Archiv vom 24.7.2013

Weit weg von Emanzipation: die Leute so.

24.7.2013

Schiller schrieb: „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben / wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.”
Ich weiß jetzt: „Es kann keine Gleichberechtigung geben / solange als „normal” nur das eig’ne Leben gilt.”

Die letzten beiden Wochenenden waren wir in Urlaub. Erst der Möhrchenprinz alleine und ich mit den Kindern und dann ich alleine und der Möhrchenprinz mit den Kindern. Naja, „Urlaub” war nur das zweite Wochenende, für mich jedenfalls.

Wirklich erschreckend fand ich an beiden Wochenenden manche Reaktionen auf unser Konzept des kinderfreien Wochenendes: daß der Papa nämlich mal ohne die Restfamilie wandern geht, hat niemanden verwundert. Daß ich allerdings alleine im ehemaligen Studienort aufschlage, wo ich doch zweifache Kleinkindmutter bin – das gab bisweilen große Augen. Und große Fragen:
Ob der Papa das denn alleine schaffe? – Hell, yeah. Besser als ich, fürchte ich, rein nerventechnisch schon. [Hier kommt ein Einschub: hart traf mich einst, als Rakete noch ein kleines Baby war, die Erkenntnis, daß Emanzipation eine beschissene Kehrseite hat. Damals litt ich sehr unter meiner eigenen Erwartung an mich selbst, noch etwas außer dem Kind zu „schaffen” – wenigstens ein bißchen Haushalt wäre mir ein Erfolgserlebnis gewesen! Eines Tages aber hatte ich es tatsächlich geschafft, durchzuwischen, aufzuräumen und noch einen Kuchen zu backen – obwohl da auch noch das Kind war. Ich platzte fast vor Stolz. Bis mir aufging: der Möhrchenprinz hätte all das auch hingekriegt. Nur ohne Stolz, weil er’s total normal gefunden hätte. Also in der Summe sogar besser (und sein Kuchen wäre auch noch leckerer geworden). Hallo, Wettkampf! Es hat also durchaus was für sich, auf irgendwas ein Fähigkeitsmonopol zu haben. Für den Haushalt hatte ich das nie. Seither gilt bei uns „Jeder darf alles machen. Und wenn er’s gern tut, möglichst immer.”]
Ob ich mir da keine Sorgen um die Kinder mache? – „Nö.” ist da offensichtlich die falsche Antwort. Noch größeres Erstaunen bis Entsetzen. Offensichtlich klingt ein weibliches „nö” nach Rabenmutter, während ein männliches wohl noch als respektvoll den mütterlichen Fähigkeiten gegenüber gedeutet würde. Als ob es nicht respektlos wäre, einem Mann den „richtigen” Umgang mit seinen eigenen(!) Kindern chromosomenbedingt abzusprechen! Wenn ich mir über etwas ernsthaft Sorgen mache, dann darüber, daß es aus meiner eigenen Erfahrung leider immernoch Kerle gibt, die sich nur ein paar Minuten am Feierabend für die Kinder interessieren. Und Frauen, die es als gottgegeben ansehen, daß Kinder Frauensache sind; die nehmen meinem Mann dann das Kind vom Arm und wollen es wickeln, „das musst du doch nicht machen, als Mann!” rufend. Und die sind alle in unserer Generation oder sogar jünger! Das schockt mich sehr.
Ob wenigstens Oma und Opa helfen? – Warum? Wobei? Hey, er muss keine Kuscheldecke häkeln! Er soll auf SEINE Kinder aufpassen. Zum Glück haben ihm seine Eltern das schon mit seinem Fahrrad beigebracht. Er passt gut auf alles mögliche auf. Die Eltern müssen da nicht für ihn ran, die haben ihr Soll erfüllt. Sie dürfen aber natürlich (vor allem beim nächsten Wochenende, das der Mann alleine wegfährt…).
Ob die drei mir nicht fehlen? – Hey, es sind zwei Tage. Zum Glück sind wir nicht zusammengewachsen! Wie ich es geniesse, daß kein „Mama!”-Ruf auf dieser Veranstaltung mir gelten kann! ICH muss jedenfalls heute nicht mehr ins Krankenhaus, weil mein Kind von einer Treppe fiel. Ich hol’ mir noch ein Bier. Gut, das muß ich alleine wohl selber tun. Damit kann ich leben. (Oh, und ja, das ist eigentlich ganz schön sexistisch, daß ich mir sonst das Bier gern bringen lasse. Oder auch kinderverachtend. Hier verweise ich aber auf den oben bereits angerissenen Gleichberechtigungsgrundsatz im Häschenhause. Solange es irgendwer lieber tut, darf der.)
Ob wir das wenigstens schon einmal – kürzer – vorher ausprobiert haben? – Äh, ja. Ungefähr jeden zweiten Tag. Und den dritten gleich hinterher. Denn, wahrlich, ich sage Euch: bei uns herrscht echt mal Gleichberechtigung – jedenfalls seit dem Abstillen. Alles, was Mama kann, kann Papa nämlich auch. Und andersherum. Und wenn nicht, kann es warten. Wickeln, anziehen, aufpassen, vorlesen, spielen, kinderwagenschieben, fahrradanschubsen, zum Spielplatz marschieren, basteln, malen, Essen machen, füttern, Po abwischen: können wir nämlich tatsächlich beide!
Und ganz ehrlich: alles andere fände ich befremdlich. Da bekomme ich nämlich die großen Augen, wenn mir dann doch irgendwann die Gegenfragen rausrutschen: Warum glaubst du eigentlich, daß es den Kindern bei der Mutter grundsätzlich besser geht als beim Vater? Vor allem jetzt, wo du mich kennst, die ihre Kinder „alleine” lässt, um zu feiern und mal über etwas anderes zu reden als Kinder… Soll ich Dir noch ein Bier mitbringen?


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