Ohrwurmalarm! (Mit Erziehungseffekt, immerhin)


Warum Kinder eigens für sie gepanschte Spezialmusik brauchen sollten, geht wohl keinem Erwachsenen ein, dem jemals Töne wichtig waren*.
Und warum müssen dann auch noch so viele der im Handel erhältlichen Kinderliederalben hirnlose Texte mit grausamem Hammondgeorgel kombinieren? Die Antwort hat bestimmt irgendwas mit Kommerz zu tun, ein leidiges Thema.
Aber daß Kinder, deren Argumentation in allen Lebensbereichen (Kaffee oder Kaba? Cola oder Wasser? Gin oder Tonic? Aufbleiben bis in die Puppen oder um acht ins Bett?) sich sonst auf „ich bin doch aber schon groß!” beschränkt, ausgerechnet bei diesem Thema auf die Kinderversion bestehen, kostet mich die meisten Nerven von allen. Ich habe es versucht und meiner Tochter richtige Musik vorgespielt, mitgeträllert, Autositztänze dazu erfunden – keine Chance. Mit viel gutem Zureden dürfen wir auf Autofahrten nach einer kompletten Kinder-CD (von bereits länger gebeutelten Verwandten geschenkt bekommen – ich frage mich noch immer, was wir denen getan haben) einmal kurz das Lied mit den Brüsten hören, dann ist aber wieder „Kinderlala!” dran. Mittlerweile bestellt auch Risiko bereits beim Hineinsetzen in den Kindersitz lautstark „Lala!”. Das sind die Momente, in denen ich tief einatme und „Kinder sind das größte Glück der Welt! Gefälligst!” mantratisiere, während ich schicksalsergeben die CD starte.
Normalerweise fahre ich dann so lange fort mit meinem Mantra, daß ich in guten Momenten von der Musik kaum mehr etwas mitbekomme. Just gestern jedoch horchte ich auf: hatte das musikalische Schreckgespenst der meisten denkenden Eltern, Rolf Zuckowski*, da nicht etwas von „Bierchen” im Text untergebracht? Ich spulte zurück. Tatsächlich! Da wird ein Kind zwar zwei höllische Strophen und zwei fürchterliche Refrains lang ermahnt, die Pfoten von Papas neuem Technikeinkauf zu lassen, kommt aber fantastischerweise in der dritten Strophe von selbst auf die Idee, dem erschöpften, weil installationserfolglosen, Vater ein Bierchen aus dem Keller zu holen. Hey, das ist doch mal wirklich ein Lied mit rechtschaffen sinnvollem Text! Ab jetzt läuft das in meinem Auto bei Kindertransporten auf Endlosschleife. Solange, bis die Kinder a) die angemessene Reaktion auf schlappe Eltern im Schlaf beherrschen und b) um ordentliche (=mir genehme) Musik betteln. Auf Knien. Trotz Kindersitz*.

*** Wenn ich ganz ehrlich bin, muss ich zugeben: meine erste selbstgekaufte Platte war zwar von Genesis, die erste in meinem Besitz jedoch eine andere. Fünf Jahre vor Invisible Touch und vor dem Wissen, daß man gar nicht erwachsen sein muß für Plattenkäufe, nämlich bekam ich zum sechsten Geburtstag eine LP von Rolf und seinen Freunden. Und jetzt bin ich noch ehrlicher: ich liebte sie. Unter Folter würde ich vermutlich sogar zugeben, „Mein Platz im Auto ist hinten” für ein großes Stück Musikgeschichte zu halten. Ohne zu lügen. Ganz ohne Folter gilt das sogar für die Rolf-Version von Banana Boat, unbedingte Hörempfehlung.
Jetzt hab’ ich aber ordentlich gebeichtet. Ist Musikgeschmack, altersgebunden, am Ende erblich? Dann habe ich panische Angst vor Raketes Pubertät. Obwohl der Teil meiner Plattensammlung (Das wüsste man jetzt gerne, was? Ein bißchen Scham und Stolz hab’ ich aber noch…) verscherbelt ist. Heute ist ja im Netz alles noch erhältlich…


10 Näschen reingesteckt bei “Ohrwurmalarm! (Mit Erziehungseffekt, immerhin)”

  1. alasKAgirl sagt:

    Es ist keineswegs besser, wenn die Kinder auf Nichtkinderlieder stehen. Anfangs war ich noch froh, dass bei uns die Beach Boys im Auto gefordert wurden. Die hab ich manchmal auch gerne lautstark mitgeschmettert. Aber nach WOCHEN Beach Boys (oder alternativ Geheule) hab ich behauptet ich wüsste jetzt grade nicht, wo die CD ist. Jetzt will er immer „Sommertaim”. Gestern musste das auf einer einstündigen Fahrt in der Endlosschleife laufen. Und das, wo Lana del Rey ohnehin nicht so meins ist (die CD hat der Mann ins Auto gelegt.)

    • stilhaeschen sagt:

      Sommertaim? Lana del Ray? Böhmische Dörfer (nun gut, die Dame hab’ ich wohl schonmal gesehen, auf Plakaten). Ich bin ja irgendwo 2007 stehengeblieben mit Musik. Aber Du hast natürlich recht – „echte” Lala steht der mit Kinder- davor nicht umbedingt nach, was Nervfaktor angeht.
      Und jetzt alle! Weg da mit den Pfoten…

  2. noribori sagt:

    Der Unterschied zwischen Fettes Brot und Rolf Zuckowski geht aber doch wirklich gegen Null (verglichen mit Genesis), also warum die Klage?

    Oder war es gerade die Absicht, den Kindern unbemerkt Hip-Hop als Kinderlala (B-Seite) unterzuschieben, um sie in winzigen Schrittchen, Millimeter für Millimeter, in eine neue Richtung zu lenken?

    Oder steckt dahinter eine abgründige, dunkle und unfassbare Wahrheit: dass mittlerweile ein Großteil der Kulturschaffenden (auch Sie, Stilhäschen!) unumkehrbar von Rolf und seinen Freunden geprägt wurde, wodurch nicht nur deutscher Hip-Hop, sondern auch manch anderer Rolfismus in die Welt kam, und wir alle nunmehr in winzigen Schrittchen, Millimeter für Millimeter, in eine neue Richtung umgelenkt werden, bis die endgültige Verrolfung nicht mehr aufzuhalten ist?

    • stilhaeschen sagt:

      Ist das so? Gegen null? Weia. Ich hatte Fettes Brot bislang tatsächlich für einen Tick intellektueller gehalten, textlich wie musikalisch.
      Und dann noch die bittere Theorie im letzten Absatz. Sosehr ich mich von „kulturschaffend” geschmeichelt fühle, sosehr graust es mich beim Nachdenken. Ich fürchte, ich muß nochmal ein Kind wecken, daß es mir noch die vier, fünf Biere hole, die ich brauche, so eine Geschichte zu verdauen. Für die nächsten Stunden wenigstens. Verrolfung. Ich habe Angst.

  3. Eva Karel sagt:

    mein aufrichtiges beileid, geschätztes stilhäschen. bei uns siehts haargenauso aus, nur dass wir jede versch** autofahrt mit leo lausemaus zubringen, den ich -sollte ich ihn jemals in die finger bekommen- unverzüglich den jagdgründen zukommen zu lassen gedenke, den ewigen.

    • stilhäschen sagt:

      Kleiner Tipp, Eva: „eject” – und Du hast ihn in den Fingern. Dann nur noch das Fenster runter… aber das Geschrei wird nicht besser sein.
      (Ich beginne zu verstehen, warum meine Eltern die Pumuckl-Kassetten irgendwann hassten…aber damals gab es immerhin noch Bandsalat als Entsorgungsvorwand.)

  4. Kai sagt:

    Also (nicht nur) für Kinder und musikalisch anspruchsvoll, plus hohem Mehrhörwert (ohne den Wunsch sich selbst Fingerglieder abzunagen): ich empfehle uneingeschränkt alles aus der Reihe Ritter Rost. Vor allem meinen Favoriten daraus, „Paolo mit dem Pizzablitz”.

    …vielleicht noch Anne Kaffeekanne, aber die ging mir nach der x-ten Rotation dann auch auf die Nerven.

    Mittlerweile bin ich mit meinen (6 und 14) bei den Känguruh-Chroniken angelangt. Da wird aber nicht gesungen, sondern nur Nirvana zitiert.

    • stilhäschen sagt:

      Ohja, den Pizzablitz fand ich ja schon toll, da hatte ich noch nicht mal an Kinder gedacht. Danke für den Reminder, Kai!
      Vermutlich ist es aber die Superheavy Rotation, die das beste Lied zum Horror macht. Kann man also auch gleich mit schlimmen Dingen anfangen.
      Von den Chroniken höre ich auch immer wieder, kenne sie aber nicht. Das wird irgendwann anders.
      („Alles nur eine Phase”, das ewige Eltern-Mantra…)

  5. Wer ein MP3-fähiges Radio hat, sollte sich mal ein paar altersentsprechende Sachen von http://www.ohrka.de suchen. Das geht auch gut, bei uns beispielsweise vom iPott zum Einschlafen.
    Cheers,
    der Mechatroniker (der die Yakari-Phase überlebt hat)

  6. vert sagt:

    jetzt sagen sie bloß, sie kennen randale noch nicht?!?

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