Archiv vom 26.8.2013

Ohrwurmalarm! (Mit Erziehungseffekt, immerhin)

26.8.2013

Warum Kinder eigens für sie gepanschte Spezialmusik brauchen sollten, geht wohl keinem Erwachsenen ein, dem jemals Töne wichtig waren*.
Und warum müssen dann auch noch so viele der im Handel erhältlichen Kinderliederalben hirnlose Texte mit grausamem Hammondgeorgel kombinieren? Die Antwort hat bestimmt irgendwas mit Kommerz zu tun, ein leidiges Thema.
Aber daß Kinder, deren Argumentation in allen Lebensbereichen (Kaffee oder Kaba? Cola oder Wasser? Gin oder Tonic? Aufbleiben bis in die Puppen oder um acht ins Bett?) sich sonst auf „ich bin doch aber schon groß!” beschränkt, ausgerechnet bei diesem Thema auf die Kinderversion bestehen, kostet mich die meisten Nerven von allen. Ich habe es versucht und meiner Tochter richtige Musik vorgespielt, mitgeträllert, Autositztänze dazu erfunden – keine Chance. Mit viel gutem Zureden dürfen wir auf Autofahrten nach einer kompletten Kinder-CD (von bereits länger gebeutelten Verwandten geschenkt bekommen – ich frage mich noch immer, was wir denen getan haben) einmal kurz das Lied mit den Brüsten hören, dann ist aber wieder „Kinderlala!” dran. Mittlerweile bestellt auch Risiko bereits beim Hineinsetzen in den Kindersitz lautstark „Lala!”. Das sind die Momente, in denen ich tief einatme und „Kinder sind das größte Glück der Welt! Gefälligst!” mantratisiere, während ich schicksalsergeben die CD starte.
Normalerweise fahre ich dann so lange fort mit meinem Mantra, daß ich in guten Momenten von der Musik kaum mehr etwas mitbekomme. Just gestern jedoch horchte ich auf: hatte das musikalische Schreckgespenst der meisten denkenden Eltern, Rolf Zuckowski*, da nicht etwas von „Bierchen” im Text untergebracht? Ich spulte zurück. Tatsächlich! Da wird ein Kind zwar zwei höllische Strophen und zwei fürchterliche Refrains lang ermahnt, die Pfoten von Papas neuem Technikeinkauf zu lassen, kommt aber fantastischerweise in der dritten Strophe von selbst auf die Idee, dem erschöpften, weil installationserfolglosen, Vater ein Bierchen aus dem Keller zu holen. Hey, das ist doch mal wirklich ein Lied mit rechtschaffen sinnvollem Text! Ab jetzt läuft das in meinem Auto bei Kindertransporten auf Endlosschleife. Solange, bis die Kinder a) die angemessene Reaktion auf schlappe Eltern im Schlaf beherrschen und b) um ordentliche (=mir genehme) Musik betteln. Auf Knien. Trotz Kindersitz*.

*** Wenn ich ganz ehrlich bin, muss ich zugeben: meine erste selbstgekaufte Platte war zwar von Genesis, die erste in meinem Besitz jedoch eine andere. Fünf Jahre vor Invisible Touch und vor dem Wissen, daß man gar nicht erwachsen sein muß für Plattenkäufe, nämlich bekam ich zum sechsten Geburtstag eine LP von Rolf und seinen Freunden. Und jetzt bin ich noch ehrlicher: ich liebte sie. Unter Folter würde ich vermutlich sogar zugeben, „Mein Platz im Auto ist hinten” für ein großes Stück Musikgeschichte zu halten. Ohne zu lügen. Ganz ohne Folter gilt das sogar für die Rolf-Version von Banana Boat, unbedingte Hörempfehlung.
Jetzt hab’ ich aber ordentlich gebeichtet. Ist Musikgeschmack, altersgebunden, am Ende erblich? Dann habe ich panische Angst vor Raketes Pubertät. Obwohl der Teil meiner Plattensammlung (Das wüsste man jetzt gerne, was? Ein bißchen Scham und Stolz hab’ ich aber noch…) verscherbelt ist. Heute ist ja im Netz alles noch erhältlich…


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