2 | 2013

Erziehung ist wie Heimwerken, nur ohne Werkzeug

19.2.2013

Handwerker wissen: nach fest kommt ab*.
Eltern wissen: nach müd kommt blöd.

[* Erklärung für Gehirnarbeiter: einer Schraube, an der man weiterdreht, obwohl sie schon festsitzt, reißt der Kopf ab; die kriegt man dann eher nicht mehr heraus, man wäre also mit dem kleineren Übel des Nicht-ganz-Festsitzens besser gefahren. Hier sieht man: die beiden Weisheiten sind eigentlich die gleiche.]


Mensch, Mädchen / Junge, Junge

15.2.2013

Als wir uns für Kinder entschieden, war der Plan „erst ein Junge, dann ein Mädchen”. Der Grund für die Reihenfolge war ganz pragmatisch: dann wollen sie vielleicht auch in der Pubertät noch miteinander zu tun haben, immerhin hat der blöde Bruder nette Freunde und Schwesterchen lustige Freundinnen.
Ich wurde schwanger und der Arzt prophezeite anhand des Ultraschalles einen Jungen. Wir freuten uns, ich begann die Ausstattung zu besorgen: Kinderwagen, Klamotten, Zubehör. Jetzt erst realisierte ich: ja Scheiße, das ist ja fast alles schon gegendert! Die Industrie macht das schon geschickt: entweder rosa mit Rüschen oder dunkelblau mit Bagger drauf, schon ist die Zielgruppe halbiert und fürs nächste Kind muß mit 50/50-Chance alles neu sein. Nicht nur, daß mir beide Extreme einfach nicht gefallen; der Plan im Hintergrund stimmte ja auch für Neutralität.
Ich lief durch Geschäfte, stöberte im Internet, ging auf Basare. Gefühlte 90% der Sachen waren ziemlich eindeutig für Jungs oder Mädchen. Bei allem anderen schlug ich zu: Ringel-T-Shirts, Mützen, Jacken ohne Rosa, Jeans ohne Glitzerblümchen und Baumaschinen. Ein überschaubarer Haufen fürs erste Jahr. Der Kinderwagen wurde grün.

Tja, der Bauch wurde dann doch ein Mädchen. Ab dem Moment, in dem wir das wussten, bekamen wir von lieben Freunden kistenweise Klamotten geschenkt. Sie ahnen es: zumeist rosa und mit Rüschen. Jetzt hatten wir wirklich alles und mittlerweile war mir klar, daß Äußerlichkeiten eben Äußerlichkeiten sind. Meine Güte, dann hat sie halt mal Rosa an. Solange wir sie nicht dreimal am Tag umziehen und auch sonst wie ein Püppchen behandeln – egal.
Rakete kam, schrie und wurde gewickelt. Sie trug mal einen grünen Strampler, mal einen gelben und mal einen pinken mit „Hello Kitty” vornedrauf. Nicht nur dem Möhrchenprinz, auch mir war es komplett egal. Wir waren froh, wenn genug Essen im Haus war und das Telefon stillstand.

Rakete war gerade zwei geworden, als klar war, daß Risiko ein Junge werden würde. Ich saß wieder hormongesteuert zwischen Klamottenkisten und war schockiert, wieviel ich aussortieren musste. „Musste” weil nicht nur die Gesellschaft irritiert reagiert auf Jungs, die Rosa tragen – sondern weil die Gesellschaft anfängt bei Oma, Opa, Tante, Onkel – und erschreckenderweise auch mir. „Erschreckend”, weil ich mich für emanziert halte. Aber wenn das schon bei Kinderklamotten aufhört?!

Risiko trägt die rosa Strumpfhosen seiner Schwester auf, dabei finde ich nichts (hey, er ist gerade mal ein Jahr alt, im Kindergarten reden wir dann nochmal drüber), auch pinke Ringel in Hose und T-Shirt sind für mich kein Grund zum Aussortieren. Dafür trägt er (jedenfalls solange er seinen eigenen Willen noch nicht artikulieren kann) keine Rüschen, keine Blümchen und kein Glitzer.
Trotzdem muß ich mich schon dafür hin und wieder rechtfertigen („aber das ist doch ein Junge!”)!
Rakete ist jetzt dreieinhalb und Klamotten sind ihr, im Gegensatz zu mancher Kindergartenfreundin (noch?) reichlich egal. Mich freut’s, sie mag die Sachen, die sie hat: wenige Kleidchen, viele „neutrale” Jeans und Shirts/Pullis, von denen ich Risiko nach meinen heutigen Standards auch noch gut die Hälfte anziehen würde (der Rest, leider: verirrte Rüschchen oder Überdosis Rosa). Was er davon dann mag („Hello Kitty”? darf er, mit Handkuß, tausendmal lieber als „Cars”!), werden wir sehen.
Trotzdem (ahnen Sie es?) muß ich mich hin und wieder rechtfertigen für Raketes Bärenmütze, die dunkelblaue Matschhose, den Weltall-Pulli („aber es gibt doch so schöne Sachen für Mädchen!”).

Ich fürchte, das wird alles mit den Jahren nicht einfacher. Auch wenn sich im Vergleich zu vor fünfzig Jahren natürlich schon eine Menge getan hat (demnächst mal: Zitate aus unserem Babybuch von 1966; die Haare werden Ihnen zu Berge stehen!) – die Fronten sind verhärtet. Ich bin froh um Kampagnen wie die von pinkstinks und ich freue mich über jeden kleinen Jungen, der mit lackierten Nägeln in den Kindergarten geht.

„Burschikose” Mädchen sind gesellschaftlich meist noch eher anerkannt als „metrosexuelle” Jungs. Vielleicht ist es schon deshalb ganz gut, daß unser Plan nicht aufging: im besten Falle macht bei uns Rakete im Raketensweater den Weg frei für Risiko in Rosa. Ich gelobe hiermit schonmal hoch und heilig: wenn er will, darf er. Nicht nur die Strumpfhose unter der Jeans.


Last Minute Fasching, mal wieder

10.2.2013

Bei uns in Mittelfranken ist ja Fasching nicht wirklich groß und lustig schon gar nicht. Beim sonntäglichen Umzug hängen die Fressen üblicherweise immernoch bis zu den Zehen. Heuer wollen wir der Rakete zuliebe aber mal hingehen und weil ich es doof finde, komplett neutral neben meiner kleinen Hexe zu stehen, habe ich eben (inspiriert von diesem großartigen Link, danke glücklich scheitern!) ein bißchen mit Kinderstrumpfhosen herumexperimentiert.

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[Babystrumpfhose Größe 68, zwei längliche Luftballons, Faschingsschminkstifte]

Unser Material reicht auch noch für Möhrchenprinz und Risiko. Die ganze Familie versorgt (und die eigenen Ohren warm!) in weniger als 15 Minuten! Ahaaaa!


Selfmade-Mamas (mal wieder eine Tirade)

8.2.2013

Das Internet ist voll von Muttiblogs und ganz, ganz viele davon finde ich ganz, ganz schrecklich. Weil alles rosa ist oder alles hellblau, auf jeden Fall mit Rüschchen und Bärchen und Tierchen und Schneckchen. Weil alles dutzidutzi ist und es immerimmer nur um die Kinder geht. Weil entweder alles immer Sonnenschein ist oder immer überall Wehwehchen und Luxusproblemchen galore. (Das mag der Grund sein, warum ich kaum mehr selbst blogge: erstens rege ich mich so auf über den Rest des Internets und zweitens will ich das nicht genauso machen…)
Und dann gibt es da noch die Blogs der DIY-Mütter, die bei mir immer so supermamimäßig aus dem Monitor springen: Schau, ich kann Cupcakes! Guck, ich kann nähen! Tadaaa, meine Kinder kriegen Brote in Autoform und Lunchboxen zum Niederknien! Vor allem wenn sonst kaum etwas gepostet wird, finde ich diese Blogs ganz besonders schlimm, denn dieses Kreativblankziehen kommt oft genug einfach wie Selbstbeweihräucherung rüber. Einerseits verständlich, wer immer „nur” Kinder betreut, dem fehlt oft genug Bestätigung… andererseits aber fürchte ich, daß die meisten Mamis, die da zwischen Zeilen gegen die Kolleginnen mit weniger Zeit oder zwei linken Händen hetzen (ich lese da oft ein „selbstgemacht ist besser als gekauft, weil: Lieeeebö” raus), gar nicht raffen, daß sie gar nicht für die Gören basteln, sondern fürs eigene Selbstbewusstsein. Ob die Kinder vieler Hobbynäherinnen wirklich so ganz anders rumlaufen wollen als ihre Freunde? (Auch schlimm finde ich diese Blogs, weil die Ideen leider oft wirklich super sind und ich mir eigentlich nicht mehr soviel vornehmen wollte…)

Das Internet muß man nicht lesen, man kann es sogar ausmachen. Ein Segen! Leider gibt es diese Mütter auch in der Wirklichkeit. Da fehlt mir oft die Möglichkeit, einfach das Fenster zu schließen.

[Achtung, wenn Sie auch bei Kreativmuttis Ausschlag bekommen: hören Sie hier auf.]

Heute jedoch haben mir zwei solche Supermuttis sehr große Freude gemacht:

Seit Wochen sprach die Rakete von der Kindergarten-Faschings-Party, wer als was geht und was sie sein will. Das änderte sich jeden Tag: Frosch, Wasserfall, Pipi Langstrumpf? Die Prinzessinnen-Fraktion bearbeitete sie täglich, ich merkte das abends. Es fiel mir schwer, mich nicht einzumischen (Am Ende wohl noch rosa? Mit Rüschen? Mich schüttelt’s!), aber als es zwei Abende nacheinander doch „Hexe” war, da ging ich los, kaufte einen Hexenhut und ein bißchen Tüll (muß ja sein…) und nähte aus Resten das Kleid dazu. Ich verbrachte Stunden vor der Nähmaschine, nähte, trennte wieder auf, machte enger und weiter (Schnittmuster? Wozu? Man ist doch kreativ!), schnibbelte Fransen und ja, ein bißchen Enttäuschung war dabei, wenn die Rakete beim Anprobieren nicht vor Freude ganz in die Luft ging. Das machte mir aber nur klarer: ich mach’ das hier nicht für die Kleine. Ich mach das auch nicht aus Sparsamkeit (ein fertiges Kostüm vom Discounter kostet eher weniger als das Material). Ich mach das für mich. Weil ich mal wieder was „schaffen” will. Wer täglich kaum mehr tut als Windel um Windel wechseln und Aufräumen und Staubsaugen und Aufräumen und Wäschemachen und Aufräumen (…), für den kann Einmal-etwas-Fertig-Haben einen Orgasmus toppen.
Zum Glück wollte die Rakete doch auch heute noch, zur Feier, Hexe sein (ich gebe zu: Steine vom Herzen und so…) Ich brachte sie zum Kindergarten. Da strömten kleine Polizisten herein, jede Menge Prinzessinnen („Ich bin eine Kronen-Hexe!” rief die rosa Raketenfreundin zur Begrüssung), weitere Hexen, Marienkäfer, Teddybären und eine kleine Brigade Feuerwehrmännchen. Alle mit riesigen Augen und vor Aufregung ganz aus dem Häuschen. Ich hatte mal wieder Tränen in den Augen, so rührte mich die Freude der Kleinen. Ich Mutti!
Als ich ging, unterhielten sich vor der Türe noch die gleichen Mütter, die bereits bei unserem Eintreffen jedes Kind bewundert hatten. Ich schnappte ein paar Wortfetzen auf: „Schon schön. Aber ein bißchen schade finde ich schon, daß alle in gekauften Kostümen kommen. Wo bleibt denn da die Phantasie? Muss immer alles so kommerziell sein? Also ich habe außer eurem und Klaas-Konrads noch kein einziges Selbstgemachtes gesehen.”

Ganz meine Meinung eigentlich. Trotzdem: über beide Backen grinse ich nicht deswegen. Sondern weil sie auch die Rakete begrüsst hatten. Ich gehe heute als Rumpelstilzchen: ach wie gut, daß niemand weiß, daß auch ich so eine Kreativmutti bin!
Ganz ehrlich: das macht mich glücklicher als ein „Toll gemacht!”. Weswegen es auch kein Foto gibt. Am Ende heißt es noch, ich würde das nur für Fremdbestätigung machen…
Hoppla, mal wieder Zeit fürs Windelwechseln. Hallo Alltag. (tänzelt ab, singend: „Ach wie gut, daß niemand weiß…”)


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