alles Egos außer wir


Gestern abend stand ich mit dem Fahrrad ganz vorne an einer roten Ampel und wartete auf grün. Neben mir stand ein Auto. Dann kam eine Fahrradfahrerin von hinten, quetschte sich zwischen dem Auto und mir durch und stellte sich genau vor mich, um dort ebenfalls auf grün zu warten.
Ich war zu perplex, sie zu fragen: „Warum, zur Hölle? Warum glauben Sie, das Recht zu haben, sich vor mich zu stellen?” (Und sie war nicht etwa mit einem sportlicheren Rad unterwegs, was wenigstens noch erklärt hätte, daß sie

Mir persönlich kommt es so vor, als werden solche Situationen immer häufiger:

- Autofahrer, die (gerne plötzlich und ohne zu blinken) in zweiter Reihe anhalten, um „nur mal schnell” etwas zu erledigen. Daß das den Verkehrsfluß behindert oder (z.B. wenn das auf der Gegenfahrbahn auch jemand tut) sogar lahmlegt, ist ihnen egal. Oder nicht einmal bewußt? „Ich bin doch gleich wieder weg!” sagen sie bestenfalls, wenn man sie darauf anspricht (eher jedoch wird man angepöbelt). Als ob das etwas ändern würde! Auch wenn man nur 5 Minuten ein Arschloch ist, war man ein Arschloch.
Manche Autofahrer potenzieren ihre Idiotie noch, indem sie in zweiter Reihe vor einem Parkplatz halten, statt kurz hineinzumanövrieren und alles wäre in Butter. Gleiche Kategorie: Männer auf Frauenparkplätzen, Kinderlose auf Familienparkplätzen, Gesunde auf Behindertenparkplätzen, ein Auto auf zwei Parkplätzen…

- Fahrradfahrer, die trotz vorhandener Fahrradwege eine komplette Autospur im Berufsverkehr brauchen

- Vordrängler an Kassen („aber ich hab’ doch nur fünf Sachen!”) und Ständen – oder, noch dreister, an der „Diskretionszone” in Apotheken oder Banken. Bei freundlichem Hinweis könnte man sich ja entschuldigen und anstellen; diese aber pampen einfach los oder ignorieren einen.

- Autofahrer, die mit Absicht auf der Abbiegespur an einer Stauung vorbeifahren, um sich ganz vorne wieder einzufädeln

Mir fielen noch einige dieser Standardsituationen ein, die mich immer wieder aufs Neue sprachlos machen.
Egal ob als Verkehrsteilnehmer oder in anderen Alltagssituationen, eines haben all diese Leute gemein: sie verhalten sich als wären sie alleine auf der Welt – oder wichtiger als andere. Sie glauben, für sie gälten Sonderregeln. „Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg’ auch keinem andern zu”, das allereinfachste Gesetz des Zusammenlebens – sie scheinen es nie gehört zu haben. Ich kapiere einfach nicht, warum das in ihrer Erziehung offenbar nicht vorkam und auch danach nie gedämmert hat.

Warum nimmt dieser Egoismus, diese Ignoranz gegenüber den anderen so zu? Oder bilde ich mir das nur ein? Was kann man da machen (jenseits von Lamentieren und freundlichem Fragen nach den Beweggründen – nützt ja beides nichts)?

Klar kann man sagen „lass die Deppen doch Deppen sein, geh weiter und mach’s selber besser”. Aber ich sehe hier einen Zusammenhang zu z.B. Schlagzeilen über blinde Gewalt gegen Unbekannte. Wer sich nicht um seine Mitmenschen schert, schert sich nicht um seine Mitmenschen.

Ich habe zwei Kinder, denen ich versuche u.a. Rücksicht beizubringen. Mehr Menschen möchte ich gar nicht erziehen. Aber langsam gehen mir die Erklärungen aus, wenn sie fragen „warum hält der/die sich nicht an die Regeln?”
Ich habe nur eine große Hoffnnung: wenn die Egoisten keine Kinder kriegen, hört das alles auch wieder auf.


6 Näschen reingesteckt bei “alles Egos außer wir”

  1. *unterschreib*

    Auch mir kommt es so vor, als ob diejenigen, die sich nicht an die Spielregeln halten, immer mehr werden. Oder ich hab mich früher selbst nicht darum geschert und jetzt fällt es mir halt deshalb auf.
    Früher habe ich beispielsweise über 30-Zonen geschimpft. Heute wohne ich selbst in einer und ärgere mich über Leute, die an mir vorbeirasen. (unser Bürgermeister hat mal verlautbaren lassen, dass die Leute in einer 30-Zone wenigstens nicht schneller als 50 fahren). Ich habe inzwischen aber auch einen anderen Blickwinkel (vor allem auch wegen meiner Kinder und wegen den überfahrenen Katzen) und rede mir ein, dass ernstzunehmende Eltern das niemalsnicht machen würden. Dagegen spricht, dass ich öfters auch Leute beobachten kann, die die 30 vor *ihrem* Haus von allen verlangen und erwarten, aber anderswo fahren wie die sprichwörtliche Sau.
    Das einzige, was wir da tun können, ist, unseren Kindern ein vernünftiges und sozialverträgliches Verhalten vorzuleben.

    • stilhäschen sagt:

      Ach, die Raser… die fehlen oben noch. Wir wohnen in einer Spielstrasse. Wenn man sich Mühe gibt und das richtige Auto hat, schafft man aber trotz Verengungen und Extrakurven kurzzeitig (also für 5 Meter) wohl 50 Sachen. Ich verstehe es nicht – gerne sind das Eltern, die ihr Kind (ohne Gurt auf dem Beifahrersitz) in den Kindergarten fahren…

  2. Kristof sagt:

    Ich frug mich zunächst, wie Sie denn mit dem Fahrrad ganz vorne an die Ampel gekommen sind. Wirklich als Erste oder rechts an den Autos vorbei?
    Ansonsten ist vieles eine Sache des Blickwinkels. Der Familienparkplatz ist z.B. keine „Regel” im Sinne der StVO, und sich auch sklavisch an die Regeln zu halten, kann auch sehr nervend sein.

    Aber grundsätzlich haben Sie recht, auch ich kann mich vorzüglich über andere Verkehrsteilnehmer aufregen. Es wird alles immer schlimmer (komischerweise je älter ich werde :-)

    • stilhäschen sagt:

      Tatsächlich kam ich als erste an die Ampel, erst danach das Auto. Und selbst wenn ich langsam rechts am Auto vorbeigefahren wäre, wäre das legal… eigentlich nämlich ist tatsächlich alles, worüber ich mich aufrege, auch rechtlich geregelt. Rücksicht steht sozusagen im Gesetz – als Nicht-Behindern anderer. Macht den Ärger nicht kleiner.
      Und ja, das Alter mag eine Rolle spielen. Wird nur leider auch nicht mehr besser…:-(

  3. <°((( ~~< sagt:

    Oha! Genau meine Themen! Also: Neid, Gier und Geiz sowie zunehmende Rücksichtslosigkeit und Selbstbezug.

    Einerseits bemerke ich mit Bedauern, wie ich selbst zum Schwein werde, sobald ich ein Auto steuere: Man hat es eilig, und genau deshalb benutzt man doch das Auto, „es sind ja nur fünf Minuten”, alle langsameren sind nur im Weg und die Nörgler sollen sich mal nicht so haben.

    Ich vermute, es liegt an der Abgeschlossenheit der Blechdose, die irgendwas mit der Psyche macht, selbst mit der gutwilligen und kritischen.

    Andererseits beobachte ich einen stetig zunehmenden Egoismus in allen Bevölkerungsschichten. AfD und PEGIDA sind auch ein Symptom, die argumentieren ja hauptsächlich mit Neid und Egoismus. Aber auch bei vielen, die noch nicht PEGIDA sind scheinen Neid und Unzufriedenheit zu wachsen. „Warum hat der und ich nicht! Warum darf der und ich nicht!”

    Diesen Eindruck hatte ich früher nicht so ausgeprägt, um mal eine Jahreszahl zu nennen: Vielleicht um 1990 herum.

    Dabei muss das mit der Wende gar nichts zu tun haben. Oder doch? Versprochene aber nicht eingehaltene „Blühende Landschaften”. Der im Westen verhasste Solidaritätszuschlag, den Leute zahlen sollten, denen an der Vereinigung überhaupt nichts lag. Seit Schröders Regierung die sich öffnende Einkommensschere. Sowas.

    Hier in Berlin mussten sie kürzlich vor mehreren Schulen die Schülerlotsendienste einstellen, weil die rücksichtslosen Autofahrer nicht zu bändigen sind, darunter solche mit eigenen Schulkindern.

    Tja.

    • stilhäschen sagt:

      Au weia, mit Pegida hatte ich das bislang nicht direkt in Verbindung gebracht, aber es passt leider, da haben Sie recht…

      Und das mit den Schülerlotsen ist das, was ich am wenigsten verstehe: gerade mit eigenen Kindern sollte man ja sensibilisiert sein. Aber offenbar sind die Egos einfach stärker – jeder sieht nur sein eigenes Wohl. Au weia…

Auch kurz das Näschen reingesteckt:

Sollte Dein Kommentar nicht an den Spamschutz-Türstehern vorbeikommen, obwohl Du nicht für Deinen Viagrashop geworben oder Nacktbilder Deiner Oma angepriesen hast: bitte kurz per Mail (info[ät]stilhaeschen[punkt]de) melden, dann fisch' ich ihn gern von Hand raus. Danke.
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