Homeschooling: Musik und Geschichte.


Musik war mir mal unheimlich wichtig. Ich erinnere mich an die Zeit zwischen 20 und 30, an Anstehen vorm Plattenladen und an eine Menge vielversprechender Flirts, die beim Blick auf die CD-Sammlung leise verpufften. Musik war keine Untermalung, Musik war heilig und Distinktionsmerkmal. Wer die gleichen Platten im Regal hatte, konnte kein ganz schlechter Mensch sein.
Tja, irgendwann ging das irgendwie unter. Job, Beziehung, Kinder, meine Gedanken drehten sich um andere Dinge, offenbar war ich irgendwo zwischendurch erwachsen geworden. Ich ertrage Musik nur noch, wenn ich alleine bin. Ich kann mich einfach nicht mehr auf zwei oder mehr Soundinputs konzentrieren.
Ich bin aber kaum allein. Und so huschte die Musik aus meinem Leben, still und leise. Aber irgendwie schmerzhaft.

Schmerzhaft auch das Gros dessen, was so als „Musik für Kinder” auf dem (Floh-)Markt angeboten wird. Und so war ich vor ein paar Jahren heilfroh, Deine Freunde und Unter meinem Bett zu entdecken, das kann ich wenigstens ertragen, sogar in Dauerschleife.

Rakete ist jetzt acht, das Deine-Freunde-Konzert hat sie arg geflasht (zugegeben: mich auch). Und so stellt sie mir Fragen: was ich so für Musik gehört habe, früher? Ob ich ihr auf youtube zeigen könnte, was der Deine-Freunde-Sänger Flo Sump früher gemacht hat? Und was eigentlich ein DJ macht?
Wir sind ein Wochenende lang auf Reisen gegangen, vor meiner Musik-Sammlung und vorm Computer. Wir sprangen von Hütchen auf Stöckchen, ich erklärte ihr das Prinzip „Zitat” und „Sample” und dass beides etwas mit Respekt zu tun hat. Ich nahm sie mit auf eine Zeitreise, versuchte zu erklären, dass deutsche Texte in den Neunzigern nicht gerade cool waren, es wurden wahre Geschichtsstunden („Und Handys gab es noch nicht. Mal schnell etwas nachschlagen ging nur zuhause im Lexikon und Musik kaufte man im Laden.” – „Mama, jetzt verarschst Du mich aber!”).

„Wie alt warst Du da, Mama?” fragte Rakete, als sie „Auf einem Auge blöd” aus dem Plattenregal zog. Flashback. Ich erinnere mich an ein Fettes-Brot-Konzert, ca. 1996, ich war zwanzig, Vorband war Blumentopf, vielleicht 200 Leute im Publikum. Wenig später füllten die Jungs Riesenhallen und „fast dreissig” war ein Schreckgespenst.

Offenbar wurden sogar die erwachsen. „Für immer immer” mag auch schon wieder fünf Jahre alt sein, egal. Für uns ist es neu und seit Wochen Ohrwurm Nr.1. „Das (bei 2:45) ist ja DJ Pauly, Mama!” Ach ja, mein Kind, der gehört da auch dazu. So schliesst sich der Kreis. „Und das mit Katja Ebstein, das reimt sich nicht. Ist das wohl ein Zitat, Mama?”. Tschakka, Kleines. Deutscher Hiphop: Eins, setzen.

Trotzdem bin ich immer noch erschüttert: wie konnte es passieren, daß ich volle zwei neue Alben vom Fetten Brot einfach verpasst habe? Immerhin das vorletzte haben wir jetzt auch schon, Rakete und Risiko kennen neuerdings die „Repeat-one”-Taste am CD-Player und dank Bassbeschallung kommt Rakete nun morgens auch aus dem Bett. Blöd nur, dass jetzt Ferien sind.

Ach was, das gibt uns ja jede Menge Zeit für mehr Zeitreisen! Heute stehen Kante, Del Amitri und Plan B auf dem Stundenplan, und dann machen wir mal eine Retrospektive zu Grönemeyer („Sie mag Musik nur wenn sie laut ist”), Prince und The Police und vielleicht noch in die Steinzeit: meine erste Platte war Genesis’ „Invisible Touch”. Mal sehen, wo wir sind, wenn die Ferien vorbei sind. Auf jeden Fall lernt Rakete in diesen Ferien mehr als in drei Jahren Schule.


Ein Näschen reingesteckt bei “Homeschooling: Musik und Geschichte.”

Auch kurz das Näschen reingesteckt:

Sollte Dein Kommentar nicht an den Spamschutz-Türstehern vorbeikommen, obwohl Du nicht für Deinen Viagrashop geworben oder Nacktbilder Deiner Oma angepriesen hast: bitte kurz per Mail (info[ät]stilhaeschen[punkt]de) melden, dann fisch' ich ihn gern von Hand raus. Danke.
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