flüchtige Begegnungen


Ich war letzte Woche mit Rakete in Wien. Am Westbahnhof habe ich zum ersten Mal ohne Fernseher dazwischen die Bilder gesehen: erschöpfte Menschen,auf Grünflächen schlafend. Helfer mit Wasserflaschen und Proviantkisten. Menschen mit Aufklebern am Shirt, auf denen die Sprachen stehen, die sie sprechen. Und direkt daneben geht der Alltag weiter.
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Auf der Rückfahrt setzt sich ein junger Mann neben uns, etwas dunklerer Teint als wir, mit Hipster-Halstuch und ohne Gepäck. Unsere Blicke kreuzen sich nicht, ich zweifle keinen Moment daran, daß da ein Einheimischer mir gegenüber sitzt, er wirkt sicher, bewegt sich so souverän in seiner Umgebung, scheint sie ganz alltäglich wahrzunehmen.
Bei der Fahrkartenkontrolle wird klar: er hat zwar einen Fahrschein, spricht aber kein Wort Deutsch oder Englisch. „Jo Servus”, grantelt der Schaffner beim Blick auf seinen Fahrschein, „Frankenberg, wo soll des denn sein? Do san’s hier oba foisch.” Der junge Mann lächelt, jetzt doch unsicher, und holt einen ausgedruckten Reiseplan heraus. „Soso, Burgenland. Na immerhin wissmer edds dehs. No, da sans eh net gohns vakehrt. Steign’s in St.Pölten ahs und nehmans den Regionalzug nach [Dingsdabumsda]” Der Mann guckt fragend. Ich nehme einen Kugelschreiber und male ihm zwei Züge auf seinen Plan. Und Pfeile. Und kreise die Zielorte ein. Male ein Männchen, das von Zug zu Zug geht. Er lächelt, nickt. Wir fahren in St.Pölten ein, ein paar Passagiere machen sich zum Aussteigen bereit. Der Schaffner versucht noch herauszufinden, auf welches Gleis er den Mann schicken soll, da kommt gerade ein Mann vorbei, dem das gewünschte Ziel bekannt ist. „Der fahrt auf Gleis 11. Geh, i bring eam hi, i hob eh nu Zeit.”
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Viele Leute steigen ein, der Wagen füllt sich mit hauptsächlich Männern, wenig Gepäck, ich meine die Strapazen der letzten Wochen in den Gesichtern lesen zu können. Auf die Plätze jenseits des Ganges setzen sich zwei Männer, eine Frau und ein etwa dreijähriges Mädchen.
Ich würde dem kleinen Mädchen gerne etwas zur Ablenkung geben. Ein Pixibuch? Wir checken den Vorrat. Nichts davon ist ohne Worte verständlich. Und nichts unverfänglich („Ein Haus ist ein Zuhause” für jemanden, der keines mehr hat? Wie taktlos…) oder dem Kind bekannt. Ein Schwein als Held, geschenkt. Aber auf Schlittschuhen?
Das Mädchen schläft ein. Ich versuche Rakete weiter Antworten auf ihre Fragen zu geben. Schlittschuhfahrende Schweine nähme sie mir eher ab als diese Geschichten. Wie, einfach weggehen? Ohne Koffer, Auto, Schlafsack? Haben die wenigstens eine Zahnbürste dabei?
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Eine Österreicherin kommt zur Nachbarfamilie, will ihnen einen Geldschein geben. Sie erklärt auf Englisch, daß es ein Geschenk sei. Die Männer verstehen sie nicht, wehren ab, suchen den Haken. Die Spenderin erklärt weiter und weiter. Ich stehe auf und greife ein, im wahrsten Wortsinne. Nehme den Schein, die Hand des Mannes und schließe sie um den Schein. So hat mir meine Oma immer unmißverständlich Geld geschenkt. Dazu ein Lächeln. Ich ziehe mich zurück und schäme mich ein bißchen für meine Forschheit. Jetzt lächeln sich die Österreicherin und die beiden Männer an. Die Frau hat derweil die ganze Zeit aus dem Fenster geschaut. Was sie alles gesehen haben mag…
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In Linz stehen am Bahnsteig viele Jugendliche zwischen Türmen von Wasserflaschen. Als der Zug hält, stürmen sie durch die Wägen und drücken allen, die nicht aussehen wie alltägliche Reisende, Flaschen und Lunchpacks in die Hand. Sie rufen irgendetwas in einer fremden Sprache, es hat etwas überfallartiges. Die Flüchtlinge scheinen darüber nicht erstaunt. Der Vater des schlafenden Mädchens reicht Rakete lächelnd einen Müsliriegel. Sie zuckt zurück (vielleicht wegen der Zahnbürste – darüber denkt sie noch heute nach). Das tut mir so leid für den Mann, aber was soll ich tun? Ich habe ihr die letzten Stunden so viel zu erklären versucht, ich kann ihr nicht verdenken, daß ihr all das hier Angst macht. Ich habe keine Angst, aber verstehen tue ich es auch nicht.
Nur, daß all diese Flüchtlinge Menschen sind, das ist mir jetzt, ohne Mattscheibe zwischen uns, noch klarer als es ohnehin schon war.
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In Wels, dem letzten österreichischen Bahnhof, füllt sich der Zug bis zum letzten Stehplatz. In Passau holt die Polizei alle ohne Ausweis heraus. Keiner protestiert – keiner der Herausgeholten. Die „normal” Reisenden fordern mehr Höflichkeit. Den jüngeren Polizisten braucht das zum Glück keiner zu sagen.
Als die Flüchtlinge den Zug ruhig verlassen, räumt eine Passagierin alles Essbare aus ihrer Handtasche und reicht es den Aussteigenden: einen Apfel, eine Bäckertüte, ein Tütchen Bonbons.
Die Flüchtlinge sind nicht die einzigen hier, die Menschen sind.
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In Nürnberg angekommen, ist alles wie immer. Keine Wasserflaschenpyramiden auf den Bahnsteigen, keine Helfer, keine Warnwesten.
Wir warten auf die U-Bahn, dort gibt es Info-Monitore, auf denen hauptsächlich Werbung läuft, ab und zu ein paar Schlagzeilen. Platz für Hintergründe ist da nicht. Ich lese zwischen Sonnenstudiowerbung und einem Minicartoon: „Innenminister: Wie viele von ihnen sind IS-Kämpfer?”
Ich könnte kotzen darüber, daß irgendwo jemand sitzt und nur diesen einen Satz herausholt, um ihn den Unbeteiligten entgegenzuwerfen. Immer schön Angst machen, Hass schüren, Dummheit bedienen. Was Medien für eine Macht haben!
In meiner Tasche ein Müsliriegel. Diese Begegnungen vergesse ich nicht.


3 Näschen reingesteckt bei “flüchtige Begegnungen”

  1. Babsi sagt:

    Sehr schön geschrieben. Mehr kann man dazu gar nicht sagen.

  2. nömix sagt:

    Ein bewegender Text. Mit Gewinn gelesen, danke.

  3. tonari sagt:

    Auch mich hat der Text sehr berührt. Vielen Dank.
    *schleicht sich mit Pipi in den Augen wieder davon…*

Auch kurz das Näschen reingesteckt:

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