Ab heute wird zurückgewußt.


So ein Kind ist ja im Grunde nix besonderes. Das haben ja die meisten, außer denen, die noch keins haben. Aber alle anderen haben ja mindestens eins, und die älteren meist mehr und dann ja auch noch Enkel und spätestens damit: die Babyweisheit gepachtet.

Mit Baby im Bauch bekommt man bereits langsam eine Ahnung davon, daß man ab jetzt dringend auf Ratschläge (vor allem von Wildfremden) angewiesen ist – wenn das Kind erst da ist, gibt man es am besten direkt jeweils der nächsten älteren Dame, die zufällig in der Nähe steht. Denn wie du’s machst, es ist verkehrt. Richtigmachen, das war altes Leben.

Jetzt ist: du hast ein schreiendes Kind im Wagen. „Um Himmels Willen, nehmen Sie doch das Kind hoch!”, kreischt dann garantiert jemand. Mit hoher Wahrscheinlichkeit bekommst du noch umsonst (nicht nur im Sinne von gratis) einen Vortrag über die Bösheit von Kinderwägen (incl. Therapievorschlag für dich Rabenmutter, die körperliche Nähe nicht zulassen will) und die Vorteile des Tragetuchs. Nicht schön. Aber die Alternative ist nicht besser: Das Kind schreit im Wagen, du nimmst es raus. Prompt keift jemand „So werden die Blagen von klein auf verwöhnt”.

Oder: ihr seid unterwegs, es ist Mittag, ihr setzt Euch irgendwohin und du füttest Dein Kind aus einem Gläschen. Vielleicht sagt es nicht jede laut, aber das werden ganz sicher Frauen sehen, die die Kleine noch für viel zu jung für Beikost halten („Ich habe zwei Jahre voll gestillt!”). Die nächste versucht dir zu erklären, warum Brei das Kind bevormundet – schließlich könne es ohne weiteres vom Elternteller mitessen (sofern die eben einfach mal ein Jahr aufs Würzen verzichten, eine Woche lang bei den selben Zutaten bleiben und dann nur eine ändern. Prima Idee.). Und eine wird über Gläschen schimpfen, über die Nahrungsmittelindustrie, über Pestizide und Geschmacksverstärker und daß es doch wirklich nicht zuviel verlangt sei, selbst zu kochen. Dieser Frau immerhin antwortest du, nämlich daß du das tatsächlich selbst gekocht hast und im Gläschen eingefroren. Du kannst wetten, daß dann kommt: „Ganz toll. Und dann in der Mikrowelle aufwärmen. Das ist ja noch schlimmer als Kinderwagen, Gitterbett und Supermarktkost zusammen.”

Ab jetzt mußt du also ertragen, daß egal was du tust, ab jetzt immer eine kommt, die es besser weiß. Das ist ganz schön schwer. Auch ganz schön schwer ist, zwischen den Worten „Das Kind hat doch Hunger / Durst / kalte Füße / eine volle Windel!” das „Merken Sie das denn nicht, Sie Rabenmutter?!” zu überhören und die ganzen Ratschläge nicht persönlich zu nehmen.

Wie ich das schaffe? Für’s Füttern habe ich noch keine Allround-Lösung (Dönerbude statt Café hilft schon immens, da fehlt schon mal die vegane Fraktion). Aber wenn mein Kind brüllt und die ersten Diagnosen (s.o.) kommen – da habe ich das Killerargument, das mich freispricht von aller Schuld: „Nein, sie bekommt Zähne.” (Was nicht gelogen ist, irgendwann wird sie sicher welche haben.)
Plötzlich wird dann das Keifen zum Mitleid (bei älteren Kalibern ist vermutlich auch Neid dabei, bei den Zahnersatzkosten), für die Kleine und mich, plötzlich wird dann symbolisch schultergeklopft, plötzlich ist da Solidarität, wo vorher Besserwissen war.
Der Satz funktioniert so gut, den werde ich noch in Raketes Pubertät benutzen.


11 Näschen reingesteckt bei “Ab heute wird zurückgewußt.”

  1. Kai sagt:

    …und wenn die Zähne da sind, aufpassen. Daumen lutschen! Schnuller! Die Zähne werden doch schief! Was das dann wieder kostet (in meinem Fall, 11-jährige, ein veritabler Kleinwagen, gebraucht).

  2. Hier hilft es ungemein, andere (falls möglich mehrfache) Eltern in der Öffentlichkeit zu beobachten.
    Selbstverständlich verhallt dieser Aufruf werdenden Müttern/Vätern gegenüber genauso ungehört wie die Ermahnung, es sich vor der Elternwerdung nochmals richtig bequem zu machen und die Ruhe zu genießen. Was mit letzterem gemeint war, wissen die „Frischlinge” erst, wenn es zu spät ist.
    Zurück zum Thema: wenn der Nachwuchs erstmal da ist, kann man – auch aufgrund o.g. älterer Damen und Co. – eine _unauffällige_ Beschattung erfahrener Eltern vergessen.
    Im Prinzip ist die Antwort mit dem Zahnen schon der richtige Weg, denn das sagt unmissverständlich an, dass man an dieser Stelle keine Tipps möchte.

    A propos Zahnen: meine Mädels hatten „plötzlich” den Mund voller Zähne, wohingegen der gnädige Herr schon längere Zeit leidet wie ein echter Mann…

  3. timanfaya sagt:

    meine methode: wie queen mum lächelnd und winkend aus dem wirkungskreis der zuschauer entschwinden und auf keine diskussionen einlassen. was im familienkreis nicht so einfach ist. da hilft dann nur absolute beratungsrestenz.

    p.s.: sehr hübsches kind.

  4. stilhäschen sagt:

    Haha, lauter Väter!

    Ja, Kai, Schnuller/Daumen/gar nix ist auch ein beliebtes Thema. Eines von vielen.

    Lieber Mechatroniker, mein Problem sind ja bisher gar nicht mal die Ratschläge, sondern eher die unterschwellige Beschuldigung, eine schlechte Mutter zu sein. Seit ich dagegen was habe, ertrage ich die Tips viel besser.

    Danke, timanfaya! Wir wissen auch nicht, woher’s kommt. Und Queen Mum ist eh super. Ich versuch’s mal mehr Sissi-Style.

  5. creezy sagt:

    Ich bin irgendwie froh, dass dieser Kelch an mir vorüber gegangen ist. Es wäre unklug für’s Kind nach der Zeit der Schwangerschaftshormone (in der man ja getrost unzurechnungsfähig sein darf) die Umwelt täglich zu morden. Wie hältst Du das aus?

  6. Wolfram sagt:

    Wenn die Pfarrfrau niedergekommen sein wird, dann kann ich all solchen Bessernasewissern strahlend ins Gesicht sagen: „och, wissense, ich hab schon zwei Große, bei denen hab ich das genau so gemacht, und die sind wohlerzogen, gesund und gut geraten und kann ich überallhin mitnehmen. Aber Ihre Mutter hat es wohl anders gemacht, wie?”

  7. lesof sagt:

    *lacht schallend*.

  8. stilhäschen sagt:

    Ich hab’ ein Kind und will jetzt noch ungerner in den Knast, creezy. Das hilft beim Zügeln.

    Guter Ansatz, Wolfram. Aber bis die Ansage abgespult ist, haben sie Dir im schlimmsten Fall schon das Jugendamt bestellt… Evtl. verk. a. „Sagnsedasmaihrneltern!”?

    *lächelt schief zurück*. Für irgendwas muß es ja gut sein…

  9. […] Ach du volle Windel! Die letzte Folge ist ja schon wieder ein Vierteljahr her! Nicht daß ich ernsthaft glaubte, da wartete noch wer auf die Fortsetzung (Hallo Linguisten: zweimal Konjunktiv Präsens, haut das überhaupt hin? Hab’ ich das überhaupt erwischt? Und wenn, ist sicher das Komma falsch, oder?), aber ich muß es ja loswerden. Und im Internet finde ich das dann vielleicht auch wieder, sollte ich jemals mein Geburtstrauma überwinden und nachlegen. (Habe ich das gerade selber geschrieben? Oder war’s die Weinflasche?) Wir waren bei den guten Ratschlägen. Die geb’ ich gerne, hach! Ich hab’ nämlich so viele. Alle geschenkt gekriegt. […]

  10. […] und zuviel Reize fürs Kind (und nein, ich will keine Stillburka, danke). Und natürlich alle Mitmenschen, die ungefragt Ratschläge geben.) ist heute pillepalle, denn einzig und allein der Betreuungsschlüssel macht die Musik. Und der […]

  11. […] weiß nicht, ob man’s merkt: ich ärgere mich sehr. Auch darüber, daß hier mein Standardspruch „sie bekommt Zähne” nicht passt. Zum eigentlich Thema Einschulen demnächst mehr. Wenn mir kein Rauch mehr aus den […]

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