Stille Zeit


Achtung, halbwegs intimer Mutti-Content. Muß man nicht lesen. Die Musik kann man trotzdem anmachen und gaaanz leise mitsingen:

Eigentlich ein Wunder, daß ich mich beherrschen konnte und mein Blog nicht umbenannt habe, immerhin ist das ein astreines Wortspiel und ich bepisse mich schon bei wesentlich schlechteren. Aber stilhäschen ist als Name schon blöd genug, da muß ich nicht auch noch virtuell eine Titte raushängen lassen und das L verdoppeln.

Ja, ich stille die Rakete, und ja, ich verstehe jetzt viel besser als noch in der Schwangerschaft, warum das nicht jede Mutter tut. „Am Anfang kann das Stillen ein wenig unangenehm sein”, steht in vielen Ratgebern und jetzt mal in echt: wer sowas schreibt, sollte für so einen Satz einmal ganz zärtlich mit der Beißzange ins Zahnfleisch gekniffen werden. Mit Rumdrehen. Damit ihm/ihr wieder einfällt, was unangenehm sein könnte.

„Muttermilch ist das beste für Ihr Kind”, steht auch in jedem Ratgeber und wird mantraartig wiederholt, woimmer ein Säugling auftaucht; und es mag ja sein, daß da Antikörper weitergegeben werden und immer genau die richtigen Nährstoffe. Richtig ist aber auch: für Ersatznahrung darf in Deutschland gar nicht geworben werden und vermutlich taucht nicht zuletzt deswegen dieser Satz immer und immer wieder auf. „Muttermilch ist das beste für Ihr Kind” – das ist so ein herrlich mißbrauchbares Thema für eine Menge Frauen, die (und das ist jetzt natürlich eine infame Unterstellung, aber hey: ich hab’ Hormone!) da erstmals in ihrem Leben so ein klitzekleines Bißchen (haha) Macht spüren. Da werden dann nicht-stillende Mütter vorwurfsvoll beäugt und deren Kinder laut bemitleidet, da wird Stillen bis zur Grundschule propagiert und das Kinderernähren zur Weltanschauung hochstillisiert.
Solche Frauen sind dann auch ganz entsetzt, wenn man fast ein bißchen stolz erzählt, daß die Kleine jetzt langsam die ersten Löffel Gemüse isst. Die Reaktionen reichen von Flehen („Bitte halte doch noch sechs, acht Wochen durch!”) bis zur klaren Ansage „Du willst nicht mehr voll stillen? Das finde ich aber jetzt ganz schön egoistisch von dir, du.”

Ihr habt doch alle einen an der Waffel. Erstens gibt es keine wissenschaftliche Grundlage für die Behauptung, daß sechs Monate Vollstillen besser seien als vier und zweitens ist ein Egoismus, von dem ich bestenfalls in drei, vier Monaten (schlechtestenfalles in acht noch nicht, sollte die Rakete weiterhin stur an diesen Muttermilch-Slogan glauben) etwas habe, mein gutes Recht, finde ich. Seit nunmehr einem Jahr gehört mir mein Körper jetzt nicht mehr alleine, und es nicht nur ein Glas Eimer Bottich Hopfenkaltschale, den ich vermisse. Jetzt habe ich ja noch wirklich Glück, daß der Rakete wahrlich pupsegal ist, ob ich Zwiebeln, Knoblauch, Erdbeeren esse und ja, es ist wirklich saupraktisch, immer alles mit und bereit zu haben – aber trotzdem gehe ich im Stillen beileibe nicht so auf, wie es allerorten von Muttern erwartet wird. Ich weiß einfach nicht, wie das gehen soll: 30, 40 Minuten oder länger ausgesaugt werden, während man nur noch eine Hand hat (die andere ist kurz vorm Abfallen) und Durst wie ein Schmied, aber kein Buch und kein Wasser in Reichweite und Bewegen ist nicht. Wie erträgt man das, wenn Alkohol aus ist, mit Yoga? Zen? Autogenem Training? Und dann kommt jemand ins Zimmer und wagt es, etwas zu sagen, whoooosh dreht sich da ein Köpfchen weit, weit nach hinten. Ohne daß die Kieferchen dabei etwa losließen. Oh ja, das Stillen, ein Quell ewiger Freude und inniger Kuschelei, am liebsten eingefordert, wenn das Essen der Großen fertig ist, dabei würde die Milch ja nun wirklich nicht kalt.

Jedenfalls, und Kinder, ich komm’ endlich zum Schluß: ich freu’ mich drauf, meinen Körper zurückzukriegen. Freudig ins Gesicht begrüßt zu werden und nicht in die Bluse. Selbst wieder warm zu essen. Ohne schlechtes Gewissen mal zwei, drei Stunden alleine wegzugehen.
Länger brauche ich ja gar nicht – das wird der billigste Rausch meines Lebens. Und die zweite Hälfte vom Cocktail lasse ich mir einpacken. Dereinst. Hab’ ich schon gesagt, daß ich’s kaum erwarten kann?


14 Näschen reingesteckt bei “Stille Zeit”

  1. Ich mein, ich kann ja nicht wirklich mitreden, aber schöner habe ich den Wunsch nach etwas kühlem Blonden wohl noch nie verpackt gesehen…
    Prost!

  2. Texas-Jim sagt:

    Also, der Nutzen des Kolostrums ist unbestrittene Tatsache. Innerhalb der ersten vierundzwanzig Stunden. Und bei Rindern. Aber das muß jetzt gar nichts heißen!

    (Tatsächlich: Das Kolostrum enthält jede Menge Antikörper. Schick fürs Kalb. Dessen Aufnahmefähigkeit sinkt allerdings in den ersten vierundzwanzig Stunden extrem ab. Soll heißen: Statt direkt ins Immunsystem kommen die Antikörper in einen der Mägen und werden – zerlegt. Und all das, was das Kolostrum so toll macht, nämlich das Fett, die Nährstoffe, die Antikörper, lässt in der ersten Woche auch schnell nach, und es wird (tata!) „normale” Milch. Hmpf.
    Wir geben übrigens bei Erstlingskühen (Kalbl gennant) stets Kolostrum von älteren Kühen. Weil die schon mehr erlebt haben, und dementsprechend mehr Antikörper und Zeugs. Wo wir das her haben? Entweder ist Kalben ansteckend (kommt mir manchmal so vor) und die Biester machen das dann zweimal täglich (am besten bei Nacht), oder wir holen es aus dem Gefrierschrank. Macht den Antikörpern nicht viel aus. Zähe Biester.
    Soviel auch zur Rinderhaltung.)

  3. stilhäschen sagt:

    Nicht nur blondes fehlt mir, mechatroniker. Schon auch Schnaps, Cocktails und Rotwein. Und ja, ein Schluck geht schon jetzt auch, aber ich hab’ genug von Homöopathie!

    Sehr schöne Ausführung, Jim. Danke! (Und was sagt mir das? Würden unzivilisierte Kälber ab dem zweiten Lebenstag lieber Wasser trinken? Oder Fencheltee? Mir hat ja letztens eine Stillberaterin (!) erklärt, die Menschenbabys würden alle Keime, gegen die sie noch nicht selbst ankommen, beim Stillen an die Mutter übertragen, aufdaß die nächste Portion Milch die dagegen passenden Antikörper liefere. Würde mir die ganze Prozedur nicht sympathischer machen…)

  4. inFemme sagt:

    Die Rakete wird irgendwann das hier lesen, und ihre Mutter zur coolsten Sau unter der Sonne ernennen (auch, wenn sie es vorher sicher schon getan hat).
    Du hast mir mit allem echt aus der Seele gesprochen, und das auch noch so schön und lustig. Diese dogmatische Scheisse nervt. Wir würden denen nie sagen: „Meinst du nicht, dass dein Kind mit 5 eher ne Capri Sonne will als Muttermilch?”, ist ja schließlich deren Ding, aber genau die nerven mit Anschuldigungen und Belehrungen. Mir ist das auch passiert, aber zum Glück war ich zu besoffen, um mich zu ärgern. Abstillen ist dein gutes Recht! Reclaim your Body. Und berichte bittebitte vom ersten Rausch.

  5. Texas-Jim sagt:

    …Das Ãœbertragen auf die Mutter würde aber das Beißen erklären ;-)

  6. schneck08 sagt:

    bei mir wars so: ich hab irgendwann gesagt „he, das ist auch mein busen und nicht nur der vom kirschkern und deiner!”. war zwecklos gewesen. insofern: gut so, frau und herr stilhäschen!

  7. creezy sagt:

    Herrlich! Endlich haut mal eine Mutter raus wie es wirklich ist.

  8. katzenklappe sagt:

    Als werdendes Muttertier, das beabsichtigt zu stillen, sehe ich das Ganze erstmals mit ganz anderen Augen. GANZ anderen.

  9. stilhäschen sagt:

    „Zu besoffen”, infemme, haha! Vielleicht ist das ja die Lösung: immer einen Flachmann mit Hochprozentigem an der Frau, für den Fall der Fälle, zum Instantabregen. Am besten gleich als Nuckelflasche.
    Danke für den Zuspruch!

    Stimmt, schneck, den Möhrchenprinzen gibt’s ja auch noch. Und der freut sich ja, daß er langsam auch mal was gegen Hungerlärm tun kann. Was mich wieder freut. Wir werden echt immer unausstehlicher, diese Scheiß-Gute-Laune den ganzen Tag.

    Wie es sein kann, creezy. Vermutlich nämlich empfinden tatsächlich viele Mütter das alles als das Bilderbuch, als das es ihnen vorgebetet wird. Aber es glauben ja auch viele, die Welt sei eine Kugel…

    Oh, Katzenklappe, wie wunderbar! Meinen Glückwunsch erstmal! Und wegen der Augen: kriegen Sie das Kind erstmal und dann sehen Sie schon, wie das geht mit dem Stillen. Nicht verrückt machen lassen, entweder es klappt oder man überlegt eben, wie lange man kämpfen will. Daß auch Flaschenkinder nicht sofort eingehen, zeigt eine ganze 70er-Jahre-Generation. Ach, ich könnte da noch lange lamentieren…

  10. katzenklappe sagt:

    Danke herzlichst für die Glückwünsche! Meine Zuversicht ist ungebrochen, der Betrachtungswinkel hat sich bloss erweitert. ;)

  11. Christel sagt:

    DANKE!!!
    Meine Kinder sind jetzt fast 3 Jahre alt und wurden nicht gestillt (mal abgesehen von ein paar frustrierenden und von den Säuglingsschwestern belächelten Versuchen im Krankenhaus)… Noch heute verfolgen mich die bitterbösen Kommentare der überzeugten Stillmamis und LaLecheLiga-Vertreterinnen im Schlaf! Ich hab ein regelrechtes „Stilltrauma”, das sach ich Dir! Da hilft es auch nichts, wenn man argumentiert: aber meine Kinder sind gesund, schlau und schlafen seit zweieinhalb Jahren nachts durch.
    Und ich kann zumindest mitreden und Dir beipflichten: ja, es TUT WEH!
    Nochmals: DANKE für diesen Artikel!
    Christel

  12. stilhäschen sagt:

    Bitte, Christel, bitte. Mußte halt mal raus, auch, um mal eine Lanze zu brechen für die paar stillenden Mütter, die nicht ganz so bescheuert sind wie die lauteren.
    Und die Erfahrungsberichte befreundeter Muttis zeigen übrigens auch: Flaschenkinder essen früher und besser. Wir kämpfen hier seit Wochen um jedes Löffelchen.

  13. […] nichts hinzuzufügen. Außer vielleicht: wow, was ich mich auf die öffentliche Diskussion übers Stillen (bzw. was für eine Rabenmutter eine ist, die das nicht tut) freue. Da Frau Schröder wohl kaum ein […]

  14. […] ist mir noch einiges aus der „Stillbeziehung” (allein das Wort schon!) mit der Rakete deutlich in Erinnerung. Aber ja, es ist ganz praktisch. Und ja, ich bin ja eine dieser Rabenmütter, die ab und zu mal […]

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