Der Lichtschalter im Tabellenkeller


Liebes Stilhäschen,
dieses viele Licht und die ganz erstaunliche Wärme der letzten Tagen haben ihre Spur auf meiner Haut und darunter hinterlassen. Am Wochenende verlasse ich also kurz entschlossen meine Stadt, um meinen Hormonhaushalt mal wieder ins Lot bringen zu lassen.
Aber nicht dass du denkst, ich hätte euch vergessen.

Niemals 2.Liga hallt es durch meinen Kopf und mein Fußballherz und ich fühle mich fast wie ein Clubberer, so richtig schön, wie es nur Günther Koch sagen konnte, mit ganz rollendem ‚r’ und tiefer Inbrunst.
Die ersten 1000km für den Klassenerhalt sollen nicht umsonst gewesen sein, und die vielen fränkischen Biere erst recht nicht.
Ich glaube, ich tauge als Maskottchen und bin mit deinem Schal gut angekommen, in meiner Heimatstadt, wo wir am letzten Spieltag mit einem haushohen Sieg gegen Cottbus das unsrige tun werden für euren Klassenerhalt.

Und für Cottbus tut es mir nicht einmal leid, eine Stadt zu der mir überhaupt nichts freundliches einfällt, weder fußballerisch noch menschlich. Jeder der schon mal zwei Stunden am Cottbuser Hauptbahnhof auf den Anschluß nach Berlin warten musste, weiß wovon ich rede…

Ich habe deinem Schal auch gleich den Ort des Geschehens gezeigt, ein bisschen Aberglaube hilft die letzten Zweifel fortzufegen.

Und im nahe gelegenen Naherholungsgebiet habe ich ihn auch gleich noch den Statuen umgehängt und den Löwen ins Maul gelegt, damit bloß nichts schief geht.

Was tut man nicht alles für ein kleines bisschen Klassenerhalt, für ein kleines bisschen Hoffnung?
Man klettert an Skulpturen aus der Nazizeit hinauf, man fällt beinahe vom Rücken steinerner Löwen und wartet eigentlich nur darauf, dass einen der Sicherheitsdienst am Stadion fragt, was man da wohl tut.

„Ein Projekt fußballbegeisterter Fotokünstler aus Nürnberg und Hannover“, hätte ich geantwortet, „Knipsen gegen die Abstiegsangst.“
Das Wetter heute war ja wie gemacht für dicke Hosen, aber es hat dann ja doch keiner gefragt.

Dafür frage ich mich jetzt, ob die ganzen Vitteks, Kringes, Lauths, Wörns, Sagnols, Wächters und wie sie alle heißen noch wissen, was uns das alles bedeutet.
Ob die noch wissen, was es für die 300.000 Menschen, die Woche für Woche in die Stadien ziehen, die Millionen vor den Premiere-Leinwänden in den Kneipen und die anderen an den Radios an den Samstagnachmittagen heißt, gegen den Abstieg zu spielen, oder um die Meisterschaft, die Qualifikation für einen europäischen Wettbewerb, oder einfach noch um ein paar Punkte für ein besseres Tabellenbild?
Oder ob sie das einfach irgendwann verlieren, zwischen Bolzplatz, Talentsichtung, Sportinternat und dem ersten gutdotierten Vertrag?
Glaubst du, dass einer von denen einen Schal an ein Stadiontor geknotet hätte, um den Feuerchen Hoffnung mit Aberglaube ein wenig Sauerstoff hinzuzufächeln?
Reißt nicht spätestens in den Sportinternaten, in den Kaderschmieden der Großvereine, in dieser Welt aus Disziplin und Ehrgeiz, die Verbindung zwischen denen die spielen, und denen die nur zuschauen?
Wo bleibt in diesem Kosmos aus Sportwissenschaft, aus Leistungsplänen, Leistungsdruck und Trainingslagern das Herz derer, die mal mit dem Namen ihrer Lieblinge und zerkratzten Knien genau dieselben Träume hatten, wie die Kuttenträger in den Kurven der Stadien?
Meinst du der Sohn von Pinola hätte für seine Tante ein Trikot selbergemalt?
Meinst du von denen weiß noch einer, worum es uns geht?
Ich weiß, ich bin ein hoffnungsloser Romatiker, aber ich wünschte, ich träfe einen wie Kießling oder wen auch immer, in meinem Naherholungsgebiet, dem Maschsee, auf ein paar Bier, wenn die Sonne untergeht hinter dem Stadion, das jetzt eine Arena ist, und er könnte mich vom Gegenteil überzeugen.

Solange aber bin ich mir sicher, auch im Tabellenkeller ist noch Licht, das Licht der Hoffnung.
In diesem Sinne, die alte Dame Hertha ist kein Gegner sondern ein Opfer, und ich lehne mich an den guten alten Blumentopf : Wenn ihr dabei seid, dann gibt’s ein Highlight, wir backen Abstiegsplätzchen für die zweite Halbzeit!
Es grüßt als Maskottchen und mit drei Punkten aus Berlin
Dein
BMW Wagner


2 Näschen reingesteckt bei “Der Lichtschalter im Tabellenkeller”

  1. stilhäschen sagt:

    Lieber Wagner,

    ich bin gerührt. Wenn unsere jüngst ins Leben getrunkene Fanfreundschaft in einigen Jahren weite, weite Kreise gezogen hat und sich die Massen auf Recherche nach der Legendenbildung auf diese Fotos verirren, wirst Du noch stolzer auf Dich sein können als nach Deinem persönlichen Rekord an verschiedenen Bieren („Und das fränkische Bier ist so bekömmlich! So viel und kein Kater!”). Ganz besonders toll finde ich ja die eisernen Clubfans. Dankeschön.

    Hachstens,
    Häschen

  2. Ich sitzt nur da und schmunzele. Die Achse Nürnbger/Hannover ist doch präsenter als man glaubt. Ich bin jetzt Fan (also vom Wagner, nicht vom Glubb. Letztere soll erst mal zeigen, was er kann)

Auch kurz das Näschen reingesteckt:

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