Archiv vom 15.2.2013

Mensch, Mädchen / Junge, Junge

15.2.2013

Als wir uns für Kinder entschieden, war der Plan „erst ein Junge, dann ein Mädchen”. Der Grund für die Reihenfolge war ganz pragmatisch: dann wollen sie vielleicht auch in der Pubertät noch miteinander zu tun haben, immerhin hat der blöde Bruder nette Freunde und Schwesterchen lustige Freundinnen.
Ich wurde schwanger und der Arzt prophezeite anhand des Ultraschalles einen Jungen. Wir freuten uns, ich begann die Ausstattung zu besorgen: Kinderwagen, Klamotten, Zubehör. Jetzt erst realisierte ich: ja Scheiße, das ist ja fast alles schon gegendert! Die Industrie macht das schon geschickt: entweder rosa mit Rüschen oder dunkelblau mit Bagger drauf, schon ist die Zielgruppe halbiert und fürs nächste Kind muß mit 50/50-Chance alles neu sein. Nicht nur, daß mir beide Extreme einfach nicht gefallen; der Plan im Hintergrund stimmte ja auch für Neutralität.
Ich lief durch Geschäfte, stöberte im Internet, ging auf Basare. Gefühlte 90% der Sachen waren ziemlich eindeutig für Jungs oder Mädchen. Bei allem anderen schlug ich zu: Ringel-T-Shirts, Mützen, Jacken ohne Rosa, Jeans ohne Glitzerblümchen und Baumaschinen. Ein überschaubarer Haufen fürs erste Jahr. Der Kinderwagen wurde grün.

Tja, der Bauch wurde dann doch ein Mädchen. Ab dem Moment, in dem wir das wussten, bekamen wir von lieben Freunden kistenweise Klamotten geschenkt. Sie ahnen es: zumeist rosa und mit Rüschen. Jetzt hatten wir wirklich alles und mittlerweile war mir klar, daß Äußerlichkeiten eben Äußerlichkeiten sind. Meine Güte, dann hat sie halt mal Rosa an. Solange wir sie nicht dreimal am Tag umziehen und auch sonst wie ein Püppchen behandeln – egal.
Rakete kam, schrie und wurde gewickelt. Sie trug mal einen grünen Strampler, mal einen gelben und mal einen pinken mit „Hello Kitty” vornedrauf. Nicht nur dem Möhrchenprinz, auch mir war es komplett egal. Wir waren froh, wenn genug Essen im Haus war und das Telefon stillstand.

Rakete war gerade zwei geworden, als klar war, daß Risiko ein Junge werden würde. Ich saß wieder hormongesteuert zwischen Klamottenkisten und war schockiert, wieviel ich aussortieren musste. „Musste” weil nicht nur die Gesellschaft irritiert reagiert auf Jungs, die Rosa tragen – sondern weil die Gesellschaft anfängt bei Oma, Opa, Tante, Onkel – und erschreckenderweise auch mir. „Erschreckend”, weil ich mich für emanziert halte. Aber wenn das schon bei Kinderklamotten aufhört?!

Risiko trägt die rosa Strumpfhosen seiner Schwester auf, dabei finde ich nichts (hey, er ist gerade mal ein Jahr alt, im Kindergarten reden wir dann nochmal drüber), auch pinke Ringel in Hose und T-Shirt sind für mich kein Grund zum Aussortieren. Dafür trägt er (jedenfalls solange er seinen eigenen Willen noch nicht artikulieren kann) keine Rüschen, keine Blümchen und kein Glitzer.
Trotzdem muß ich mich schon dafür hin und wieder rechtfertigen („aber das ist doch ein Junge!”)!
Rakete ist jetzt dreieinhalb und Klamotten sind ihr, im Gegensatz zu mancher Kindergartenfreundin (noch?) reichlich egal. Mich freut’s, sie mag die Sachen, die sie hat: wenige Kleidchen, viele „neutrale” Jeans und Shirts/Pullis, von denen ich Risiko nach meinen heutigen Standards auch noch gut die Hälfte anziehen würde (der Rest, leider: verirrte Rüschchen oder Überdosis Rosa). Was er davon dann mag („Hello Kitty”? darf er, mit Handkuß, tausendmal lieber als „Cars”!), werden wir sehen.
Trotzdem (ahnen Sie es?) muß ich mich hin und wieder rechtfertigen für Raketes Bärenmütze, die dunkelblaue Matschhose, den Weltall-Pulli („aber es gibt doch so schöne Sachen für Mädchen!”).

Ich fürchte, das wird alles mit den Jahren nicht einfacher. Auch wenn sich im Vergleich zu vor fünfzig Jahren natürlich schon eine Menge getan hat (demnächst mal: Zitate aus unserem Babybuch von 1966; die Haare werden Ihnen zu Berge stehen!) – die Fronten sind verhärtet. Ich bin froh um Kampagnen wie die von pinkstinks und ich freue mich über jeden kleinen Jungen, der mit lackierten Nägeln in den Kindergarten geht.

„Burschikose” Mädchen sind gesellschaftlich meist noch eher anerkannt als „metrosexuelle” Jungs. Vielleicht ist es schon deshalb ganz gut, daß unser Plan nicht aufging: im besten Falle macht bei uns Rakete im Raketensweater den Weg frei für Risiko in Rosa. Ich gelobe hiermit schonmal hoch und heilig: wenn er will, darf er. Nicht nur die Strumpfhose unter der Jeans.


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