12 | 2013

Elternurlaub – ein Plädoyer

11.12.2013

Und ich will essen
und ich will nicht mehr „möchte” sagen.
Ja ich will rauchen und neben dir laufen,
ohne ein Kind zu tragen.
Ich weiß, dass ich bleich bin
und dass du nichts mehr riechst.
Und was ich schön an dir fand,
find ich jetzt ziemlich häßlich.
Du lächelst nie.

Moritz Krämer: Für die Kinder (Ein Song aus der Perspektive eines Noch-nicht-Vaters, der sich vorstellt, was ihm mit dem Kinderkriegen/Kinderhaben blüht)

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Der letzte Beitrag ließ es ahnen: eine Auszeit aus dem Elternsein kann echt nötig sein. Und heißa, ich sage Euch: sie ist auch möglich! Zum scheißverfickten Glück, alte Axt noch eins. Verzeihen Sie den Ton, aber Fluchen unterstreicht schöner als Blinkebuchstaben.

„Alles was Sie brauchen: eine Oma und zwei E-Tickets. Der Ausbruch ist möglich!” habe ich geschrieben und ja, ich bin mir des Luxus’ bewusst, den wir da haben: die Oma, die bereitwillig Buggy bei Fuß steht und die Kinder für vier Tage (immerhin: zwei davon tagsüber mit Kindergarten) bespaßt. Die Familienkasse, die diesen Ausbruch erlaubte. Und den Möhrchenprinzen, der das alles organisiert und gebucht und mich damit mal kurz überrascht hat. Wir haben’s gut und ich weiß das. Ich weiß auch: Wegfahren ist kein Patentrezept bei Zahnfleischbluten. Das war für genau uns genau jetzt genau das Richtige. Für alle anderen gilt Anderes. Und ich weiß auch noch: klar wollten wir diese Kinder und unser Leben so und würden natürlich auch nicht tauschen wollen – aber wir wollen auch: mal wieder wir sein. Und mal wieder durchschlafen. Und mal wieder etwas Neues sehen jenseits von abseitigen Kinderstuhlfarben (ich meine nicht die Möbel!) oder dem dreihundertachtundneunzigsten Pixibuch.

Frei sein wie ein Vogel und diese ganzen Bilder...

Und so brachten wir eines Donnerstags im November die Kinder in den Kindergarten, gingen wieder nachhause, warfen ein paar Klamotten in einen großen Rucksack und fuhren mit der U-Bahn (zugegeben: mit Umweg über zwei Flughäfen) nach Istanbul. Eine andere Welt in nur drei Stunden Flugzeit. Manchmal braucht man einfach die Erinnerung daran, daß es noch soviel anderes auf der Erde gibt als… Sie wissen schon: Stuhlfarben und Bilderbücher. Waschladungen und Kinderturnen. Frühstück und Abendessen. Lego und Playmobil.

Andere Eltern hatten uns zu diesem Kurzausbruch vorher schon gratuliert und prophezeit: „Am ersten Tag wollt Ihr noch halbstündlich anrufen, ob zuhause alles okay ist. Am zweiten Tag kommt Ihr auf den Geschmack. Drei Telefonate früh, mittags, abends, würden reichen. Irgendwas fehlt dazwischen immernoch. Der dritte Tag ist wie früher ohne Kinder: nur Ihr beide. Aber am vierten, spätestens abends, bricht Euch das Herz, wenn Ihr die Blagen nicht sofort wieder sehen könnt.”
Das kann ich so nicht unterschreiben. Im Gegenteil, ich war erstaunt bis schockiert, wie schnell wir uns beide in unserem alten Leben gefunden haben: sich treiben lassen durch den Tag, ohne die permanente Angst, irgendetwas wichtiges vergessen zu haben (Windeln, Fläschchen, Gummibärchen. Mütze, Schal, Handschuhe. Schnuller, Feuchttücher, Taschentücher, Ersatzklamotten. Ach Scheiße, wo steht eigentlich der Buggy? Und hatten wir nicht noch vorhin noch ein quengelndes Kind dabei? Verdammte Axt, waren das nicht sogar zwei?!) – das geht. Aber sowas von! Irgendwo irgendwas aus der Hand essen, wenn einem SELBST danach ist: das geht ja! Irgendwo einen Kaffee trinken ohne nocheinmal dasselbe auszugeben für zwei Gläser, die voll wieder zurückgehen (oder kaputt und noch teurer): das geht ja! Sich in Ruhe irgendetwas ansehen, ohne permanent die Umgebung abzuscannen nach Toiletten, Wickelmöglichkeiten, Getränkeständen: das geht ja!
Wir waren sehr schnell wieder in dem Leben, in dem wir vor den Kindern waren. Es ging um den Moment und endlich mal wieder UM UNS. Wir gingen Hand in Hand in eigentlich unfassbarem Tempo (mehrere Kilometer! pro Stunde!) durch eine fremde Stadt und kümmerten uns nur unsere eigenen Bedürfnisse. Fast waren wir keine Eltern. Wahnsinn.

Aber die Momente, die uns bewiesen, daß wir keine Zeitreise gemacht hatten, die kamen. Unverhofft und erschreckend deutlich.

Wir sind erschlagen von der Hagia Sophia: so groß, so viel Geschichte, so viel Kultur. hagia sophia
Und vor dem berühmten Mosaik der Mutter Gottes fällt mir als allererstes ein:
hagia_sophia_mosaik_500
Um Himmels Willen! Die trägt nicht wirklich das Kind mit dem Gesicht nach vorne! MEIN GOTT!

Ich bin jetzt also Mutter und denke auch wie eine. Erschütternd.

Eine andere Situation, die ich vor fünf Jahren noch ganz anders wahrgenommen hätte: bettelnde Kinder auf der Straße. Wenn abends die Geschäfte schlossen, wuchsen aus den Gehwegen die Decken der Strickomas und der Straßenhändler, auf einmal saßen überall Frauen mit schlafenden Kleinkindern auf dem Schoß und einer leeren Schale vor sich. Und einzelne Kinder im Vor- oder Grundschulalter, die Melodika spielten oder Taschentuchpackungen anboten oder sich an eine Hauswand kauerten und traurig schauten. Wir haben mehrfach beobachtet, daß die Kinder untereinander ganz fröhlich waren, miteinander scherzten und die Plätze tauschten – um alleine wieder den traurigen Blick nach oben aufzusetzen. Diese Beobachtung macht die Sache für mich nicht einfacher – denn seit ich Mutter bin, berührt mich ein bettelndes Kind noch viel mehr als vorher. Die Vorstellung, meine Kinder müssten betteln gehen, ich würde meine Kinder zum Betteln schicken, macht mir Gänsehaut. Und mich unheimlich dankbar, daß ich mir darüber eigentlich gar keine Gedanken machen muß (Gedanken mache ich mir aber darüber, ob ich nicht gerade dadurch, daß ich mich berühren lasse und Geld gebe, das System am Laufen halte. Teufelskreis.). Mein Souvenir ist Demut.

Und dann war da noch der letzte Abend in der Stadt. Der letzte Abend ohne Kinder. Der letzte Abend ohne Winterjacke. Wie die Abende zuvor liessen wir uns durch die Stadt spülen, aßen, liefen, tranken, gingen weiter, saugten auf und kurz vorm Hotel wurde uns ein weiteres Mal unfaßbar klar, wie sehr sich unser Leben in den letzten Jahren verändert hatte: Früher wären wir noch einmal umgedreht, hätten noch drei Lokale unsicher gemacht und gerufen „Schlafen können wir auch zuhause!”. Diesmal legten wir uns brav aufs Ohr und genossen es, die paar Stunden wenigstens durchzuschlafen.

am meer
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PS: Die Kinder fanden’s auch toll. Vier Tage bei Oma und Opa! Und auch Oma und Opa haben sich gefreut. Klassische Win-Win-Win-Situation.

PPS: Heimkommen ist schon auch sehr schön. Vielleicht sogar schöner als früher.

PPPS: Wenn’s denn ein Fazit sein soll: Vielleicht ist Istanbul gar nicht so sehr verschieden von unserem deutschen Alltag wie es uns vorkam (Größe, Lärm, Leben…). Vielleicht reicht schon der fehlende Kleinanhang, um eine Reise „allein” zum unglaublichen Erlebnis zu machen.
In diesem Sinne: Liebe Eltern, nehmt Euch mal einen Babysitter und fahrt mit den Öffentlichen in die Nachbarstadt, wenn möglich über Nacht. Ohne Kinder ist alles eine neue Welt!


Elternurlaub Prolog: EinBlick in meinen Alltag

2.12.2013

Bisweilen gehe ich am Zahnfleisch, so als Mutter. Und dabei hab’ ich nur zwei Kinder! Mein aufrichtiger Respekt geht an alle, die gelassen mehr wuppen. Meine Nerven sind halt oft schon morgens um acht am Ende, wenn (nach Wecken, Wiederwecken, Wiederwiederwecken, Zum-Klo/Wickeltisch-Zerren, Anziehen, Frühstücken, Bitte-endlich-Zähneputzen und so weiter, andere Eltern wissen gefälligst, was zu dieser Zeit bereits alles geschafft ist) die geschlossene Tür am Kindergarten droht. Dort ist nämlich um 8 Uhr 15 Zapfenstreich, und der Weg dorthin dauert je nach Baustellendichte und Müllabfuhrmenge (zu Fuß wohlgemerkt; ich fürchte nicht Stau, ich fürchte Guckenwollen) ab zehn Minuten aufwärts. Und um acht hat, man ahnt es: keines meiner Kinder auch nur annähernd Jacke, Schal, Mütze, Schuhe an. Geschweige denn ich überhaupt den Schlafanzug aus.

Vermutlich bin ich deswegen die einzige Mutter, die in voller Montur (Jeans über Pyjamahose, Winterjacke mit Schal über vollgerotztem Schlabbershirt, auch bei 12°C bis oben geschlossen, ich weiß warum) ihre Kinder hastig in den Gruppen abgibt, während andere Eltern gemütlich im perfekt gebügelten Hemd/Blüschen – daß sie ihre Hausschuhe nicht dabei haben, ist wirklich alles – noch siebzehn Geschichten vorlesen. Ich bin auch die einzige, für die es am Eingang die Schuh-Überzieher gibt, wegen der Krabbelkinder. Weil ich meine Schuhe nicht ausziehen kann. Ich hab’ nämlich noch nicht mal geschafft, mir Socken anzuziehen. Und die Überzieher vergesse ich beim Rausgehen regelmässig. Jetzt sind die aber nicht aus Plastik zum Wegschmeissen, sondern natürlich liebevoll handgeklöppelt, sodass ich die immer gleich zuhause waschen muss. Und nach zwei Stunden wieder rausnehmen, aufhängen, abhängen, nachmittags nicht mitzunehmen vergessen. Man sieht: eigentlich kann ich gar nicht arbeiten zwischendurch (außer an den Tagen, an denen der Möhrchenprinz die Kinder bringt natürlich), versuche es aber dennoch täglich wieder. Ich hab’ nach dem Kindergarten-Abgeben nämlich gar nicht wirklich frei, nur kurz Zeit zum Frischmachen und Anziehen und dann arbeite ich, ohne daß sich etwa im Haushalt irgendwas veränderte (vom Konto will ich gar nicht reden, bin ich doch schon froh, daß überhaupt Krippen- und Kindergartenplatz nicht permanent Löcher reißen – und ich rede hier vom Familienkonto).

Nachmittags geht der Kinderkram dann ja wieder von vorne los, nur unter erschwerten Bedingungen, weil beobachtet von den anderen Eltern. Die fröhlich pfeifend ihre wohlgekämmte und von selbst in Ausgehmontur gezauberte Fußballmannschaft aus dem Kindergarten abholen und auf einem Bein fahrradfahrend (zugegeben, der vierachsige Chariot vereinfacht die Sache ein wenig) nacheinander in Ballettunterricht, Frühfranzösisch, Babyhockey und den Mittelhochdeutschkurs chauffieren. Während ich mich jeden Tag aufs Neue haareraufend frage: wie, zur Hölle, kriege ich die läppischen zwei Stunden bis zum Abendessen und zur Rückkehr des Möhrchenprinzen, mit den Kindern rum? Denn auch wenn die dreihundert Meter nach Hause schon in einer Viertelstunde geschafft sind – die drei Treppen nach oben dauern nochmal ebensolange – so droht doch das Paradoxon, daß jedes vorgelesene Bilderbuch auf dem Sofa dafür nur Sekundenbruchteile braucht. Gerade, daß es nach dem Buch nicht früher ist als vorher! Ist das Zeit oder Physik oder welche Wissenschaft hätte den Nobelpreis verdient für die brauchbare Erklärung und vor allem die brauchbare Lösung?

Und jetzt mach’ ich’s doch endlich kurz: früher war alles anders und das Gefühl von früher geht tatsächlich auch heute noch. Schalten Sie auch nächstes Mal wieder ein, wenn Sie stilhäschen jammern hören „Ich möcht’ nicht immer Mama sein, zefix!”. Alles was Sie brauchen: eine Oma und zwei E-Tickets. Der Ausbruch ist möglich!


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