Weit weg von Emanzipation: die Leute so.


Schiller schrieb: „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben / wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.”
Ich weiß jetzt: „Es kann keine Gleichberechtigung geben / solange als „normal” nur das eig’ne Leben gilt.”

Die letzten beiden Wochenenden waren wir in Urlaub. Erst der Möhrchenprinz alleine und ich mit den Kindern und dann ich alleine und der Möhrchenprinz mit den Kindern. Naja, „Urlaub” war nur das zweite Wochenende, für mich jedenfalls.

Wirklich erschreckend fand ich an beiden Wochenenden manche Reaktionen auf unser Konzept des kinderfreien Wochenendes: daß der Papa nämlich mal ohne die Restfamilie wandern geht, hat niemanden verwundert. Daß ich allerdings alleine im ehemaligen Studienort aufschlage, wo ich doch zweifache Kleinkindmutter bin – das gab bisweilen große Augen. Und große Fragen:
Ob der Papa das denn alleine schaffe? – Hell, yeah. Besser als ich, fürchte ich, rein nerventechnisch schon. [Hier kommt ein Einschub: hart traf mich einst, als Rakete noch ein kleines Baby war, die Erkenntnis, daß Emanzipation eine beschissene Kehrseite hat. Damals litt ich sehr unter meiner eigenen Erwartung an mich selbst, noch etwas außer dem Kind zu „schaffen” – wenigstens ein bißchen Haushalt wäre mir ein Erfolgserlebnis gewesen! Eines Tages aber hatte ich es tatsächlich geschafft, durchzuwischen, aufzuräumen und noch einen Kuchen zu backen – obwohl da auch noch das Kind war. Ich platzte fast vor Stolz. Bis mir aufging: der Möhrchenprinz hätte all das auch hingekriegt. Nur ohne Stolz, weil er’s total normal gefunden hätte. Also in der Summe sogar besser (und sein Kuchen wäre auch noch leckerer geworden). Hallo, Wettkampf! Es hat also durchaus was für sich, auf irgendwas ein Fähigkeitsmonopol zu haben. Für den Haushalt hatte ich das nie. Seither gilt bei uns „Jeder darf alles machen. Und wenn er’s gern tut, möglichst immer.”]
Ob ich mir da keine Sorgen um die Kinder mache? – „Nö.” ist da offensichtlich die falsche Antwort. Noch größeres Erstaunen bis Entsetzen. Offensichtlich klingt ein weibliches „nö” nach Rabenmutter, während ein männliches wohl noch als respektvoll den mütterlichen Fähigkeiten gegenüber gedeutet würde. Als ob es nicht respektlos wäre, einem Mann den „richtigen” Umgang mit seinen eigenen(!) Kindern chromosomenbedingt abzusprechen! Wenn ich mir über etwas ernsthaft Sorgen mache, dann darüber, daß es aus meiner eigenen Erfahrung leider immernoch Kerle gibt, die sich nur ein paar Minuten am Feierabend für die Kinder interessieren. Und Frauen, die es als gottgegeben ansehen, daß Kinder Frauensache sind; die nehmen meinem Mann dann das Kind vom Arm und wollen es wickeln, „das musst du doch nicht machen, als Mann!” rufend. Und die sind alle in unserer Generation oder sogar jünger! Das schockt mich sehr.
Ob wenigstens Oma und Opa helfen? – Warum? Wobei? Hey, er muss keine Kuscheldecke häkeln! Er soll auf SEINE Kinder aufpassen. Zum Glück haben ihm seine Eltern das schon mit seinem Fahrrad beigebracht. Er passt gut auf alles mögliche auf. Die Eltern müssen da nicht für ihn ran, die haben ihr Soll erfüllt. Sie dürfen aber natürlich (vor allem beim nächsten Wochenende, das der Mann alleine wegfährt…).
Ob die drei mir nicht fehlen? – Hey, es sind zwei Tage. Zum Glück sind wir nicht zusammengewachsen! Wie ich es geniesse, daß kein „Mama!”-Ruf auf dieser Veranstaltung mir gelten kann! ICH muss jedenfalls heute nicht mehr ins Krankenhaus, weil mein Kind von einer Treppe fiel. Ich hol’ mir noch ein Bier. Gut, das muß ich alleine wohl selber tun. Damit kann ich leben. (Oh, und ja, das ist eigentlich ganz schön sexistisch, daß ich mir sonst das Bier gern bringen lasse. Oder auch kinderverachtend. Hier verweise ich aber auf den oben bereits angerissenen Gleichberechtigungsgrundsatz im Häschenhause. Solange es irgendwer lieber tut, darf der.)
Ob wir das wenigstens schon einmal – kürzer – vorher ausprobiert haben? – Äh, ja. Ungefähr jeden zweiten Tag. Und den dritten gleich hinterher. Denn, wahrlich, ich sage Euch: bei uns herrscht echt mal Gleichberechtigung – jedenfalls seit dem Abstillen. Alles, was Mama kann, kann Papa nämlich auch. Und andersherum. Und wenn nicht, kann es warten. Wickeln, anziehen, aufpassen, vorlesen, spielen, kinderwagenschieben, fahrradanschubsen, zum Spielplatz marschieren, basteln, malen, Essen machen, füttern, Po abwischen: können wir nämlich tatsächlich beide!
Und ganz ehrlich: alles andere fände ich befremdlich. Da bekomme ich nämlich die großen Augen, wenn mir dann doch irgendwann die Gegenfragen rausrutschen: Warum glaubst du eigentlich, daß es den Kindern bei der Mutter grundsätzlich besser geht als beim Vater? Vor allem jetzt, wo du mich kennst, die ihre Kinder „alleine” lässt, um zu feiern und mal über etwas anderes zu reden als Kinder… Soll ich Dir noch ein Bier mitbringen?


15 Näschen reingesteckt bei “Weit weg von Emanzipation: die Leute so.”

  1. alasKAgirl sagt:

    Bei uns übernimmt ja mein Mann tagsüber die ganze Erziehungsarbeit und ich gehe Vollzeit arbeiten. Das führt auch immer wieder zu Fragen. Besonders gerne mag ich, wenn jemand fragt, ob mein Mann sich das denn „erlauben” könnte, so lange aus dem Beruf zu sein.

    • stilhäschen sagt:

      Oh ja, der ist nicht schlecht. Solange diese Fragen noch gestellt werden, ohne darüber nachzudenken, daß man sie dem anderen Partner nie stellen würde – solange ist Gleichberechtigung eine Illusion. (Lass mich raten – die übrigen Fragen gehen alle in Richtung Mutterherzschmerz und „macht der Mann das freiwillig?!” ?)

  2. Claudia sagt:

    Haha das mit den großen Augen beim „Nö” kenne ich auch.
    Schön fand ich mal die Antwort: „Ach haste ihn gut angelernt” Nee, das waren die Kinder selber und soooo schwer ist das ja nun auch nicht. Kind weint, gehste hin, guckste was es will und dann machste das. Ist ja nun keine Hexerei. Als Baby will das Kind entweder kuscheln oder Milch oder ne Windel. Später kommt dann noch Bespaßung dazu, das kriegt man(n) schon hin, wenn man nicht völlig unsozialisiert aufgewachsen ist.

    • Kiki sagt:

      schön gesagt Claudia!

    • stilhäschen sagt:

      Daß das nicht so schwer ist sein soll, könnte einer der Gründe sein, warum Männer das angeblich nicht machen wollen: keine Challenge. Ha! (Aber schön auf den Punkt gebracht, danke. Das jetzt schön gesetzt, gerahmt und für die Babysitter aufgehängt…)

  3. Guido sagt:

    Das hat glaube ich gar nichts mit Emanzipation zu tun. Ich habe die genaue Stelle noch nicht gefunden, aber in einem Anhang zum Grundgesetz muss irgendwo der gesellschaftliche Durchschnitt definiert sein. Und wenn man davon abweicht, ist man eine auffällige bis verdächtige und in fortgeschrittenem Stadium auszugrenzende Type.

    Frau geht Vollzeit arbeiten, Mann zuhause? Ein Junge der mit Puppen spielt? Eltern die mit Ihren kleinen Kindern im Urlaub lieber durch Zimbabwe als nach Malle fahren?

    • stilhäschen sagt:

      Das könnte es treffen. Erstaunlich finde ich dabei ja immer, daß jeder wahnsinnig individuell sein will, sein eigenes Leben dabei aber immer für die Norm hält. Und die wenigsten raffen die Diskrepanz dabei.
      Die nächste Frage ist ja dann: warum ist alles außerhalb der Norm so „böse”? Angst? Neid? Pure Dummheit?
      Manchmal möchte ich das Motto „Gottes Zoo hat viele Tiere” (Schwerpunkt auf „viele”, nicht auf „Gott”) mit Gewalt in Köpfe hämmern. Blöd bloß, daß man niemanden zu Toleranz zwingen kann.

  4. giardino sagt:

    Oh ja. Vor 10-15 Jahren war es auch noch gängig, dass fremde Mütter meinten, mir bescheinigen zu müssen, was für ein toller, moderner Vater ich sei, nur weil ich mit Kinderwagen spazieren und einkaufen war oder meinen Söhnen die Windeln wechselte. Wo ich schon nur dachte: Hä? Das hat sich in meiner Wahrnehmung gottseidank ein wenig normalisiert, mindestens im städtischen Umfeld.

    Ich finde aber erschütternd, dass sich immer noch so viele Frauen mit dieser Art Mutterrolle identifizieren, bei der alle Verantwortung für die Kinder letztlich bei der Frau liegt, als wenn irgendwie nur die zwei X-Chromosomen verlässliche Nachwuchssorge sowie die dazu nötigen praktischen Fähigkeiten garantieren könnten. (Von unzähligen, rührseligen deutschen TV-Filmen mit alleinerziehenden – aber am Ende damit doch irgendwie überforderten – Vätern abgesehen.)

    Und wie sieht es umgekehrt bei den Männern aus? Da findet sich schnell die perfekte Ergänzung. Für viele Männer ist es undenkbar (weil ebenso an ihr Selbstverständnis und Selbstwertgefühl geknüpft wie die Kinderverantwortung bei vielen Frauen), nicht derjenige zu sein, der die wirtschaftliche Existenz der Familie sichert und sich dafür aufopfert. Der Kollege, der die volle Elternzeit nahm, wurde natürlich gefragt, wie sie das denn überhaupt finanziell hinbekämen und ob ihm denn nicht die Decke auf den Kopf, den ganzen Tag mit den Kindern usw.

    (Disclosure: Ich bin weit entfernt davon, die gesellschaftlichen Standards durchbrochen zu haben. Schon allein, weil der Einkommensunterschied zwischen Männer- und Frauengehalt zu groß war, um ihn als junge Familie ignorieren zu können. Hier liegt m. E. sowieso einer der größten Hebel, um Gleichberechtigung in der Familie voranzutreiben. Aber ich hätte nie alleiniger Verdiener sein wollen, oder irgendwie nur männlicher Begleiter einer Mutter-Kind-Kind-Familie. Auch wenn das das Bild war, das meiner ersten Frau eher vorschwebte.)

    • Kiki sagt:

      Oh da bin ich aber froh dass wir keinen Fernseher haben und wir uns von sowas nicht nebenher noch beeinflussen lassen.

    • stilhäschen sagt:

      Unterschreibe ich völlig. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit und die Gleichberechtigung wäre einen Riesenschritt weiter. (Meine persönliche Wunschvorstellung wäre ja Teilzeit für beide Eltern…)
      Blieben aber immernoch die Damen und Herren, die erschreckenderweise ihr jahrhundertealtes Rollenbild im Kopf weiterkultivieren. Wenn die aber in Zukunft unter sich bleiben, sollten sie irgendwann aussterben…

    • stilhäschen sagt:

      Boah, watt lang! Danke. Da werden viele Sachen angeschnitten, bestimmt alle wahr. Ehrlichgesagt aber geht mir das mit den Gedanken über Scheidung schon ein bißchen weit (wenngleich ich nachvollziehen kann, daß Ungleichberechtigung die als logische Konsequenz haben kann). Trotzdem lesenswert, finde ich.

  5. […] Stilhäschen hat ein kinderfreies Wochenende und macht Erfahrungen, die ich auch so kenne. “Kommen Sie denn zurecht?” Und auch Malte Welding […]

  6. sturmfrau sagt:

    Was ich wirklich erfrischend finde ist, dass es Eltern gibt, die mit diesen rigorosen, althergebrachten Rolleneinteilungen nicht zufrieden sind und das auch sagen. Schon allein deshalb ein dickes Dankeschön für diesen tollen Artikel. Als Kinderlose kann ich natürlich nicht wirklich mitsprechen, wenn ich die Gewalten- und Aufgabenteilung im eigenen Haushalt imaginiere, wie sie wäre, wenn wir Kinder hätten und wollten. Das bleibt eben doch hypothetisch.

    Aber ich ertappe mich. Beispielsweise, als wir ein befreundetes Paar besuchten, das einen vier Monate alten Sohn hat. Ich habe den Kleinen mit schöner Selbstverständlichkeit auf den Arm genommen, bin mit ihm sinnfreie Geschichten erzählend durch den Garten geschlendert, habe ihn der Mutter abgenommen, als sie unter die Dusche wollte. Alles prima. Weder mein Mann noch der Vater des Kindes kamen auf die Idee, sich um diese Dinge zu reißen – mit mir war ja eine Frau verfügbar. Ich bezweifle, dass dieses Verhalten bewusst vor sich geht, aber wir, die wir eigentlich von uns meinten, doch ein bisschen anders zu ticken, haben voll in die Traditionskerbe gehauen. Und das, obwohl wir als Besucher frei von irgendwelchen wirtschaftlichen und biologischen Zwängen waren. Da steckt also noch viel Arbeit drin.

    Ich finde es gut, wie Sie es handhaben: Als Selbstverständlichkeit. Mir selbst geht auch kaum etwas mehr auf den Geist als die Mütter, die sich als einzig denkbares, passendes und natürlicherweise instinktiv perfektes Gegenüber für ihre Kinder sehen. Es wundert mich dann überhaupt nicht, wenn die Väter angesichts des Gefühls, es eh nicht richtig machen zu können, mutlos werden und vielleicht auch eher den bequemen Weg gehen. Aber das Abwischen von Kinderpopos, am Füttern, Aufräumen, Wäschewaschen, Trösten und Vorlesen sind in der Tat keine Geheimwissenschaften.

    Ich vermute, ein Problem ist wirklich wirtschaftlicher Natur: Das Wirtschaftsystem, die bei uns leider immer noch euphemistisch als „soziale Marktwirtschaft” bezeichnet wird, ist auf die Totalverwertung der menschlichen Arbeitskraft ausgelegt, um maximale Gewinne zu erwirtschaften und stetiges Wachstum zu garantieren – und sei das noch so ungesund. Wenn in einem solchen System weiter Kinder zur Welt kommen und großgezogen werden sollen, dann braucht man zur Sicherstellung der Reproduktionsarbeit ein Back-up, und dazu eignet sich eine Frau in ihrer traditionellen Geschlechterrolle am besten. Wenn sich der Mann keinen Kopf machen muss um sein Essen, seine Kleidung und seine Kinder, dann ist er perfekt ausbeutbar. Dass uns allen das nicht gerecht wird, steht auf einem anderen Blatt. Deshalb halte ich auch eine bessere Kinderbetreuung nicht für das Nonplusultra, was die Problembehebung betrifft. Die „Vereinbarkeit von Familie und Beruf” ist zur Zeit eine Zielstellung, die überwiegend für die Frauen gilt. Aber sie müsste für beide Geschlechter gelten. Die Männer müssten es sich eben wie selbstverständlich erlauben können, der Kinder wegen aus der Tretmühle herauszutreten, ohne dass sie beruflich gleich ins Hintertreffen geraten. Das beißt sich aber wieder mit der Maxime der totalen Ausbeutung – wer nicht ständig verfügbar ist, ist raus. Ich sehe es ähnlich wie Sie: Teilzeitarbeit für beide, unter menschenwürdigen Bedingungen, das wäre ein Anfang.

    • stilhäschen sagt:

      Vielen herzlichen Dank für diesen tollen Kommentar! So viele gute Anmerkungen!
      Das mit der Ernährerrolle als Ausbeutung habe ich mir noch nie so überlegt, klingt aber höchst plausibel, wie überhaupt alles.
      (Dass bei uns die Gleichberechtigung so selbstverständlich ist, liegt sicher auch an unser beider Arbeitsmodell. Hätte der Möhrchenprinz einen „normalen” Angestelltenjob, sähe es hier sicher sehr anders aus. Vielleicht demnächst mal mehr dazu.)

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