Zwei-Klassen-Bildung


Damals, als ich für Rakete einen Kindergarten gesucht habe, habe ich mich schon darüber aufgeregt: in unserem ach so hippen Viertel, wo man so cool Multikulti lebt (Latte Macchiato zum britischen Designerkinderwagen, Kinder in skandinavischer Mode – ach, wir sind so beyond borders!), spiegeln die Kinderbetreuungseinrichtungen nicht im geringsten den Stadtteil wider.
Mittlerweile kenne ich Kindergärten und Horte und für alle gilt: die öffentlichen Einrichtungen sind nahezu komplett mit Kindern aus sozial schwachen und/oder migrierten Familien gefüllt. In den privaten Einrichtungen sind, zugespitzt, die Akademikerkinder (zumeist muttersprachlich deutsch). Meine Erfahrungen zeigen: letztere kommen in die öffentlichen Einrichtungen auch gar nicht hinein, weil die anderen bevorzugt werden. Staat und Stadt versuchen, die schwachen aufzufangen. Die anderen bauen weiter an ihrer Welt. Integration ist das nicht.

Ab der Grundschule ändert sich ein wichtiger Punkt: jetzt müssen alle in die Schule und die Regelschule muss auch alle nehmen. Eigentlich wäre das die Gelegenheit, endlich Multikulti und Integration zu leben.
Und damit meine ich die Familien, die ich hier (in den Kommentaren) „Eltern, die sich um ihre Kinder und um die Gesellschaft kümmern. Die über ihren Tellerrand sehen und Werte haben und diese leben möchten” genannt habe (unabhängig von sprachlichem und kulturellem Hintergrund), ab jetzt der einfachheit halber abgekürzt FWW (Familien wie wir).

Ich weiß, wir haben auch versucht, unserer Tochter die staatliche Schule zu „ersparen”, aber immerhin nur halbherzig. Es hätte noch einige mehr Möglichkeiten gegeben. Bei unserer Wunschschule (der logischen Fortsetzung unseres Kindergartens mit 95% FWW) sind wir gescheitert. Jetzt ist Rakete an der Schule im Nachbarsprengel (eine glückliche Fügung Wunder hat uns im allerletzten Moment noch einen städtischen Hortplatz beschert, der zum Nachbarsprengel gehört), wo in ihrer Klasse gefühlt ein Viertel FWW sind (in unserem eigentlichen Sprengel wären es gefühlt ein Zehntel gewesen). Beim ersten Elternabend hatte ich den Eindruck, daß die Hälfte der anwesenden Eltern der Lehrerin sprachlich nicht komplett folgen konnte.

Ich weiß, in unserem Viertel ist die Quote eigentlich anders. Die teuren Kinderwägen am Spielplatz, die großen Autos vor den Kindergärten, die Läden und Cafés und ihr Publikum sprechen eine andere Sprache. Das sind nicht alles Touristen. Hier wohnen eine Menge FWWs und einige mit nicht wenig Geld.
Solange aber die ihre Kinder in die privaten Schulen (ob in die eine im Viertel oder in die anderen im restlichen Stadtgebiet) schicken (bzw. täglich fahren, über die Autos will ich mich gar nicht weiter auslassen), statt sie mit den Kindern der Nachbarn zu Fuß in die Regelschule gehen zu lassen, solange bleibt Integration ein leeres Wort.

Ihr separiert Euch! Ihr kuschelt Euch in Eure Komfortzone, Ihr kauft Euch für Eure heile Welt die Outdoor-Extension. Und damit nehmt Ihr allen anderen die Möglichkeit, mit Euch zusammenzuwachsen, zu einer funktionierenden Gesellschaft. Im Kindergarten hattet Ihr keine Wahl, zugegeben. Aber die Sprengelschule nimmt Euch mit offenen Armen auf, nicht nur weil sie muss.
Denkt doch bitte mal darüber nach.

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Zu diesem Thema gab es letztens im SZ-Magazin ein sehr lesenswertes Interview mit der Soziologin Cornelia Koppetsch. Leider hat sie auch keine Lösung.

Sie bemängeln auch, dass wir unsere Bildung entwerten, indem wir uns immer weiter bilden. Wie das?
Wir beobachten, dass viele besorgte Eltern zu immer aufwendigeren Mitteln greifen, um die Zukunft der Kinder zu sichern: Elitekindergärten, Privatschulen, Auslands-aufenthalte. Wenn immer mehr Menschen in immer höhere Bildung investieren, werden herkömmliche Bildungseinrichtungen und Bildungszertifikate entwertet. Es findet ein Überbietungswettbewerb statt: Wir können auf so viele Lehrlinge zurückgreifen, wir nehmen jetzt nur noch die mit Abitur – dann landen Realschulabsolventen in ungelernten Jobs, und die Hauptschüler kriegen gar keinen. Alles rutscht eine Stufe tiefer, weil die Spitze immer exzellenter wird. Oder die Elite-Universitäten: Die Ehrgeizigen zieht es dorthin, die übrigen Universitäten werden zu zweitklassigen Bildungsanstalten herabgestuft. Nur: Die Berufsaussichten für den Einzelnen werden dabei nicht besser. Man muss ständig aufrüsten, hat aber am Ende nichts davon.

Wie könnte man dem Einhalt gebieten?
Das weiß ich nicht. Ich kann es nur feststellen. Wenn man sich auf das Wettbewerbsspiel einlässt, trägt man dazu bei, dass diese Strukturen reproduziert werden. Das Mitspielen enthält eine Mittäterschaft. Dessen muss man sich bewusst sein.


4 Näschen reingesteckt bei “Zwei-Klassen-Bildung”

  1. Modeste sagt:

    Trifft die Kritik wirklich die Richtigen? Ich bin nun nicht im Zwiespalt, weil die Gentrifizierung im Prenzlberg ganze Arbeit geleistet hat, und es hier annähernd keine Familien mehr gibt, vor denen die FWW in private Einrichtungen flüchten. Ich kann die Privatschuleltern aber gut verstehen. Denn es geht doch nicht darum, gezielt und gehässig armen Kindern Chancen zu verbauen. Es scheint aber so zu sein – höre ich von Eltern aus Moabit oder Neukölln – dass die Kinder sozial schwacher Familien nicht einfach nur finanzschwach sind, sondern sich sprachliche, verhaltensbezogene und motorische Schwächen bei ihnen ballen. Fünfjährige, die weder Fahrrad fahren können, noch Nebensätze verwenden, und jeden Streit mit Rempeleien zu lösen versuchen. An die Kinderoper oder einen Ausflug in den Bundestag oder auch nur an einen Kanon ist in diesen Kindergärten nicht zu denken. Wenn ich also möchte, dass mein Kind diese Erfahrungen macht, dann werde ich in diesen Kindergärten zwangsläufig enttäuscht.

    Dies kann man doch aber nicht den Eltern vorwerfen, die ihren Kindern diese Bildungserfahrungen vermitteln möchten und deswegen ausweichen. Sondern geht allein auf das Konto von Eltern, denen es offenbar nicht gelingt, sprachliche und soziale Kompetenzen zu vermitteln, vorzulesen, statt den Fernseher anzuschalten, gemeinsam Sport zu treiben, zu basteln, zu musizieren und ein Weltwissen zu vermitteln, das nichts mit Geld und nichts mit Bildung zu tun hat. Ein Büchereiausweis kostet fast nichts, ein Spaziergang ist kostenlos, und Sportvereine oder Chöre für sozial Schwache ebenfalls. Diesen Leuten sollte man Vorwürfe machen. Die Gesellschaft macht es unterschiedlichen Milieus unterschiedlich schwer, gute Eltern zu sein. Aber solche Leute sind, wie ich meine, schlechte Eltern, und sie scheinen es doch zu sein, deren Kindern man ausweicht.

    • stilhäschen sagt:

      Liebe Modeste, danke für den Kommentar.
      Ich verstehe die Einwände völlig und wäre Rakete nicht im letzten Moment noch in die Nachbarsprengelschule gerutscht, ich würde möglicherweise auch alles daransetzen, noch irgendeine Privatschule aufzutreiben. In unserem eigentlichen Sprengel nämlich scheint das Verhältnis FWW zu bekloppt/asozial schon längst gekippt zu sein. Klar, daß FWWs da fliehen – wir ja auch, allerdings nicht aktiv (das Wunder vom Hortplatzfinden bedingte den Wechsel).

      In ihrer jetzigen Klasse jedoch sind es noch min. 5FWWs von 22, und die Quote wäre sicher min. 50/50, wären weniger FWWs aus dem Sprengel auf Privatschulen.

      Für mich drängt sich hier der Vergleich zur aktuellen Situation der Flüchtlingsströme auf: wo Staat/Stadt/öffentliche Hand nicht hinterherkommen, ist die Gesellschaft gefragt. Ehrenamtliches Engagement, unorthodox und spontanes Anpacken, ohne Dachorganisation. Wenn staatliche Schulen verwahrlosen, weil dort nur noch Rowdys marodieren, dann braucht es ein Gegengewicht. Und keine Komfortghettos für die anderen.

  2. […] ******************************************************************************* weitere Artikel zum Thema: Gedanken zur Einschulung, Teil 1 und 2 Zweiklassen-Bildung […]

  3. ReinhardH sagt:

    Die Situationen im Multukultiland werden im kulturellen Durcheinander nicht leichter. Wir sollten schon jetzt darüber nachdenken, wie eine säkulare, atheistische Gesellschaft aussehen kann. Wie werden die Atheisten mit den neuen Problemen umgehen ?
    Multikulti ist die Angleichung und Aufhebung aller Mysterien, Goetter oder Religionen. Was tun wir wenn es keinen Gott mehr gibt, suchen wir ihn dann ??
    Wird die Welt ohne Schwarz- Weiss- Denken angenehmer, ohne Macht und Unterdrückung ehrlicher ? – Vielleicht kann uns die gds.de Antworten geben ?

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