Archiv vom 8.2.2013

Selfmade-Mamas (mal wieder eine Tirade)

8.2.2013

Das Internet ist voll von Muttiblogs und ganz, ganz viele davon finde ich ganz, ganz schrecklich. Weil alles rosa ist oder alles hellblau, auf jeden Fall mit Rüschchen und Bärchen und Tierchen und Schneckchen. Weil alles dutzidutzi ist und es immerimmer nur um die Kinder geht. Weil entweder alles immer Sonnenschein ist oder immer überall Wehwehchen und Luxusproblemchen galore. (Das mag der Grund sein, warum ich kaum mehr selbst blogge: erstens rege ich mich so auf über den Rest des Internets und zweitens will ich das nicht genauso machen…)
Und dann gibt es da noch die Blogs der DIY-Mütter, die bei mir immer so supermamimäßig aus dem Monitor springen: Schau, ich kann Cupcakes! Guck, ich kann nähen! Tadaaa, meine Kinder kriegen Brote in Autoform und Lunchboxen zum Niederknien! Vor allem wenn sonst kaum etwas gepostet wird, finde ich diese Blogs ganz besonders schlimm, denn dieses Kreativblankziehen kommt oft genug einfach wie Selbstbeweihräucherung rüber. Einerseits verständlich, wer immer „nur” Kinder betreut, dem fehlt oft genug Bestätigung… andererseits aber fürchte ich, daß die meisten Mamis, die da zwischen Zeilen gegen die Kolleginnen mit weniger Zeit oder zwei linken Händen hetzen (ich lese da oft ein „selbstgemacht ist besser als gekauft, weil: Lieeeebö” raus), gar nicht raffen, daß sie gar nicht für die Gören basteln, sondern fürs eigene Selbstbewusstsein. Ob die Kinder vieler Hobbynäherinnen wirklich so ganz anders rumlaufen wollen als ihre Freunde? (Auch schlimm finde ich diese Blogs, weil die Ideen leider oft wirklich super sind und ich mir eigentlich nicht mehr soviel vornehmen wollte…)

Das Internet muß man nicht lesen, man kann es sogar ausmachen. Ein Segen! Leider gibt es diese Mütter auch in der Wirklichkeit. Da fehlt mir oft die Möglichkeit, einfach das Fenster zu schließen.

[Achtung, wenn Sie auch bei Kreativmuttis Ausschlag bekommen: hören Sie hier auf.]

Heute jedoch haben mir zwei solche Supermuttis sehr große Freude gemacht:

Seit Wochen sprach die Rakete von der Kindergarten-Faschings-Party, wer als was geht und was sie sein will. Das änderte sich jeden Tag: Frosch, Wasserfall, Pipi Langstrumpf? Die Prinzessinnen-Fraktion bearbeitete sie täglich, ich merkte das abends. Es fiel mir schwer, mich nicht einzumischen (Am Ende wohl noch rosa? Mit Rüschen? Mich schüttelt’s!), aber als es zwei Abende nacheinander doch „Hexe” war, da ging ich los, kaufte einen Hexenhut und ein bißchen Tüll (muß ja sein…) und nähte aus Resten das Kleid dazu. Ich verbrachte Stunden vor der Nähmaschine, nähte, trennte wieder auf, machte enger und weiter (Schnittmuster? Wozu? Man ist doch kreativ!), schnibbelte Fransen und ja, ein bißchen Enttäuschung war dabei, wenn die Rakete beim Anprobieren nicht vor Freude ganz in die Luft ging. Das machte mir aber nur klarer: ich mach’ das hier nicht für die Kleine. Ich mach das auch nicht aus Sparsamkeit (ein fertiges Kostüm vom Discounter kostet eher weniger als das Material). Ich mach das für mich. Weil ich mal wieder was „schaffen” will. Wer täglich kaum mehr tut als Windel um Windel wechseln und Aufräumen und Staubsaugen und Aufräumen und Wäschemachen und Aufräumen (…), für den kann Einmal-etwas-Fertig-Haben einen Orgasmus toppen.
Zum Glück wollte die Rakete doch auch heute noch, zur Feier, Hexe sein (ich gebe zu: Steine vom Herzen und so…) Ich brachte sie zum Kindergarten. Da strömten kleine Polizisten herein, jede Menge Prinzessinnen („Ich bin eine Kronen-Hexe!” rief die rosa Raketenfreundin zur Begrüssung), weitere Hexen, Marienkäfer, Teddybären und eine kleine Brigade Feuerwehrmännchen. Alle mit riesigen Augen und vor Aufregung ganz aus dem Häuschen. Ich hatte mal wieder Tränen in den Augen, so rührte mich die Freude der Kleinen. Ich Mutti!
Als ich ging, unterhielten sich vor der Türe noch die gleichen Mütter, die bereits bei unserem Eintreffen jedes Kind bewundert hatten. Ich schnappte ein paar Wortfetzen auf: „Schon schön. Aber ein bißchen schade finde ich schon, daß alle in gekauften Kostümen kommen. Wo bleibt denn da die Phantasie? Muss immer alles so kommerziell sein? Also ich habe außer eurem und Klaas-Konrads noch kein einziges Selbstgemachtes gesehen.”

Ganz meine Meinung eigentlich. Trotzdem: über beide Backen grinse ich nicht deswegen. Sondern weil sie auch die Rakete begrüsst hatten. Ich gehe heute als Rumpelstilzchen: ach wie gut, daß niemand weiß, daß auch ich so eine Kreativmutti bin!
Ganz ehrlich: das macht mich glücklicher als ein „Toll gemacht!”. Weswegen es auch kein Foto gibt. Am Ende heißt es noch, ich würde das nur für Fremdbestätigung machen…
Hoppla, mal wieder Zeit fürs Windelwechseln. Hallo Alltag. (tänzelt ab, singend: „Ach wie gut, daß niemand weiß…”)


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