Häuschen im Grünen


Es ist nicht ganz zehn Jahre her, da hatte der Möbelschwede eine Hollywoodschaukel im Angebot und ich war verliebt. In die Schaukel und in einen Mann mit dem Garten dazu. Der zweite Job nach dem Studium hatte endlich das Geld dafür abgeworfen, da gab es das Teil nur noch in Berlin. Ich setzte hundert Hebel in Bewegung, um eine der letzten zu ergattern. Kaum stand die Schaukel, schwankte alles andere. Die Schaukel und ich flogen aus einem Garten und einem Leben, in meiner Wohnung ersetzte sie mir das Sofa. Ein neues Leben machte sich breit und breiter. Die letzten Jahre stand sie dann in Raketes Zimmer, wenig genutzt und irgendwie immer zu groß und fehl am Platz.

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Ich stelle mich den Nachbarn vor, im Fahrradanhänger schlummert Risiko. Wie alt er sei? Ein halbes Jahr. Ach, ein halbes Jahr! So alt war ihrer auch, als sie hier anfingen. Das war vor 48 Jahren. 48 Jahre! Ich rechne nach, bestimmt hat die Frau früher angefangen mit den Kindern als wir, aber man sieht ihr kaum die Siebzig an, wie sie da steht und die Tomaten wässert. 48 Jahre. Soweit habe ich noch nie gedacht. Ich sehe das hier für die nächsten zehn Jahre, und dann werden wir sehen… (Eine Woche und sieben Abende später denke ich: es wäre nicht das schlimmste. Klar, ein spießiges Bild, aber drauf geschissen. Wir werden sehen.)

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Es ist Sommer, es ist Abend, es ist elf und noch immer ist es brüllwarm, den Pulli habe ich umsonst mitgenommen. Der Fahrtwind kühlt meine Beine, das Blut kühlt der Hauch von Alkohol, der gerade noch geht („es können nicht alle aufs Gymnasium”), die Hände am Lenker finden den Heimweg im Schlaf. Auf den Gehsteigen sitzen Menschen, der Himmel ein Hammer, über den Dächern der riesige Mond. Mal eben mit dem Rad in die Stadt, in die Kneipe, zu Freunden: für uns nicht anders denkbar (auch wenn ich es in letzer Zeit selten nutzte: die Möglichkeit ist die Freiheit!). Ein Reihenhaus am Stadtrand, mit Carport und Garten? Bleib mir weg! Es gibt nur zwei Gründe, die mich ab und an über einen Umzug nachdenken lassen: Rakete und Risiko. Gefahren im Straßenverkehr, die hier bescheidene Schulsituation, anderswo so viel Spielraum im Grünen. Der Möhrchenprinz und ich sind beide Vorstadtkinder, haben unsere Kindheit gefühlt auf Feldern und Baustellen und im Wald verbracht, eigenständig herumstreifend. Die geteilte Coladose auf dem Discounterparkplatz scheint uns eine schwache Alternative dazu. Aber sind wir als Eltern wirklich dazu verpflichtet, eine Entscheidung zu treffen dem (vermeintlichen?) Kindeswohl zuliebe? Wir wollen nicht rausziehen an den Stadtrand und erst recht nicht weiter, wir wollen nicht aufs Auto angewiesen sein. Wir lieben diese Wohnung in diesem alten Haus. Noch 48 Jahre hier? Ich habe noch nie darüber nachgedacht. Aber warum nicht?

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Es hat einen spießigen Ruf, aber schon längst haben schon viel jüngere und hippere Leute als wir das alles entdeckt. Wir sind keine Pioniere mehr (jedenfalls bundesweit gesehen – hier senken wir den Altersdurchschnitt noch enorm), aber darauf kommt es uns auch gar nicht an. Es wird ein Scheißhaufen voll Arbeit sein, aber wir freuen uns drauf. Vor allem auf die lauschigen Sommerabende mit Grillerei, auch wenn wir noch keine Ahnung haben, wie das Bier ohne Strom kalt werden soll.
Unser Häuschen im Grünen hat die zugelassenen 24 Quadratmeter (davon gehen 14 ab für Geräteraum und überdachter Terrasse) und ist 600 Meter Luftlinie von unserer Wohnung entfernt – oder zehn Fahrradminuten, zu Fuß eine halbe Stunde.
Es ist ein Kompromiss. Wenn der Abend still wird, hört man auf einmal doch die Stadtautobahn. Aber dann streift der Wind durch die Weinranken, und wenn man sich nah genug dransetzt, ist das lauter. Und dann muß man eh mal heim, weil die Kinder ins Bett müssen. In einer Viertelstunde sind sie das auch.
Noch. Das dauert keine 48 Jahre, bis wir länger da sitzen können. Ohne Strom. Und ohne Internet. Draußen. In unserem Schrebergarten. Wo sie hingehört, meine Hollywoodschaukel.


Unser Pfirsich. Ja, der einzige. Wieviele der wohl in 48 Jahren trägt?


17 Näschen reingesteckt bei “Häuschen im Grünen”

  1. Stefan Kurz sagt:

    Eine Solaranlage aufs Dach vom Geräteschuppen und damit einen Kühlschrank betreiben. ;-)

    • stilhäschen sagt:

      Ja, aber das wäre natürlich zu einfach. Und ein bißchen arg kostenintensiv, da ja möglichst auch gekühlt werden sollte, wenn die Sonne gerade nicht scheint, also Solaranlage plus Akkus und ohne die Möglichkeit, überschüssiges in ein Netz zu speisen: och nöö. (Und natürlich: genehmigungspflichtig. Hey, das ist ein deutscher Kleingarten…)

    • noribori sagt:

      In dem von stilhäschen oben verlinkten Auszug aus dem Bundeskleingartengesetz (-> zugelassenen 24 Quadratmeter) wird übrigens ausführlich begründet, warum Solaranlagen in Schrebergärten unerwünscht sind. Zitat: »Die Gartenlaube ist nun einmal kein „verkleinertes Eigenheim“ und auch kein Wochenend- oder Ferienhaus. Ihre Ausstattungen und Einrichtungen müssen dem Merkmal „Ungeeignet zum Wohnen“ Rechnung tragen.«

      • stilhäschen sagt:

        Wobei man sagen muß: der verlinkte Text ist von einem Vertreter der bay. Staatsregierung, der sieht die Sache weit enger als manch Kleingartenvorstand (ich wette, daß min. die Hälfte der deutschen – und bayerischen! – Kleingärten Strom hat; das ist nämlich alles Auslegungssache…). Und hat sicher auch keinen Kleingarten, sondern ein Haus mit Garten.
        Möglicherweise bekommt auch unsere Kolonie demnächst Stromanschluß, aber derzeit finde ich (abgesehen vom Kühlproblem) das so schon absolut okay: Licht und kochen geht mit Gas. Es reicht, wenn ich die Gespräche der Nachbarn mithören kann, ich will nicht auch noch Radios dudeln hören.

        Da möchte ich schon lieber mal unseren Wohnungsnachbarn den Strom kappen, wenn die mal wieder mitten in der Nacht den Volumeregler ihrer Stereoanlage nicht finden.

        • uwe_b sagt:

          …kühlen geht auch mit Gas (wenn man die gut 200 € in die Hand nehmen möchte)

          • stilhaeschen sagt:

            Stimmt; aber mir ist unwohl beim Gedanken, daß da immer eine Flamme für brennt, wenn wir nicht da sind – und Butter und Wurst würde ich schon gerne dalassen können. Alles spricht also für Erdkühlschrank. Platz genug ist ja…

  2. noribori sagt:

    Noch hab ich nicht verstanden, warum das so viel Arbeit bedeutet. Wenn man nicht vorhat, sich autark von der eigenen Ernte zu ernähren (wie war das gleich nochmal mit der Dreifelderwirtschaft?), sondern nur ein Stück Rasen braucht, auf dem die Kinder umherlaufen können, während die Erwachsenen einen Grill und einen Bierkasten bedienen, dann sollte der Aufwand doch überschaubar sein?

    Und was das „spießig“ betrifft, da denke ich jetzt nicht so sehr an das winzige Grundstück, sondern an all die Leute darauf, alle auf engstem Raum, und jeder ist mit großen Erwartungen auf seinen Fleck Erde gezogen: dort sollen sich die Harmonievorstellungen verwirklichen, die in der Stadtwohnung nicht möglich sind. Aber was ist, wenn die einen in der Abendstille dem Rauschen des Windes zuhören möchten, die anderen aber lieber ein rauschendes Fest feiern möchten? Ich nehme an, es geht gar nicht anders: Schrebergärten funktionieren nur, wenn alles bis auf’s Detail geregelt und vorgeschrieben ist.
    Nach den so schön beschriebenen Erwartungen bin ich jetzt jedenfalls gespannt, wie es weitergeht. Genügend Stoff für Blogbeiträge sollte so ein Schrebergarten allemal liefern.

    Das Bier wird übrigens kühl, wenn man einen nassen Socken drüberzieht.

    • stilhäschen sagt:

      Die Arbeit, noribori, macht hoffentlich nur das erste Jahr : gewöhnlich werden Gärten erst abgegeben, nachdem jahrelang nichts mehr darin gemacht worden ist. D.h. in unserem Falle: was nicht vertrocknet ist, ist Unkraut oder anders zugewuchert. Die Kinderspielwiese ist lustig durchsetzt mit Roseninseln und halb verscharrten Gehwegplatten und warum man das Gemüsebeet direkt vorm Sitzplatz haben muss, ist uns auch ein Rätsel. Aber ganz bestimmt macht sich ab nächstem Jahr alles von alleine (haha, ich werde dann berichten…)

      Und, ja, sicher, da sind auch viele verschiedene Leute auf einem Haufen mit vielen Hoffnungen und Wünschen. Allerdings scheinen mir die anderen noch eine relativ homogene Gruppe zu sein (Jenseits der sechzig, Garten seit mehr als 20 Jahren, abends um sieben fährt man wieder heim nach 10 Stunden unterm Sonnenschirm), da bin ich gespannt, wie das in ein paar Jahren aussieht. Noch sind wir abends die einzigen, da meckert keiner über den Grill.
      Grundsätzlich ist der fehlende Strom schon auch ein beruhigendes Element, und Regeln sind schon okay, solange sie nicht zu streng ausgelegt werden. Das sieht man übrigens jeder Kolonie gut an, wie der Vorstand das Bundesgesetz (!) – 1/3 Nutzfläche, 1/3 Zierfläche, 1/3 Freizeitfläche=Rasen – durchsetzt. Für uns kamen einigen nicht in Frage mit Heckenverbot und schnurgeraden Zwangseinteilungen der Beete.
      Geschichten kommen sicher noch früh genug… könnten wir kein Fränkisch, wäre das noch mehr Urlaub, wenn man die Einheimischen nicht versteht…

      Ja, Verdunstungskälte ist erstmal das Mittel der Wahl. Danke für den Sockentip! Und dann kommt vermutlich ein Erdkühlschrank.

  3. Für die 600m Luftlinie, für die man mit dem Radl 10 Minuten oder zu Fuß 30 Minuten braucht, brauch ich bitte noch eine Erklärung. Das hab ich nicht kapiert.

    Zwecks dem Bier: wenn man das _daheim_ kalt macht und in der Kühltasche mitbringt, muss man nicht vor Ort kühlen. Das haben wir die letzten Wochen bis zur Vergasung getestet.
    Und wenn man genug Garten geschafft hat (und entsprechend durstig ist), spielt die Getränketemperatur nur noch eine untergeordnete Rolle.

    • stilhäschen sagt:

      600m Luftlinie – gerade über Bahn und Autobahn gemessen. Blöderweise liegt können wir nicht fliegen (obwohl – ich denke oft an den Raketenmann von der Olympiaeröffnung 1984…) und links- oder rechtsrum über die nächsten Brücken werden es eben knapp über 2km. Mit dem Auto sogar noch mehr.

      Kühltasche ist natürlich möglich, aber bei unserem Durst ein Tröpfchen auf den heißen Stein… bzw. haben wir einfach wenig Lust, ständig den halben Kühlschrank (mit Butter und Abendessenzeug) hin und her zu transportieren. Uns reichen die Kinder und ihr Kram schon vollends…

      • Ah, jetzt wird’s Tag – man verzeihe bitte rückwirkend dem Landei die Frage …
        … denn isch ‚abe ‚ier gar keine Auto- und keine Eisenbahn …

        Gut dann probiert das mit dem Kühlen auf althergebrachte Weise: ihr grabt ein etwas größeres Loch. Da kommt dann im Winter Eis rein und im Sommer dann das warme Bier. Und wenn im Sommer das Eis wegen Schmelzen ausgeht, dann war das Loch nicht tief genug. Braucht also vielleicht ein paar Iterationen um die richtigen Verhältnisse rauszukriegen aber spätestens 2018 solltet ihr das dann raus haben. Und unsere Großgroßeltern haben schließlich noch genauso gekühlt, zumindest gibt’s hier im Kaff noch ein paar solche Keller in der Böschung.

        Oder zwei der 24 Quadratmeter in der Hütte opfern und sowas hier basteln:
        http://www.thekitchn.com/trapdoor-in-the-kitchen-floor-74465

        (wie man sieht, dumme Ideen hab ich genug ;-)

  4. Rob sagt:

    Das mit dem nassen Socken oder Geschirrtuch soll sogar schneller gehen als im Gefrierfach. Dachte ich neulich: nasses Geschirrtuch und Gefrierfach müsste noch besser funktionieren. Tut es auch, wenn einen das bretthart an die Flasche gefrorene Tuch nicht stört.

    • stilhäschen sagt:

      Yeah, doppelt moppeln! Erinnert mich an die fantastische Idee, die Backe nach Weisheitszahnzug mit einem Glas Erdbeermark aus der Kühltruhe zu kühlen, da Eiswürfel ja so schnell schmelzen. Dank der noch wirkenden Betäubung merkte ich erst viel zu spät, daß ich mir eine astreine Erfrierung zugezogen habe…

  5. mq sagt:

    Es kann gar nicht genug verschrobene Gärtner geben!

    • stilhaeschen sagt:

      Nun ja, das würde ich so nicht unterschreiben. Es gibt ja leider schon so einige… (z.B. der, der den Stichweg zu seinem Garten abends nach sich harkt, damit er weiß, wer bei ihm über den Zaun kucken wollte. Und das ist erst die erste Geschichte…)

  6. Brisme sagt:

    Oh ja, das kenn ich. Bei mir war es ein Lounge-sofa für die Terasse. Als ich es kaufte, diente es zunächst auch als ‚Drinnencouch’
    Und mit dem Traummann fanden wir auch das richtige Traumhaus dazu, bei dem die Terasse milimetergenau unter meine Liegelounge passt :D

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