Hortplatzmisere – ein offener Brief


Sehr geehrte Politik, sehr geehrte Stadt, sehr geehrte Gesellschaft!

Unsere Tochter wird im Herbst sechs Jahre und kommt in die Schule. Je nach Stundenplan wird sie dort rechnerisch montags bis freitags von 8 bis 12:15 Uhr sein, mal eine Stunde länger, mal eine kürzer.
Derzeit besucht sie einen Kindergarten, den wir von 8 bis 16 Uhr gebucht haben (maximal wäre bis 17 Uhr möglich), ihr kleiner Bruder geht zeitgleich in die Krippe derselben Einrichtung, ab September dann dort in den Kindergarten.
Wir Eltern arbeiten beide und sind, weil beide selbstständig, halbwegs flexibel in unserer Zeiteinteilung – aber auf ca. 40 Stunden (bzw. ich mindestens 20-30) zu „normalen” Arbeitszeiten müssen wir dennoch kommen. Wir brauchen also eine Betreuung unseres Schulkindes, von 11:15 Uhr (dem frühesten Schulschluss) bis mindestens 14, besser 16 Uhr.

Im Grundschulsprengel gibt es mehrere Horte für Grundschulkinder, städtische und private. Die städtischen bewerten die Dringlichkeit eines Platzes mit einem Punktesystem: so zählt „beide Eltern arbeiten” einen Punkt, ebenso wie „Sprachförderung nötig” oder „schwierige Familienverhältnisse”. Insgesamt gibt es maximal neun Punkte – wir haben drei (beide arbeiten, wohnen im Sprengel, Kind ist Schulanfänger) und das reicht nicht für einen Platz. Offensichtlich sind, jedenfalls in unserem Stadtviertel, Hortplätze hauptsächlich da, um benachteiligten Kindern die gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen. Keine Frage, das ist eine wichtige Arbeit, die muss getan werden, und vermutlich noch weit mehr davon! Aber wie kann es sein, daß nach diesem Punktesystem ein nicht deutsch sprechender Elternteil zuhause ist, während sein Kind im Hort die Landessprache lernt – und eine Familie wie wir abends diskutiert, wer ab Herbst seinen Job aufgibt?
Ja, das mag polemisch klingen, aber es ist unsere Realität: hier sind Horte gar nicht da, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu ermöglichen. Hier sind sie da, um zu verhindern, dass sich Parallelgesellschaften bilden.

Bei den privaten Horten sieht es nicht anders aus: alles voll, keine Chance, wir haben sowenige Plätze. Die Mittagsbetreuung in der Schule (Betreuung bis 14:30, kein Mittagessen, keine Hausaufgabenbetreuung – nur „Verwahrung”) ist ebenfalls hoffnungslos voll und macht keine Hoffnungen.

Ein einziger privater Hort hätte tatsächlich einen Platz; ich versuche es kurz zu machen. Die machen da sicher einen super Job, sind unheimlich engagiert (wir kennen da eine Pädagogin persönlich) und reißen sich den Arsch auf für Ihre Kinder. Gehen mit ihnen schwimmen und fahrradfahren, machen Ausflüge und kochen mit ihnen. Leider kostet ein Platz dort nicht 80€ im Monat wie ein städtischer Hort sondern ab 280€ aufwärts – zuzüglich Essensgeld. Auf meine großen Augen kam folgender Dialog: „Ja, das klingt viel. Aber das zahlt ja das Jugendamt.” – „Äh, nein, das glaube ich nicht. Beziehungsweise würden wir das gar nicht erst versuchen (weil wir Deppen denken, Förderung ist für Benachteiligte – und uns bislang für „normal” hielten – aber das ist eine andere Sache und für die nächste Tirade reserviert)…” – „Ach so? Tja, Selbstzahler haben wir hier eher selten.”
Das Geld ist die eine Sache, warum dieser Hort für uns nicht unbedingt die Lösung unseres Problems ist. Wichtiger für uns ist: wegen des „pädagogischen Auftrags” (Teilhabe und so…) wird ein „Verbleib” des Kindes bis mindestens 17 Uhr gewünscht – „sonst können wir unsere Aktivitäten wie Schwimmkurs usw. nicht machen”. Das ist verständlich. Allerdings: Schwimmkurs usw. macht der Hort, um den Kindern etwas zu ermöglichen, das ihre Familien ihnen nicht geben. Das trifft auf unser Kind nicht zu. Unser Kind ist, hart gesagt, hier nicht Zielgruppe. Und ich würde gerne wenigstens den späten Nachmittag noch mit meinem Kind verbringen…

Theoretisch gibt es noch die Möglichkeit, auch Grundschulkinder bei Tagesmüttern unterzubringen. Ergebnis nach den Telefonaten bei den zwei örtlichen Vermittlungsstellen: es gäbe evtl. eine Tagesmutter, allerdings nicht annähernd in Schul- oder Wohnungsnähe (jedenfalls nicht zu Fuß oder Fahrrad) – und eine im Einzugsgebiet – „die spricht allerdings kaum Deutsch. Also eher keines.”
(Statt langer Worte stellen Sie sich hier bitte vor: das Bild eines sehr, sehr weit offenen Mundes.)

Und dann gibt es noch die von der Stadt eingerichtete Beratungsstelle für die Hortplatzsuche. Als ich dort anrief, entspann sich sinngemäss folgender Dialog: „Guten Tag, wir haben keinen Hortplatz. [Details zu Schule, Wohnort, unternommenen Anstrengungen…] – Wie sieht es aus mit städtischen Zentralhorten oder ähnlichem?” – „Ganz schlecht. Ich kann Ihnen keine Hoffnungen machen. Haben Sie denn schon [U, V, W] probiert?” – „Ja. Auch [X, Y und Z]. Aber offensichtlich sind hier Horte gar nicht für arbeitende Eltern gedacht, sondern um gesellschaftliche Arbeit zu leisten.” – „Das mag stimmen und tut mir auch leid. Aber diese Erwartungshaltung an die Stadt ist doch auch egoistisch! Ich kann Ihnen nur raten: versuchen Sie, selbst eine Lösung zu finden. Sie können das ja! [meinte: „Im Gegensatz zu gesellschaftlich/sozial/sprachlich benachteiligten Familien”, ohne das so auszusprechen]”
- (Siehe oben: sehr, sehr, sehr, sehr weit offener Mund. Maulsperre Dreck dagegen.) „Sicher, das überlegen wir auch: drei andere Eltern mit ähnlichen Vorstellungen finden, und dann nimmt jeden Wochentag ein anderer die vier Kinder mitnachhause. Und Freitags ist frei. Klar, das ist die allerletzte Möglichkeit – aber die können wir ja erst im September anleiern, wenn die Klassen feststehen und man die Eltern kennenlernt…” – „Ja, entweder so oder Sie suchen sich eine pensionierte Lehrerin, die das für die dreivierfünf Kinder macht. Da findet sich schon eine Lösung! Kopf hoch!”
Die gute Frau wollte mir wirklich Mut machen, sie klang sym- und empathisch, aber ich bin entsetzt: müssen wir wirklich selbst noch eine Betreuung auf die Beine stellen, nur weil wir es können?!

Bitte erklären Sie mir das. Erklären Sie mir, warum nicht schon bei der Krippenplatzoffensive jemand daran gedacht hat, daß die Kinder älter werden und die Berufssituation der Eltern und damit der Betreuungsbedarf bleibt (im Idealfall. Achtung, Ironie: wenn der Job flöten geht, bekommt man ja dann doch einen Hortplatz – aus Härtefallgründen…)
Erklären Sie mir, wie wir Eltern in unserer Situation ab Herbst planen sollen – und erzählen Sie mir nicht, wir sollten doch einfach umziehen, weil wir es können.

Ganz ehrlich: nicht wir können. Sie können. Uns kreuzweise.


9 Näschen reingesteckt bei “Hortplatzmisere – ein offener Brief”

  1. alasKAgirl sagt:

    Da seh ich mal wieder, wie gut wir es haben. Kernzeitbetreuung 7:30 bis 13:30 Uhr für 25€/Monat. Plätze nicht begrenzt, jeder der will, kriegt einen. (Momentan ca. 50 % der Schüler, weil die Kernzeitbetreuung so einen guten Ruf hat. Nicht, weil hier so viele Mütter arbeiten würden.) Dazu buchbar: Mittagessen (bis 14:00) und Hausaufgabenbetreuung (bis 16:00). Ferienbetreuung in fast allen Ferien verfügbar und angeblich auch total gut.
    Ich grusel mich schon davor hier mal wegziehen zu müssen.

    Bei meiner Schwester im Hort: 9jährige haben keinen Anspruch auf einen Hortplatz, wenn es zu viele Erstklässler gibt. Weil man seine Viertklässler dann ja plötzlich mit zur Arbeit nehmen kann oder es schön findet, dass die dann alleine in der Wohnung rumlungern, oder wie?

    Aber es heißt ja auch immer: Kleinkindbetreuung super. Die Probleme fangen an, wenn die Kinder zur Schule gehen.

  2. betty sagt:

    ohohoh! ja, maulsperre dreck dagegen – hammerhammerhammerschlimm. xxbetty

  3. Kai sagt:

    Aaah, der Realitätscheck! :)

    Hmm, wir kommen in der Grundschulbetreuung (ländlicher Raum) wenn man alle 5 Tage inkl. Essen wählt aber auch locker auf 280€. Also nicht ungewöhnlich teuer (wenn nicht staatlich gefördert). Dafür immerhin von 07:00 bis 16:30. Im Grunde läuft es darauf hinaus, dass meine Frau arbeitet, um mit ihrem Gehalt die Betreuung zu bezahlen, damit sie arbeiten kann (tja).

    Aber diese Betreuungslücke war schon immer da und war auch meines Wissens nie Teil der Debatten um Hortplätze. Kinder in anderen Ländern sind mit 6 Jahren schließlich auch selbstständig, nech (Sarkasamus off).

  4. Modeste sagt:

    Sind Sie Berlinerin?

  5. Modeste sagt:

    Schade, in Berlin Prenzlauer Berg hätte ich vielleicht helfen können. Dann bleibt mir nur, die Daumen zu drücken. Es hört sich wirklich nicht gut an.

    • stilhäschen sagt:

      Danke. Für angebotene Hilfe (wie geht das?) und Daumendrücken. Wir haben jetzt eine Lösung, die sich halbwegs gut anfühlt. Wir sind gespannt. Demnächst mehr.

  6. kdm sagt:

    Ich habe für meinen Sohn im (evang.) Kindergarten monatlich 500 DM gezahlt, später im (halb-privaten) Hort nach der Schule monatlich 250 DM. Das war in den neunziger Jahren.
    In Berlin, im bürgerlichen Südteil. Ich fand das auch teuer – aber es war „normal”. Und alle haben selbst gezahlt, nix Zuschuss von wem auch immer.

    • stilhäschen sagt:

      Wie gesagt, das Geld ist ja nicht einmal das Problem. Klar kostet Betreuung und wir sind bereit dafür zu zahlen. Das Problem ist: man bekommt ja nicht einmal einen Platz!
      (Mittlerweile hat sich bestätigt, was „sie sind die einzigen Selbstzahler” ahnen ließ: in diesem Hort werden ausschliesslich Kinder aus problematischen Verhältnissen betreut. Abgesehen von der Aussenseiterrolle, die unsere Tochter dort innehätte: braucht diesen Platz nicht wirklich ein bedürftigeres Kind?)
      Demnächst gibt’s hier das nächste Kapitel.

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