Das Internet – nur Fragen, keine Antworten.


In Nordbayern ist ein Schulbus verunglückt – der 72-jährige Fahrer hat offensichtlich den LKW übersehen, mit dem er kollidierte. Ich lese die Nachricht, bin betroffen (mehrere Schwerverletzte). Zuerst frage ich mich „wieso Schulbus? In Bayern sind doch noch Ferien…”, eine Frage führt zur nächsten, das Internet lässt mich teils die Antworten finden, aber immer ploppt gleich die nächste Frage auf:
Warum muss ein Rentner noch so eine Verantwortung tragen? Wohin sollten die Kinder eigentlich? Aha, Reformschule, Internat, Thüringen.
Und dann: WAAAAAS? Wieviel kostet es, sein Kind dort ins Internat zu schicken? 2800€ zzgl. „einem niedrigen bis mittleren dreistelligen Betrag pro Monat” für Ausflüge, Fahrten und Taschengeld?!

Mir ist vollkommen klar, daß es genügend Menschen in diesem Land gibt, die das aus der Portokasse zahlen. Die Riesenvillen bewohnen und Riesenporsches fahren.
Aber dass es einen Zusammenhang geben muss zwischen den Riesensummen, die monatlich auf deren Konten fließen und den Riesenmassen „kleiner Leute” in diesem Land, die mit 72 noch arbeiten müssen, das blenden sie offensichtlich aus.
Der Reichtum weniger entsteht, indem vielen etwas weggenommen wird. Das Geld, das sie horten, drucken sie sich doch nicht selbst! Nur indem prekäre Arbeitsverhältnisse bestehen, indem Menschen für zuwenig Geld arbeiten, können Gewinne an die Shareholder ausgeschüttet werden.
Und die Reichen bleiben schön unter sich, in ihren Privatschulen (ja, es gibt Stipendien… über die Hälfte der Summen. Was zu stemmen bleibt, ist immer noch mehr, als wohl die meisten deutschen Familien komplett monatlich zum Leben haben!). Und sparen schön am Busunternehmen, das für bessere Kosteneffizienz Minijobber beschäftigt, damit am Ende der Kette irgendwo genügend Dividenden für die Aktionäre übrigbleiben.
Nein, ich spüre keine Häme. Nur Ohnmacht. Weil ich nicht Teil dieses Systems sein will (nicht unten und nicht oben, denn mir ist klar: global gesehen gehöre ich zu den ausbeuterischen Superreichen). Und weil ich es besonders perfide finde, dass Bildung schon lange kapitalisiert ist – wer zahlt, kriegt mehr. Die anderen fahren eben gegen Billiglohn Pakete aus (oder Schulkinder…).
Ich denke nicht „geschieht Euch recht!”, denn getroffen hat es Kinder (per se unschuldig, aber in diesem System: wie lange noch?). Der Fragenkreis schließt sich, denn:

Im Hinterkopf dieses Foto von der Leiche eines dreijährigen Syrers, angeschwemmt am türkischen Strand.

Hier läuft etwas so gewaltig schief! Welt, halt an, ich würde gerne abspringen.

Am besten schalte ich einfach den Rechner aus, bestelle die Zeitung ab und ziehe in den Wald. Es sind ja nicht einmal die Nachrichten, die mich so fertig machen. Es sind die Fragen, die sich daraus ergeben. Verrückt könnte man werden. (Kein Witz am Ende. Und keine Auflösung.)


3 Näschen reingesteckt bei “Das Internet – nur Fragen, keine Antworten.”

  1. Ja. So ist es. In diesen Tagen schwanke ich ständig zwischen hektischem Hilfsdrang und totalem Rückzugsbedürfnis, weil ich den aktuellen Weltzustand einfach nicht mehr ertragen kann.

    • stilhäschen sagt:

      Gut ausgedrückt! Ich glaube mittlerweile fast, daß die Welt schon immer so an der Kante war – wir wussten es nur nicht. Mich machen die vielen Informationen fertig. Ich bin tatsächlich kurz davor, mich aus dem Internet rauszuhalten, um alles besser auszuhalten…

      • Das geht mir ebenso. Ich trage an positiven Dingen und Aktionen bei, was ich kann, jedoch ist die Sturmflut des Schrecklichen mir darüber hinaus gerade zuviel. Im Grunde fühle ich mich hilflos und kann alles nicht fassen.

        Ja, wahrscheinlich war es schon vorher so – wobei mich gerade in letzter Zeit zuweilen eine Art Endzeitgefühl überrollt. So, als ob in absehbarer Zeit die ultimative Weltkatastrophe vor der Tür stünde. Wahrscheinlich meine ich Krieg (noch mehr Krieg) und will es bloß nicht aussprechen. Aber hoffentlich sind dies nur meine ureigenen, neurotischen Gedanken.

        Oder es liegt einfach dran, dass ich älter und besorgter werde. Puh. Mann.

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