Archiv vom 18.11.2015

so knapp

18.11.2015

Ich fahre die Strecke beinahe täglich. Ich kenne die Ampelschaltung; ich kenne die Abbiegespuren; Gas, Kupplung und Lenkrad bediene ich wie im Schlaf.
Es ist eine stinknormale Rechtskurve mitten in der Stadt, in der Kurve ein Fußgängerüberweg mit Ampel, das Abbiegen geht zweispurig.
Gestern regnete es stark, ich fuhr in der Dämmerung nachhause, mein Tempo war des Regens wegen ein wenig niedriger als sonst in dieser Kurve. Ich fuhr rechts an wartenden Geradeausfahrern vorbei auf der linken Abbiegespur und war gerade in der Kurve, als ich auf einmal das schockierte Gesicht eines Radfahrers ganz rechts in der Frontscheibe sah. Gleichzeitig hörte ich dessen Bremsen quietschen. Ich trat sofort in die Eisen. Gleichzeitig sah ich links von mir an der Ampel wartende Fußgänger. Ich sah auch, daß der Radler noch bremsen konnte, ich wäre erst weit nach dem Überweg zum Stehen gekommen, hätte ich nicht im Rückspiegel gesehen, daß er weiterfuhr. Ich drosch wütend auf die Hupe und fuhr ebenfalls weiter, mit schockgestopptem Herzrasen und gleichzeitig schon erleichtert wie selten.
Die Verkehrssituation liess es nicht zu, zu wenden und ihm zu folgen (getrennte Fahrbahnen, Feierabendverkehr und Ampelstau auf der Gegenspur). Nicht einmal anhalten kann man dort, und was hätte es gebracht, den jungen Kerl zu schütteln? Ich hoffe nur, ihm klopfte das Herz mindestens ebenso und es war ihm eine Lehre.

Ich gehe die Situation seit gestern wieder und wieder durch. Ich bin mir sicher, daß ich grün hatte, ich habe die Ampel gesehen und die Autos, die mit mir im Strom schwammen, ich habe den Schreck in den Augen der wartenden Fußgänger gesehen. Der Radfahrer fuhr bei rot und rechnete nicht mit der zweiten Abbiegespur, und ich mache mir Vorwürfe, ihn nicht gesehen zu haben. Es war so knapp: eine Zehntelsekunde später hätte ich ihn erwischt, eine halbe Sekunde später frontal. Dasselbe wäre passiert, hätte er mich nicht im letzten Moment bemerkt. Wäre er noch vor mir hinübergekommen, ich hätte bei meiner Vollbremsung in die wartenden Fußgänger rutschen können.
Er hätte tot sein können. Und ich schuld daran. Vielleicht nicht im juristischen Sinn, aber was würde das noch für einen Unterschied machen?
Dieses Leben ist immer so knapp an der Katastrophe, wären wir uns dessen immer bewusst, man würde verrückt.

Man kann geradezu froh sein, nur einen winzigen Teil der verfügbaren Informationen zu erhalten. Alles andere würde uns mehr als nur verunsichern.


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