kleiner Rant am Rande: Gedanken zur Einschulung, erster Teil


Es ist ein Kreuz mit dem Elternsein. Das haben sich bestimmt auch schon unsere Eltern und Großeltern und Urgroßeltern gedacht, aber die hatten ganz andere Probleme. Hey, ich bin natürlich haferstrohmopsfroh, daß wir keinen Hunger und keinen Krieg haben. Aber müssen es wirklich DIE ANDEREN sein?
Es ist nämlich so: im September kommt Rakete in die Schule.

So einfach ist das. Dachte ich. Man ahnt: falsch gedacht. Einfach war das nur in meiner Vorstellung. Und ich will jetzt gar nicht wettern gegen die Schulranzenindustrie (Obwohl mir durchaus danach wäre. Fresst doch Eure zuckrige Einhornscheiße selber!) und die Hortplatzmisere (Krippenplatz kriegen war schwer. Kindergartenplatz kriegen war echt hart. Hortplatzkriegen ist unmöglich.) Ich will ankotzen gegen diesen Scheißdruck, der uns allen gemacht wird: Du musst Deinem Kind gefälligst immer das Bestmögliche geben!

Und was das beste ist, das wissen immer alle anderen. Ständig und überall und das müssen sie dir natürlich permanent unter die Nase reiben. Das fing an mit „Stillen vs. Flaschenmilch”, ging weiter mit „Familienbett vs. Kinderzimmer” und „Tragen vs. Kinderwagen” und hat mit „Bio-vegan-glutenfrei-ohneLactose vs. irgendwas-aus-dem-Supermarkt” noch lange kein Ende.

Wir also haben im vergangenen Jahr gelernt, daß wir Rabeneltern sind, weil wir „nächsten September kommt Rakete in die Schule” einfach so hinnehmen. Die Besser-Eltern nämlich wissen natürlich: das Beste für jedes Kind ist, so spät wie irgend möglich eingeschult zu werden (die Allerbesten-Eltern präferieren natürlich Homeschooling, aber das geht ja hierzulande leiderleider nicht – deswegen gibt es von denen zum Glück eher wenig. Die sind alle schon außer Landes). Und ich naives Ding hatte mir insgeheim gedacht „zum Glück ist Rakete ein Muss-Kind, da kommen wir gar nicht in die Bredouille, selbst über ihren Schulstart entscheiden zu müssen” – da kommen sie von allen Seiten auf uns eingeprasselt, die guten Ratschläge: ja bitte, habt Ihr noch nie von „Zurückstellen” gehört? Das ist derzeit offensichtlich der Standard für denkende Eltern: erspart Eurem zarten Kind gefälligst noch ein wertvolles Jahr lang diese staatlichen Mühlen – ganz egal, ob Euer Kind sich schon scheckig freut auf neue Herausforderungen.

Zu Beginn war ich noch halbwegs cool, ich hatte Argumente (z.B. „Rakete freut sich aber auf die Schule” – ja, ich bin so naiv…), aber die Umstimmen waren rigoros. Das Klima im Kindergarten (wohlgemerkt das allgemeine durch die Leitung verbreitete Klima, keinesfalls aber Raketes Erzieherinnen, direkt darauf angesprochen – die befürworten einen regulärenn Schuleintritt absolut), die Großeltern, befreundete Eltern… alle wussten alles besser. Das Fass zum Überlaufen bzw. mich dann doch zum Zweifeln brachte die 70jährige kinderlose Nachbarin der befreundeten Lehrerfamilie, Fleischereifachverkäuferin in Rente. Ohne Rakete auch nur zu kennen (und ohne daß ich um einen Rat gebeten hätte), riet sie mir dringend zur Rückstellung, unbedingt.

LEUTE! Geht’s noch?! Kümmert Euch bitte um Euren eigenen Scheiß, statt überall reinzuwissen! Solange ich meine Kinder ganz offensichtlich nicht verwahrlosen lasse, haltet gefälligst Eure Klappe! Kehrt vor Eurer eigenen Tür und gesteht anderen Eltern zu, selbst zu wissen, was das Beste für ihr Kind ist (es sei denn, sie fragen Euch ausdrücklich nach Eurer Meinung).
Denn ob Ihr’s glaubt oder nicht: es gibt solche und solche und es gibt immer wen, dem irgendwas (z.B. zu frühe Einschulung – wir reden hier aber von regulär!) geschadet hat. Aber, bitte nehmt das hin: es gibt tatsächlich auch immer Gegenbeispiele. Es ist schwer genug in unserer Zeit der fast unbegrenzten Möglichkeiten, Entscheidungen zu fällen. Und wenn einer eine getroffen hat, dann lasst ihn bitte auch dazu stehen und stellt sie nicht ungebeten in Frage.

Ich weiß nicht, ob man’s merkt: ich ärgere mich sehr. Auch darüber, daß hier mein Standardspruch „sie bekommt Zähne” nicht passt. Zum eigentlich Thema Einschulen demnächst mehr. Wenn mir kein Rauch mehr aus den Ohren qualmt.


8 Näschen reingesteckt bei “kleiner Rant am Rande: Gedanken zur Einschulung, erster Teil”

  1. alasKAgirl sagt:

    Hier hört man auch: „Ach, der ist noch so verspielt. Der muss noch nicht.” oder „Man kann ja auch zurückstellen und die Kinder dann 3 Tage die Woche in die Vorbereitungsklasse schicken. Die ist sooo toll!” Oder man kann halt einfach regulär einschulen. Die Probleme kommen ohnehin oder eben nicht. Wenn’s schief geht, kann ich immer noch sagen: „Weißt, ich hab auch nur 6 Monate gestillt. Daran wird’s liegen.”

    Wir schulen regulär ein und freuen uns, dass die größten Schreihälse und Nervkinder noch ein Jahr länger spielen dürfen.
    (Ich war damals 4 Tage vorm Stichtag geboren, also immer die Jüngste. Und ich bin mit 5 aus dem Kindergarten abgehauen, weil ich es tödlich langweilig fand.)

  2. Shhhhh sagt:

    Ich kann da jetzt wirklich nur zur Rückstellung raten. Ich wurde damals nicht zurückgestellt, weil ich schon damals einen Kopf größer war als alle anderen und ich bin jetzt ein ganz verlodderter Halodri geworden, ach, und gestillt wurde ich auch nicht.

  3. regina sagt:

    Tja ;-)
    Leider muss ich berichten, dass die ganze Thematik in spätestens vier Jahren schon wieder aufs Tapet kommt, in Form des Übertritts auf Mittelschule („Um Himmels willen, da könnt ihr sie ja gleich arbeitslos melden!”, „Kann da überhaupt noch jemand von richtig Deutsch?”), Realschule („Jaaa, THEORETISCH könnte das Kind dann immer noch auf’s Gymnasium wechseln.”, „Aber die gute Allgemeinbildung gibt’s da halt nicht. Und ihr wollt Eurem Kind doch nicht die Zukunft verbauen?”) oder doch Gymnasium („Aber es gibt doch eh schon mehr Akadamiker als Handwerker!”, „Tut doch Eurem Kind diesen G8-Stress nicht an!”)!
    (Leichte Überspitzungen sind lediglich meiner Genervtheit ob des Themas geschuldet …)

    Bezüglich Hortplatz – gibt es bei euch die Möglichkeit, einen vom Jugendamt geförderten Platz bei einer Tagesmutter zu bekommen?
    Ich bin selbst Tagesmutter (in München) und betreue Schulkinder. Für eines meiner Tageskinder habe ich einen sogenannten Ersatzbetreuungsplatz im Tageskindertreff (vom Jugendamt), der mit der Förderung verbunden ist (hat nichts mit Einkommen, sozialem Hintergrund o.ä. zu tun, sondern damit, ob die Tagesmutter so einen begehrten Platz beim Jugendamt ergattert hat). Das Kind ist jeden Tag bis nachmittags um halb drei da, und die Mutter zahlt dafür knapp 80€ monatlich ans Jugendamt.

    Herzliche Grüße!
    regina :-)

    • stilhäschen sagt:

      Ich weiss, dass das alles nur Übung für die nächste Stufe ist… kann aber noch nicht drüber lachen.

      Das mit der Tagesmutter ist ein sehr guter Tipp, ich werde mich darum kümmern. Die Hortplatzsuche ist wirklich der Horror. Ich verarbeite gerade erst die Einsicht, dass hierzustadtteile Horte nicht zur Entlastung arbeitender Eltern da sind, sondern um Kindern „gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen”. Das ist ja nicht verkehrt, aber Familien wie wir bleiben dabei auf der Strecke, diskutierend, wer ab Herbst seinen Job aufgibt. Alternativ bleibt noch, eine Elterninitiative zu gründen – als ob man nicht schon genug zu tun hätte…

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