8 | 2016

Wendetasche Hildegard

7.8.2016

Meine Oma wurde 1919 geboren und mit 15 Jahren in eine Schneiderlehre geschickt. Im Krieg hat sie geheiratet und dann 5 Kinder bekommen und großgezogen. Die wenigsten Klamotten wurden gekauft. Sie saß noch mit 90 Jahren an ihrer alten Singer-Nähmaschine und nähte mit Fußantrieb Puppenkleidchen und Kissen. Eines davon halte ich trotz schlechter Stoffqualität sehr in Ehren: man sieht noch die Kugelschreiberstriche, wo sie mit den Herdflächendeckeln Kreise zum Ausschneiden markierte. Sie selbst sah die Markierungen leider nicht mehr gut genug, um sie beim Nähen verschwinden zu lassen…

Eines Tages kam ich spontan wegen eines Staus auf der Autobahn mit einer fremden jungen Frau bei ihr vorbei. Wir waren beide wohl Anfang Zwanzig, ich hatte sie mit der Mitfahrzentrale mitgenommen und ein Stau in Höhe des Wohnorts meiner Oma machte einen Zwischenstop erforderlich. Meine Oma tischte Kuchen und Kaffee auf und die andere Studentin wollte höflich sein, suchte ein Gesprächsthema und machte meiner Oma ein Kompliment für die aussergewöhnliche Einkaufstasche, die an einem Stuhl hing.

Jetzt blühte meine Oma auf: die Über-80jährige nahm die kastige Tasche aus schwarzem Cord, aus deren inneren es knallbunt blitzte, und schmetterte in breitestem Unterfränkisch eine kabarettreife Geschichte aus dem Kittelschürzenärmel.

Hochdeutsch ging die ungefähr so: „Ach Mädels, Ihr seid ja noch jung. Aber kommt Ihr erstmal in mein Alter! Da sieht die Welt ganz anders aus. In meinem Alter muss man ja fast täglich auf den Friedhof, alle sterben sie weg, die man kannte, da muss ich natürlich zur Beerdigung. Und wenn man wie ich so weit zum Friedhof hat, dann überlegt man schon zweimal, ob man extra dafür in den Ort geht oder das nicht gleich mit dem Einkauf verbindet. Und manchmal muss ich sogar auf zwei Beerdigungen am Tag! Da geh ich dazwischen einfach zur Bärbel und nehm’ die Wurst dann auf dem Rückweg mit.
Aber natürlich kann ich nicht mit einer bunten Einkaufstasche auf den Friedhof, wie sieht das denn aus! Deswegen hab ich mir die Tasche hier genäht, die ist bunt”, geschickt wendet sie die Tasche und auf einmal ist es ein Pariser Rüschenmodell mit wildestem Blumenmuster, „damit kann ich gut einkaufen gehen. Und vorm Friedhof ist eine Bank, da setz’ ich mich vor und nach der Beerdigung hin und packe aus, wende und packe wieder ein. Weil mit einer schwarzen Einkaufstasche – da seh’ ich ja aus wie eine alte Frau.”
Wir waren beide fast sprachlos vor Begeisterung. Was für eine großartige Geschichte zu einer wunderbaren Idee! Meine Oma hatte, weil sie zu eitel für eine schwarze und zu pietätvoll für eine bunte war, die Wendetasche erfunden!

Ich denke oft an diesen Nachmittag zurück, wenn ich abends an meiner Nähmaschine sitze und Entspannung finde im Stoffgefummel.
Ich habe in den letzten Jahren soviele Stoffe gesammelt, die müssen wieder unter die Leute. Selbst habe ich mittlerweile genügend Taschen für alle Gelegenheiten und auch die Bekannten sind versorgt. Jetzt will ich doch einmal sehen, ob noch wer welche haben möchte.

Schnitt, Muster und Farben haben kaum etwas mit der Tasche meiner Oma gemeinsam. Aber wenden kann man sie. Und deswegen heißt meine Tasche Hildegard. Da passen locker ein paar Flaschen Sekt rein. Auf Dich, Omi!


Total normal. Oder?

4.8.2016

Ich hatte es schon mehrfach erwähnt: wir wohnen nicht in einem Einfamilienhaus im Speckgürtel, wir wohnen zentrumsnah in einem Viertel, das als Multikulti gilt, als Künstler- und neuerdings auch Hipster-Stadtteil. Das linke Stadtteilzentrum spricht seit Jahren von Gentrifizierung, tatsächlich wuchsen in den letzten Jahren ein paar überteuerte Edelstadthäuser aus dem siffigen Boden.
Der Rest aber sieht aus wie Berlin-Mitte in den Neunzigern: Altbauten, Graffittis, Eckkneipen, internationale Spezialitäten und Szeneläden. Wir leben hier schon länger als der aktuelle Boom und wir leben hier gerne. Wir leben in der Wohnung, in der vorher des Möhrchenprinzen Oma ihr Leben verbrachte. Und bisher hatten wir keinen Zweifel, daß wir hier hergehören. Bisher.

Bisher dachte ich auch, wir wären total normal. Durchschnitt. Mama, Papa, zwei Kinder. Wunschkinder. Zwei Jobs, das Geld reicht fürs Leben und zwei, drei Wochen Urlaub (Autofahrt, einfache Ferienwohnung) im Jahr. Der Kinderkram ist meist Secondhand. Was wir wirklich brauchen, können wir auch finanzieren, aber z.B. ein Mittelklasseneuwagen oder sechs Wochen Thailand (was halt so für andere normal ist…) wären nicht so ohne weiteres drin.
Mit unseren Kindern gehen wir raus (Spielplatz, fahrrad-, rollschulfahren…) oder basteln und spielen mit Ihnen (wenn sie sich nicht gerade alleine beschäftigen). Ab und zu gibt’s Sandmännchen oder Die Sendung mit der Maus im Fernsehen. Wir beantworten Fragen, erklären die Welt, lesen Bücher vor und jeden Abend eine Gute-Nacht-Geschichte.
Ich finde, so sollte NORMAL sein. Nicht weil alle sein sollten wie wir, sondern weil ich fest daran glaube, daß Kinder so die beste Möglichkeit haben, zu denkenden und fühlenden Menschen zu werden. Zu einem tragenden Teil der Gesellschaft.

Mindestens unsere finanzielle Situation ist in unserem Stadtteil leider nicht normal. Und das Verständnis von Erziehung offensichtlich auch nicht… (erschwerend kommt hinzu, daß dann auch noch viele Kinder nicht ausreichend Deutsch können – trotz umfassender Sprachförderung in den örtlichen Kindergärten. Offensichtlich werden diese häufig nicht einmal regelmässig besucht, wie die Erfahrungen der Grundschullehrerinnen belegen…)

Das wurde mir im letzten Jahr – Raketes erstem Grundschuljahr – schmerzhaft klar: Wir sind nicht normal. Wir sind nicht Durchschnitt. Wir sind Aussenseiter. Und damit komme ich nicht recht klar.

(Klar gibt es in unserem Umfeld auch Familien, die so ticken wie wir, die ähnliche Werte haben. Das wissen wir. Einige davon kennen wir ja. Ich nenne diese Familien jetzt einfach mal Fww (Familien wie wir). Die haben z.T. auch „Migrationshintergrund”, sprechen aber (auch) deutsch. Aber die meisten davon kennen wir aus dem Kindergarten, der da sehr homogen zusammengesetzt ist. In der Schule gehen die zahlenmässig unter.)

Rakete geht nach der Schule in einen Hort, in dem von 50 Kindern bisher 3 aus „Familien wie uns” kommen. Sie fühlt sich wohl dort, ich habe ein gutes Gefühl bei dem dort arbeitenden Team, manche Kinder sind in meinen Augen krass (aggressiv, laut, unsozial), aber was sollen wir da tun? Die Alternative ist einen Job aufgeben… solange Rakete dort also gerne hingeht, lassen wir alles wie es ist (und denken, wir können sie ja eh nicht ewig beschützen vor der Welt).

Und dann kommt so ein Gespräch beim Abendessen:

Risiko: „Wir sind im Kindergarten eine echte Wehtu-Gruppe. Dauernd tut sich einer weh.”
Rakete: „Nee, der Hort ist eine echte Wehtu-Gruppe. Da tun sich alle gegenseitig weh.”
Ich: „Dir auch?”
Rakete: „Nee, nur die Jungs. Halt, stimmt nicht, auch Mädchen hauen. Aber ich mach da nicht mit. Aber stell Dir vor, wenn ich so mache”, sie hebt die Hand, „dann rennen manche gleich weg! Obwohl ich ja gar nicht schlagen will, sondern zum Beispiel so…” Sie macht mit dem Arm eine Windmühle. Ihr Blick ist ratlos. Sie versteht das nicht.
Ich versuche zu erklären: „Weißt Du, vielleicht gibt es Kinder in Deinem Hort, für die ist eine erhobene Hand das Zeichen, daß sie gleich geschlagen werden. Es gibt nämlich zum Beispiel auch Eltern, die ihre Kinder schlagen…” Ich fürchte, Sie zu erschrecken. Kann sie sich das vorstellen?
Ich erwarte Unglauben, aber vollkommen cool antwortet sie: „Weiß ich. Zum Beispiel die Mama von der Shayleen aus der dritten Klasse. Da hat die Shayleen mal einen Fünfer gehabt, da haben die im Hort ihren Papa angerufen, daß der sie abholt, damit die Mama sie nicht wieder haut.”

Ich bin schockierter als ich sie erwartet hatte. Wenn das für Rakete schon normal ist, was bekommt sie sonst so mit? Und redet sie mit uns darüber deswegen nicht, weil es für sie eben normal ist? Da isses wieder, das Wort: NORMAL.

„Rakete, das finde ich aber ganz schön schlimm! Du weißt, daß Shayleens Mama das nicht darf, oder? Und daß wir das nie machen werden!”

Sie nickt. „Dafür haben wir halt keine Playstation.”

Und ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll.


%d Bloggern gefällt das: