Archiv vom 24.11.2012

Schlüsselerlebnis

24.11.2012

Ich hole die Rakete vom Kindergarten ab, wo das dritte Drama des Tages beginnt (nach Wecken/Anziehen und Mehr-Anziehen/Rausgehen): sie „will nicht heim! Will hierbleiben!”
Sie ist drei und sie hat einen starken Willen. Ich bin zwölfmal so alt und zwölfmal so dickköpfig und aus reinem Trotz will ich sie nicht alleine über Nacht im Kindergarten lassen. „Aber Rakete, wir müssen wirklich gehen. Wir müssen heute noch in der Fachmarie etwas abholen!”, locke ich und die Nummer zieht. Dieser Laden ist toll und bunt und voller Kram. Nach einem kurzen Nervenzusammenbruch (Jacke, Mütze, Stiefel anziehen…) trotten wir los, die Rakete, ich und Risiko im Wagen.
Ein paar lautstarke Diskussionen später (aus Versehen habe ich den Ampelknopf gedrückt; wir gehen angeblich einen Umweg; da drüben ist auch ein Kind ohne Mütze; da gibt es Brezen und sie hat sooooo Hunger…) sind wir da, holen einen dort hinterlegten Schlüssel ab und schaffen es sogar, ohne irgendeinen Schnickschnack zu kaufen wieder zu gehen. Vor der Türe dann geht der Alarm los: „Ich will auch einen Schlüssel! Einen Kinderschlüssel!” Wozu sie den brauche? „Zum Aufsperren! Und Absperren! Damit der Risiko nicht in mein Haus kommt! Das ist wichtig! Ich brauche einen Schlüssel!”

Gerade letzte Woche hatte der Möhrchenprinz erst einen Haufen Schlüssel entsorgt, für die wir seit Jahren keine Verwendung mehr hatten. Alle anderen Schlüssel waren für irgendwas gut und damit nicht als Kinderspielzeug (= in dringenden Fällen nie auffindbar) geeignet. Mist. Zuhause also hatte ich nichts, diesen dringenden Bedarf meiner dreijährigen Tochter zu stillen. Ihr Quengeln wurde lauter. Meine Nerven immer dünner. Dann fasste ich einen Plan: ich wollte ihr zeigen, daß man erstens nicht immer bekommt, was man sich wünscht und daß es zweitens vielleicht gar nicht alles gibt, was man sich so denkt.
Also blieben wir vor einem hippen Laden stehen, der Möbel/Leuchten/Klamotten aus den Siebzigern verkauft. „Dann kaufen wir eben einen. Aber du mußt selber sagen, was du willst”, bestimmte ich, sie nickte eifrig und wir betraten den Laden. Schüchtern stand sie dort, ich stupste sie, sie flüsterte „ich will einen Kinderschlüssel” und der Ladeninhaber schaute mich fragend an. „Sie will einen Kinderschlüssel. Für ihr Haus.”, sein Blick blieb verständnislos, „Irgendein alter, echter Schlüssel täte es auch zur Not.” Er schüttelte den Kopf und ich konnte meiner Tochter erklären: „Siehste, es gibt gar keine Kinderschlüssel.”
Enttäuscht stapfte sie aus dem Laden. Draußen fand sie ihren Mut wieder: „Dann gehen wir in den Laden da drüben.” Im Schreibwarenladen dasselbe Spiel: eine ratlose Verkäuferin, ein Kopfschütteln, ein „Siehste!” von der doofen Mama. Daß der Metzger keine Schlüssel hat, glaubte sie zum Glück so und über ihrem dringenden Schlüsselwunsch vergaß sie sogar, daß der aber Gelbwurst hat. Wir mussten nicht hinein und spätestens jetzt war mir klar: kein Schlüssel – das würde noch richtig Ärger geben. Den ganzen Abend lang. Inklusive Noch-im-Bett-Jammern.

Und so stapften wir – sehr langsam – nachhause, ein Kinderwagen mit quengeligem Inhalt, eine genervte Mutter und ein zorniger Zwerg, der hinterhergezogen werden musste und immer wieder „Ich! Will! Aber! Einen! Kin-der-schlü-hü-hü-hüssel!” in den Abendhimmel brüllte.
Drei Läden lagen noch auf unserem Weg: ein Laden für Musikinstrumente (zum Glück schon dunkel), ein Bioladen (immer bumsvoll) und ein Trödler, spezialisiert auf Schallplatten und Nippes von 1920-1970. Eigentlich hatte ich schon längst keine Lust mehr auf das Spielchen mit dem kopfschüttelnden Verkäufer, aber einmal wollte ich der Kleinen noch die Chance geben, ihre Lektion zu lernen. Und der Trödler ist wirklich nett.
„Komm, da probieren wir es noch ein letztes Mal!”, brüllte ich gegen die Rakete an und schlagartig wurde sie ruhig. Wir stapften hinein, die Rakete äußerte ihren Wunsch (auf einmal wieder ganz schüchtern…), ich erklärte noch einmal kurz, da hatte der Mann schon zwei riesige Schlüsselbünde hinterm Tresen hervorgezogen und hielt sie der Kleinen vor die glänzenden Augen. An den Ringen baumelten Schlüssel von Schränken, Vorhängeschlössern, Briefkästen, Zimmer-, Wohnungs- und Haustüren, Schatullen, Schmuckkästchen… manche waren schon rostig, andere wunderschön verschnörkelt. Da hingen insgesamt ein paar Jahrhunderte Geheimnisse. Rakete durfte sich einen aussuchen und ich wurde angewiesen, gefälligst meinen Geldbeutel stecken zu lassen. Sie bekam sogar noch die Erlaubnis, den Schlüssel jederzeit gegen einen anderen einzutauschen. Ich brauche es eigentlich nicht zu erwähnen: sie war selig.

Und auf dem letzten Stück Nachhauseweg (und eigentlich bis zum Schlafengehen) durfte ich mir in Endlosschleife anhören: „Mama, es stimmt gar nicht, daß es keine Kinderschlüssel gibt! Siehste!” Auch wenn das noch besser war als Geheule: Scheißgefühl, wenn man nicht unfehlbar ist Erziehungsversuche nach hinten losgehen.

PS: „Mama, der Schlüssel passt gar nicht! Aber macht nix, Rakete darf ruhig mit ins Haus.” Hach! (Trotzdem bleibt die Frage: warum dann das ganze Theater?!)


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