Memorrhoiden


Oft genug ist das Gehirn ja nichts weiter als ein alter Arsch. Holt Sachen raus, die schon längst zerschreddert hätten werden sollen; merkt sich neben korrekter Grammatik für unsinnige Worthaufen auch schlimme Songtexte und die Top-1000 der schlimmsten Tage (und alle drei Jahre wird neu archiviert). Behält dann aber nicht mal die poplige PIN der EC-Karte oder drei wichtige Telefonnummern, die helfen könnten, wenn man sein Handy im Teich versenkt hat.

Jaja, schon klar, sind ja Unmengen von Daten, die da täglich durchlaufen, kann man nicht alles speichern, muß man auch mal wegwerfen, meinetwegen, aber bimbamnuamol: wer genau bestimmt das bitte? Da steht also in meinem Schädel irgendwo so ein Zellhäuflein an einem Fließband und sortiert den Kram aus, der nicht bleiben soll. Schiebt ihn vom Band, das zu den Klöpsen läuft, die den Rest abheften in mies bis gar nicht beschriftete Ordner. Und am Ende des Tages wird der Boden gefegt und ab in den Ofen, Feuer für die Traumfabrik.

Nur hat mein Erinnerungsbeauftragter offensichtlich Blasenschwäche, so oft wie da Erinnerungsmüll durchschlüpft und später ungefragt hochschwemmt. Oder grauen Star. Das würde dann auch erklären, warum Namen, Gesichter und Termine grundsätzlich verschürt werden.

Einzig bei einer Erinnerungskategorie ist das Memorymännchen so richtig konsequent: unter „Selbstbild” wird zum Gefühl des Zwanzigseins immer nur der letzte Blick in den Spiegel archiviert. Und weil der körperliche Verfall ja eher ein schleichender ist und die Momente kosmischer Einsicht selten, sehe ich selbst die Fältchen gar nicht und nicht das drohende Doppelkinn, nicht die feinen Äderchen und die großen Poren, und schon gar nicht sehe ich ein, warum ich nicht mehr forsch wie die altkluge Achtjährige („hach, ich kann essen was ich will – ich wiege immer 20 Kilo!”) zum Buffet stelzen können sollte.

Und dann kommt sowas: da stolpert man über irgendein Fremdlebensdetail und prompt beginnt das Erinnerungsdomino im Hirn zu rattern. Stimmt, schickes Ding, kommt mir bekannt vor! rufen ein paar Synapsen von hinten und vorne ziehen sich schon mal die Mundwinkel hoch wie damals im Fahrtwind.

Meine war Baujahr 1982, altpapiertonnenblau und erst gegen Ende ein bißchen gierig. Aber da hatte sie auch schon Konkurrenz mit Heizung und mehr Platzangebot als nur der Rückbank. Geradezu eiskalt trennte ich mich von ihr. Hallo Reue, alter Depp.
Meine Güte, was waren das Zeiten damals. Ganz andere. Just letzten Sommer fuhr ich die Strecke, die ich damals freitäglichabends in fast zwei Stunden mit der blauen Elsa aufs Land keuchte, öfters wieder; mit drei Dutzend mal mehr Pferdestärken und in einem Viertel der Zeit. Mit Radio und ohne Helm. Es ist nicht alles schlechter als früher, übrigens.
schwalbe-kopie.jpg

Und trotzdem könnte man sich prima aufregen, klar. Meine Fresse, muß das sein, daß man jetzt auch schon Fotos findet, die sich anfühlen wie vorgestern und doch schon eine zweistellige Anzahl an Jahren auf dem Buckel haben?


  1. Herr Jeh meinte:

    Mein Tipp zur Besserung:
    Machen sie einfach neue Fotos mit einer neuen Schwalbe :)

  2. pulsiv meinte:

    scheiße sind sie alt… ich fass es nicht. :P
    aber hej… die schwalbe ist nicht breiter geworden. ich schon. und ich bin nicht älter.

  3. Frau Klugscheisser meinte:

    Hachja, DAMALS. Das italienische Original fuhr mich bei Wind und Wetter zum studieren. Nur waren die Finger vor der Klavierstunde im Winter immer ein bisserl kalt.

  4. Rationalstürmer meinte:

    Des Foddo is orichinal DDR, oder?

  5. Frau Echse meinte:

    herrlich geschrieben und so verdammt noch mal wahr!
    ich bin innerlich auch höchstens 20 und erschrecke regelmäßig beim spiegelblick.
    das hirn hebt die tollen jugenderinnerungen ja eigentlich nur auf, damit wir das siechtum so ab ca. 98 besser ertragen können und unsere enkel mit den anekdötchen langweilen können…. aber wenn dann so ein schnipsel auftaucht wird man auch jetzt schon wehmütig.
    scheiße alt sind wir, scheiße!

  6. Elder Blogman meinte:

    Klasse.

  7. zoee meinte:

    sehe ich morgens in den spiegel, sehe ich eine hübsche frau.
    sehe ich am nachmittag fotos, die von mir gemacht worden sind, negiere ich meine existenz auf diesem planeten. so einfach ist das.
    ich gefalle mir sehr gut, aber eben nur so, wie ich mich sehe. klar, die klamotten machen nicht mehr so mit, wie damals, aber daran ist nicht mein schludriger lebenswandel schuld und schon gar nicht mein alter. dafür trägt die bekleidungsindustrie, mit ihren ewigen dürrheitsgesetzen die verantwortung!

    was die vespa betrifft: in ermangelung eines führerscheins (nicht einmal fahrrad habe ich jemals gemacht) beschränkt sich meine liebhaberei auf dieses sehr schicke zweirad auf erinnerungen wie z.b.: mit meiner damaligen besten freundin im teenie-alter zeitungen ausgetragen zu haben, um karten für ein police-konzert kaufen zu können (und wir träumten davon, auch mods zu sein! immerhin trugen wir schon die klamotten) – das konzert fiel leider aus und sollte ca. 6 monate später stattfinden. da waren wir aber keine mods oder skas mehr, sondern punkig angehauchte hippies. und die karten haben wir zurückgegeben, weil wir uns davon schwarze westen und schwarze schlapphüte gekauft haben.
    oder z.b: mit meiner damaligen besten freundin alexandra an der piazza navone in rom zu sitzen und davon zu träumen, dass wir irgendwann mal in rom leben und dann auch so etwas schickes fahren werden. in der römischen sonne. immer auf der piazza navone! rundherum!
    oder z.b.: mit meiner besten freundin heute über solche geschichten lachen zu können. mit einer träne, die aus der nase läuft.
    oder z.b.: in einer garageneinfahrt eine furchtbar heruntergekommene schwalbe zu sehen und am liebsten einen zettel mit: „schäme dich! total!” anbringen zu wollen.

    ach ja, und die erinnerung an audrey hepburn –
    http://ecx.images-amazon.com/images/I/51FG49VNE8L._AA240_.jpg

    endlich mal eine erinnerung, die vor meiner zeit war.

  8. Fuxbeck meinte:

    Vespa,ist das nicht das fränkische Synonym für Brotzeit?

  9. stilhäschen meinte:

    Aber Herr Jeh, es wird nie mehr dasselbe sein. Deswegen ja auch die PS-Aufstockung: der Fahrtwind glättet Falten besser.

    Ja, pulsiv, das rufe ich auch mit jedem Glas: „Alkohol konserviert!”

    Stimmt, Frau Klugscheisser, da war ja noch was. Die kalten Finger, die hinne Frisur, die Regensammlung im Schritt. Fast hätte ich’s verklärt. Danke!

    Naa, Raddse, des is orichinol Südstadd. Also doch irchendwie… (Und ich bin mir gar nicht mehr sicher, ob das wirklich schon ein gepflasterter Gehsteig war, bimbam.)

    Hoppla, Frau Echse, dann merkt man, daß man alt wird, also daran, daß man sich schon erinnert? Weil der Körper weiß, daß das mit den 98 nix mehr wird und sich schon mal des Ballasts entledigt? Scheiße, sind wir alt.

    Danke, Elder Blogman.

    Und was lernen wir daraus, Zoee? Wir sollten zum Frühstück schon saufen und mittags ins Bett gehen. Genau. Im übrigen: Glückwunsch zum längsten Kommentar ever. Erinnerungen sind ein echtes Arschloch, was da alles aufquillt… und das mit dem Schamzettel, das merke ich mir, aber hallo. (Könnte das mal wer an mein Auto kleben, bitte?)

    Genau das, Fuxbeck. Deswechen laufen die Dinger bei uns ja auch ned so richdich. Die laufen ned mid Pressagg.

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