Blick zurück nach vorn


Ich war wohl um die dreizehn und ich habe es gehasst. Alles war doof uncool und ich mittendrin, die Königin derer, die immer knapp am Dazugehören vorbeischlidderten.
Die Lässigen waren in den Klassen über mir, sie trugen zerfetzte Jeans und Springerstiefel („12-Loch, drunter ist für Babies!”), rote Schnürsenkel und SLIME-T-Shirts. Und sie ließen sich von Mama lieber um die Ecke als vorm Schultor aus dem Mercedes rauslassen. Klar, daß einer von Ihnen der Traum meiner schlaflosen Nächte war – nur wie rankommen? Wie ansprechen?

Schmeicheln geht immer. Laß jemanden den Wissenden rauskehren können und du bist auf dem besten Weg. Ich also nahm all meinen Mut zusammen und fragte ihn, halb ein bißchen aus Kalkül und den Rest aus echter Unwissenheit: „Du-hu, sag mal, was heißt denn eigentlich dieses umkringelte A, das ihr überall hineddingt?”„Na, Anarchie!” – „Und was ist das, bitte?”

Und dann erklärte er mir bereitwillig, wofür er und seine struppigen Freunde so einstehen: „Anarchie ist, wenn jeder alles darf. Wenn es keine Gesetze gibt. Und keine Polizei, die sie durchsetzt.” Soweit klang das ja in meinen Ohren immer noch ganz schön klasse. Und der letzte Satz irritierte mich kaum, denn mal ehrlich: nicht viel wünschte ich mir sehnlicher. „Wenn ich dir und jedem anderen Mädchen einfach an den Arsch greifen kann und niemand kann mir was tun dafür.”

Also begann auch ich irgendwann, meine Jeans zu zerreissen, meine Haare zu verfilzen, aus Prinzip verschiedene Socken zu tragen – was man halt als behütete Jugendliche so macht, um anzuecken. Ich ließ mir von meinem neuen Idol Kassetten mit mäßig witzigem Funpunk überspielen und hütete sie wie Schätze (Kennt jemand noch die Abstürzenden Brieftauben? Mein Beileid.), aber bei alldem war ich gemäßigt as hell, und niemals prangte as eingekringelte A auf meinem abgewrackten Armeerucksack. Ging ja schließlich nicht mehr raus und warum hätte ich eigentlich Mädchen an den Hintern greifen sollen?

Schalala

Daran habe ich mich erinnert, als sich vor ein paar Tagen in meinem Viertel bei einem Straßenfest schwarz und zerrissen gekleidete Jugendliche mitten auf einer (verdammt winzigen) Straßenkreuzung niederliessen, „reclaim the streets” auf den Teer sprühten und sich irre rebellisch vorkamen dabei. Ich erinnerte mich, daß ich auch mal so war und ich ging vorbei, froh, aus dem Alter rauszusein und aus dem permanenten Protest, und vermutlich auch mit einer Art von Mitleid im Blick.

Später brannte dann ein Feuer auf der Straße, Polizei kam, es gellten „fuck the police”-Rufe und es flogen Bierkrüge und ich stand oben am Fenster, und diese Art Mitleid wurde zu einer Art Scham und zur Erkenntnis:
Heute bin ich froh um eine Polizei, die kommt, wenn es zu wild wird und heute würde ich sie sogar selbst rufen. Ich habe die Seiten gewechselt und ich hab’ es nicht gemerkt. Nicht gemerkt, weil es sich richtig anfühlt. Genauso richtig wie vor Urzeiten der mickrige Protest schien war.
Für die da unten bin ich jetzt eine von denen, die ich selbst einmal verachtet habe für ihr angepaßtes Leben, für ihre Langeweile, für ihren kleinen Kosmos. Aber ich fühle mich so gar nicht eintönig dabei, so gar nicht schal, so gar nicht arm.

Ein bißchen Angst macht das schon. Kann ich bitte einfach auf diesem Level stehenbleiben? Oder es wenigstens merken, bevor ich mir fürs Auf-die-Straße-Gucken ein Kissen auf die Fensterbank lege? Das wäre toll. Danke.

[Ach ja: der Arschgrabscher ist heute übrigens verheiratet und wohnt im Villenviertel. Bleiben offensichtlich viele nicht bei den Überzeugungen ihrer Jugend.]


12 Näschen reingesteckt bei “Blick zurück nach vorn”

  1. textorama sagt:

    Die Seiten gewechselt. Ja, das ist mir bei mir auch schon aufgefallen. Wenn die eigenen Bedürfnisse losgelöst von anderen ihr Recht einfordern, wenn die Nachbarn mal wieder Party machen du aber deine Ruhe haben willst. Vor allem aber, wenn du mit deinen Kindern diskutierst warum sie was nicht dürfen und du dich erinnerst, die selben plumpen Argumente benutzt zu haben wie die Blagen. Du stehst nun auf der anderen Seite. Und das ist völlig in Ordnung so.

  2. Eckart sagt:

    Die Brieftauben sind vor Dir angekommen: Als sie an der Seite von Hape Kerkeling im ZDF-Blockbuster ‚Kein Pardon’ mitspielten. Spitzenfilm übrigens!

  3. stilhäschen sagt:

    Tja, texto, der Haken ist nur: wenn Du die Argumente der Blagen plump findest, bist Du fast schon zu weit geschliddert. Geht’s nicht eigentlich um „Ernstnehmen”? Aber wie? Weia, hoffentlich bleibt das kleine Häschen immer zwei.

    Brieftauben, Eckart? Sie sprechen in Rätseln. Immerhin, nach Inhaltsangabe ahne ich die Parallelen zum Film. Gibt’s da auch ’ne Anleitung für den Weg zurück?

  4. textorama sagt:

    Plump im Sinne von einseitig und nur darauf ausgelegt mich weichzukochen. Die Kids sollen lernen vernünftig zu argumentieren und auch zu hinterfragen, aber eben auch sich selbst. Und manchmal muss dem einfach ein blöd autoritär ein Ende bereiten. Ernstnehmen bedeutet für mich auch Die Kinder vor sich selbst zu schützen, sie an Erfahrungen meinerseits teilhaben zu lassen und ihnen klar zumachen, dass es manche davon nicht wiederholt werden müssen.Aber das mach denen mal klar.

  5. MoMiMi sagt:

    Melancholisches Fremdschämen, das Gefühl kenn ich auch.
    Aber es ist schon ok, wenn man nicht mehr allesallesalles scheiße finden muss. Die Hauptsache ist, sich Neugier und kritisches Nachdenken und -fragen zu bewahren. Schlechte Dinge kann man trotz angepasstem Leben und Mikrokosmos schlecht finden und dagegen protestieren.

  6. inFemme sagt:

    sehr schöner text. mir ging es beim schanzenfest hier in hamburg genauso. mit der verantwortung für ein kind ist das alles plötzlich eine andere nummer. wenn ich da am nächsten tag mit dem kinderwagen durch scherben schieben muss, finde ich das auch nur noch halb lustig.
    mein gesetz: jeder hat seine berechtigung, schliesslich haben wir dieses ANTI ja auch wirklich gefühlt. und so lange der sohnemann kein nazi wird und mit absicht menschen verletzt, kann er ruhig mal eine scheibe bei h&m oder so einwerfen (ja, natürlich kriegt er ärger und ja, diese dinge schreibe ich auf, damit er mich später darauf festnageln kann).

    p.s. wolle ist gekauft. ich häkle schnell noch eine kettensägen-spieluhr und dann geht es schon los.

  7. Was ich an dieser ganzen Krawallkinderkacke WIRKLICH nicht verstehe: Warum Gostenhof? Trauen sich diese beschissenen Antifa-Schalala-Kackbratzen nicht nach Erlenstegen, oder was ist da los? Ich schrei ja auch als Erster noch reflexartig „Polizeistaat”, wenn ich in fünf Minuten mehr als zwei Peterwägelchen seh – aber mal ehrlich: Die Saubande hat noch viel zu wenig aufs Maul gekriegt. Die gehören verdroschen, bis sie nicht mehr Meck sagen können. Und dann Besen und Schaufel in die Hand und den Saustall wieder aufräumen.

  8. Okay, das war jetzt vielleicht sehr Springer. Aber wenns doch wahr ist.

  9. stilhäschen sagt:

    Kettensägen-Spieluhr!? Scheiße, was bin ich neidisch. Hey, los, wir machen einen Laden auf! Aber ohne Schaufenster…
    Äh, und löblich, das mit dem Aufschreiben und Festnageln, hoffentlich merkt er sich nur den Unterschied zwischen Konzernen und privatem Eigentum – da hört für mich inzwischen ja schon der Spaß auf. Und Ruhebedürfnis, so spießig das klingt, zähle ich da schon dazu.

    Da hat der Ratze mal wieder meine volle Unterstützung: warum nicht Villenviertel?
    Haha, weil da keine Werber wohnen! Ach, „Gentrification” haben die Vorstadtgymnasiasten noch gar nicht im Wortschatz hier in der Provinz?
    Na, dann nehmen wir halt als Grund: in Erlenstegen finden sich keine vorzeigetoleranten Tanten, die die komplette Action erstmal sorum in die Zeitung bringen (erst durch Leserbriefe wurde mal die andere Seite – Scherben, Lärm, Aggression durch Fashionpunks, zerstörte Autos, fliegende Pflastersteine… – gedruckt).
    Was könnt’ ich mich aufregen…

  10. creezy sagt:

    Hören Sie auf! Ich unterhielt mich neulich mit einer Freundin über diese „jungen Menschen“ die gerade vom Friedrichshain (Parkanlage i. Berlin), den sie in Schutt und Asche gefeiert haben rüber machen in die Hasenheide (Parkanlage in Berlin und Naherholungstätte für den Neuköllner), wo man sich seit neuerem (es fing mit einem Samstag Abend im Monat im letzten Jahr) fast jeden Abend Goa-beschallen lassen muss – und zwar von mehren Wiesen gleichzeitig.

    Jetzt habe ich weniger gegen Goa als gegen ein ich zwinge dir mein Goa auf in voller Lautstärke und meinen Dreck lasse ich auch schön in einer grünen Heide liegen. Also sprachen die Freundin und ich darüber, waren genervt, unterhielten uns über viel Bekannte, die auch genervt sind und plötzlich fielen Worte wie „müsste man mal das Ordnungsamt anschreiben.“

    Danach war Stille. Peinliche. Betretene.
    Danach erklärten wir uns, ob wir nun wirklich schon so alt und miesepetrig geworden sein?
    Das ist irgendwie alles nicht lustig, dieses Älter werden. Man bekommt die Seiten an sich vorgeführt, gegen die man einen Teil seines Leben gekämpft hat.

    Und ich schreibe nicht dem Ordnungsamt. So!

  11. stilhäschen sagt:

    Hmm, creezy – warum nicht? Weil Toleranz so ein hoher Wert ist? Und warum toleriert der Hippiehaufen dann nicht Dein Ruhebedürfnis?
    Gesellschaftliches Zusammenleben beruht auf Rücksicht; wenn das jemand nicht rafft, muß man ihn darauf hinweisen. Da wäre man selbst natürlich erstmal die gutmenschig bessere Wahl als das Ordnungsamt, aber wer läßt sich schon gerne anpöbeln? ach, da wären wir wieder…

  12. Sowas von Nötig sagt:

    Der Gewinn der Erkenntnis „Früher war ich auch mal so” schafft eine persönliche Freiheit vor sich selbst ohne gleichen. Er schafft Zufriedenheit.

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