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Integration am Arsch – so sieht die Schulsituation im Vorzeigemultikultiviertel aus

11.4.2016

Ich habe unsere Kanzlerin nicht gewählt, aber in den letzten Monaten war ich trotzdem stolz auf sie, auf Ihre Menschlichkeit, auf diesen Optimismus: „Wir schaffen das!”
Allein, ich kann es nicht recht glauben. Denn Integration im eigentlichen Wortsinne (nämlich Aufnehmen statt Mitnehmen, Miteinander statt Nebeneinander) haben wir bislang schon kaum geschafft – das sehe ich täglich in meiner Umgebung.

Wir wohnen in einem sogenannten „Multikulti”-Viertel – die Statistik zeigt (2010) etwa 40% Ausländer und 20% Deutsche mit Migrationshintergrund. Bleiben 40% Deutsche, zu denen wir zählen. Ach, sagen wir einfach einmal, um von dieser leidigen Nationalitätsdebatte wegzukommen: deutsche Muttersprachler. Denn wenn man sich von beliebigen „Deutschen” mal die Stammbäume ansähe: irgendein Migrationshintergrund ist da immer irgendwo. Bei Muttersprachlern halt nur mindestens zwei Generationen zurück.

In der ersten Klasse unserer Tochter sieht das Verhältnis allerdings dramatisch anders aus: hier sind von 22 Kindern 5 ohne direkten Migrationshintergrund. Und ganze 3 (von den Eltern aus den Elternabenden zu schließen – es waren nicht alle da) aus „Familien wie uns”, so nenne ich jetzt einfach mal Familien, die ähnlich ticken wie wir, was Erziehung/Bildung/Freizeitgestaltung/Lebensweise/Werte angeht – das heisst noch nicht, daß wir befreundet sein müssten (und auch nicht, daß „Familien wie wir” keinen Migrationshintergrund haben müssen). Ungefähr die Hälfte der bei den Elternabenden anwesenden Eltern konnte nicht gut genug Deutsch, um der Lehrerin zu folgen. Es gab durchaus mehrere Elternabende – wenn Eltern zu keinem kommen, bedeutet das m.E. schon ein gewisses Desinteresse.
Im Laufe des Schuljahres kam noch ein Flüchtlingskind komplett ohne Deutschkenntnisse dazu. „Willkommensklassen” für erste Sprachintegration sind überfüllt, jetzt wird direkt integriert, was das Kraut auch nicht mehr fett macht die Gesamtituation wohl tatsächlich nur minimal verändert. Vermutlich hat das in Raketes Klasse sogar ein Steinchen ins Rollen gebracht, da ausgerechnet der schlimmste Rowdy der einzige ist, der Arabisch kann und damit das Helfen lernt. (Ich weiß, es ist schwer zu folgen, wenn ich dauernd einschiebe, aber: ich weiß von einer Grundschule im Villenviertel, welche Aufregung es gab, als drei Flüchtlingskinder – für die gesamte Grundschule – zugeteilt wurden! Im Speckgürtel Nürnbergs protestiert der komplette CSU-Ortsverband mit dem halben Vorort gegen eine zu eröffnende 40-Mann-Flüchtlingsunterkunft – während in Multikultivierteln wie der Südstadt und Gostenhof hunderte untergebracht werden ohne vorhergehende Anwohnerinformationen – denn auch hier gilt wohl: die kennen das, die können das, und wir hier oben bleiben schön unter uns. )

Im Hort sieht die Quote noch schlimmer aus – hier sind von 50 Kindern meines Wissens 3 muttersprachlich deutsche Kinder*. Ich kenne nicht alle, also verdoppeln wir mal großzügig auf 6. Das ist lächerlich wenig! Die ErzieherInnen machen einen Superjob, ich habe großen Respekt vor ihrer Leistung. Die Kinder sprechen weitestgehend fließend deutsch (wenn auch z.T. in einem Tonfall, den ich meiner Tochter gerne vorenthalten hätte. Kein Grinsesmiley.), auch wenn ihre Eltern das nicht tun. Im Hort lernen sie die Regeln sozialen Umgangs und eine Menge mehr. Zum Beispiel ist die deutschsprachige Hausaufgabenbetreuung Gold wert, wenn ich einer afrikanischstämmigen Mutter glauben darf, die mir in astreinem Deutsch erklärte, sie könne ihrem Sohn da nicht helfen, ihr Deutsch sei zu schlecht. Ich bin mir sicher, ich darf ihr glauben – ohne Hort hätten diese Kinder noch eine Chance weniger.
Unlängst war Rakete bei einer Hortfreundin zum Geburtstag eingeladen. Als einzige Deutsche unter 15 Kindern. Die Mutter des Geburtstagskindes konnte kein Deutsch. Das Geburtstagskind kümmerte sich zwar um Rakete, aber ich musste danach noch viel Überzeugungsarbeit leisten, damit sie je wieder auf eine Party geht… Hätte ich das vorher gewusst – hätte ich sie auch hingeschickt? Ich bin mir nicht sicher. Immerhin hätte ich ihr nicht nahegelegt, lieber gleich zuhause zu bleiben…
Auf einem Elternabend klagte mir eine italienische Mutter ihr Leid: die Lehrerin hätte ihr empfohlen, ihre Tochter solle doch, um die Sprache zu verbessern, auch mit deutschen Kindern spielen. Ihre Antwort: „Aber wir kennen keine!”

Ist das Integration? Wohl kaum. Das ist Ghettoisierung, ob gewollt oder zufällig.

An einen Zufall allerdings glaube ich nicht. Ich sehe doch die Familien wie uns auf der Straße, auf dem Spielplatz, im Bioladen. Wir sind hier nicht so allein wie in der Grundschule. Woran also liegt’s?

Meine persönliche Meinung: Öffentliche Schulen sind für „Familien wie uns” unattraktiv. Wer es kann/schafft/sich leisten kann, versucht seine Kinder auf eine private Schule zu schicken (z.B. Montessori/Waldorf/Jenaplan/kirchlich). (Zugegeben: den Versuch haben wir auch gemacht. Ich hab’s halt versaut. Ja, für mich ist das eine persönliche Niederlage. Ob es für meine Tochter tatsächlich ein Nachteil sein wird, müssen wir beobachten. Im Moment sehe ich die Sache leider eher düster.)
Und dafür gibt’s z.B. folgende Gründe:

1. Die Bildungsqualität. Da hat man in der Privatschule mehr Einfluß, mehr Transparenz, mehr Sicherheit.

2. Möglicherweise spielt auch für die ein oder andere Familie auch eine Rolle: die Abwesenheit (oder wenigstens deutlich reduzierte Anwesenheit) von sozial schwachen, bildungsfernen, migrationsbehafteten Schichten. Klingt hart? Ist aber so. Privatschulen können schön mit integrativen Konzepten voller Toleranz, Rücksicht und Miteinander werben – tolerant innerhalb der weißen, gutsituierten Mittel- und Oberschicht. Da dürfen dann auch ruhig ein paar Behinderte körperlich herausgeforderte dabei sein. („Wir schaffen das”, sagen die da oben und sind stolz auf ihre Streitschlichter-AG, während sie ausblenden, dass die Integration der Migranten eine Handvoll Deutsche versucht zu stemmen. Hallo Polemik, Du hast mir noch gefehlt.)

3. Die öffentliche Hortsituation ist desaströs. Im Februar ist Hortanmeldung, die wenigsten „Familien wie wir”, die wir kennen, hatten vor Juli eine Hortzusage. Wenn überhaupt! Da ist eine Privatschule mit integrierter Mittagsbetreuung einfach die sicherere Bank, wenn man nicht ab September seinen Job aufgeben will.
Die Stadt Nürnberg regelt bei der Hortanmeldung mittels eines Punktesystems die Reihenfolge der Platzvergabe: es gibt je einen Punkt für Wohnen im Sprengel, Erstklässler, beide Eltern arbeiten. Und z.B.: Ergotherapie nötig, Logopädie nötig, Sprachförderung deutsch nötig, Migrationshintergrund (hier ist es egal, ob der Elternteil mit Migrationshintergrund perfekt deutsch spricht), schwierige Familienverhältnisse, soziale/finanzielle Benachteiligung, soziale Auffälligkeiten…
Das bedeutet: ein Kind mit Migrationshintergrund, das bestenfalls im Kindergarten ein wenig deutsch gelernt hat (für die städtischen Kindergärten gilt ein ähnliches Vergabesystem, d.h. bereits hier sind die Quoten der deutschen Muttersprachler im einstelligen Prozentbereich!), im Sprengel wohnend und in die erste Klasse kommend, bekommt einen Hortplatz, während Familien wie uns ein Pünktchen fehlt.
(* Die 3 Kinder ohne Migrationshintergrund in Raketes Hort sind nur mit Glück, Nachdruck und Hartnäckigkeit hineingerutscht…)
Das wäre m.E. dann in Ordnung und gerecht, wenn es für die anderen Kinder ebenfalls eine Betreuung gäbe, aber so ist es eben nicht. So bleiben derzeit in diesem Teil Gostenhofs die Kinder mit Migrationshintergrund und sozialen Benachteiligungen unter sich – und die Eltern der anderen suchen eine andere Lösung, kündigen einen Job oder ziehen weg.
Ich halte die Arbeit, die in den Horten geleistet wird, für immens wichtig – hier werden den Kindern Werte vermittelt und Freizeitmöglichkeiten angeboten, die sie zuhause nicht haben. Hier wird ein Samenkorn gelegt, das es Kindern ermöglichen kann, aus der Parallelgesellschaft zuhause auszubrechen.
Aber es müsste einfach genügend Plätze geben, um allen Kindern die Möglichkeit zu geben, gemeinsam zu lernen und zu leben! Hier komme ich auf die italienische Mamma zurück: von wem könnten Kinder besser deutsch lernen als von ihren Spielkameraden? Hier im Hort werden Ghettos geschaffen. Jedenfalls in unserer Grundschule bestimmt die Hortaufteilung auch die Klassenverteilung. Im Nachbarsprengel gibt es mehr Horte und die Verteilung ist weitaus gesünder, obwohl sich der Stadtteil gesamt nicht unterscheidet.

Drei Gründe. Ich könnte noch mehr finden.
Der letzte ist politisch und möglicherweise gewollt. Die ersten beiden sind gesellschaftlich.

ÄNDERN MÜSSEN WIR ALLE!

Jede Familie, die sich für eine private Lösung entscheidet, verschlimmert die Situation an der Regelschule. Das halte ich gesamtgesellschaftlich nicht nur für ungesund – sondern eigentlich für höchst asozial.

Ich wünschte ich hätte eine Lösung. Ich wünschte, ich könnte Frau Merkel und den Rest der Republik erreichen (im Sinne von „sie kapieren lassen”), wenn ich sage: Klar schaffen wir das – aber nur ZUSAMMEN!

So lange aber halte ich mich an den Worten einer anderen „Mutter wie mir” fest, die mir letztens begeistert erzählte, sie halte die Einschulung an der Sprengelschule trotz aller kulturellen wie sozialen Herausforderungen für die einzig richtige: „Da lernt mein Sohn das echte Leben. Er sieht, wie es in anderen Familien zugeht, was andere für Probleme haben. Und zuhause zeigen wir ihm, wie er damit umgehen kann. Wir stärken ihm das Rückgrat, das er da draussen eh braucht.”
Schule und Hort sind nur Teile des Alltags unserer Tochter. Den Hauptteil leisten wir.
Ich muss es einfach schaffen, mir über die anderen beiden weniger Sorgen zu machen. Ich muss, ich muss, ich muss.

Tschakka, ich schaffe das! Und den Rest, zusammen schaffen wir ihn auch.

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weitere Artikel zum Thema:
Gedanken zur Einschulung, Teil 1 und 2
Zweiklassen-Bildung


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