Archiv vom 27.3.2013

a day in the life a hard day’s night – aus dem Leben einer Mutter

27.3.2013

[Wann beginnt der Tag? Der Rakete Bilderbücher behaupten: mit Sonnenaufgang. Lüge. Der Mutter Tag beginnt bereits am Abend zuvor: früh im Bett > der Tag hat Chancen. Gesundheitlich angeschlagen / Alkoholgenuss / spät im Bett > ein Halbhoch den Automatismen.
Wissenschaftlich korrekt beginnen wir für diese Momentaufnahme mal um Mitternacht. Wenn es wirklich gut lief, hatte ich vielleicht schon zwei Stunden Schlaf (ja, 22:00 Uhr. Ich würde ja auch gerne länger die Zeit geniessen, in der beide Kinder schlafen, alleine: mit welcher Energie?).]

00:05 Uhr: Ich wache zum ersten Mal auf, vom Schnarchen des Möhrchenprinzen. Ich remple und motze ein wenig, jemand grunzt, dann ist Ruhe. Herrlich. Ich brauche schätzungsweise zwanzig Minuten, bis ich wieder eingeschlafen bin.

01:35 Uhr: Risiko weint, der Lautstärke nach schon länger. Ich stehe auf, gehe ins Kinderzimmer und stecke ihm den Schnuller wieder rein. Ruhe. Ich tappe zurück und liege noch ein halbes Stündchen wach.

02:33 Uhr: Risiko weint. Rüber, Schnuller, zurück. Sofortiger Tiefschlaf.

03:40 Uhr: Risiko weint. Ich remple den Mann an: „Dein Sohn.”, von der anderen Betthälfte kommt Grunzen. Risiko weint lauter. Ich raunze lauter. Der Mann grunzt lauter. „Verdammt noch mal, ich war schon zweimal!”, brülle ich und halte mir die Ohren zu. Ein paar Minuten, einige Tritte und etliche Dezibel später wankt der Mann hinüber, wankt zurück, Ruhe. Dann: Schnarchen. Ich liege wach.

04:05 Uhr: Risiko weint. Macht nix, kann ja eh nicht schlafen. Rüber, Schnuller, zurück. Risiko weint. Rüber, Schnuller, in der Küche Milch gemacht. Risiko weint lauter. Ich gebe ihm die Milch (obwohl er eigentlich schon längst nachts keine mehr braucht, aber mir ist nicht nach Diskussionen) und danke jenem höheren Wesen, das wir verehren für Raktes guten Schlaf. Ein zweites waches Kind würde eindeutig meine Fähigkeiten überschreiten. Risiko will die Milch nicht. Risiko will auch seinen Schnuller nicht. Ich rede ihm gut zu. Das will er auch nicht. Ich brauche einige Minuten, bis mir einfällt, daß die Milch zwei Grad zu kühl sein könnte, gehe in die Küche und mache sie wärmer. Risiko brüllt sich die Lungen frei. Gegenüber gehen die ersten Lichter an.

04:25 Uhr: Risiko inhaliert die Milch, als hätte er wochenlang nichts getrunken. Ich kauere am Boden neben seinem Bett, weil ich nicht möchte, daß eine evtl. vorzeitig losgelassene Flasche ihre Milch in die Matratze suppt. Ich warte, bis er endlich fertig ist. Da entdecke ich im Bettchen eine halbleere Flasche, die ihm wohl der Möhrchenprinz gegeben haben muß. (Am nächsten Tag erfahre ich: um 1 Uhr. Da muß ich dann wohl mal kurz geschlafen haben.) Ich unterdrücke den Instinkt, das Bett sofort abzuziehen, um den Matratzenschaden gering zu halten. Risiko ist fertig, grunzt, dreht sich herum, Tiefschlaf. Ich gehe ins Bett. Ruhe. Wachliegen.

05:00 Uhr: Ein Kratzen unterm Fußboden lässt mich aus dem Halbschlaf (ja, doch…) hochschrecken: die Maus ist wieder da. Das Geräusch ist nicht zu lokalisieren, aber ziemlich sicher unter dem Boden. Oder? Ich lausche. Denke über andere Wege nach, als sie der Kammerjäger bereits eingeschlagen hat. Will dem Vieh das Feld nicht überlassen. Denke an grausige Waffen und üble Gifte. Nehme mir vor, die Rakete nie mehr „Mäuschen” zu nennen.
Immer, wenn ich doch wegdämmere, beginnt das Geräusch wieder. Immerhin ist es offensichtlich nur eine. Ich wünsche mir, der Mann würde schnarchen, damit ich die Maus nicht mehr höre.

06:10 Uhr: Ich höre Risiko fröhlich brabeln und dann Rakete sagen: „Wir dürfen noch nicht aufstehen, Risiko, es ist noch Nacht, sagt meine Uhr.” Ich preise die Spielzeugindustrie und gelobe, nie mehr über den hohen Batterieverbrauch des bekloppten Nachtlichtes zu lästern (wozu braucht Mrs. Zehnstundenschlaf ein Nachtlicht!?). Ich würde gerne noch ein Stündchen schlafen, aber es geht nicht. Ich höre meinen Kindern zu und muß lächeln. Stimmt nicht, ich würde gerne lächeln. Mir fehlt die Kraft.

07:00 Uhr: Vermutlich bin ich vor fünf Minuten doch weggesackt. Jetzt poltert Rakete ins Zimmer, „Das Licht ist aus! Der Tag beginnt!” krakeelend (Danke, Spielzeugindustrie…). Ich schrecke schreiend aus dem allertiefsten Tiefschlaf hoch, das Herz klopft bis zum Hals. Offensichtlich auch der Rakete, die mit dieser Reaktion nicht gerechnet hat. Halb schreit sie panisch, halb heult sie hysterisch. Hinter ihr wankt gerade Risiko ins Bild, erschreckt sich fürchterlich, stolpert und schlägt mit der Stirn gegen den Türstock. Der Lärm wird infernalisch. Als mir meine Beine wieder gehorchen, sprinte ich zu meinen Kindern, um sie beide zu trösten. Mit nackten Beinen knie ich auf dem kalten Fußboden, während mir in jedes Ohr ein Kind schreit. Ich verfluche den Erfinder des Wortes Familienglück.

07:05 Uhr: Des Möhrchenprinzen Wecker klingelt. Er schlägt kurz um sich, dann die Augen auf und wünscht einen guten Morgen. Seine ehrliche, ausgeschlafene gute Laune ist meine erste Kriegserklärung an den kommenden Tag.

[Wird fortgesetzt, war ja nicht mal ein Dritteltag bis jetzt. Schalten Sie auch nächstes Mal wieder ein, wenn Sie die Mutter schimpfen hören: „Rakete, jetzt geh’ endlich Händewaschen!” – „Aber warum, ich habe mir doch heute gar nicht im Po gepult!?”]


%d Bloggern gefällt das: