Es geht bergab. Aber das mit Musik.


In den letzten drei Jahren bin ich gefühlt 30 Jahre gealtert. Und wenn ich „ich” sage, dann meine ich nicht nur meine Bandscheiben, mein Unterhautfettgewebe und die Monument valleys around my eyes.
So lege ich beispielsweise großen Wert darauf, abends wenigstens einmal Nachrichten im TV zu sehen („Ruhe, Rakete, Mama nimmt am Weltgeschehen Anteil!”). Ich rufe die Polizei, wenn die asozialen Nachbarn wieder Fensterdisko machen. Nichtmal beim Autofahren ertrage ich mehr Musik, nur mehr Radio mit Sprachbeiträgen. Bayern3 mag der Sender meiner Jugend gewesen sein, ich habe trotzdem lieber heruntergeschaltet und höre mir jetzt im Nachmittagsstau lieber Reportagen über Bergschulen in Hinterchina oder Interviews mit Kräuterhexen (ernsthaft jetzt: bitte unbedingt hier die Sendung mit Susanne Seethaler suchen [Strg+F] und anhören. Und bloß nicht von der kindlichen Stimme und dem langsamen Sprechen der Dame auf Naivität schließen – die hat’s faustdick hinter den Ohren! Ab Minute 18 zum Beispiel: sie hat ihr Buch über Hausmittel vorgestellt und manche hübsche Anekdote erzählt, da beginnt der Interviewer doch kritisch nachzuhaken: „Aber jetzt muß ich doch mal tadeln. Warum haben Sie solch einen Unsinn veröffentlicht – oder wenigstens weitergetragen wie ‚bei nachlassender Potenz ins Maul eines toten Hechts urinieren’?!” und sie antwortet baff: „Wieso Unsinn? Haben Sie’s schon ausprobiert?”. Sein „das habe ich doch gar nicht nötig” überhört man schnell…) an.
Ich meine, hey, was bleibt mir übrig? Die Songs meiner Jugend laufen schon auf Bayern1, dem Altherrensender meiner Erinnerung.
Immerhin bin ich doch noch nicht soweit, daß ich Politiksendungen ohne Einschlafen schaffe. Also schaltete ich heute mangels Alternativen doch wieder auf Bayern3, und da lief prompt eine meiner einzigen drei Musikentdeckungen der letzten Jahre: Jupiter Jones. Im Kommerzradio für Junggebliebene. Wollen die das wirklich? Hoffentlich machen sie wenigstens ordentlich Geld damit.

Und jetzt zu etwas fast ganz anderem: letztens beim Tanken einen ganz fiesen Ohrwurm eingerissen, eigentlich nur vierfünf Töne. Und die werd’ ich nicht mehr los, bis ich das Elend wieder ganz im Bewußtsein habe. Also, liebe Leser, ich bitte herzhaft um Hilfe: ein Hit aus den Achtzigern, gesungen von einem damals so ungefähr Sechzehnjährigen blonden Teenieschwarmbübchen, von dem man danach nie wieder etwas gehört hat, musikalisch. Auch sonst nichts. Ach ja, in dem Lied geht es vielleicht um irgendsowas wie „ich will dich”, vielleicht aber auch mehr so pathetisch „ich werd’ mich für dich nicht verbiegen”, was weiß ich denn. Das ist über zwanzig Jahre her, Mann! Oder waren’s doch die frühen Neunziger?! Jedenfalls geht das Lied so „Laaa-laaa (möglicherweise ist das „Iii am”, aber ich kann mich täuschen), laaa-la-la-la-la-la, laa-la-la-la-la-la”, und dann komm’ ich immer mit „Lena” von Pur durcheinander.
Das nur kurz zu meiner geistigen Verfassung. Sie alle werden verstehen, warum ich kaum mehr blogge.


20 Näschen reingesteckt bei “Es geht bergab. Aber das mit Musik.”

  1. …könnte man dazu eventuell eine Stilhäschensche Soundprobe haben?
    Ein MP3 mit 64kBit tut’s!
    Und: Mit Datum, Etwa-Uhrzeit und Sendername lässt sich eine Anfrage an die entsprechende Institution richten!
    „Verdammt ich lieb’ dich” war’s aber nicht?!?

    Und im Namen aller Stilhäschenfans: danke für’s Comeback! Bleib bei uns!

  2. Edith meint, ich soll noch diesen Link hier posten:

    http://www.onehitwondercentral.com/80s.cfm

    Cheerio,
    der Mechatroniker

  3. Melanie sagt:

    vielleicht chesney hawkes mit „i am the one and only”?

  4. @Melanie:
    Stimmt, passt zumindest wunderbar auf die Beschreibung:
    http://www.youtube.com/watch?v=z8f2mW1GFSI

  5. stilhäschen sagt:

    Hell, yeah! Das isses! Danke, Melanie! Endlich kann ich wieder schlafen. Also, wenn ich wieder aufhören kann mit Kopfschütteln. (Tss, Sachen gab’s… und das waren dann doch schon die Neunziger. Weia. Hoffentlich bleiben wir wenigstens von diesem Revival verschont – letztens beim Klamottenkauf gedacht: „Scheiße, solche Klamotten hatte ich schon. Weggeworfen. ZWEIMAL.”

    (Danke auch Dir, Mechatroniker. Ich hätte vermutlich das ganze Wochenende weitergesucht auf Deinem Link…)

  6. jpr sagt:

    Ich hatte ja spontan an Jason Donovan gedacht. Schon gruselig, was man sich damals alles angetan hat. Nur wo der Grund für keine Texte sein soll kann ich nicht erlesen. Konfus ist das Leben manchmal und dann braucht es halt auch so einen Kommentar. Da bin ich voll mit dem Mechatroniker.

    • stilhäschen sagt:

      Du kannst den Grund (für Texte statt Musik) nicht erlesen? Mööönsch, dann auf’m Silbertablett: faltig, alt, konzentrationserschwert => Gedudel auch im Hintergrund kann von den Synapsen nicht mehr nachlässig behandelt werden. Dann lieber volle Konzentration auf Schwachsinn ohne Melodie.
      Vermutlich habe ich so was in der Richtung gemeint. Ich gebe aber zu: mag wirr sein. Hey, dafür hab’ ich überhaupt was geschrieben! Da kann man nicht auch noch Zusammenhang erwarten. Ich jedenfalls hab’s aufgegeben.

  7. textorama sagt:

    Ruhe haben wollen? Polizei rufen? Willkommen auf der anderen Seite Fr. St.-Häschen. Diese Erkenntnis hat mich zumindest im ersten Moment völlig aus den Socken gehauen. Ich stehe nun auch auf der anderen Seite, auf der Seite, die meine Eltern damals, als sie anfingen anstrengend zu werden, eingenommen haben. Da wird es schwer, sich Toleranz einzureden, dass man selbst mal jung war und dazu neigte, zu Gunsten der eigenen Bespaßung die Ruhebedürfnisse anderer als bestenfalls zweitrangig ein zustufen.
    Und die Musik? Ich bleibe bei dem was mit gefällt und wenn es auf dem Altherrensender läuft: bitte schön.
    Davon abgesehen: seine Ohrwürmer kann man sich nicht aussuchen.

    • stilhäschen sagt:

      Ja, erschreckend, wenn man sich durch sich selbst an die eigenen Eltern erinnert fühlt. Ach was, erschreckend: desaströs! Ich rede mir aber ein, daß es nicht so schlimm ist, solange ich das noch merke.
      Das schlimme an den Nachbarschaftsdisko ist nur: die sind nicht viel jünger, die sind einfach so asozial. Und es ist ihnen egal. Dann muß mir meine Anarchohaltung aus der Jugend auch egal sein.

  8. Donnawetta sagt:

    Ich hätte ja nun beinahe Rick Astley in den Runde geworfen (also den Namen jetzt, nicht den Typen. So oberarmstark, dass ich gealterte Exmusikanten durch die Gegend wuchten könnte, bin ich mit zunehmendem Reifegrad dann auch nicht mehr), aber das Rätsel ist ja schon gelöst. Nur ich, ich rätsele weiter, denn der Name Chesney Hawkes sagt mir so dermaßen gar nichts, dass ich mich nicht mal an den einen Knaller des Einknallerwunders erinnere. *seufz*

    Also, falls Du mal bei Jünne Jauch auf der Millionencouch landen solltest, dann ruf bei der Millionenfrage zu One-Hit-Wonders bloß nicht mich als Telefonjoker an. Ich bin eher für die altertümliche Mucke zuständig und könnte Dir auf Anhieb sagen, welches Lied die erste Nummer 1 der US-Billboardcharts gewesen ist oder auf welchem Friedhof Robert Biberti von den Comedian Harmonists beigesetzt wurde… (Wir werden alt. Ich jedenfalls.)

    • stilhäschen sagt:

      Wir alle werden alt, Donna. Nur treibt dieser Trost leider keinen Rollator an…
      Rick Astley! Stock-Aitken-Waterman! Mannmannmann! Ich erinnere mich ja noch gut an die Spielchen im Radio, wo wahlweise Astley schneller oder Kylie Minogue langsamer gespielt wurde, und hey: das war eindeutig dieselbe Stimme!
      Haste Hawkes mittlerweile mal geyoutubed? Und schon wieder raus aus’m Ohr, den Song?

  9. burnster sagt:

    Zum 1. Teil: Die Selbstbezichtigung ist doch nur eine ganz billige Augenwischerei, damit dich deine Leser vom Neuspießertum absolutieren. Blöd, dass du sie dann mit Chesney Hawkes gleich wieder davon abgelenkt hast. Ich fand das Lied übrigens damals schon gut, und jetzt hab ich wieder vergessen, was ich zum Thema Musik im Auto noch sagen wollte, verdammt.

    • stilhäschen sagt:

      Was die Verschwurbelung angeht, schlägt dieser Kommentar den eigentlichen Text um Längen. Absolution? Ablenkung? Ist Chesney-Hawkes-Hören alles andere als spießig und nur mir hat das keiner gesagt? Bin ich doch noch Superszene? Brauch ich vier Instant-Bier, um zu folgen?
      Immerhin: auch Dich plagt irgendeine Amnesie, wie tröstlich. (Ich wünsche mir zum Thema „Musik im Auto” übrigens wieder ein Radio mit Kassettenrecorder zurück: auf’m Flohmarkt die Kinderhitparade-Kassette von ‚89 geschossen. Da singen Kinder damals aktuelle Hits mit neuen Texten nach. „Ich will immer nur Pommes!” auf die Melodie des größten Hits von Knight Rider. Na, alle neidisch?)

  10. Pest Krause sagt:

    Wort im Hörfunk ist doch das Größte, Holdeste. Featurefunk for president. Und mit Ihrem Ohrwurmdings will ich mich gar nicht befassen, sonst komm ich aus der Schleife gar nicht mehr raus. Die Synapsen sind nämlich sowas von einbahnstraßig verkümmert, dass ein Weltkriegserinnerungsnachmittagstee mit der 91jährigen Großmutter zu den Hochlichtern des aktuellen pestilenten Tagwerks zählt.

    Haben Sie auch schon eine Zahnzusatzversicherung?

  11. Burnster sagt:

    Ich vergaß damals (Mai diesen Jahres) noch zu erwähnen, dass ich Lena von Pur seiner Zeit gar nicht so schlecht fand. Aber da hab ich auch grad auf dem Bau gearbeitet und war nachmittags bei Radiohören im Installationsauto schon leicht angedöselt. Jetzt ist es raus und niemand muss sich im Vergleich dazu je wieder schlecht wegen einem Popsong fühlen.

  12. Hey Stilhäschen,
    da googelt man sich schon mal selber – und findet sich deinem blog wieder. aber gegen die langsame sprechweise plus kindlicher stimme muss ich doch entschieden widersprechen, oder leide ich tatsächlich an totaler fehleinschätzung. das „faustdick hinter den ohren” finde ich dann wieder voll gut, nochdazu wo du wissen musst, dass der liebe moderator mir schon zu beginn der sendung gesagt hat, dass er mit dem was ich mache eigentlich nix anfangen kann – mich aber trotzdem mag. da das ganze live war, haben sich der aufnahmeleiter und der tontechniker geradez weggeschmissen vor lachen. ich kann dir sagen, wir hatten ungleublich viel spaß in dem studio. auch wenn der herr noa, so der name meines moderierenden gegenübers, nach der hechteinlage ständig mit verschränkten armen da saß, was rein körpersprachentechnisch tief blicken lässt. er hat mich aber trotzdem wieder eingeladen, also halte die ohren aus. ich komme wieder, keine frage . . . mit meinem neuen buch, das nächstes jahr erscheint. deine kräuterhexe, die gar keine ist und das auch nie behauptet hat . . .

    • stilhäschen sagt:

      Liebe Frau Seethaler, ach, ich sag’ einfach dreist Susanne. Habe ich mich doch eh schon genug in die Nesseln gesetzt mit meinen unbedachten Kommentaren über Dich. Kann doch aber auch niemand damit rechnen, daß das jemand liest, der es persönlich nehmen darf!
      Deshalb nur kurz zur Erklärung: „Kräuterhexe” erschien mir einfach die kürzeste Zusammenfassung Deiner Profession – keinesfalls meine ich das despektierlich, ehrlich! Und auch die Bewertung Deiner Sprechweise ist natürlich rein subjektiv – wie beschrieben jedenfalls kam das in meinem Ohr an, nachts auf einem einzelnen Kopfhörerknopf eines mp3-Players liegend. Insgesamt kam ja hoffentlich rüber, daß ich das Interview sehr toll fand, eben wegen der hinterohrigen Faustdickigkeit. Und ja, ich finde, man hat schon gehört, daß das Interview Spaß gemacht hat. Danke dafür, den Spaß hatte ich beim Hören auch – sonst hätte ich es ja nicht weiterempfohlen.
      Ich freu’ mich schon aufs nächste Interview mit Dir – wenn’s auf Bayern2 läuft, wird’s mir kaum entgehen.

  13. Wer mich so lustig weiter empfiehlt darf mich auf alle fälle susanne nennen :) ich mags echt auch viel lieber frech als arschkriecherisch. und jetzt noch was unter uns – in diesem fall hoffe ich, dass nicht allzuviele menschen wind davon bekommen, aber wenn, dann ists mir auch wurscht: mir gehen kräuter voll am oben genannten körperteil vorbei. ich bin also tatsächlich in allerkeinsterweise eine kräuterhexe. das mit dem aspirin war also während der sendung die volle wahrheit, aber das glaubt mir immer keiner. wegen dem blöden hecht wurde ich übrigens schon bei tv total von stefan raab verarscht, der depp dachte doch tatsächlich auch, dass ich voll an sowas glaube. nun mache ich seit über einem jahr einen selbstversuch – oft kläglich! – in verzicht und einfachem leben. ich hab alleine in einer berghütte gelebt, im kloster geschwiegen usw. darüber geht mein neues buch – ein gefundenes fressen für unseren moderator bei B2, der letztens extra in dem restaurant, wo ich koche vorbei kam, um mir zu sagen, dass er das interview im nächsten jahr wieder führen wird. ich freu mich schon . . . und einen zuhörer hab ich ja jetzt wohl schon ganz sicher schon :) ich kann dann ja mal kurz ins mikro hüsteln als kleinen, versteckten gruß unbekannterweise. tschuldige den langen kommentar, aber es macht grad so spaß. nix für ungut, die pseudo-kräuterhexe

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