geben – bin ich naiv?), will ich dieses Wunder gerne teilen. Hier also die ultimative Anleitung fürs neue Hausmenschenglück – nicht zuletzt für mich selbst, damit ich auch 2019, wenn es wieder soweit ist, noch weiß, wie es geht:

1. Weihnachtsdeko vom alten Jahr abnehmen und entsorgen.

2. Eimer mit heißem Wasser füllen, ein wönzöger Schuß Spiritus schadet nicht.

3. Ich nehme das olle Zwei-Seiten-Fensterpad (eine Seite sehr kratzig, die andere fensterlederartig) – bestimmt geht auch alles andere. Scheibe naßmachen, den groben Schmutz mit der rauen Seite abrubbeln (glaubt mir, die Aussenseiten haben das nötig – nach Jahren…), ich gehe dann alibimäßig (und wahrscheinlich sinnfrei, aber sonst ginge das doch wirklich zu schnell!) noch mal mit der Fensterlederseite drüber, um abschließend mit dem Microfasertrockentuch die Scheibe nahezu trocken zu reiben. Das nämlich ist der Trick!

4. Das gleiche Spiel auf der anderen Seite der Scheibe…

5. … und zusehen, wie sich der verbleibende Schlierennebel lüftet.

6. Booom! Die Scheibe ist streifenfrei blitzeblank!

7. Erst mal Augen schützen. Oder Gardine zuziehen.

8. Hupps, die könnte man wohl auch mal waschen. Trotzdem zu!

9. Zur Sicherheit schnell Sonnenbrille aufsetzen. Sonst sieht man jetzt die ganzen anderen Schmutzecken der Wohnung im Flutlicht noch viel deutlicher!

10. Je nach Tageszeit: Kaffee oder Cocktail machen. Füße hoch. Stolz sein wie Hulle.


Alle Jahre wieder: #nichtgemacht_vs_selbstgemacht

24.9.2014

Ein Jahr ist rum und Rakete hatte tatsächlich schon wieder Geburtstag. Und ich Lust und ein bißchen Zeit und vergessen, daß der schönste Kuchen der Welt, den ich kann, einen Ticken besser aussieht als schmeckt.

Also, auf zur fröhlichen Nicht-Supermutti-Angeberparade! Diesmal zuerst was ich (und auch sonst niemand) nicht gemacht habe und dann erst das Stattdessen. Hintergrund und Rant hier.
Achtung, nix für schwache Gemüter. Für die Hartgesottenen geht’s auch noch größer!

Jeden Tag auf dem Präsentierteller: Stilleben, seit April unbewegt.
mitten im bad

Neues Jahr, anderer Dreck: der Abfluß des Grauens.
schmutz1

Schick, aber scheiße zu putzen: Gasherd mit Glasplatte. Nie wieder.
herd

Wird auch täglich übersehen: daß man Türen auch mal abwischen könnte.
schmutztuer

Lifestyle-Fotografie aus dem Häschenhause: Designersessel an schwindender Wand.
wand

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All das blieb also liegen für dies hier:
regenbogentorte_stilhaeschen_2014

Ach, und es darf auch gerne weiter liegenbleiben. Leben ist schöner als Putzen!

[Und weil ich weiß, daß Notizen an mich selbst hier sicherer sind als irgendwo sonst: sollte das jetzt hier Tradition werden, dann nächstes Jahr dieses Bodenrezept mit weit weniger Mehl machen. Dann wieder Marmelade zwischen die Böden (Zitrone war eine Superidee – lieber zwei Gläser als nur eines!). Die Creme aus 250g Puderzucker, 400g Frischkäse und 350g Butter war mehr als ausreichend, hätte jedoch Zitronensaft vertragen. Und vielleicht doch nochmal nach anderen Farben suchen (wobei, nächstes Jahr sollte das Thema Windeln bei Risiko ja durch sein, insofern ist das nicht mehr ganz so wichtig).]


Restaurantkritik für Anfänger

9.9.2014

Meine Kinder sind das, was Großeltern „gute Esser” nennen.
Genau so hatte ich ja schonmal angefangen!

Risiko und Rakete essen gerne und gut. Dank des väterlich ererbten Stoffwechsels sieht man das zwar nicht, aber die Häufigkeit, in der nach Nachschub verlangt wird, ist offensichtlich.
Und wenn man den ganzen Tag über im Stundenrhythmus in sich hineinschlingt, was sich bietet, wundert es mich nicht, daß abends der Hunger nicht mehr sooo groß ist. Abends bleiben die Kinderteller meist mindestens halbvoll. Es würde mich nicht groß stören – behaupteteten sie nicht, es läge an mir!

Ich koche nicht besonders gerne, aber abends stelle ich mich meist an den Herd, um wenigstens eine gemeinsame Mahlzeit zu machen. Das Abendessen ist mir als Familienritual wichtig. Und so schnipple und brate und koche und rotiere ich dann so vor mich hin, während die Kinder sich gegenseitig mit Kettensägen zerschneiden oder von vierfachen Stuhltürmen in die Badewanne springen. Sie kennen das vielleicht. Ganz entspannt, immer, alles.
Dann kommt der Möhrchenprinz von der Arbeit, der Tisch deckt sich in Windeseile schnell selbst, alle sitzen, die große Schüssel kommt auf den Tisch, Bilderbuchfamilie, es könnte so schön sein – da quäkt es von einer Seite „Mama, das schmeckt mir nicht!” und von der anderen „Iiiihgittibäh, will Nudeln.”
Noch bevor die Quatschbirnen überhaupt probiert haben! Es nervt! Mich! Ungemein! Ich bin sehr oft sehr knapp davor, die ganze Schose einfach sein zu lassen und für mich alleine beim Asiaten zu bestellen. Dann folgen meist ein paar Tage oder gar Wochen, in denen es nur Abendbrot gibt (oder ein langer Urlaub, in dem der Möhrchenprinz kocht. Leckere Sachen für uns und blanke Nudeln für die Kinder. Das ist so ein Good-Cop-Ding, für das ich zuhause zu sehr Bad Cop Nährstoff-Mutti bin). Aber irgendwann habe ich dann selbst wieder Lust auf Warm (oder der Alltag hat uns wieder) und der Mist geht von vorne los.

Das letzte erste Koch-Mahl nach langer Pause kommentierte Risiko mit einem traurigen Blick zu mir und der herzzerreissend dargebrachten Bitte „Mama, bitte nicht mehr kochen”, es folgte eine lange Pause, „das.” Der Möhrchenprinz wies auf das „das” hin: „er meint ja nur diesen Auflauf, nicht alles!”. Ich kann aber nicht viel mehr!

(Und dann waren da die paar Tage, in denen ich allein mit den Kindern war und als Vermeidungstaktik vor dem Horrorabendtisch ohne Papaunterstützung einfach abends mit den Kindern in die umliegenden Wirtschaften und Biergärten stiefelte. Rakete dankte es mir am letzten Abend mit einem Extra-Kuss: „Und der ist für Dich, dafür, daß Du jeden Abend mit uns in die Kneipe bist!” So geht’s also auch. Das Good-Cop-Ding. Warum nochmal bin ich das nicht immer?)

Ein paar Wochen und viele Enttäuschungen am Abendessen-Tisch gingen seither ins Land. Risiko hat seinen Wortschatz erweitert. Und kann jetzt auch Lob!

Gestern musste alles noch viel schneller gehen als sonst. Trotzdem stand abends Warmes auf dem Tisch.
Risiko ruft „Gut kocht hast, Mama. Lecker!” und schaufelt die Fertiglasagne aus der Kühltheke (immerhin selbst in den Ofen gestellt…) in sich hinein.

Ich mag nicht mehr.


Ich habe erstmal Kinder. Und dann erst eine Tochter und einen Sohn.

6.9.2014

Ich war wohl so sechs Jahre alt, als mir ein elementarer Unterschied zwischen Mädchen und Jungen klarwurde. Und ich war sehr froh, ein Mädchen und damit in meinen Augen extrem privilegiert zu sein: Ich kann mir morgens aussuchen, ob ich eine Hose oder einen Rock anziehe! Jungs haben gar keine Wahl!
Jaja, sicher, die Schotten und überhaupt. Aber so generell und allgemein gibt es doch so etwas wie einen gesellschaftlichen Konsens, und an den muß sich keine/r halten, aber er prägt halt extrem das Bild, das wir von der Welt bekommen. Und jaja, sicher, ich wurde älter, und das mit dem privilegiert sehe ich mittlerweile anders.

Ich hatte es hier schon mal mit dem Thema Klamotten für Kinder*, und aktuell beschwert sich das Nuf über die Schwierigkeit, in ihren (und meinen und vieler anderer Mütter) Augen schöne Kinderklamotten zu finden. Zu Recht! Es ist nicht einfach, Klamotten zu kaufen, die Jungs wie Mädchen tragen können ohne schräg angesehen zu werden. Gefühlt war das in meiner Jugend noch nicht so schwer, da die meisten Klamotten (abgesehen von Röcken und Kleidern natürlich) noch nicht so eindeutig für eins der beiden Geschlechter gemacht waren.
(mehr …)


Ganz dünnes Eis – Vorgeplänkel

20.8.2014

Ich reg’ mich ja selber immer wieder auf über Size-Zero-Mädels, die ja ach so zugenommen haben und über dieses vermeintliche Idealgewicht, dem fast alle nachrennen und das meiner Meinung nach Schuld ist an Genußfeindlichkeit, Verhärmtheit und beschissener Laune ganz allgemein.
Deswegen war das Thema „Figur” hier nie ein Thema – einfach, weil ich eben doch immer nur „Kilos sind wurscht, Genuß ist alles” geschrieben hätte und natürlich Tiraden gegen Dünne, ganz allgemein. Und weil ich genau wusste, daß mein Gejammer über meine MIR zu üppigen Kilos von einigen Dickeren genauso ausgelegt werden würden: worüber heult die dürre Zicke denn so, ich wäre froh, wenn ich nur 75 wöge!

Jetzt isses aber so, daß ich mir mit dem besten Willen und den besten Theorien („wenn ich abnehme und niemand sonst in meiner unmittelbaren Umgebung dafür zunimmt, dann bekommt ja die Erde beim Drehen Unwucht!”) nicht mehr einreden konnte, daß ich mich wohlfühle mit der Figur und dem Gewicht, das sich so angesammelt hat die letzten Jahre. Gertenschlank war ich noch nie, aber letzten Sommer war der Punkt, an dem ich nicht mehr einsah, warum der einzige Weg weiter in die Breite gehen soll. Ich war auch die Fragen leid, wann „es denn wieder so weit wäre”. Für mich war es allerhöchste Zeit: ich wollte nicht mehr alle paar Jahre die zu enge Hälfte meiner Klamotten aussortieren müssen. Und dann wurde ich ein bißchen größenwahnsinnig (hihi): ich wollte eigentlich ganz gerne wieder in ein paar Sachen passen, die ich schon vor Jahren aussortiert habe. Aber eines wollte ich nicht: Diät machen.

Eigentlich wollte ich eine ganze Menge nicht. Diät machen nach irgendeinem Plan, extra einkaufen, Essen abwiegen. Irgendwelche Sondersachen kochen während der Rest der Famile das Zeug isst, auf das ich eigentlich auch Lust habe. Selbsthilfegruppen, irgendwohin gehen müssen, Zeit dafür brauchen, mit anderen ständig über Gewicht und Kalorien reden. Überhaupt: Kalorien zählen. Geld ausgeben für irgendein Abnehmprogramm. Sport machen zum Abnehmen. Am Ende noch auf den Vegan-Zug aufspringen oder teure Wundermittelchen kaufen. Mich einschränken, auf irgendwas verzichten, hungern gar. Kein Bierchen mehr, kein Wein, nur Wasser. Nee, so nicht. Dann lieber doch noch mal ne Jeansgröße mehr, ist halt so. Schlechter Stoffwechsel. Nicht mein Fehler.
Aufmerksame Leser ahnen: die Verwendung des Imperfekts heißt irgendwas. In meinem Falle: nicht, daß jetzt alles perfekt wäre, aber vieles ist auf einem guten Weg dorthin.

[Hier müsste ein Bild hin; allein ich habe keines zur Hand. Denken Sie sich jetzt bitte das Bild einer strahlenden Frau im Ganzkörperprofil, die ihre Hose vorne am Bauch wegzieht, um einen Zimmerpalmentopf mitreinzustellen. Naja gut, bleiben wir realistisch, denken Sie sich einen Gürtel, der an einem Loch ziemlich ausgeleiert ist, deutlich sichtbar die Spur der Schnalle. Und jetzt sitzt der Dorn in einem neu gebohrten Loch, gut 10cm enger. Allerdings reden wir hier auch von einem Jahr. Keine Wunder also.]

Und ich schwöre Ihnen, das hier soll kein billiger Cliffhanger sein. Ich merke nur: ich muss noch weiter ausholen. Ich will so vieles noch niederschreiben, so vieles erklären. Das wird mir zu lang für heute. Ganz bald mehr, versprochen. Aber echt.


Für Sie probiert (Ostertip für Übermuttis)

24.3.2014

Jaja, Bioeier gibt’s nicht in weiß. Das wissen wir jetzt.
Wenn die Kinder fürs Basteln im Kindergarten aber drei ausgeblasene weiße mitbringen sollen, dann mach’ ich das natürlich brav. Und weil mir heute nach Übertreiben ist (und ich nach dem Einkauf Wartezeit zu überbrücken hatte & das Werkzeug der Fingernägel wegen eh immer im Geldbeutel dabei): unsere sind knalleweiß und ohne Stempel!
Der Trick: 100er Schleifpapier – vor dem Ausblasen. So sieht keiner mehr gar nix – kein Stempel, keine Schublade („Aha, aus NL. Die Stilhäschens haben’s natürlich wieder nur zum Discounter geschafft.”).

Jetzt muß ich Rakete nur noch schnell von unserer neuen Tante Agathe mit den eigenen Hühnern überzeugen. Mehr Fleißsternchen gehen ja wohl nicht.


Elternurlaub – ein Plädoyer

11.12.2013

Und ich will essen
und ich will nicht mehr „möchte” sagen.
Ja ich will rauchen und neben dir laufen,
ohne ein Kind zu tragen.
Ich weiß, dass ich bleich bin
und dass du nichts mehr riechst.
Und was ich schön an dir fand,
find ich jetzt ziemlich häßlich.
Du lächelst nie.

Moritz Krämer: Für die Kinder (Ein Song aus der Perspektive eines Noch-nicht-Vaters, der sich vorstellt, was ihm mit dem Kinderkriegen/Kinderhaben blüht)

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Der letzte Beitrag ließ es ahnen: eine Auszeit aus dem Elternsein kann echt nötig sein. Und heißa, ich sage Euch: sie ist auch möglich! Zum scheißverfickten Glück, alte Axt noch eins. Verzeihen Sie den Ton, aber Fluchen unterstreicht schöner als Blinkebuchstaben.

„Alles was Sie brauchen: eine Oma und zwei E-Tickets. Der Ausbruch ist möglich!” habe ich geschrieben und ja, ich bin mir des Luxus’ bewusst, den wir da haben: die Oma, die bereitwillig Buggy bei Fuß steht und die Kinder für vier Tage (immerhin: zwei davon tagsüber mit Kindergarten) bespaßt. Die Familienkasse, die diesen Ausbruch erlaubte. Und den Möhrchenprinzen, der das alles organisiert und gebucht und mich damit mal kurz überrascht hat. Wir haben’s gut und ich weiß das. Ich weiß auch: Wegfahren ist kein Patentrezept bei Zahnfleischbluten. Das war für genau uns genau jetzt genau das Richtige. Für alle anderen gilt Anderes. Und ich weiß auch noch: klar wollten wir diese Kinder und unser Leben so und würden natürlich auch nicht tauschen wollen – aber wir wollen auch: mal wieder wir sein. Und mal wieder durchschlafen. Und mal wieder etwas Neues sehen jenseits von abseitigen Kinderstuhlfarben (ich meine nicht die Möbel!) oder dem dreihundertachtundneunzigsten Pixibuch.

Frei sein wie ein Vogel und diese ganzen Bilder...

Und so brachten wir eines Donnerstags im November die Kinder in den Kindergarten, gingen wieder nachhause, warfen ein paar Klamotten in einen großen Rucksack und fuhren mit der U-Bahn (zugegeben: mit Umweg über zwei Flughäfen) nach Istanbul. Eine andere Welt in nur drei Stunden Flugzeit. Manchmal braucht man einfach die Erinnerung daran, daß es noch soviel anderes auf der Erde gibt als… Sie wissen schon: Stuhlfarben und Bilderbücher. Waschladungen und Kinderturnen. Frühstück und Abendessen. Lego und Playmobil.

Andere Eltern hatten uns zu diesem Kurzausbruch vorher schon gratuliert und prophezeit: „Am ersten Tag wollt Ihr noch halbstündlich anrufen, ob zuhause alles okay ist. Am zweiten Tag kommt Ihr auf den Geschmack. Drei Telefonate früh, mittags, abends, würden reichen. Irgendwas fehlt dazwischen immernoch. Der dritte Tag ist wie früher ohne Kinder: nur Ihr beide. Aber am vierten, spätestens abends, bricht Euch das Herz, wenn Ihr die Blagen nicht sofort wieder sehen könnt.”
Das kann ich so nicht unterschreiben. Im Gegenteil, ich war erstaunt bis schockiert, wie schnell wir uns beide in unserem alten Leben gefunden haben: sich treiben lassen durch den Tag, ohne die permanente Angst, irgendetwas wichtiges vergessen zu haben (Windeln, Fläschchen, Gummibärchen. Mütze, Schal, Handschuhe. Schnuller, Feuchttücher, Taschentücher, Ersatzklamotten. Ach Scheiße, wo steht eigentlich der Buggy? Und hatten wir nicht noch vorhin noch ein quengelndes Kind dabei? Verdammte Axt, waren das nicht sogar zwei?!) – das geht. Aber sowas von! Irgendwo irgendwas aus der Hand essen, wenn einem SELBST danach ist: das geht ja! Irgendwo einen Kaffee trinken ohne nocheinmal dasselbe auszugeben für zwei Gläser, die voll wieder zurückgehen (oder kaputt und noch teurer): das geht ja! Sich in Ruhe irgendetwas ansehen, ohne permanent die Umgebung abzuscannen nach Toiletten, Wickelmöglichkeiten, Getränkeständen: das geht ja!
Wir waren sehr schnell wieder in dem Leben, in dem wir vor den Kindern waren. Es ging um den Moment und endlich mal wieder UM UNS. Wir gingen Hand in Hand in eigentlich unfassbarem Tempo (mehrere Kilometer! pro Stunde!) durch eine fremde Stadt und kümmerten uns nur unsere eigenen Bedürfnisse. Fast waren wir keine Eltern. Wahnsinn.

Aber die Momente, die uns bewiesen, daß wir keine Zeitreise gemacht hatten, die kamen. Unverhofft und erschreckend deutlich.

Wir sind erschlagen von der Hagia Sophia: so groß, so viel Geschichte, so viel Kultur. hagia sophia
Und vor dem berühmten Mosaik der Mutter Gottes fällt mir als allererstes ein:
hagia_sophia_mosaik_500
Um Himmels Willen! Die trägt nicht wirklich das Kind mit dem Gesicht nach vorne! MEIN GOTT!

Ich bin jetzt also Mutter und denke auch wie eine. Erschütternd.

Eine andere Situation, die ich vor fünf Jahren noch ganz anders wahrgenommen hätte: bettelnde Kinder auf der Straße. Wenn abends die Geschäfte schlossen, wuchsen aus den Gehwegen die Decken der Strickomas und der Straßenhändler, auf einmal saßen überall Frauen mit schlafenden Kleinkindern auf dem Schoß und einer leeren Schale vor sich. Und einzelne Kinder im Vor- oder Grundschulalter, die Melodika spielten oder Taschentuchpackungen anboten oder sich an eine Hauswand kauerten und traurig schauten. Wir haben mehrfach beobachtet, daß die Kinder untereinander ganz fröhlich waren, miteinander scherzten und die Plätze tauschten – um alleine wieder den traurigen Blick nach oben aufzusetzen. Diese Beobachtung macht die Sache für mich nicht einfacher – denn seit ich Mutter bin, berührt mich ein bettelndes Kind noch viel mehr als vorher. Die Vorstellung, meine Kinder müssten betteln gehen, ich würde meine Kinder zum Betteln schicken, macht mir Gänsehaut. Und mich unheimlich dankbar, daß ich mir darüber eigentlich gar keine Gedanken machen muß (Gedanken mache ich mir aber darüber, ob ich nicht gerade dadurch, daß ich mich berühren lasse und Geld gebe, das System am Laufen halte. Teufelskreis.). Mein Souvenir ist Demut.

Und dann war da noch der letzte Abend in der Stadt. Der letzte Abend ohne Kinder. Der letzte Abend ohne Winterjacke. Wie die Abende zuvor liessen wir uns durch die Stadt spülen, aßen, liefen, tranken, gingen weiter, saugten auf und kurz vorm Hotel wurde uns ein weiteres Mal unfaßbar klar, wie sehr sich unser Leben in den letzten Jahren verändert hatte: Früher wären wir noch einmal umgedreht, hätten noch drei Lokale unsicher gemacht und gerufen „Schlafen können wir auch zuhause!”. Diesmal legten wir uns brav aufs Ohr und genossen es, die paar Stunden wenigstens durchzuschlafen.

am meer
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PS: Die Kinder fanden’s auch toll. Vier Tage bei Oma und Opa! Und auch Oma und Opa haben sich gefreut. Klassische Win-Win-Win-Situation.

PPS: Heimkommen ist schon auch sehr schön. Vielleicht sogar schöner als früher.

PPPS: Wenn’s denn ein Fazit sein soll: Vielleicht ist Istanbul gar nicht so sehr verschieden von unserem deutschen Alltag wie es uns vorkam (Größe, Lärm, Leben…). Vielleicht reicht schon der fehlende Kleinanhang, um eine Reise „allein” zum unglaublichen Erlebnis zu machen.
In diesem Sinne: Liebe Eltern, nehmt Euch mal einen Babysitter und fahrt mit den Öffentlichen in die Nachbarstadt, wenn möglich über Nacht. Ohne Kinder ist alles eine neue Welt!


Happy Imperfection!

18.9.2013

Ich weiß, ich weiß, erst unlängst hab’ ich mich über Supermuttis aufgeregt. Und heute? Sieht es ganz so aus, als gehöre ich dazu*.

Dieses Drecksinternet hat mich nämlich angefixt, irgendwo habe ich diese Regenbogentorte gesehen und wusste: das will ich auch mal gemacht haben! Raketes Geburtstag bzw. den obligatorischen Verwandtschafts-Besuch habe ich dann als Anlass (und mir einen halben Tag frei) genommen.
Regenbogentorte_stilhäschen
Ist gar nicht mal soooo aufwendig. Und hat mir vor allem richtig, richtig Spaß gemacht – weswegen ich das ja auch in Angriff genommen habe; meine Tochter braucht sowas nicht. Daß Rakete mal kurz staunt beim Anschneiden, ach: eine nette Zugabe (für sie und ihre Kindergartengruppe gab’s wie immer ganz einfache Marmormuffins). Die fertige Torte, das Wissen ums Selbstgemachthaben und daß die Schwiegermutter sieht, daß ich auch was kann: unbezahlbar!
Regenbogentorte_stilhäschen_angeschnitten
Wen’s interessiert: ich hab’ mich im Wesentlichen ans oben verlinkte Rezept gehalten, zwischen die Böden aber statt Creme Aprikosenmarmelade gestrichen. Supersaftig! Ich hatte 22cm-Böden und die Frischkäsecreme mit je 300g Käse, Butter, Puderzucker gemacht. Mit weniger hätte ich die Böden aussen nicht gleichmässig abdecken können. Übrigens: aus Schüsseln kratzen und verstreichen lässt sich sowas hervorragend mit einer Krankenkassenkarte! Und lieber vier Riesenrollen Smarties kaufen statt nur zwei. Die Farben sind nämlich gar nicht gleich verteilt und abgezählt (bei mir war Orange stark unterrepräsentiert)!

* Sieht aber nur so aus! Weil ich nämlich nur wenig so sehr hasse wie diese Selbstbeweihräucherungs-Eigenkreativitätsfeierei-Blogs (wehe, hier kommen lauter „oooch, wie toll du das gemacht hast!”-Kommentare!), zeige ich Euch noch mehr. Nämlich was ich (und auch sonst niemand – das macht mindestens genauso oft auch mal der Möhrchenprinz) alles NICHT gemacht habe. Nicht heute, nicht gestern und vieles bestimmt seit ein paar Wochen nicht mehr. (Und man darf mir glauben, wenn ich sage, daß ich die Motive weder arrangieren noch suchen musste!)

Unterm Bett. Tatütata.
Staub auf Fußkreuzen.
Der Fluch der tiefen Sockelleisten.
Im Karton sieht's immer noch besser aus als im Regal.
Was vom Frühstück übrig blieb.
Ach, da!
Dreck, einfach nur Dreck.
Tritt sich fest.
Schon lange tot.
Down the drain
Mein Freund, die Wollmaus.
Wäschemonster von allen Seiten.
waschbecken

Weil es nämlich wichtigeres gibt. In diesem Sinne: do more of what makes you happy. Und lasst den Rest liegen, solange es geht.


Ohrwurmalarm! (Mit Erziehungseffekt, immerhin)

26.8.2013

Warum Kinder eigens für sie gepanschte Spezialmusik brauchen sollten, geht wohl keinem Erwachsenen ein, dem jemals Töne wichtig waren*.
Und warum müssen dann auch noch so viele der im Handel erhältlichen Kinderliederalben hirnlose Texte mit grausamem Hammondgeorgel kombinieren? Die Antwort hat bestimmt irgendwas mit Kommerz zu tun, ein leidiges Thema.
Aber daß Kinder, deren Argumentation in allen Lebensbereichen (Kaffee oder Kaba? Cola oder Wasser? Gin oder Tonic? Aufbleiben bis in die Puppen oder um acht ins Bett?) sich sonst auf „ich bin doch aber schon groß!” beschränkt, ausgerechnet bei diesem Thema auf die Kinderversion bestehen, kostet mich die meisten Nerven von allen. Ich habe es versucht und meiner Tochter richtige Musik vorgespielt, mitgeträllert, Autositztänze dazu erfunden – keine Chance. Mit viel gutem Zureden dürfen wir auf Autofahrten nach einer kompletten Kinder-CD (von bereits länger gebeutelten Verwandten geschenkt bekommen – ich frage mich noch immer, was wir denen getan haben) einmal kurz das Lied mit den Brüsten hören, dann ist aber wieder „Kinderlala!” dran. Mittlerweile bestellt auch Risiko bereits beim Hineinsetzen in den Kindersitz lautstark „Lala!”. Das sind die Momente, in denen ich tief einatme und „Kinder sind das größte Glück der Welt! Gefälligst!” mantratisiere, während ich schicksalsergeben die CD starte.
Normalerweise fahre ich dann so lange fort mit meinem Mantra, daß ich in guten Momenten von der Musik kaum mehr etwas mitbekomme. Just gestern jedoch horchte ich auf: hatte das musikalische Schreckgespenst der meisten denkenden Eltern, Rolf Zuckowski*, da nicht etwas von „Bierchen” im Text untergebracht? Ich spulte zurück. Tatsächlich! Da wird ein Kind zwar zwei höllische Strophen und zwei fürchterliche Refrains lang ermahnt, die Pfoten von Papas neuem Technikeinkauf zu lassen, kommt aber fantastischerweise in der dritten Strophe von selbst auf die Idee, dem erschöpften, weil installationserfolglosen, Vater ein Bierchen aus dem Keller zu holen. Hey, das ist doch mal wirklich ein Lied mit rechtschaffen sinnvollem Text! Ab jetzt läuft das in meinem Auto bei Kindertransporten auf Endlosschleife. Solange, bis die Kinder a) die angemessene Reaktion auf schlappe Eltern im Schlaf beherrschen und b) um ordentliche (=mir genehme) Musik betteln. Auf Knien. Trotz Kindersitz*.

*** Wenn ich ganz ehrlich bin, muss ich zugeben: meine erste selbstgekaufte Platte war zwar von Genesis, die erste in meinem Besitz jedoch eine andere. Fünf Jahre vor Invisible Touch und vor dem Wissen, daß man gar nicht erwachsen sein muß für Plattenkäufe, nämlich bekam ich zum sechsten Geburtstag eine LP von Rolf und seinen Freunden. Und jetzt bin ich noch ehrlicher: ich liebte sie. Unter Folter würde ich vermutlich sogar zugeben, „Mein Platz im Auto ist hinten” für ein großes Stück Musikgeschichte zu halten. Ohne zu lügen. Ganz ohne Folter gilt das sogar für die Rolf-Version von Banana Boat, unbedingte Hörempfehlung.
Jetzt hab’ ich aber ordentlich gebeichtet. Ist Musikgeschmack, altersgebunden, am Ende erblich? Dann habe ich panische Angst vor Raketes Pubertät. Obwohl der Teil meiner Plattensammlung (Das wüsste man jetzt gerne, was? Ein bißchen Scham und Stolz hab’ ich aber noch…) verscherbelt ist. Heute ist ja im Netz alles noch erhältlich…


Lesetip

2.3.2013

Weiterleitung zu sehr schlauem Rant – persönliche Antwort eines Konsumenten auf die Amazon-Debatte („der Verbraucher ist schuld”): „[Was darf eine Ware kosten?] Ich weiß es nicht, weil ich weiß, wie komplex das alles ist.” Texas-Jim bringt es auf den Punkt (und noch immer folge ich dem großartigen Hefeteig-Tip). Bitte lesen.


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