Sentimentalkeramik


Ich war noch sehr klein, vielleicht vier oder drei oder noch kleiner. Ich erinnere mich ja noch nicht mal genau – zum Beispiel wer da eigentlich zu meinen älteren Geschwistern kam, geschweige denn warum. Vielleicht hatte eines Geburtstag, jedenfalls ging es irgendwie um Geschenke und aus Höflichkeit (oder weil jemand wußte, wie unerträglich kleine Kinder nerven können, wenn sie vermeintlich benachteiligt werden) bekam ich auch eines. „Aber das wäre doch nicht nötig gewesen!”, meinte meine Mutter, aber das war natürlich Quatsch. Sehr nötig war das gewesen, so ein prima Geschenk für mich alleine, ein Geschenk, von dem zunächst nur Cellophanfolie zu sehen war, in Tausende Falten gelegt, zusammengehalten von ein paar Locken Geschenkband.
Aber ich ahnte ja bereits, daß die Überraschung süß sein würde, der kleine Aufkleber auf der Folie verriet es, ich kannte das Logo, vermutlich von Schokoweihnachtsmännern: „Gubor” stand drauf, und Gubor-Schokolade war auch drin (letzteres kann als gesichert gelten; das Logo auf der Folie könnte bei genauerem Nachdenken möglicherweise auch das einer örtlichen Konfiserie gewesen sein. Nein, ich finde es nicht schlimm, daß ich mich da jetzt nicht genau festlegen kann. Eher, daß ich mich überhaupt an so etwas noch erinnere, wohingegen, ach, vergessen wir’s.) , als die Folie endlich verloren hatte gegen meine gierigen kleinen Wurstfinger. Schokolade und Bonbons, gefüllt in eine Tasse mit Schäfchen.

Ein weißes und ein schwarzes Schaf und zwischen ihnen ein seiltanzendes Mäuschen; als ich zuhause auszog, fand ich sie wieder in einer Poltergeschirrkiste und nahm sie mit, von einer Wohnung in die nächste, von einer Stadt zur anderen.

Gut 30 Jahre nachdem ich sie geschenkt bekommen hatte, stand sie immernoch in meiner Küche, gespült im Schrank ganz vorne, und ich hatte ein paar Leute zu Besuch und ich kochte Kaffee und sagte einem jungen Mann, er könne ja schon mal die Tassen holen. Er öffnete den Schrank, juchzte, drückte die Schafe an sich und rief: „Das ist meine Tasse! Wie kommt die zu dir? Die ist aus meiner Kindheit!”
Jedes Mal, wenn er bei mir war, bestand er auf diese Tasse, notfalls spülte er sie schnell noch ab. Ich mochte den Gedanken, daß er sich bei mir zuhause fühlte, und die Tasse dafür auch immer mehr.

Heute stehen die Schafe in unserer gemeinsamen Küche und die Rakete bedenkt sie regelmäßig mit Tierlauten (oder was sie dafür hält). Mal sehen, ob die Tasse überhaupt vierzig wird.

[Und warum soviel Langeweil-Content zu Jahresbeginn? Weil: vielleicht besser als gar nix. Andere können Blogs übrigens ohne zu nerven*. Zum Beispiel freut sich da drüben Frau Liebe über Flohmarktfunde, und die Katzentasse ist aus derselben Serie, das traue ich mich wetten, die hatte nämlich meine Schwester gekriegt.
* Wieder andere nicht, da draußen gibt es Muttis, deren größte Sorge drei Kilo zuviel sind oder daß ein neugeborenes Mädchen unmöglich im hellblauen Schlafsack ihres Bruders schlafen kann. Aber darüber rege ich mich ein andermal auf. Irgendeinen Vorsatz braucht man ja. Frohes Neues übrigens!]


17 Näschen reingesteckt bei “Sentimentalkeramik”

  1. MoMiMi sagt:

    Ebenfalls ein frohes Neues, wertes Stilhäschen!
    Und seien Sie beruhigt, Kindheitserinnerungen und Langweil-Content sind nicht deckungsgleich.
    Mir hat die Geschichte den ersten herzhaften Schmunzler des Tages gebracht, vor allem wegen der in dieser Tasser vereinten gemeinsamen Kindheit (fast schon hollywood-kitschfilmmäßig ;-)) und nicht zuletzt weil sie mich an meinen Fliegerteller („Jörgteller” war sein eigentlicher Name, nach dem Schenker, der mich zur glücklichsten Dreijährigen der Welt machte) erinnerte, der den vorletzten Umzug leider nicht überlebt hat.

    • stilhäschen sagt:

      Danke fürs Trösten und die Fische im Komplimente-Netz, da bin ich aber froh. Denn just beim Tippen (und Tippen und Tippen) fiel mir ein: was, wenn meine Geschichten noch banaler und langweiliger sind als die Blogs so vieler anderer Muttis? Je mehr ich lese, desto weniger will ich noch schreiben. Ein Drecksteufelskreis. Immerhin hast Du den Hollywood-Schmalz entdeckt. Genauso hat sich’s da nämlich angefühlt, als er die Tasse annektierte, „füreinander bestimmt” und der ganze Schmonzes. Höhö.

      • MoMiMi sagt:

        Sind denn nicht im Grunde alle Geschichten banal, weil schon mal geschrieben und schon mal erlebt?
        Neineinein – andereMuttiBlog-Vergleiche sind hier völlig fehl am Platz*! Einfach nicht hinkucken!
        Und klar! Sowas von Hollywood! Dreams are my Reality war die Hintergrundmusik.
        :-)

        *(obwohl mir schon manchmal der Kalauer-Content abgeht, aber dann: Rakete surft! Rettet mir den Tag, sowas)

        • stilhäschen sagt:

          Ach, MoMiMi. Danke!
          (Und Kalauer gibt’s bestimmt auch wieder irgendwann. Spätestens, wenn die Rakete spricht. Also mehr als „Baba” und dabei im Bilderbuch auf den Esel zeigt.)

  2. mq sagt:

    Nicht zu fassen. Ich hatte den Löwenbecher. Das Jahr wird gut.

  3. Heike sagt:

    Ich beneide Dich sehr! An meine Kindheitstasse kann ich mich leider nicht mehr erinnern. Nur noch an meinen bunten Eierbecher. Der steht auch ganz vorne im Küchenschrank!

    • stilhäschen sagt:

      Hoffentlich ist ganz vorne nicht so gefährlich wie es klingt. Eh erstaunlich, daß etwas so zerbrechliches so lange hält… (sagt’s und wischt ein Glas vom Tisch)

  4. meike sagt:

    Ach, die hatte ich auch! Oder mein Bruder, das kann auch sein. Wenn ich mich recht erinnere, hatten wir da Stifte drin.

    LG
    Meike

    • stilhäschen sagt:

      Du, Bruder, egal. Kollektive Erinnerung. (Und eines Tages werden sich erwachsene Frauen freuen über die Erinnerung an eine blöde rosa Glitzerfee. Vielleicht ab jetzt doch nur noch Selbstgebasteltes aus Salzteig für die Rakete.)

  5. Dompteuse sagt:

    Auch Ihnen ein gutes Neues Jahr!
    Ich hatte ganz genau die gleiche Tasse! Unglaublich! Meine ging leider irgendwann den Gang alles Irdischen, ich hatte die beinahe schon vergessen *tränchen abwisch*

    • stilhäschen sagt:

      Das Tränchen ist verständlich, aber dafür ist Porzellan ja Porzellan. Ein dankbares Produkt für Designer und Produzenten, weil bei Kaputtgehen der Kunde normalerweise von Eigenschuld ausgeht. Kommt wahrscheinlich BWL-Effizienz-technisch direkt hinter Glühbirnen und Nylonstrümpfen. Ich verzettel mich gerade? Weia, da fehlt Bier! Hoch die Tassen! (Kurve gekriegt, yeah!)

  6. Kassiopaia sagt:

    Ich hoffe nur, dass du nicht so böse wirst, sollte die kleine Rakete die Tasse mal zerdeppern. Meine Mama war da ganz schön böse, vielleicht auch nur traurig, was bei mir anders ankam. Denn meine Mama hatte auch eine kleine Tasse mit einer Giraffe drauf, die dann später ich bekam. Und tja, eines Tages kam mein Tollpatschgen durch und ROMMS! war die Tasse nur noch ein Scherbenhaufen. Oh weh.

  7. croco sagt:

    Wir hatten keine becher.
    Wir haben aus der Hand egtrunken, glaube ich.

    Jedenfalls kann ich mich an nichts erinnern.
    Und dass Sie jetzt mit dem Mann zusammen sind, der diese Becher auch liebt, ist eine gute Idee.

  8. Frau D sagt:

    Ich hatte auch mal so eine LIeblingsseitkindertagen-Tasse. Aber leider hat sie der Kindsvater runtergeschmissen und konnte meine Trauer und Erschütterung gar nicht verstehen. Leider kann ich eine ähnliche Biene Maja Tasse nirgendwo mehr finden. Ich sollte meiner kleinen vielleicht auch eine solche Tasse schenken, für spätere Sentimentalitäten!

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