Wann, wenn nicht jetzt?


Mein Vater fuhr ein Motorrad, das damals schon ein Oldtimer war: Baujahr 1952, sehr schwarz, sehr laut, sehr eindrucksvoll (jedenfalls für eine Neunjährige). Statt Sitzbank zwei Gummisättel, und auf dem hinteren saß manchmal ich, die Drittklässlerin im hellblauen Popeline-Mantel, mit dem blauen Kinderjethelm. Mein Vater holte mich von der Grundschule ab und ich war stolz wie nur irgendmöglich, und weil das Teil keine Blinker hatte, rief mein Vater „rechts” oder „links” und ich hielt meinen Arm hinaus, in der festen Überzeugung, dringend gebraucht zu werden.
Wenn mein Vater dieses Ding fuhr, konnte ich ihn gefühlt zehn Minuten vorher heimkommen hören – so laut und so charakteristisch lief diese Maschine. Einmal war er mit mir eine Ausfahrt auf der Autobahn gefahren. Mit meinem heutigen Wissen können wir nur wenig schneller als 80 gewesen sein – in meiner Erinnerung war es Lichtgeschwindigkeit und mein Mäntelchen beinahe dem Fahrtwind geweiht.

Ich war 15, als mein Vater starb und meine Mutter weigerte sich, mir die Maschine aufzuheben. Sie schenkte sie seinem besten Freund und ich hatte einiges anderes zu betrauern.

Als ich 20 war, erfuhr ich über Umwege vom Schlaganfall dieses besten Freundes und daß er sowieso nie einen Motorradführerschein hatte. Ich fasste mir ein Herz und schrieb ihm einen Brief: welche Erinnerungen ich an meinen Vater hatte und an diese Maschine und daß ich dieses Motorrad so gerne fahren würde. Und falls er es, aus welchem Grund auch immer, nicht führe, ich würde es ihm so gerne abkaufen.
Ich hörte nie wieder von ihm.

Letztes Jahr starb der beste Freund meines Vaters. Ich hätte es wohl nicht erfahren, wenn nicht sein Erbe mich angerufen hätte: er habe das Haus geräumt, in einem Fach der Schrankwand die Papiere des Motorrades gefunden, letzter TÜV 2008, immer noch zugelassen, zuletzt gefahren wohl in den Neunzigern. Bei den Papieren lag mein Brief. Und jetzt meinte der Erbe, ich solle mir die Maschine abholen.

Der Sohn des Erben war wohl ein wenig sauer, weil das Motorrad ihm noch das Wertvollste der Erbschaft schien. Nach einiger Ebay-Recherche könnte ich ihn leicht trösten: viel Geld ist das Ding nicht wert, nicht einmal in restauriertem Zustand könnte man vom Gegenwert länger als zwei Wochen in Urlaub fahren (und ich spreche von Campingurlaub in Italien mit zwei Kindern, nicht vom Kegelclubausflug nach New York).
Aber was ist schon Geld? Ich denke an meinen Vater, wenn ich im Internet nach Ersatzteilen suche und Erinnerungen sind unbezahlbar.

Ich bin jetzt 36, sitze in der Fahrschule zwischen 16-jährigen und komme mir uralt vor. Ich habe ein Klein- und ein Kleinstkind und mache meinen Motorradführerschein. Nächstes Jahr werde ich wieder arbeiten, noch habe ich Elternzeit und muß „nur” stillen, waschen, Wäsche aufhängen und ab und zu Staubmäuse jagen. Wann also, wenn nicht jetzt?
Ich habe Angst, bekloppt zu sein und noch viel mehr, es nie wieder sein zu können.
Für den Notfall will ich deswegen 60 Jahre alte Technik im Hof stehen haben und einen Helm an der Garderobe.


19 Näschen reingesteckt bei “Wann, wenn nicht jetzt?”

  1. re sagt:

    absolut nicht bekloppt, im gegenteil. viel glück bei den fahrstunden und allem anderen… lg re

    • stilhäschen sagt:

      Dankeschön! Ich werde es brauchen. Diese modernen Fahrschulfahrzeuge sind so anders als die Zweiräder, die ich kenne. Zum Beispiel haben die Drecksdinger Blinker!

  2. Keine Sorge, man darf auch mit zunehmendem Alter bekloppt sein. Man wird nur immer schräger von den anderen (Ähnlichaltrigen) angeschaut, die sich „altersgerecht” verhalten … ;-)
    So ein Moppedführerschein ist was tolles, unbedingt! Viel Erfolg schonmal beim Bremshaken!
    Und dann mit der Pappe in der Tasche bei jeder Ausfahrt stets zwei Dinge beachten: Immer mit der Blödheit der anderen rechnen (insbesondere auch wenn man Vorfahrt hat/hätte) und niemalsnienicht das Hirn daheim vergessen.

    • stilhäschen sagt:

      Danke, mechatroniker, ich werd’ mich dran halten. Aber vor nächstem Jahr wird das eh nix, das Eisen muß ja erstmal hergerichtet werden… (haha, und „nächstes Jahr” ist schon auch ambitioniert…)

  3. Eckart sagt:

    TOLL!
    Ich fand es schon sehr bedauerlich, dass Du Dich vom silbernen Italiener getrennt hast.

    Schenken Sie Ihren Kindern bekloppte Eltern!

    • stilhäschen sagt:

      Schön, daß Du noch immer mitliest! Darf man eigentlich schon gratulieren – schon längst, oder? Dann gebe ich den Ratschlag gernstens zurück, auf die Bekloppten!

  4. jpr sagt:

    Hach.
    #kleinerdrei, wie man in anderen Ecken des Netzes nun sagen wuerde.

    Also: tolltolltoll und viel Vergnügen beim draussen rumflitzen.

  5. donauKwelle sagt:

    Das ist ja eine schöne Geschichte! Dann mal viel Spass bei der ersten Ausfahrt!
    (Ich empfehle übrigens, auch bei heissem Wetter immer Schutzkleidung zu tragen, aber ich kenne Motorradfahrer ja auch nur aus dem Schockraum…die MIT Schutzkleidung sehen irgendwie immer besser aus :-)

    Viele Grüsse aus dem tiefen Süden,

    donauKwelle

    • stilhäschen sagt:

      Dankeschön, auch für die nette Mahnung. Zum Glück weiß ich nicht, was ein Schockraum ist, möchte ihn aber auch nie von innen sehen. Schutzkleidung ist gekauft und wird getragen, wie sehr die Brühe auch runterläuft. Versprochen.

  6. Kristof sagt:

    Ja, schöne Geschichte. Und auch richtig gehandelt. Wenn’s bloß kein Motorrad wäre!

  7. Christine sagt:

    Also: Motorradführerschein ist nicht wirklich schwer, denn die haben so einen sogar mir gegeben.

    Und mein Motorrad ist nun auch schon volljährig.

    Ich wünsche viel Spaß beim Fahren und hoffe, dass es im Freundeskreis einen versierten Schrauber gibt, der hilft das gute STück in Schuss zu halten.

    Ciao Christine

    • stilhäschen sagt:

      Vielleicht ist Motorradfahren nicht waaaahnsinnig schwer, aber ich wundere mich doch, daß so viele riesige, schwerfällige, plumpe „echte Kerle” das schaffen. Wieviel Gefühl dazugehört, das Gas nur sachte zu drehen, die Kupplung nicht schnalzen zu lassen, alle vier Extremitäten kontrolliert und koordiniert z.T. Mikrobewegungen ausführen zu lassen…
      (Und den Schrauber brauche ich noch. Mist.)

  8. Das Muttertier sagt:

    Das Berührendste, was ich seit langem gelesen habe. Ich zerdrücke gerade eine Träne der Freude.

  9. […] – am Schluß habe ich jedenfalls dem Prüfer versprochen, nie wieder so schnell zu fahren. Wie auch, mit nichtmal 12PS? Ich hätte das Kärtchen trotzdem bekommen. „Lappen” sagt man ja heute nicht […]

  10. […] Jahre nach Erstzulassung, 47250 Kilometer auf dem Buckel, zweieinhalb Jahre nach dem Anruf, 14 Monate nach dem eigens dafür erworbenen Führerschein war es heute soweit: 80 Kilometer […]

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