Raketengeschichten: Friedhöfe und andere Leidenschaften


Ich stehe mit Rakete und Risiko an einer Straßenbahnhaltestelle; gegenüber steht eine hohe Friedhofsmauer. Risiko bekommt mal wieder spontan Zähne oder der Geier weiß, was ihn plagt – jedenfalls konzentriere ich mich auf ihn, bis mir auffällt: alle ebenfalls Wartenden amüsieren sich mehr oder weniger still über meine Tochter. Die springt nämlich herum und singt „Cool, cool, cool! Da drüben ist mein Opi eingebuddelt!” Ich staune. Über ihre plötzliche Extrovertiertheit, über ihre Freude (findet sie doch sonst die Tatsache, keinen Opi mehr zu haben, schon – zurecht – eher traurig) aber vor allem über ihre korrekte Folgerung, daß dahinter ein Friedhof sein muss (nicht der, auf dem ihr Opi eingebuddelt ist – der hat nämlich gar keine Mauer – aber immerhin).
Ich kläre sie auf, daß der Opi ganz woanders liegt und erzähle das Ganze abends den Möhrchenprinzen. Der erklärt die Sache mit der Mauer ungerührt: Rakete habe halt auf dem Haltestellenschild „Johannisfriedhof” gelesen.

Das wäre jetzt auch nicht verwunderlicher als das Unterscheidenkönnen einer Friedhofs- von einer anderen Mauer, denn die Rakete kennt tatsächlich schon einige Buchstaben (nochmal für die neuen Leser: sie ist dreieinhalb).
Sie haut nämlich immer die großen Kinder aus dem Kindergarten an, ihr welche beizubringen (nicht, daß ich von den Dingern keine Ahnung hätte, aber zum Glück fragt sie mich nicht, denn eigentlich finde ich das noch viel zu früh; von meiner Einstellung zu Frühförderung und Homeschooling ganz abgesehen) und dann sitzt sie am Maltisch und schreibt Einkaufszettel.

Ich staune über Sätze wie „Warte, Mama, ich will mir noch das M anschauen”, die sie ruft, von einer Brücke ins Wasser schauend. „Welches M?!”, frage ich und spähe nach amerikanischen Fastfoodketten. Nichts. „Na, das M, das die Enten da malen”, antwortet sie und zeigt auf die beiden Enten, deren Spur durchs Wasser nebeneinander – eben ein M ergibt. Da bin ich platt.
Nicht so positiv überrascht bin ich davon, daß ihr erstes komplett „gelesenes” Wort „CAMPARI” ist. Sollte man vielleicht nicht so laut rausposaunen. Verständlich aber ist es, „Fränkisches Vollbier” ist viel schwerer, weil nicht durchgängig großgeschrieben. (Lange nicht mehr gekalauert! Voll-Bier ist schließlich kein Buchsta-Bier…)

Aber irgendwas muss schließlich noch für die Schule bleiben. Sind ja nur noch knapp über zwei Jahre.

(Passt nur mit Mühe dazu, aber will noch aufgeschrieben werden: letztens zum ersten Mal ein Freunde-Buch aus dem Kindergarten ausfüllen dürfen. „Rakete, da steht ‚ich mag nicht:’ – was magst du denn nicht?” – „Schreib: ‚Räuber und Pilze’. Immerhin darf ich noch für sie schreiben. Puh.)


6 Näschen reingesteckt bei “Raketengeschichten: Friedhöfe und andere Leidenschaften”

  1. Bernd Barsch sagt:

    hach, schön.

    • stilhaeschen sagt:

      Ja, ich freu’ mich auch. Vor allem darüber, daß sie sich Buchstaben auserkoren hat und nicht Prinzessinnenquatsch oder Plastikgepferdel. Was noch kommen mag, aber jetzt ist quasi genießen.

  2. evakarel sagt:

    haaach, mein dreijähriger ist ja auch ein ganz, ganz hochbegabter. „wie heißt dieser buchstabe, sohn?”

    „kacka.”

    • stilhaeschen sagt:

      Sehr gut. So wird das was.
      (Just gestern abend beim Vorlesen gemerkt: im zehn Jahre alten Kindergarten-Kinderwissen-Buch ist eine volle Doppelseite mit ABC. Und ich dachte, unsere Kindergartenleitung verjuxt uns mit der Aussage, die Grundschullehrer erwarteten die Alphabetskenntnis… also doch: indoktriniert. Puh.)

  3. Claudia sagt:

    Ist auch nur ne Phase, hat mein Großer und seine liebste Freundin auch. Er hat das zugunsten von Ballett (tja) und „WARUM???” hinter sich gelassen, während sie fleißig lernt „OPI” und andere wichtige Wörter zu schreiben. Mein Sohn weigert sich ja schon was anderes als Krikkel zu malen, da wäre ich bei Buchstaben echt schockiert.
    Das erste Wort das er übrigens lesen konnte war DANKE…haben wir halt jeden Tag im Bus gesehen, Werbung kann manchmal auch was gutes haben. :-)

  4. stilhäschen sagt:

    In der Tat, da hat die Werbung mal was Gutes gemacht. Solange er es nicht mit Lippenstift auf Wände malt…
    (Ballett?! Super. Da ist er sicher Hahn im Korb…)

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