Elternurlaub Prolog: EinBlick in meinen Alltag


Bisweilen gehe ich am Zahnfleisch, so als Mutter. Und dabei hab’ ich nur zwei Kinder! Mein aufrichtiger Respekt geht an alle, die gelassen mehr wuppen. Meine Nerven sind halt oft schon morgens um acht am Ende, wenn (nach Wecken, Wiederwecken, Wiederwiederwecken, Zum-Klo/Wickeltisch-Zerren, Anziehen, Frühstücken, Bitte-endlich-Zähneputzen und so weiter, andere Eltern wissen gefälligst, was zu dieser Zeit bereits alles geschafft ist) die geschlossene Tür am Kindergarten droht. Dort ist nämlich um 8 Uhr 15 Zapfenstreich, und der Weg dorthin dauert je nach Baustellendichte und Müllabfuhrmenge (zu Fuß wohlgemerkt; ich fürchte nicht Stau, ich fürchte Guckenwollen) ab zehn Minuten aufwärts. Und um acht hat, man ahnt es: keines meiner Kinder auch nur annähernd Jacke, Schal, Mütze, Schuhe an. Geschweige denn ich überhaupt den Schlafanzug aus.

Vermutlich bin ich deswegen die einzige Mutter, die in voller Montur (Jeans über Pyjamahose, Winterjacke mit Schal über vollgerotztem Schlabbershirt, auch bei 12°C bis oben geschlossen, ich weiß warum) ihre Kinder hastig in den Gruppen abgibt, während andere Eltern gemütlich im perfekt gebügelten Hemd/Blüschen – daß sie ihre Hausschuhe nicht dabei haben, ist wirklich alles – noch siebzehn Geschichten vorlesen. Ich bin auch die einzige, für die es am Eingang die Schuh-Überzieher gibt, wegen der Krabbelkinder. Weil ich meine Schuhe nicht ausziehen kann. Ich hab’ nämlich noch nicht mal geschafft, mir Socken anzuziehen. Und die Überzieher vergesse ich beim Rausgehen regelmässig. Jetzt sind die aber nicht aus Plastik zum Wegschmeissen, sondern natürlich liebevoll handgeklöppelt, sodass ich die immer gleich zuhause waschen muss. Und nach zwei Stunden wieder rausnehmen, aufhängen, abhängen, nachmittags nicht mitzunehmen vergessen. Man sieht: eigentlich kann ich gar nicht arbeiten zwischendurch (außer an den Tagen, an denen der Möhrchenprinz die Kinder bringt natürlich), versuche es aber dennoch täglich wieder. Ich hab’ nach dem Kindergarten-Abgeben nämlich gar nicht wirklich frei, nur kurz Zeit zum Frischmachen und Anziehen und dann arbeite ich, ohne daß sich etwa im Haushalt irgendwas veränderte (vom Konto will ich gar nicht reden, bin ich doch schon froh, daß überhaupt Krippen- und Kindergartenplatz nicht permanent Löcher reißen – und ich rede hier vom Familienkonto).

Nachmittags geht der Kinderkram dann ja wieder von vorne los, nur unter erschwerten Bedingungen, weil beobachtet von den anderen Eltern. Die fröhlich pfeifend ihre wohlgekämmte und von selbst in Ausgehmontur gezauberte Fußballmannschaft aus dem Kindergarten abholen und auf einem Bein fahrradfahrend (zugegeben, der vierachsige Chariot vereinfacht die Sache ein wenig) nacheinander in Ballettunterricht, Frühfranzösisch, Babyhockey und den Mittelhochdeutschkurs chauffieren. Während ich mich jeden Tag aufs Neue haareraufend frage: wie, zur Hölle, kriege ich die läppischen zwei Stunden bis zum Abendessen und zur Rückkehr des Möhrchenprinzen, mit den Kindern rum? Denn auch wenn die dreihundert Meter nach Hause schon in einer Viertelstunde geschafft sind – die drei Treppen nach oben dauern nochmal ebensolange – so droht doch das Paradoxon, daß jedes vorgelesene Bilderbuch auf dem Sofa dafür nur Sekundenbruchteile braucht. Gerade, daß es nach dem Buch nicht früher ist als vorher! Ist das Zeit oder Physik oder welche Wissenschaft hätte den Nobelpreis verdient für die brauchbare Erklärung und vor allem die brauchbare Lösung?

Und jetzt mach’ ich’s doch endlich kurz: früher war alles anders und das Gefühl von früher geht tatsächlich auch heute noch. Schalten Sie auch nächstes Mal wieder ein, wenn Sie stilhäschen jammern hören „Ich möcht’ nicht immer Mama sein, zefix!”. Alles was Sie brauchen: eine Oma und zwei E-Tickets. Der Ausbruch ist möglich!


8 Näschen reingesteckt bei “Elternurlaub Prolog: EinBlick in meinen Alltag”

  1. Shhhhh sagt:

    Das kommt mir irgendwie bekannt vor.

  2. Zwackerldad sagt:

    Hurraaaa, wir sind nicht alleine.

  3. Ronnie sagt:

    Ja!! Selbst ich als „nur” Papa, kann das voll nachvollziehen. Wir haben schon manchmal Blasen auf den Zahnfleisch.

  4. stilhäschen sagt:

    Ich danke herzlich für den Zuspruch! Am Ende geht es nicht nur Euch und uns, sondern NOCH MEHR Eltern so, obwohl es FÜR UNS oft so aussieht, als seien wir die einzigen… Yeah!

  5. Claudia sagt:

    Ich finde Kitas mit Zapfenstreich ja sowas von blöd …bin ich froh im Osten zu wohnen…mal wieder.

  6. Modeste sagt:

    Waas? Um 8.15 machen die zu? Das ist ja unglaublich. Wenn das hier so wäre, der F. wäre nie da. Nie.

    • stilhäschen sagt:

      Ja, da machen die zu. Das pusht den Blutdruck besser als vier Tassen Kaffee. Und die Entspannung danach! Um 8:20 Uhr liegen 100 Eltern auf dem Gehsteig vor dem Kindergarten und atmen tief.

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